Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Klassische DV schafft keinen Wettbewerbsvorprung mehr


05.06.1992 - 

Bank läutet mit Dezentralismus die Ara der offenen Systeme ein

Eine Abkehr von der monolithischen Zentral-DV kommt für Banken meist noch nicht in Frage. Die Finanzdienstleister zählen mit zu den größten Verteidigern alter Mainframe-Bastionen. Einen Schritt nach vorn macht jedoch die Schweizerische Bankengesellschaft (SBG) in Zürich. Dezentrale Systeme sollen hier künftig gleichberechtigt neben den Großrechnern stehen - in einer Welt mit offengelegten Schnittstellen.

"Wir machen kein Downsizing, sondern wollen nur adäquate Informationstechnik nutzen, stellt Professor Rudolf Marty gleich von vornherein klar. Der stellvertretende SBG-Direktor versteht darunter dezentrale, offene Systeme, die es ihm ermöglichen, Informatik zielgerichtet einzusetzen. Auch ohne die Down- beziehungsweise Rightsizing-Fahne hochzuhalten, unterscheidet sich die Schweizer Bank durch dieses Vorhaben von den meisten Unternehmen ihrer Branche.

Wie das Marktforschungsinstitut IDC in einer US-Studie herausgefunden hat, denkt ein Großteil der US-Banken nicht über offene Systeme nach. Nur 21 Prozent der US-Finanzdienstleister beschäftigen sich den Analysten zufolge mit einer Unix-orientierten Strategie. Damit hat die Migration von alten Systemen und alter Software zu neuen Technologien bei den Banken, im Vergleich zu den übrigen befragten Branchen, die niedrigste Priorität.

Die IT-Struktur der SBG Schweiz unterscheidet sich vermutlich kaum von den DV-Landschaften anderer Finanzinstitute "Wir sind klassisch organisiert", erklärt Marty. "Es existiert ein zentraler Host-Verbund aus mehreren Unisys-Rechnern mit Rechenzentren in Zürich und Lausanne. Als Endgeräte sind Siemens-Nixdorf-Produkte installiert, zum Beispiel Knotenrechner mit Terminals und Bankomaten." Auf den Unisys-Mainframes - "wir haben immer das größte Modell" - werde dem Informatiker zufolge die Bankensoftware "Abacus" eingesetzt, bei der man sich mittlerweile dem Endstadium der Entwicklung nähere.

DV wird entscheidender Faktor im Wettbewerb

Wie Unternehmen anderer Branchen sind auch die Banken einem steigenden Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Dadurch ändern sich die Anforderungen an die DV. Sie soll so gestaltet sein, daß es den Firmen möglich ist, auf veränderte Marktbedingungen schnell zu reagieren. "DV wird für die Banken zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor", prognostiziert Marty. "Wir wollen keine verteilten Systeme, weil es modern und interessant ist. Es kommen schlichtweg neue Bereiche hinzu, die das alte System nicht abdeckt".

Die Herausforderung der Zukunft liegt dem Informatiker zufolge mehr in entscheidungsunterstützenden Systemen und weniger in, wie er sagt, transaktionsverarbeitenden Rationalisierungsinstrumenten. "Es sind nicht mehr die strategischen Applikationen der 70er und 80er Jahre, sondern die vielen geschäftsentscheidenden kleineren Applikationen, die unseren Erfolg am Markt letztendlich mitbestimmen", erläutert Marty. Genau diese Anwendungen wolle man mit einer Server-Workstation-Umgebung realisieren.

Auf dem Großrechner sollen weiterhin die zentralen Datenbestände, etwa der Valorenstamm untergebracht werden. Dabei handelt es sich um Wertschriften mit Kundeninformationen. "Es macht wenig Sinn, diese Daten zu teilen", erklärt der DV-Manager.

"Wir haben ein Volumen von 1 bis 2 TB Online-Daten im Rechenzentrum. Einen Bestand dieser Größenordnung können Sie nicht dezentralisieren, er ist das Rückgrat einer Bank."

