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10.07.1992

Bei den Maschinen kann die Unwissenheit nur abnehmen

Eine weitere " Unterhaltung" von John Skcurd mit Prof. Eva Stultitia, Institute for Moriaology, University Northern California

Skcurd: Prof. Stultitia, in unserem ersten Gespräch (vergleiche CW Nr. 27 vom 3. Juli, Seite 38) haben Sie erklärt, daß Moriaologie das Studium der menschlichen Dummheit ist. Man studiert die Dummheit, um Rückschlüsse auf die Strukturen der Intelligenz zu ziehen. Stimmt das?

Stultitia: Das ist absolut Korrekt. Wir befassen uns mit einer spezifisch menschlichen Eigenschaft: der Dummheit. Wir glauben, daß sich aus dieser charakteristischen Eigenschaft neue Einsichten gewinnen lassen, die uns helfen werden, aus schwachsinnigen Computern doch noch intelligente Maschinen zu machen.

Skcurd: Was verstehen Sie unter einer " intelligenten Maschine"?

Stultitia: Wir nennen eine Maschine "intelligent", wenn sie über Wissen verfügt, gewisse logische Schlüsse ziehen kann und schließlich mit dem Wissen und der Logik imstande ist, autonom zu Problemlösungen beizutragen .

Skcurd: Die Intelligenz einer Maschine umfaßt also drei Gebiete: Wissen, Logik und Problemlösungen. Ist damit auch der Umfang Ihrer Forschungsarbeiten beschrieben? Mit anderen Worten, läßt sich Dummheit mit dem Mangel an Wissen und Logik sowie der Unfähigkeit, geeignete Lösungen für Probleme zu finden, beschreiben?

Stultitia: Einige meiner Mitarbeiter sind fest davon überzeugt, daß die Dummheit der Menschen grenzenlos ist. Im engeren Sinne jedoch befassen wir uns mit den drei von Ihnen genannten Mängeln. Die Existenz von Wissen ist eine notwendige Bedingung für Intelligenz. Der Mangel an Wissen, die Unwissenheit oder die Ignoranz, ist in gewisser Hinsicht ein Maß für die Dummheit.

Skcurd: Wenn Wissen eine notwendige Bedingung für Intelligenz ist, dann heißt das doch, daß Unwissenheit Intelligenz ausschließt.

Stultitia: Gratuliere! Ich bin beeindruckt. Endlich treffe ich einen Pressemenschen, der die "Kontraposition der Implikation" perfekt beherrscht.

Skcurd: Besten Dank. Ist die Erforschung der Unwissenheit ein zentrales Forschungsthema der Moriaologie?

Stultitia: Wenn Sie den Umfang des Begriffs "Wissen" nicht zu eng ziehen, dann stimmt Ihre Vermutung. Man muß erkennen, daß "Wissen" stets Logik und ein zielgerichtetes Handeln einschließt.

Skcurd: Wie ist das zu verstehen ? Können Sie mir bitte ein Beispiel geben ?

Stultitia: Der Begriff "Wissen" umfaßt wesentlich mehr, als sich nur an eine Sache zu erinnern. Auch Rechner können Daten wiederfinden oder sich an gewisse Informationen "erinnern". Aber das, was der Rechner wiederfindet, ist kein Wissen: Es sind Daten oder Dokumente. Stellen Sie sich einen Menschen mit geringem Wissen vor, der sich eine "Encyclopedia Britannica" anschafft. Dieser Mensch wird damit wenig anfangen können. Er versteht das meiste gar nicht, was die klugen Leute in der Enzyklopädie zusammengetragen haben. Gewiß, er kann einiges auswendiglernen, an das er sich dann irgendwann einmal erinnert. Ganz anders verhält sich die Sache bei einem Wissenden. Der ungeheure Reichtum an Begriffen, Fakten, Stichworten und Querverweisen erweitert das Wissen des Nachschlagenden, so daß er zu neuen Einsichten kommt und Zusammenhänge erkennt, die ihm bisher verborgen geblieben waren. Er benutzt das neue Wissen, um seine Probleme zu lösen.

