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27.03.1992 - 

Micro VAX-Cluster hilft, den Anwendungsstau aufzulösen

Bank löst zentrale Standard-Lösung mit Netz-Innovation ab

Die AAB

Die Augsburger Aktienbank AG (AAB), eine Tochtergesellschaft der Schweizer Rück und der Quandt-Vermögensverwaltung, ist eine mittelständische Privatbank mit einer Bilanzsumme von etwa einer halben Milliarde Mark. Neben einem regionalen Schaltergeschäft in Augsburg konzentriert sich das Unternehmen vor allem auf das Direkt- und das Allfinanzgeschäft im Finanzverbund der Schweizer Rückversicherungs-Gesellschaft. Über eine Tochtergesellschaft, die Universal Leasing GmbH (ULG), Augsburg, betreibt die AAB darüber hinaus das Mobilienleasing.

Nach zwei Bauchlandungen mit Mainframe-Lösungen schwenkten die Banker um. Jetzt sorgt ein MicroVAX-Cluster für den Geschäftsbetrieb von Bank und Leasinggesellschaft. Zusammen mit dem Branchensoftwarepaket "Visofinanz" des Wiener Softwarehauses Viso Data halbierte die Augsburger Aktienbank (Bilanzsumme: rund 500 Millionen Mark) die Lebenszyklus-Kosten ihrer DV-Lösung. Doch damit nicht genug: Für das System-Management des operatorlosen Rechnerbetriebes sollen in Zukunft zwei Teilzeitkräfte ausreichen.

Zu Mainframe-Zeiten benötigte die Bank noch 15 Personen in der DV-Abteilung. "Wie kann man ohne DV-Fachpersonal ein Netz von MicroVAX-Systemen für den integrierten Bildschirmdialog im Bankgeschäft betreiben?" Und: "Was veranlaßt eine Bank, einen für die Unternehmensentwicklung so wichtigen Auftrag an ein kleines Systemhaus zu vergeben?" Diesen naheliegenden Fragen wollte eine Gruppe von Studenten der Wirtschaftshochschule St. Gallen zusammen mit ihrem Dozenten Heinz Höfer vor Ort nachgehen .

Die erste Frage konnte die von der Bank mit dem Projekt betraute Beratungsgesellschaft Kober, Ruhsert und Partner GmbH, Ottobrunn bei München, beantworten. Jens C. Ruhsert: "Die Lösung basiert auf einem ausfallsicheren MicroVAX-Netzwerk, in dem die Datenbestände ständig gespiegelt werden und damit immer doppelt verfügbar sind. Zur Sicherheit trägt ferner bei, daß wir für die Datensicherung auf wechselbare Winchester-Platten mit zwei Minuten auskommen - bei einem Datenbestand im GB-Bereich."

Die von einem Anwendungssystem geforderte Flexibilität bringe das eingesetzte relationale Datenbank-Betriebssystem, das mit variablen Satz- und Feldlängen sowie integriertem Data Dictionary arbeitet. Verteilte Datenbanken (auch remote), Realtime-Dialoganwendungen mit Simultanfortschreibung aller Daten, ein operatorloses System- und Netz-Management sowie Mumps: "Alles High-Tech in der DV", zeigt sich Ruhsert überzeugt. Was übrigens wie eine Krankheit klingt (und im täglichen Leben auch ist), steht für Massachusetts General Hospital Multiprogramming System und ist eine ANSI-genormte Datenbank und Programmiersprache (4GL).

Nach vier Monaten mußte das System arbeiten

Drei Gründe nannte das zuständige Vorstandsmitglied der Augsburger Aktienbank, Lothar Branse, um die Auftragsvergabe an ein vergleichsweise kleines Softwarehaus zu erklären. "Banken", erläutert Banse, "sind eigentlich Informationsverarbeitungsbetriebe. Wir brauchten daher schnell eine funktionierende Dialoglösung." Unter schnell verstanden die Bankmanager ganze vier Monate. Dann mußte das System arbeiten. Erinnert sich Berater Ruhsert: "Anfangs hatten wir geglaubt, 80 Prozent des Standardpaketes Visofinanz unverändert verwenden zu können. Dann stellte sich aber heraus, daß wir 80 Prozent an die individuellen Belange der Bank anpassen mußten." Den engen Zeitplan hielten Berater und Systemhaus dennoch ein. "Normalerweise undenkbar", so Ruhsert. "Das geht nur unter Mumps."

Banker Branses zweiter Grund für die Wahl dieses Systemhauses war dessen Positionierung im Wettbewerb. "Als mittelständische Direktbank mit Telefonverkauf sehen wir unsere Marktchancen in überlegenen und kostengünstigen Serviceleistungen. Weil bei Branchenstandardpaketen alle Mitbewerber dasselbe machen, haben wir beim Zielkonflikt, Standard versus Innovation" auf die innovative Lösung gesetzt." Das Risiko dabei schien nach den schlechten Erfahrungen mit zwei Standardlösungen gering: Das Visofinanz-Paket kommt als schlüsselfertige Gesamtlösung zum Festpreis mit Funktions- und Performance-Garantie. Beispiel: Liegen die Antwortzeiten nicht unter einer Sekunde, gibt's eine kostenlose Hardware-Aufstockung.