Überdies bewältigen die Großrechner alle Druckdienste - manchmal sind täglich mehrere 100 000 Dokumente zu drucken. Auch das Buchungssystem ist auf dem Mainframe implementiert. Die Großrechner bleiben daher auch in Zukunft die größte Informatikinstallation der SBG. Mit der monolithischen Herrschaft ist es jedoch vorbei. Mainframes seien nicht logisch der Applikationsnabel der Welt, meint der Open-Systems-Verfechter. Diese Rolle übernehmen aus seiner Sicht künftig Workstations oder lokale Server. "Die Zeiten, als man auf dem Mainframe Programme entwickelt hat, die zehn bis 20 Jahre halten mußten, sind vorbei", behauptet der Informatik-Professor. Heute bestehe Bedarf an kleinen Lösungen, teilweise sogar an Wegwerf-Programmen. "Für ein Marktfenster, daß sechs Monate oder ein Jahr offen ist, hat es keinen Sinn, eine Software zu schreiben, die fünf Jahre hält."

Neben dem Aspekt der weniger zeitintensiven und flexibleren Lösungen in einer dezentralen Welt betont der DV-Fachmann zudem auch die niedrigeren Kosten für die Applikationsentwicklung - "das ist einer unserer großen Kostenblöcke". In Mainframe-basierte Riesenanwendungen neue Funktionen einzubauen sei schlechtweg zu kostenintensiv. Marty: "Wir wollen bei der Anwendungsentwicklung einsparen beziehungsweise nicht teurer werden, aber schneller und besser entwickeln können."

Als sehr wichtig erachtet man bei der SBG außerdem, daß der Schritt zur Dezentralisierung in eine offene Welt führt. Unter Offenheit versteht Marty in diesem Zusammenhang aber nicht nur die Interoperabilität zwischen den Systemen, sondern zu einer offenen Umgebung gehört die Portabilität der Codes sowie die Skalierbarkeit von Anwendungen. Interoperable Systeme, die von den Herstellern auch unter dem Trendbegriff "offen" angeboten werden, etwa die AS/400 der IBM, haben bei ihm keine Chance.

Ziel sei, für die Bank einen weltweit geltenden Plattformstandard auf Basis von Open-Systems-Normen zu etablieren, erklärt Marty. Ab 1993 plane man zudem, nur noch Applikationen einzukaufen, die den X/Open-Spezifikationen entsprechen. Dabei geht das Open-Systems-Engagement der SBG-DVer soweit, daß sie sich neben dem X/Open-User-Council, wo die Züricher als bisher einzige Bank Mitglied sind, auch der OSF und Unix International angeschlossen haben.

Mit normierten Schnittstellen hofft Marty unter anderem, unabhängig von der Datenbank zu werden. Derzeit arbeiten die Banker mit der Unisys-Datenbank, mit rdb von DEC, DB2 von IBM sowie mit Oracle, Sybase und teilweise mit Ingres. Für die Zukunft soll es jedoch keine Rolle spielen, welche Datenbank unter den Anwendungen liegt, wünscht sich der Informatiker.

Dem Züricher ist bewußt, daß die Gefahr besteht, über die Datenbank in eine neue Abhängigkeit zu schlittern, nämlich in die vom Datenbankhersteller. Damit spricht der Fachmann einen Punkt an, der auch bei anderen Unternehmen im Rahmen der Downsizing-Diskussionen zunehmend auftaucht. Nicht nur speziell auf die SBG bezogen, sondern ganz allgemein müsse man darauf achten, daß "wir uns jetzt nicht mit den Datenbanken in dieselbe Abhängigkeit begeben, wie das früher (in der proprietären Welt) mit den Betriebssystemen der Fall war", rät der Professor.

