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Kölner Börsenneuling köderte Händler mit Millionensumme:

BCT rangelt mit Ericsson um David-Nachlaß

06.07.1984

OSNABRÜCK - Die Zeichen stehen auf Sturm: Was sich zunächst zwischen der Stuttgarter Ericsson Information Systems Vertriebspartner GmbH und der Wittrin Computer GmbH in Osnabrück als Geplänkel anließ, ist mittlerweile zu einer handfesten Fehde eskaliert. Der Ericsson-Händler Wittrin kehrte Anfang Juni den Schwaben den Rücken, nachdem ihn der Kölner Börsenneuling BCI mit einem Millionenangebot gelockt hatte.

Ericsson kündigte daraufhin seinem Vertriebspartner fristlos den Vertrag, weil, so verlautete aus Stuttgart, Wittrin die Rechnungen nicht bezahlt habe. In Briefen wandte sich Ericsson zudem an die Kunden des Osnabrücker Unternehmens, deren Inhalt Geschäftsführer Hermann Wittrin als wettbewerbsschädigend bezeichnet. Über seinen Anwalt ließ er zwei einstweilige Verfügungen erwirken.

Für die Ericsson-Manager aus der Schwaben-Metropole kam der Deal ihres Osnabrücker Händlers mit BCT nicht unerwartet. Bereits auf der vergangenen Hannover-Messe habe Hermann Wittrin munter von einer Beteiligung der Kölner an seinem Unternehmen geplaudert, weiß Hans-Jörg Kwiatkowski, Generalbevollmächtigter bei Ericsson in Stuttgart. Zudem habe er an einer "massiven Änderung der Vermögensverhältnisse seiner Firma" keine Zweifel gelassen.

Ein schlechtes Geschäft jedenfalls hat der in Osnabrücker DV-Kreisen wohlbekannte Wittrin bei der Liaison mit BCT nicht gemacht. Das Stammkapital stockten die um Marktanteile bemühten Kölner von 50000

Mark auf 1,6 Millionen Mark auf. Davon hält BCT nach Auskunft des Wittrin-Rechtsanwaltes, Hans-Jürgen Koch, 1,2 Millionen Mark. Der Rest gehöre seinem Mandanten.

Ein Vertrag, so heißt es in Branchenkreisen, sichere dem Osnabrücker für die nächsten fünf Jahre die unkündbare Position eines Geschäftsführers in "seinem" Unternehmen. Richtig überzeugt haben von dem Coup soll Wittrin die Zahlung einer zweistelligen Millionensumme des rheinischen Computerherstellers. Kwiatkowski: "Wittrin hat mir gegenüber persönlich erklärt, er müsse dumm sein, würde er las Angebot nicht annehmen."

Daß Wittrin aufgrund des BCT-Engagements auf den Verkauf der Ericsson-David-Produkte verzichten mußte, war für Ericsson willkommener Anlaß, sich ihres Händlers zu entledigen. Der eigentliche Grund für die Vertragskündigung sei nach den Worten Kwiatkowskis aber die desolate Finanzlage des Unternehmens gewesen. Wittrin habe zu wenig verkauft und trotz mehrerer eindringlicher Mahnungen und Gespräche seine Rechnungen nicht bezahlt. Insofern, heißt es von den Verwaltern des David-Erbes in Stuttgart, seien die BCT-Zahlungen "irrsinnig für einen Laden gewesen, der so schwach auf der Brust ist".

Daß sich BCT bei diesem Geschäft etwas gedacht haben muß, zweifeln auch Insider nicht an. Als Motor für die großzügige Wittrin-Übernahme wird der in der Branche wohlbekannte Peter David gesehen. Der ehemalige Chef der im vergangenen Jahr in Konkurs gegangenen David Computer GmbH, Stuttgart, mischt heute bei der BCT mit. So berichtet Wittrins ehemaliger Kundendienstleiter Peter Hofkens, David sei schon vor Monaten in dem Osnabrücker Geschäft ein- und ausgegangen. Beim Namen nennt Kwiatkowski den Angriff auf die Ericsson-Bastion im Osnabrücker Raum: "David arbeitet für BCT und versucht, wie auch immer seine ganze ehemalige Händlerorganisation für sich zu gewinnen." Dafür spricht, daß der westfälische Börsenneuling offenbar mit einem Plagiat der jetzt von Ericsson vertriebenen David-Maschine "230" den Markt einzunehmen versucht.

"Die bauen nicht nur unsere große Maschinenserie nach, das Innenleben paßt zudem genau in unsere Gehäuse", beklagen die Ericsson-Leute. Jedoch hätten die Systeme einen Riesennachteil, sie verfügten nicht über das Intex-System, hätten kein Teletex und kein DFÜ. Das Ericsson-Gerät würde jetzt zudem mit einem Schutz geliefert, der nicht nachzubauen sei. Auch Wittrin verschweigt nicht, daß BCT mit Ericsson-David-Kopien aufwartet. Die BCT-Maschinen seien eben nicht nur baugleich mit den weiterentwickelten David-Produkten von Ericsson, sondern darüber hinaus auch schneller und wesentlich preiswerter.

Der Preis scheint eine nicht eben untergeordnete Rolle bei der Strategie von BCT zu spielen. Die Händler, meint BCT-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Böhmer, kaufen immer dort, wo es am billigsten ist.

