Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Befangen gegenüber der Technik der Zukunft

10.06.1983

Prof. Dr. Herbert Giersch Präsident des Instituts für Weltwirtschaft der Universität Kiel

Es steht zu befürchten, daß wir die Chancen der Mikroelektronik und der Telekommunikation nur sehr zögerlich nutzen werden, und zwar deshalb, weil des Durchsetzen des Neuen viel zu sehr auch zu einem politischen Problem geworden ist. Dreierlei ist hier hemmend:

Erstens: Es gibt das Postmonopol. Wie alle Monopole so kann auch die Post es sich leisten, den technischen Fortschritt zu zähmen, damit es nicht so stürmisch zugeht, wie es bei Wettbewerb der Fall wäre. An Argumenten fehlt es nicht. Da gibt es das Risiko der Fehlinvestitionen in Technologien, die heute das Bestmögliche darstellen, aber morgen schon technisch und wirtschaftlich überholt sein mögen. Wer auf Nummer sicher gehen will, plädiert dann für ein Abwarten. Da sieht man sich der Allgemeinheit verpflichtet und hat Sorge zu tragen, daß vermeidbare Kosten vermieden werden, möglicherweise auch für die Benutzer. Auch dies kostet Zeit. Für ein staatliches Monopol spielt Zeit kaum eine Rolle, verglichen mit der Eile, die auf Wettbewerbsmärkten herrscht, wo jeder für sich entscheidet, aber durch das Verhalten anderer angespornt wird. Und die Post hat wie alle großen Unternehmen auch interne Probleme, nicht zuletzt Bereiche, die ihre Kosten nicht erwirtschaften und subventioniert werden müssen, also als lahme Enten das lnvestitionspotential der Post verringern.

Zweitens: Wo etwas politisiert ist, macht sich die allgemeine Technologiefeindlichkeit auf breiter Front bemerkbar. Da gibt es nicht nur die Furcht vor den Jobkillern, also jenen Feinden der Lohnarbeit, die man durch die Lohnpeitsche angelockt und zum beschleunigten Vormarsch in die Arbeitswelt angetrieben hat.

Es gibt auch zusätzlich Technologiefurcht aus Panik, weil man von den unüberschaubaren Konsequenzen der Raumfahrt und der Nukleartechnik, die das Vorstellungsvermögen der Menschen überfordern, Rückschlüsse auf die Kommunikationstechnologien zieht. Es sind unzulässige Rückschlüsse, wie ich meine.

Drittens: Wir haben zu wenig Verständnis für historische Abläufe und deshalb auch zuwenig Vertrauen in unsere Kraft, die Zukunft zu meistern, vor allem hierzulande nach all dem Schrecklichen, das zwischen 1933 und 1945 passiert ist. Das macht uns befangen gegenüber der Technik der Zukunft, sobald diese Zukunft als politische Entscheidung zur Diskussion steht.

Hier hilft vielleicht ein gedankliches Experiment. Angenommen, wir stünden am Beginn der Entwicklung des Automobils und hätten mit all unserem heutigen Wissen politisch zu entscheiden, ob wir der Menschheit diese Chance der Motorisierung geben dürfen oder ob es angesichts der Millionen Verkehrsopfer heißen müßte: Fortschritt - nein danke. Möglicherweise wäre in einer kollektiven Entscheidung jene Entwicklung des Individualverkehrs, die die Menschen im dezentralisierten Marktprozeß durch ihr Verhalten Schritt für Schritt bejaht haben, damals wegen des Großrisikos mehrheitlich abgelehnt worden. In Wirklichkeit hat es im gestreckten und dezentralisierten Prozeß des Marktes Zustimmung zu der neuen Technologie gegeben. Denn bei jedem individuellen Entscheidungsakt erwies sich das Risiko als begrenzt. Bei jeder Teilentscheidung konnte darauf vertraut werden, daß man in der Lage sein werde, das Risiko des Autofahrens durch eigene Vorsicht und durch Lernen zu eliminieren.

Dieses Gedankenexperiment lehrt zweierlei:

- Es läßt vermuten, daß der Fortschritt der Technik und das Wachstum der Wirtschaft sich nicht so rasch vollzogen hätten und wir heute alle ärmer wären, wäre es in der Geschichte der Neuzeit stets für notwendig erachtet worden, über alle möglichen Konsequenzen des Neuen im voraus abzustimmen, und zwar politisch und damit kollektiv. Tatsächlich wurde individuell abgestimmt, und zwar im Markt.

- Was für den Individualverkehr auf der Straße gilt, trifft in dieser Hinsicht auf für die Individualkommunikation und damit für den Bildschirmtest zu. Es wird, nachdem einige Großentscheidungen getroffen und vollzogen sind, in Schritten vorangehen, die der einzelne in dem neuen Informationsmarkt für sich selbst entscheidet. Und wenn wir schon den Vergleich mit dem Individualverkehr auf der Straße ziehen, so sollten wir zu unserer Beruhigung hinzufügen, daß Teilnehmer an der modernen Telekommunikation gut und gerne darauf verzichten können sich wie die Halter und Fahrer von Kraftfahrzeugen zusätzlich versichern zu müssen.

Schlußteil eines Vortrages, der zur Eröffnung des Diebold-Bildschirmtextkongresses am

16. Mai in Mainz gehalten wurde.