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15.07.1994

Bangemann-Initiative laesst Europas IT-Industrie hoffen

Zu einer neuen industriellen Revolution rief EU-Kommissar Martin Bangemann auf der Gipfelkonferenz in Korfu auf. Sein Bericht, der unter Mitwirkung von fuehrenden DV-Anbietern wie Siemens, IBM, Olivetti und ICL entstanden war, gilt als Pendant zu den Bemuehungen in den USA und Japan, einen Information-Highway zu schaffen. Bangemann beschwoert darin die Information-Society. Schoene europaeische Plaene hat es schon viele gegeben. Die meisten kamen aber ueber das Dasein als Blaupause nicht hinaus. Es fehlte an Geld, ausserdem zog die Industrie nicht mit. Jetzt ergibt sich eine voellig andere Situation, denn die Bangemann-Gruppe kalkuliert bei der Finanzierung der Plaene mit dem Engagement der Unternehmen und nicht mit zu erwartenden Foerdergeldern. Dies stoesst bei der Industrie voll und ganz auf Zustimmung. Denn sie will investieren - und das am liebsten sofort. Die Politiker muessten nur die Voraussetzungen dafuer schaffen.

Bangemann will mit seiner Studie die europaeischen Politiker ermuntern, endlich konkrete Massnahmen fuer die Information-Society zu ergreifen. Unterstuetzt wird er von der gesamten Prominenz. So bewertet IBM-Europachef Hans-Olaf Henkel, einer der Unterzeichner des Berichts, den Report als wichtigen Schritt Europas im weltweiten Telekommunikations-Wettbewerb. Die Regierungen sollten ein klares politisches Signal geben, dass Europa im Informationszeitalter in der vordersten Reihe stehen wolle.

Noch deutlichere Worte findet ein weiteres Mitglied der Bangemann- Gruppe, Carlo De Benedetti, in seiner Rolle als Chairman des European Round Table: "Europa ist ein Flickwerk von nicht kompatiblen Netzen, die gepraegt sind von hohen Preisen und schlechtem Service. Wir rufen die Regierungen auf, diese Hindernisse zu beseitigen."

Auf drastische Weise unterstreicht Werner Knetsch, Managing Director bei Arthur D. Little International, die Dringlichkeit zu handeln. Er vergleicht die Situation mit den Anfaengen der PC-Zeit, als Europa die Chance vertan habe, eine fuehrende Rolle zu spielen. Dies koenne man sich kein zweites Mal leisten. Knetsch rechnet vor, dass eine gut funktionierende Multimedia-Industrie in Europa bis zum Jahr 2000 rund drei bis vier Millionen neue Arbeitsplaetze schaffen werde. Andere Schaetzungen gehen davon aus, dass in der Europaeischen Union die Zahl der Arbeitsplaetze in der Kommunikationsbranche von 18 Millionen im Jahr 1990 auf 60 Millionen im Jahr 2000 steigen wird.

Im Multimedia-Markt tritt Europa gegen harte Konkurrenz an. Nicht nur, dass sich in den USA bereits die entsprechende Industrie einen Namen gemacht hat, durch die National Information Infrastructure (NII) steht auch eine Milliarde Dollar zur Anschubfinanzierung bereit.

Der European Round Table, an dem bedeutende Industrievertreter mitwirken, erteilt der Alten Welt schlechte Noten. So dominiere hier immer noch nationales statt europaeisches Denken, und es gebe im Gegensatz zu den USA zu wenig Unternehmenskooperationen. Dort wimmelt es nur so von Kooperationen oder milliardenschweren Uebernahmen zwischen Verlagen, DV-Anbietern, Telefonunternehmen und Firmen aus der Filmbranche und aus der Unterhaltungselektronik. Aktiv wurden etwa AT&T, die amerikanische Telefongesellschaft US- West bei Time Warner oder Silicon Graphics und Nintendo.

Die Europaeische Union hat es bisher versaeumt, Projekte zu initiieren, um die TK-Aktivitaeten der Industrie zu forcieren, kritisiert der European Round Table. Noch haerter formuliert Hermann Neus, Unternehmensbeauftragter Telekommunikation bei IBM in Bonn: "Europa hat die Technik, aber sie kommt nicht zum Einsatz, weil hier ein Fleckerlteppich der Ordnungspolitik ausliegt."