Ganz offen erklärte er weiter, man führe selbstverständlich Verhandlungen mit Ex-David-Händlern, die natürlich in ihrer Entscheidung frei sind, bei uns oder Ericsson zu kaufen ". Nicht gelten lassen wollte der BCT-Chef den Begriff Computernachbau. Es handele sich um ein Replacement der alten David-Maschine, das besser und billiger sei, vorgesehen für Kunden in Frankreich (BCT hatte hier die David-Aktivitäten aufgekauft).

Nicht ganz unumstritten in der Branche sind sowohl Wittrin wie BCT. Die Kölner hatten in letzter Zeit diverse Veröffentlichungen ins Zwielicht gebracht. Wittrin, so geben ehemalige Mitarbeiter wie Kunden zu verstehen, gehöre zumindest zwischen Bremen und Münster zu den schillernden Figuren des DV-Geschäftes.

Mit dem Unternehmen Prodata machte Hermann Wittrin vor etwa zwölf Jahren den Weg in die Selbständigkeit. 1977 gründete er die Wittrin Computer-Vertriebs GmbH & Co KG. Er sei zwar ein hervorragender Programmierer und Organisator gewesen, berichtet der einstige Wittrin-Mitstreiter Hofkens, doch vom Management hätte er keine Ahnung gehabt. Das Unternehmen rutschte denn auch in die roten Zahlen. Wittrin, der die drohende Pleite kommen sah, erinnert sich Hofkens, überredete einen Freund namens Hoffmann, maßgeblich ins Geschäft einzusteigen.

Das Unternehmen wurde in Hofmann umbenannt und steuerte in den nicht aufzuhaltenden Konkurs. Hofkens: "Wittrin hat einen anderen vorgeschoben, um seinen Namen zu schützen." Die Vermutung dränge sich auf, empfindet ein Insider, daß die BCT den Osnabrücker jetzt vor einem erneuten finanziellen Waterloo rettete. Die Übernahme Wittrins durch die bis zur Börsenenführung nahezu unbekannten Kölner DV-Produzenten sei Hofkens Wissen nach eher sehr unkonventionell gewesen. Danach habe sich BCT nicht die Bilanzen des Händlers angeschaut, sondern lediglich eine Kurzinventur veranlaßt.

Geleimt fühlen sich auch Kunden von Wittrin: "Wir haben einen Computer gekauft", berichtet ein Steuerberater, "und Wittrin versprach, den Leasingvertrag des alten Gerätes abzulösen. An die Vereinbarung hat er sich nie gehalten." Nach dem Konkurs der schnell in Hoffmann umbenannten Firma erklärte die Leasinggesellschaft "Dico" dem Finanzfachmann, er befände sich noch in der Haftung. "Ich dachte, er wäre in den Vertrag eingetreten, dabei hatte er nur die Leistungen übernommen, diese dann aber nicht weitergezahlt".

Was den Osnabrücker Händler jetzt besonders peinigt: Sein jahrelanger Weggenosse Peter Hofkens ist zu Ericsson gewechselt. "Es war meine freie Entscheidung, da ich Wittrins Firmenpolitik nicht mehr mittragen konnte", sagt Hofkens. Nicht zuletzt fühle er sich von seinem Brötchengeber verschaukelt. Ihm und zwei anderen Mitarbeitern sei immer wieder Prokura versprochen worden. Bei den Worten sei es geblieben. Pikant an Hofkens Übertritt zu den Stuttgartern ist, daß er in Osnabrück eine Ericsson-Niederlassung aufbauen soll, um das verlorengegangene Terrain zurückzugewinnen. In einem Brief hatte Ericsson den Kunden seine Absicht erläutert. Gleichzeitig listeten die schwäbischen Macher neun Personen auf, die zur Kundenpflege in der neuen Niederlassung zur Verfügung stehen sollten (Eröffnung jetzt im Juli). Wittrin ärgert, daß die namentlich Aufgeführten sämtlich zu seinem Mitarbeiterstamm gehören. Mit einer einstweiligen Verfügung ließ er Ericsson die Behauptung untersagen, die Neun stünden ab Juli zur Verfügung. Richtig ist, daß die Abtrünnigen teilweise vertraglich bis zum Ende des Jahres gebunden sind. Jedoch haben sie alle gekündigt und werden sich bei Ericsson wiedertreffen. In Stuttgart gibt man zu, die Formulierung sei nicht günstig gewesen, sie lasse bösartige Auslegungen zu.

Doch damit nicht genug. Ericsson ließ laut Wittrin-Anwalt Koch die Kunden seines abgesprungenen Händlers wissen, dieser könne sie nicht mehr mit Ersatzteilen versorgen. Allerdings sieht der Vertriebspartnervertrag vor, daß Ericsson auch nach dessen Beendigung verpflichtet ist, Wittrin mit Ersatzteilen zu beliefern und die Lizenzprogramme zu pflegen.

Ob der offenen Rechnungen glaubt Ericsson, sich nicht an diese Vereinbarung halten zu müssen. Nach Ansicht Kochs habe Wittrin die Rechnungen nicht etwa unbezahlt gelassen, weil er nicht liquide war, sondern weil Ericsson unvollständig geliefert habe. Urteilt Koch: "Vertragswidrig verhalten hat sich Ericsson. Aus ihrem eigenen vertragswidrigen Verhalten wollen die jetzt eine vertragswidrige Kündigung konstruieren." Durch die falschen Angaben der Stuttgarter, konstatiert der Anwalt, hätten schon einige Kunden den Wartungsvertrag mit Wittrin gekündigt.