Daß es nicht leicht sein wird, aus den verkrusteten DV-Strukturen auszubrechen, ist dem Informatikfachmann klar. Marty: "Die verteilte Welt ist technisch viel schwieriger als die zentralistische Host-Welt." Bei Banken spielt zum Beispiel die Sicherheit - in der Unix-Welt oftmals ein Kritikpunkt - eine große Rolle. Neben der DV-Abteilung wacht in dieser Branche auch das Inspektorat über die Datensicherheit. Dieser Bereich überprüft, ob alle Einheiten eines Finanzinstituts gemäß den Weisungen operieren. "Die Installation eines unsicheren Systems würde das Inspektorat verhindern", erklärt Marty. Das Sicherheitsproblem sei daher die größte Nuß, die man noch knacken müsse, äußert der Schweizer.

Sicherheit als ein zentrales Problem

Auf dezentralen Systemen gehaltene Daten lassen sich dem DV-Profi zufolge am ehesten durch eine zentrale Kontrolle vor unberechtigtem Zugriff oder vor Viren schützen. Bis auf kleine Aufgaben etwa im Bereich Datensicherung, die man den einzelner Abteilungen übertragen will, soll die gesamte Verantwortung deswegen bei einer zentralen Stelle liegen. Ungeklärt ist jedoch auch noch, wie sich die Sicherheit beim Datentransfer realisieren läßt. Bei Übertragungen nach draußen werden die Daten bereits von allen SBG-Niederlassungen weltweit verschlüsselt. Nun prüfen die Banker, ob sich diese Lösung auch für den internen Datenverkehr im LAN eignet.

Neben der Sicherheitsfrage, die unbedingt gelöst sein muß, bevor sensible Daten dezentral gehalten werden, gibt es für den Informatiker noch einen weiteren Hemmschuh, nämlich die Entwicklungs-Tools. "Wir haben noch keine Entwicklungsumgebung gefunden, die unseren Bedürfnissen entspricht", klagt Marty. Seine Wunschvorstellung: ein Werkzeugkasten mit einzelnen interoperablen Komponenten, etwa Prototyping-Instrumenten, der sich von Entwicklungsteams einsetzen läßt. Tools für Einzelpersonen seien am Markt, doch die Applikationsentwicklung Schweiz bestehe aus 500 Mitarbeitern, die gemeinsam auf Ressourcen zugreifen müssen.

Obwohl noch einige Steine aus dem Weg zu räumen sind, schrecken die SBG-Mitarbeiter vor dem Dezentralisierungsprojekt nicht zurück. Die Begründung dafür fällt dem DV-Manager leicht: "Im politischen System ist es ähnlich. Eine zentralistisch-sozialistische Planwirtschaft ist viel einfacher als unsere freie Marktwirtschaft. Aber im Endeffekt ist alles viel zu starr und völlig ineffizient."

In kleinen Schritten soll nun der Übergang in die dezentrale Welt gewagt werden. So planen die Schweizer eine behutsame Migration bestehender Anwendungen. Marty versteht darunter, daß man zum Beispiel bei zentralen Applikationen, die aktualisiert oder neu geschrieben werden, Schnittstellen zu den dezentralen Systemen integriert. Außerdem arbeiten die DV-Leute der Bank bereits im Rahmen von einzelnen Projekten an Programmen für die heute schon rund 10 000 Workstations. Bis zum Jahr 2000, so schätzt Marty, soll eine dezentrale, offene Umgebung dann endgültig ribalsiert sein.

"Über den Daumen gepeilt, wird es in der SBG Schweiz etwa 1000 Server und zwischen 10 000 und 15 000 Workstations geben - mit einer zeitlichen Perspektive von zehn bis 20Jahren", erklärt Marty. Er bekräftigt nochmals: "Trotz aller Schwierigkeiten sehen wir keine Barrieren auf dem Weg, die verhindern, daß es weitergeht." Rückschläge werde man sicher erleiden, dessen ist er sich bewußt und sieht bereits eingeschworene Zentralisten vor sich, die es "immer gesagt haben, daß es schief geht". Doch die DV-Mannschaft der Schweizerischen Bankgesellschaft lassen derartige Prognosen unberührt. Marty: "Diese Rufer im Walde leisten selbst wenig, was das Unternehmen nach vorne bringt. Wenn man innovative Projekte hat, ist eben ein Risiko dabei, daß auch einmal etwas in die Hose geht."