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23.05.1986 - 

Stellungnahme des Deutschen Gewerkschaftsbundes:

BDE-Systeme - und die vorhersehbaren Folgen

Über geraume Zeit harmlos stellt sich die Entwicklung von Betriebsdaten-Erfassungssystemen (BDE) im Unternehmen dar, meint Ulrich Briefs vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes GmbH in Düsseldorf. In seiner Stellungnahme zum Thema BDE, das die COMPUTERWOCHE als Schwerpunktthema in der Ausgabe Nr. 18 vom 2. Mai 198B vorstellte, merkt er kritisch an: Einhergehen werden allerdings erhebliche Veränderungen für den Arbeitnehmer wie die Gefahr der "gläsernen Arbeit" sowie und vor allem der Verlust von Arbeitsplätzen.

Bis zum 1. August 1985 konnte Giorgios Stavropoulos ruhig abends mal etwas länger mit den Freunden in seiner Vorstadtkneipe in Stuttgart "sumpfen". Er wußte, er hatte einige Akkordscheine in der Schublade, mit denen er am nächsten Tag, die - wegen der langen Nacht und des schweren Kopfes - abfallende Leistung ausgleichen konnte, ohne daß es den Vorgesetzten auffiel. Seit dem 1. August 1985 kann er diese - im Betrieb "Vorderwasser" genannte - Möglichkeit nicht mehr nutzen. Daß das so ist, verdankt er "BEDATIS" - dem Betriebsdaten-Erfassungs- und -Auswertungssystem des Betriebes, in dem er arbeitet.

Dieses BDE-System funktioniert als Echtzeitsystem nur, wenn alle Akkorddaten sofort eingegeben werden. Vorarbeiten, um sich später einmal etwas Luft zu verschaffen, geht bei dem neuen System nicht mehr. Das Vorarbeiten darf es nicht mehr geben, da sonst kein Echtzeitbild erstellt werden könnte.

Das ist nur ein Beispiel für die vielen Veränderungen, die mit BDE-Systemen in allen möglichen Anwendungsbereichen der Betriebe erreicht werden. Weitere Veränderungen sind zum Beispiel der Wegfall von Arbeitsvorgängen, das heißt der Abbau von sonst notwendiger Arbeitszeit. Im weiteren ergeben sich Veränderungen der Arbeitsmittel - statt Papier etc. das Bildschirmgerät mit seiner Tastatur und dahinter die komplexe Datenbank mit ihren Organisations- und Abfrageprogrammen, hinter ihr wiederum der Computer mit seinem Betriebssystem und so fort - sowie Veränderungen der Qualifikationsanforderung: Es wird mehr Aufmerksamkeit und Konzentrationsleistung verlangt, dafür nehmen die Anforderungen an das Sach- und Fachwissen der Arbeitskräfte ab; wenn auch nicht sofort, dann doch auf längere Sicht, nämlich dann, wenn der Betrieb das System beherrscht, die Fehler in ausreichendem Maße ausgebügelt sind, das notwendige Wissen der Lohnschreiberinnen etc. erschlossen ist.

Besonders problematisch sind die neuen Formen und Intensitäten von Kontrolle und Überwachung am Arbeitsplatz: Die minutiöse Erfassung von Daten an allen möglichen Punkten der Betriebsprozesse, ihre zentrale Erfassung und Speicherung in Datenbanken, ihre Verfügbarmachung in allen möglichen Bereichen des Managements geben die Möglichkeit, Maschinenzeiten, Materialflüsse, Verbräuche, Arbeitszeiten und Stillstandszeiten zu erfassen, zu speichern und irgendwie auszuwerten. Soweit es sich um Maschinen, Halb- und Fertigteile handelt, ist das zunächst kein Problem. Im Gegenteil: Es dient dazu, etwa über Maschinenkapazitäten oder Rohstoffe besser disponieren und diese "Ressourcen" besser nutzen zu können; allerdings führt es zugleich dazu, daß bei Zulieferern weniger bestellt wird - was von den Zulieferbetrieben angesichts der Stagnation auf vielen Märkten und der zum Teil bereits erheblichen Überkapazitäten mit verschärfter Rationalisierung und weiterer Einsparung bei allen möglichen Betriebsfaktoren beantwortet wird.

Die kontraproduktive Rationalisierung

So erzwingt Rationalisierung mit BDE-Systemen auf der einen Stufe die Rationalisierung mit ähnlichen Systemen auch auf den Vorstufen. Für eine Volkswirtschaft, die trotz Krise und Massenarbeitslosigkeit laufend neues und zusätzliches Kapital bildet und deshalb auf mehr Wachstum - mehr Aufträge, mehr Nachfrage auf den Märkten - angewiesen ist, ist diese Entwicklung allerdings geradezu kontraproduktiv. Zwar freuen sich die Verantwortlichen in allen Betrieben, daß durch den Einsatz der BDE-Systeme ihre Erträge zunehmen, wenn auch nicht sofort, sondern meist erst nach einem längeren und mühseligen Entwicklungs- und Implementierungsprozeß im Betrieb; die höheren Erträge legen sie allerdings weniger in neuen Arbeitsplätzen an, sondern angesichts des Drucks des Wettbewerbs vor allem in weitere Arbeitsplätze vernichtenden Rationalisierungsinvestitionen beziehungsweise im Bankensektor in Form von an den internationalen Geld- und Kapitalmärkten vagabundierenden Kapitalien an.