Was muss passieren, damit die Alte Welt den Anschluss nicht ganz verliert? Die Antwort des Bangemann-Reports: Hoechste Praeferenz hat die Liberalisierung des TK-Markts und damit die Aufloesung der Monopole. Gibt es erst einmal Wettbewerb bei den Carriern und Diensteanbietern, werden die im internationalen Vergleich sehr hohen europaeischen TK-Tarife fallen, eines der Haupthindernisse des europaeischen Netzmarkts.

IBMs TK-Experte Neus veranschaulicht das Problem der Uebertragungskosten: "Beim Kauf eines Grossrechners, der fuenf bis zehn Millionen Mark teuer war, haben die Anwender die hohen Mietleitungspreise hingenommen. Wenn aber ein Server heute 50 000 oder 100 000 Mark kostet, dann ueberlegt man sich, ob man monatlich 17 000 Mark je 100 Kilometer fuer eine 2-MBit/s-Strekke in Deutschland zahlt." Neus erwartet, dass eine Marktliberalisierung die Preise auf amerikanisches Niveau sinken laesst, wo die vergleichbare Mietleitung rund 3000 Mark kostet. Dies, so der IBMer, wuerde einen richtigen TK-Boom in Europa ausloesen. Als Beispiel nennt er die enorm schnelle Ausbreitung von Internet. "Internet ist vielleicht nicht die technisch perfekte Loesung. Aber dieses Phaenomen dient als Beweis dafuer, dass sich Millionen fuer billige Telekommunikation interessieren."

Die europaeischen PTTs, so die Planung, sollen ihre Monopolstellung bis 1998 verlieren. Die Bangemann-Gruppe fordert in ihrem Papier eine Festlegung von genauen Zeitplaenen, um die geforderten Ziele zu erreichen, legt aber keine konkreten Vorschlaege vor, ein Vorgehen, das die europaeische Industrie scharf kritisiert. So fordert De Benedetti, dass die Abschaffung der TK-Monopole moeglichst schnell vorangetrieben werden muesse. Die Liberalisierung habe bis spaetestens Ende 1995 zu erfolgen.

Dagegen findet die von der Bangemann-Gruppe vorgeschlagene private Finanzierung bei der Industrie breite Zustimmung. Die Siemens AG aeusserst sich folgendermassen: "Der Vorrang privatwirtschaftlicher Initiative (...) ist ein Argument, das in Zeiten angespannter oeffentlicher Haushalte fuer die Vorschlaege der Bangemann-Gruppe spricht." IBM-Europachef Henkel aeusserst sich noch energischer. Sobald Wettbewerb herrsche, werde der Privatsektor alles investieren, um die europaeische Informationsautobahn Wirklichkeit werden zu lassen.

Wie ist es eigentlich um die heutige TK-Infrastruktur in Europa bestellt? Der Bangemann-Report bezeichnet den Zustand als fruehkindlich. Waehrend in den USA bereits 60 Prozent der Haushalte mit TV-Kabeln ausgestattet seien, mit denen auch Daten uebertragen werden koennten, treffe dies nur auf ein Viertel der europaeischen Haushalte zu. Zwischen den Laendern herrschten grosse Differenzen. So seien in Belgien 92 Prozent der Haushalte verkabelt, in Griechenland aber nur ein bis zwei Prozent.

Voraussetzung fuer eine schnelle Ausbreitung der neuen TK-Techniken sei eine funktionierende Standardisierung. Die Bangemann-Gruppe erwaehnt hier als nachahmenswertes Beispiel den Mobilfunkstandard GSM, einen der wenigen europaeischen Normen, die sich auch ausserhalb des Kontinents durchsetzen konnten. Laut Dieter Rath, Pressesprecher der Detemobil in Bonn, gibt es 90 Betreiber in 50 Laendern, die sich fuer diesen Standard entschieden haben, darunter auch Nicht-Europaeer in Australien und Suedafrika.

Als ersten technischen Schritt in Richtung einer europaeischen TK- Landschaft bezeichnet die Bangemann-Gruppe Euro-ISDN, eine Technik, die offiziell Ende 1993 eingefuehrt wurde. Fuer Multimedia- Anwendungen sei ihre Performance jedoch nicht ausreichend. Hier spreche alles fuer ATM mit seiner Uebertragungsrate von 155 Mbit/s. Euro-ISDN wird bis 1995 in den meisten europaeischen Staaten flaechendeckend verfuegbar sein, so die Einschaetzung von Volker Fink, Produktverantwortlicher fuer ISDN bei der Telekom.