Und der dritte Grund? "Wir haben die Chance erkannt, die Lebenszyklus-Kosten unserer DV-Lösung, also Hard- und Software-Investment einschließlich der Folgekosten, gegenüber den bisherigen Großrechnerlösungen mehr als zu halbieren", freut sich Vorstand Branse über den eingesparten zweistelligen Millionenbetrag. Dennoch: Vollkommen geklärt war für die St. Gallener Wirtschaftshochschüler die Frage noch nicht, wie die Bank auf diese doch recht ungewöhnliche Alternativlösung gekommen ist.

Thomas Trenkle, stellvertretendes Vorstandsmitglied für Organisation und Informatik bei der AAB: "Termine und Kosten begannen sich immer weiter von den budgetierten Ansätzen zu entfernen, und die angebotene Standardlösung auf Großrechner-Basis entsprach unseren Bedürfnissen immer weniger. Wir wollten aber die Informationstechnik aktiv für die Erringung von Wettbewerbsvorteilen einsetzen". Also mußte eine Lösung her, die sich schnell und einfach sowohl an individuelle Erfordernisse der Bank als auch an sich verändernde gesetzliche oder wettbewerbsbestimmte Gegebenheiten anpassen läßt.

"Unsere Berater", so Trenkle, "konnten uns von der Micro-VAX-Visofinanz-Lösung vor allem auch deshalb überzeugen, weil sie bereit waren, für die termingerechte Installation die Generalunternehmerschaft einschließlich einer vereinbarten Vertragsstrafe zu übernehmen und projektbegleitend die organisatorische Implementierung zu betreuen."

Wenn auch laut Thomas Trenkle die mit diesem Projekt verbundenen Zielsetzungen alle erreicht worden seien, so bleibt doch genügend Arbeit übrig, um in den Anzug hineinzuwachsen, den man sich mit einem derartig flexiblen Dialogsystem angezogen habe.

"Allein die neuen Anforderungen bei der DV-Prüfung von Dialogsystemen" nennt Trenkle als Beispiel, "deren Prüfungsbedingungen sich noch überwiegend an der Stapelverarbeitung orientieren."

Wartungsgebühr für Software sechs Prozent

Die Wartungsgebühr für die gesamte System- und Anwendungssoftware beziffert Vorstand Trenkle mit etwa sechs Prozent des Software-Investments. Für die Weiterentwicklung von Anwendungssoftware rechnet die Bank mit einem Kostenäquivalent von höchstens 100 000 Mark im Jahr. "Mehr", so Trenkle, "ist an organisatorischer Implementierung nicht zu verkraften."

Darüber hinaus entstehen keine weiteren Kosten für eigenes oder fremdes DV-Personal. "Bei der AAB", schildert Trenkle eine nach herkömmlichen Erfahrungen völlig verkehrte DV-Welt, "wartet inzwischen die Datenverarbeitung auf die Organisation - und nicht umgekehrt, wie sonst üblich."

Nachträgliche Implementationen sind möglich

Drei wesentliche Vorteile nennt die Bank bei ihrem neuen DV-System. Produktivität und Anpassungsflexibilität übertreffen die Erwartungen. So hätten die erforderlichen Anpassungen infolge des von der Bundesregierung ohne jede Übergangsfrist eingeführten neuen Verbraucherkreditgesetzes keine 14 Tage Programmänderungsaufwand erfordert.

Komplizierte Datenmodelle wie Entity Relationship seien überflüssig, die Datenbank könne jederzeit leicht abgeändert werden. Trenkle ironisch: "Wir dürfen auch nach der Implementierung der Programme noch schlauer werden."

Als weiteren Vorteil sieht die Bank das integrierte Sicherheitskonzept für Datensicherheit (Fehlertoleranz und Datenintegrität), Datenschutz (Zugriffsberechtigung auch für PC-Zugriffe), Softwareschutz (revisionssichere Programmierung), Investitionsschutz (Kompatibilität bei Hard- und Software) und Katastrophenschutz (praxiserprobte Wiederherstellung des Rechnerbetriebes innerhalb 48 Stunden bei Zerstörung des Rechenzentrums). Last, but not least: Die Gewinnbeitragsrechnung für Kunden, Produkte und Absatzwege, für die bereits ein Konzept existiert, läßt sich nachträglich leicht implementieren .

Auch in der Zukunft setzt die Bank auf Innovationen: Die AAB geht jetzt in die Praxiserprobung von Telefon-Terminal und integrierter Bildplatte - integriert deswegen, weil diese Lösung den Zugriff auf das neue optische Speichermedium mit einer Kapazität von 160 GB je Turm unter jedem Schlüsselbegriff gestattet, mit dem in den Applikationen auf die herkömmliche, magnetisch abgespeicherte Datenbank zugegriffen werden kann.

Noch wichtiger ist das Telefon-Terminal, bei dem der Computer die Spracheingabe eines Kunden über Telefon analysieren kann und die erbetenen Antworten per Sprachausgabe zur Verfügung stellt. Kritische Daten - weil möglicherweise fehlinterpretierbar - wie die Kontonummer können zur Kontrolle über die Telefontastatur eingegeben werden. Ideal für eine Direktbank, die ihre Kundschaft überall in Deutschland ohne aufwendiges Filialnetz betreut. Ein Telefon hat schließlich (fast) jeder.

* Roland Schubert ist Leiter Editorial Research der IDG Communications Verlag AG, München.