Das Ergebnis sind, das ist unbestritten, insgesamt Produktivitätssteigerungen, also die Erstellung der Leistung mit geringerem Aufwand, das heißt unter Einsparung von Materialverbräuchen, Maschinenzeit, Energieverbräuchen und insbesondere Arbeitslöhnen und Lohnnebenkosten sowie im produktionsnahen Angestelltenbereich von Gehalts- und Gehaltsnebenkosten.

Die ökonomische Anatomie der BDE-Systeme sieht daher etwa so aus: Nach einer langen und mühseligen betrieblichen Entwicklungs- und Erschließungsphase, in der die Kosten wegen des notwendigen zusätzlichen Aufwandes in Form von Doppelarbeit etc. steigen, sinken die Gesamtkosten deutlich unter das ursprüngliche Niveau: Allerdings geht das nur um den Preis des Aufbaus zusätzlicher Fixkosten - also Zinsen, Abschreibungen, Wagnisse und andere kalkulatorische Kosten sowie EDV-Mieten, Beratungskosten und so fort für das in aller Regel nicht ganz billige BDE-System.

Im Gegenteil: Nimmt man zentrale Rechner, PCs und Maschinendatenerfassungsgeräte, Leitungssysteme und sonstige Hardware und insbesondere die Software einschließlich der Organisations- und Beratungsleistungen von der Kostenseite, so kommen ganz beachtliche Beträge zusammen. Die Personalkosten geraten auf doppeltem Wege unter Druck: Die sinkenden Gesamtkosten drücken von oben, die zusätzlichen Fixkosten von unten, im klassischen Kostenverlaufsdiagramm, wo auf der vertikalen Achse die Kosten und auf der horizontalen Achse die Leistung oder die Zeit abgetragen werden.

Insbesondere droht die Gefahr der "gläsernen Arbeit" beziehungsweise des "gläsernen Arbeiters": Mit BDE-Systemen wird eine minutiöse Erfassung von Zeit- und Mengengrößen und von produktiven und unproduktiven Zeiten und Verbräuchen möglich. Teils als hauptsächliches Ziel, teils als Nebenprodukt wird damit aber auch die Leistung und das Verhalten der Arbeiter erfaßt, transparent, kontrollierbar, steuerbar, rationalisierbar gemacht. Die kontinuierliche Überwachung von Arbeitseinsatz und Arbeitsergebnis und die Disziplinierung der Arbeitskräfte - im Rahmen der in den Betrieben herrschenden Gewaltverhältnisse, die auf das Grundverhältnis von Lohnarbeit und Kapital zurückgehen - werden damit in ganz anderer Intensität möglich als bisher. Derzeit ist allerdings hierbei erst die Spitze der Spitze des Eisberges zu sehen: BDE-Systeme werden nicht von heute auf morgen entwickelt und in die Arbeitsprozesse eingebracht. Es dauert seine Zeit, bis die Daten zusammen und die Verarbeitungsfunktionen beherrscht sind, bis sich ein gezielter Umgang mit den vielen Daten und Auswertungsmöglichkeiten im Management entwickelt hat. Häufig müssen die Betriebe auch erst das Know-how für die Nutzung der vielen Daten und Auswertungsmöglichkeiten entwickeln. Der Appetit kommt auch hier wohl erst beim Essen.

Insgesamt ist dadurch die Entwicklung von BDE-Systemen ein häufig längerer, schleichender und über geraume Zeit harmlos erscheinender Prozeß. Auf lange Sicht allerdings werden von dieser Entwicklung, wie gesagt, erhebliche Veränderungen für die Arbeitenden ausgehen: Neben der Gefahr der "gläsernen Arbeit" vor allem ein massiver Verlust von Arbeitsplätzen - zumindest, wenn nicht umfangreiche Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt werden.

BDE-Systeme und das, was wir jetzt erleben, ist nur eine erste Stufe viel umfassenderer, komplexerer Systeme der integrierten Betriebsdatenerfassung, Betriebssteuerung, Betriebsplanung, die Materialdisposition, Auftragseinplanung, Kapazitätsplanung, Personalplanung etc. umfaßt, werden dazu beitragen, die Verhältnisse in den Betrieben, insbesondere für die betroffenen Arbeitskräfte, umzukrempeln. Die aus gewerkschaftlicher Sicht notwendigen Antworten sind:

- Arbeitszeitverkürzungen: Die 35-Stunden-Woche muß her als Einstieg angesichts der Tatsache, daß bei BDE-Systemen das Verhältnis von neugeschaffenen zu vernichteten Arbeitsplätzen bei etwa 1:5 liegt;

- Mitbestimmung nicht nur der Betriebsräte, sondern insbesondere auch am Arbeitsplatz, um einerseits die Beteiligung der Benutzer im langen, mühseligen Entwicklungsprozeß von BDE-Systemen wirksam zu machen, um andererseits ein ausreichendes Maß von Schutz durch Mitgestaltung zu geben;

- rechtzeitige und umfassende Unterrichtung und eine sich nicht verbrauchende Mitbestimmung auf der Grundlage verbesserter Rechte insbesondere der Betriebsräte;

- Positivkataloge für die zur Erfassung und Verarbeitung zugelassenen Daten, Verarbeitungsfunktionen, Speicherungsformen und Weiterleitungsprozesse;

- Rationalisierungsschutzmaßnahmen wie Umschulung, Qualifizierung der betroffenen Benutzer auch in EDV-Grundlagenwissen und ähnlichem.

Ein Problem, das sich nicht betrieblich allein lösen läßt, das aber gelöst werden muß, ist die Wegnahme des ökonomischen Drucks von den Betrieben, der diese auf Gedeih und Verderb zur Rationalisierung zwingt - eine große Zukunftsaufgabe für die BDE-Systementwicklung.