Am besten sei die Situation in Deutschland, Daenemark, Frankreich und Grossbritannien. Allerdings sei in vielen Auslandsvermittlungsstellen das fuer Euro-ISDN notwendige Zeichengabeverfahren Nummer 7 noch nicht implementiert. In solchen Faellen koenne man nur transparente 64-Kbit/s-Verbindungen aufbauen. Hier fehlten aber bestimmte Leistungsmerkmale wie Rufnummernuebertragung, die fuer die Zugangsidentifizierung notwendig sind oder fuer den Dienst "Closed Usergroup".

Bevor sich Europa zu einem TK-Eldorado entwikkeln kann, muessen noch einige ordnungspolitische Punkte geklaert werden. Denn je mehr Information in Datenbanken und Online-Diensten zur Verfuegung steht, desto mehr besteht die Gefahr des unerlaubten Zugriffs. Deshalb gibt der Bangemann-Bericht der Sicherung des Urheberrechts, das moeglichst weltweit geregelt werden soll, hoechste Praeferenz.

Massenanwendungen fuer TK-Dienste werden erst dann aufkommen, wenn die Anwender darauf vertrauen koennen, dass die Daten ihrer elektronischen Einkaeufe, ihrer Ueberweisungen oder ihrer Kommunikation mit dem Arzt oder dem Steuerberater nicht in falsche Haende geraten. Die Bangemann-Gruppe plaediert deshalb fuer einen europaweiten Schutz der Privatsphaere.

Um sicherzugehen, dass die Daten nur beim gewuenschten Adressaten landen, muessen sie verschluesselt werden. Das stoesst aber auf den Widerstand der staatlichen Organe, die gegebenenfalls darauf bestehen, die Informationsuebermittlung von Mafia-Mitgliedern oder Drogenkartellen mitzuverfolgen. Doch sind die heutigen Verschluesselungsverfahren so raffiniert, dass die Nachrichten sich von Aussenstehenden nicht mehr dechiffrieren lassen. Andererseits pochen die Unternehmen unter anderem auch wegen moeglicher Industriespionage auf verschluesselte Datenuebermittlung.

Mit diesem Problem befasst sich die Ibag (Infosec Business Advisory Group), eine Gruppe von europaeischen Industrieverbaenden. Sie plaediert fuer ein gemeinsames Vorgehen der europaeischen Laender. Denkbar sei, dass die Versender von verschluesselten Nachrichten ihre Algorithmen in einer Art Trustcenter hinterlegen, von wo aus sie die strafverfolgende Behoerde im Bedarfsfall erhalten kann. Dieses Verfahren werde auch in den USA diskutiert. Auf jeden Fall muesse verhindert werden, dass die Laender verschiedene Vorgehensweisen einfuehren, da dies den internationalen Datenverkehr laehmen koennte.

Zehn Anwendungsbereiche des Information-Highway zeigt die Bangemann-Gruppe auf. 1996 sollen zwei Prozent aller Bueroangestellten der Telearbeit nachgehen. Vom Fernlernen koennten vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitieren. Auch die 20 Millionen Arbeitslosen in Europa haetten davon Vorteile, so die IBM. Die weiteren Beispiele sind ein Forschungsnetz, TK-Dienste wie E-Mail, EDI oder Videokonferenzen fuer kleine und mittlere Unternehmen, Verkehrs-Management, Flugraumkontrolle, elektronischer Einkauf und City-Information-Highways und Netze fuer das Medizinwesen sowie fuer die oeffentliche Hand.

Die Initiative der Bangemann-Gruppe wurde in Europa mit grosser Begeisterung aufgenommen, was eigentlich verwundern sollte. Denn die angesprochenen Themen wie Abschaffung der Monopole und Tarifsenkung sind alles andere als neu. Ein Sprecher vom Fachverband Informationstechnik bringt die Sache auf den Punkt: "Nicht die Inhalte sind neu, sondern der politische Akteur." Jetzt hofft Europas Industrie, dass auf dem naechsten EU-Gipfel unter deutscher Praesidentschaft ein genauer Zeitplan und konkrete Projekte beschlossen werden.