Skcurd: Sind Daten, die ein Rechner speichert, kein Wissen ?

Stultitia: Nicht für den Rechner, denn er versteht im allgemeinen die Bedeutung der Daten nicht. Daten sind etwas Passives. Wissen impliziert stets etwas Aktives. Wenn die Daten in Übereinstimmung mit den Sachverhalten der realen Welt sind, dann stellen Daten für den Benutzer ein Faktenwissen dar. Der Benutzer versteht die Daten, er zieht daraus Schlüsse über Sachverhalte oder Beziehungen.

Skcurd: Wissen schließt also das Verstehen der Daten ein?

Stultitia: Absolut korrekt. Indem man Wissen erwirbt, macht man sich die Bedeutung von Begriffen, ihre Zusammenhänge und ihren Gebrauch zu eigen. Der Verstand kann dieses eigene Wissen nun beliebig nutzen unabhängig von einem vorgegebenen Modell oder einer vorgegebenen Problemlösung. Die KI-Forschung studiert seit mehr als dreißig Jahren diesen Prozeß des Wissenserwerbs und der uneingeschränkten Nutzung von Wissen für allgemeine Problemlösungen .

Skcurd: Konventionelle Computerprogramme verstehen also die Bedeutung der Daten nicht?

Stultitia: Stimmt. Konventionelle Computerprogramme sind unfähig, unabhängig vom vorgegebenen Modell auf Veränderungen oder neue Fakten zielgerichtet zu reagieren. Das macht den Unterschied zwischen Datenverarbeitung und Wissensverarbeitung aus.

Skcurd: Wie aber kann das Studium der Dummheit uns helfen, diesen Mangel der traditionellen Programme zu beleben? Oder anders ausgedrückt, warum soll das Studium der Unwissenheit zu besseren Einsichten rühren als die traditionellen Methoden der KI-Forschung ?

Stultitia: Traditionelle Programme halten die Rechner in ihrer Unwissenheit. Rechner sind in der Regel völlig ignorant. Mit konventionellen Programmen bleiben Computer nichts anderes als Maschinen in fundamentaler Unwissenheit. Die Unwissenheit zu studieren, um sie schrittweise zu beseitigen, ist durchaus ein rationaler Ansatz.

Skcurd: Was verstehen Sie unter "Fundamentaler Unwissenheit"?

Stultitia: Ein Lebewesen oder eine Maschine ist von fundamentaler Unwissenheit, wenn es keinerlei Kenntnisse von den Dingen, den Sachverhalten, den Relationen zwischen den Dingen hat und sogar über die Existenz der anstehenden Probleme im unklaren ist. Dummheit wird oft als die mangelnde Fähigkeit definiert, aus Wahrnehmungen oder Wissen richtige Schlüsse zu ziehen. Wenn man vollständig unwissend ist, da wird man kaum richtige Schlüsse ziehen können.

Skcurd: In unserem ersten Gespräch haben Sie erklärt, daß Dummheit und Klugheit Grenzbegriffe des unscharfen Begriffs "Intelligenz" sind. Wenn das aber unscharfe Begriffe sind, dann muß man doch den Grad der Dummheit oder zumindest der Unwissenheit angeben können, oder?

Stultitia: Absolut richtig! Man kann den Begriff Unwissenheit als unscharfes Prädikat interpretieren. Lotfi Zadeh von Stanford hat mit der unscharfen Mengenlehre das mathematische Handwerkszeug bereitgestellt, um den Grad der Unwissenheit auszudrücken. Das Prädikat "unwissend" wird als eine "linguistische Variable" interpretiert. Eine solche Variable hat als Werte nicht Zahlen, sondern Worte oder Phrasen. "Fundamental unwissend" kann beispielsweise ein Wert der linguistischen Variablen "unwissend" sein. So kann man einer fundamental unwissenden Entität einen Intelligenzgrad von Null oder auch, als Komplement, den Grad von Unwissenheit von Eins zuordnen. Mit zunehmendem Wissen wächst der Intelligenzgrad, dagegen nimmt der Grad der Unwissenheit ab.

Skcurd: Interessant! Kann man ?mit diesen unscharfen Begriffen auch rechnen ?

Stultitia: Nicht nur rechnen, Sie können diese linguistischen Variablen in Relationen verknüpfen und sie zu logischen Schlußfolgerungen verwenden. Die unscharfe Mengenlehre ist eine der großen Errungenschaften der Mathematik im zwanzigsten Jahrhundert. Sie gibt uns die Mittel, die Komplexitäten der realen Welt darzustellen.

Skcurd: Wie stuft man den Begriff " Unwissenheit" mit linguistischen Variablen ab?

Stultitia: Das ist von den Forschungsaufgaben abhängig. Samuel Holtzmann von Stanford hat eine siebenstufige Taxonomie der Unwissenheit angegeben, die man zu einer mathematischen Beschreibung des Begriffes heranziehen kann. Neben der vollständigen oder fundamentalen" Unwissenheit unterscheidet Holtzmann sechs weitere Werte der linguistischen Variablen, nämlich die "dunkle oder verborgene", die "magische", die "ptolemäische", die "gordische", die "watsonische" und die "kombinatorische" Unwissenheit.

Skcurd: Was soll man unter einer "dunklen oder verborgenen" Unwissenheit verstehen?

Stultitia: Im Gegensatz zur fundamentalen Unwissenheit hat die "dunkle oder verborgene" die Eigenschaft, daß der wissenden Entität die Dinge und Sachverhalte sowie auch die Problemstellung sehr wohl bekannt sind. Es fehlt aber eine Lösung; sie bleibt verborgen. Denken Sie an das Problem der Kindererziehung Viele Eltern haben keine angemessene Lösung. Das Problem des menschlichen Daseins, des Lebens, des Suchens nach der persönlichen Identität, metaphysische Fragen, psychische Probleme, Fragen nach den Ursachen von Krankheiten und so weiter bleiben oft ohne eine klare Antwort. Deshalb spricht man von einer dunklen Unwissenheit ("dark ignorance") .

Skcurd: Die "magische" Unwissenheit wäre dann - wohl ein weiterer Schritt in Richtung auf ein verbessertes Wissen?

Stultitia: Richtig. Eine Unwissenheit wird "magisch" genannt, wenn der Lösungsansatz mindestens ein ungeklärtes Element enthält. Man hat zwar eine Lösung, aber man weiß nicht genau, warum sie das Problem löst. Hat man beispielsweise zuviel zu sich genommen, so nimmt man gegen das zu erwartende Sodbrennen ein "Alka-Seltzer". Mit dem Magendrücken verschwinden auf magische Weise auch die Kopfschmerzen.

Skcurd: Das Verstehen einer Lösung hat zweifellos etwas mit "Intelligenz " zu tun. Was ist eine "ptolemäische" Unwissenheit?

Stultitia: Eine Lösung wird "ptolemäisch" genannt, wenn man ein Modell für die Lösung hat, aber diese Lösung ungeschickt oder realitätsfremd ist.

Skcurd: Einleuchtend! Gegen die wissenschaftlichen Erklärungen des Kopernikus hatte das ptolemäische Weltbild keine Chance. Unter welchen Bedingungen spricht man vor einer "gordischen " Unwissenheit?

Stultitia: Von einer "gordischen" Unwissenheit wird gesprochen, wenn das Modell für die Lösung unvollständig ist. Alexander zerschlug den gordischen Knoten mit dem Schwert. Die Lösung war zwar nicht in voller Übereinstimmung mit der Aufgabenstellung, trotzdem erfüllte sich das Orakel: Alexander wurde Herrscher von Asien. Das Ei des Kolumbus ist ein weiteres Beispiel für eine zwar unvollständige, doch hinreichende Lösung einer Aufgabe.

Skcurd: Wenn jedoch ein passendes Modell der Lösung vorliegt aber die Lösungsmethode unvollständig ist?

Stultitia: Dann nennt man die Unwissenheit "watsonisch". Dr. Watson fand stets ein passendes Modell zur Lösung des Falles. Doch es blieb dem Scharfsinn von Sherlock Holmes vorbehalten, die letzten Details in der Lösungsmethode aufzuklären und die Lücken zu schließen.

Skcurd: Ich nehme an, daß eine "kombinatorische" Unwissenheit mit einer sehr großen Zahl von Suchprozessen zu tun hat, die sich in tolerierbarer Computerzeit nicht ausführen lassen?

Stultitia: Absolut richtig! Selbst wenn das .Modell und die Methode vorhanden sind, dann kann sich der Berechenbarkeit der Lösung eine kombinatorische Explosion von Suchpfaden entgegenstellen. Beispiele dafür findet man in den Aufgaben der linearen Programmierung. Weltmodelle der Energieversorgung haben mehr als 30 000 Variablen mit mehr als 10 000 Restriktionen. Die Matrix des Lösungsmodells besteht dann aus mehr als 300 Millionen Elementen. Obwohl verfeinerte Lösungsmethoden bekannt sind kann die Berechnung einer optimalen Lösung Tage dauern. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Beispiele. Nehmen Sie konventionelle Expertensysteme. Das Modell und die Lösungswege sind bekannt. Wenn man aber größere Probleme lösen will sich also nicht nur auf kleine "Mickey Mouse"-Probleme beschränkt, dann wächst die Zahl der Suchprozesse exponential an. So manche Prolog-Lösung ist schon an einer "unendlich langen" Ausführungszeit gestorben.

Skcurd: Sie definieren also die "Dummheit" als Unwissenheit sowie als Unfähigkeit, Probleme zu erkennen und dafür geeignete Losungen zu finden?

Stultitia: Wir würden nicht von "Definition" sprechen. Der Begriff der "Dummheit" entzieht sich einer strengen Definition ebenso wie viele andere grundsätzliche Begriffe, auf die wir unser Wissen aufbauen. Am Aufbau der Intelligenz sind nicht nur Verstandesanlagen beteiligt. Die zahlreichen Seelen und Gemütsbewegungen spielen eine wichtige Rolle im Verhalten der Menschen. Die Unfähigkeit, zu Berufs- und Lebensaufgaben zweckmäßige Lösungen zu finden, ist kein Zeichen eines Mangels an Intelligenz. An der Art der Aufgaben, die eine wissende Entität gleichgültig ob Mensch oder Maschine, nicht zu bewältigen vermag, mißt man den Grad der Dummheit.

Skcurd: Finden Sie, daß die Dummheit zunimmt ?

Stultitita: Man sollte unterscheiden zwischen Mensch und Maschine. Die heutigen Computer sind von fundamentaler Unwissenheit. Bei den Maschinen kann die Unwissenheit also nur abnehmen. Bei den Menschen sieht das ganz anders aus. Der Alltagsmensch scheut die körperliche, aber noch mehr die geistige Arbeit. Er versucht mit dem kleinstmöglichen Aufwand an Gedanken auszukommen weil Denken beschwerlich ist Der Durchschnittsmensch wird in arbeitsfreien Stunden der Tätigkeit nachgehen, die ein Minimum an geistiger Arbeit erfordert. Im Regelfall sitzt er stundenlang am Fernseher und läßt eher die unbedeutendsten Vorgänge an sich vorbeirieseln. Deshalb ist er auf vielen Gebieten unwissend, urteilt gedankenlos und ist leicht zu manipulieren. Bei der Mehrheit wächst die Ignoranz und damit notwendigerweise die Dummheit.

Skcurd: Es gibt aber doch mehr und mehr Menschen, die nachdenken, ihren Verstand gebrauchen, Zweifel haben, urteilen und für das einstehen, was sie als richtig erkannt haben. Denken Sie an die Frauenbewegung oder die Bürgerbewegungen.

Stultitia: Gottseidank ist das so. Wir leben nicht ohne Hoffnung. Sie sprechen aber von einer Minderheit trotz allem ihren Humor nicht verlieren, ihre Ausdrucksfähigkeit durch Lesen verbessern oder an althergebrachten Normen zweifeln, gehören gewiß nicht zu den Dummköpfen. "Die ,Dummen sind so sicher, und die Klugen sind so voller Zweifel", sagte Bertrand Russel.