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26.03.1976

Bei der GMD muß man fein die Funktionen trennen

Mit Prof. Dr. rer. nat. Fritz Krückeberg, Vorstandsvorsitzender, und Dr. jur. Hugbert Flitner, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD), Bonn, sprach CW-Chefredakteur Dr. Gerhard Maurer

- Die GMD, Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung in Schloß Birlinghoven bei St. Augustin bei Bonn, wurde im April 1968 gegründet und begann im folgenden Jahr mit einem relativ kleinen Budget. Was damals fernab im Schloß begann, hat heute weitreichende Konsequenzen für die gesamte Datenverarbeitungsindustrie und für die Anwender. Laufendes Budget: 40 Millionen Mark, zusätzlich Projektverantwortung für etwa 180 Millionen Mark Bonner Fördermittel. Gesamt-Mitarbeiterstab: Heute 250 Wissenschaftler und für das gesamte Drum und Dran weitere 350 Mann. Das alles ging nicht arg schnell, mußte nicht die Effizienz dabei leiden?

K.: Während der Jahre 1970 bis 1974 erfolgte in der Tat ein sehr rascher Ausbau. Das hat sich seit 1974 geändert und führte zu einer Konsolidierung.

- Kam diese Expansion auf eigenen Wunsch? Will die GMD zu einem alles regelnden Wasserkopf werden?

K.: Das will sie nicht und wollte sie nicht. Der stürmische Ausbau erfolgte im Rahmen der mit sehr großem Elan vorangetriebenen Förderprogramme der Bundesregierung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung. Dazu gehörte ja auch der uns übertragene Aufbau einer leistungsfähigen Projektträgergruppe.

- Im Karneval hieß es über die GMD und ihr Schloß: "Dort liegt auf der Anhöhe ein wunderbares Schloß, weitab von der Praxis in der Natur ihrem Schoß. Drin sitzen viel hundert Gelehrte herum, die haben, wenn überhaupt, dann nichts Böses im Sinn." Nun ist Karneval immer lustig und kritisch - aber wie erklären Sie sich, daß die GMD draußen nicht immer das beste Image hat?

F.: Hierbei handelt es sich um Nachwirkungen einer wechselvollen Entwicklung, bei der die GMD zunächst sehr stark universitäts-orientiert war. Das heutige Bild der GMD kann sich sehen lassen, muß aber in der Öffentlichkeit deutlicher zur Darstellung kommen.

- Bei den verschiedenen kritischen Äußerungen über die GMD wird vielfach fälschlich unterstellt, daß hier auf Schloß Birlinghoven die Fördergelder verteilt werden. Das muß wohl korrigiert werden?

F.: Zunächst möchte ich darauf hinweisen, daß die GMD drei Aufgaben erfüllt. Ihre wichtigste Aufgabe besteht in der Forschung und Entwicklung im Bereich der DV. Des weiteren hat sie Auftragsforschung übernommen für fremde Auftraggeber, vornehmlich aus dem öffentlichen Bereich, zunehmend aber auch in Kooperation mit der DV-Industrie. Und schließlich übernimmt die GMD Dienstleistungen, indem sie beispielsweise für den Bund die Projektträgerschaft übernimmt für die Förderung im Bereich der DV-Systeme und der DV-Technologie sowie der integrierten Informationssysteme und auch der Standardsoftware. Zusätzlich erfüllen wir Aufgaben im Bereich der Ausbildung, der Normung und des Angebots von Rechenkapazität für die öffentliche Hand.

- Projektträgerschaft für etwa 180 Millionen Mark BMFT-Gelder - was heißt das eigentlich im einzelnen?

K.: Projektträgerschaft heißt, daß wir für den Bund als Auftraggeber gewisse Geschäftsstellen-Funktionen bei der Betreuung der Förderungsprogramme erfüllen. Im einzelnen fällt darunter die Prüfung der Anträge und ihre Bewertung zur Vorbereitung der Beratungen in den Sachverständigengremien und der Entscheidung des BMFT. Diese Sachverständigengremien bestehen nicht bei der GMD sondern beim Bund und beraten diesen bei seiner Entscheidung. Erst wenn diese vorliegt, wird wieder die GMD mit der Durchführung und Abwicklung der Beschlüsse beauftragt.

- Der zweite Tätigkeitsschwerpunkt der GMD ist die Auftragsarbeit für die öffentliche Hand. Hier wird die GMD, ähnlich wie ein Softwarehaus der seine Unternehmensberatung mit der Realisierung von DV-Projekten bei Bund, Ländern und Kommunen beauftragt - und zwar in direkter Konkurrenz zu Softwarehäusern und Beratungs-Unternehmen. Die Mitbewerber bezeichnen das vielfach als schmutzige Konkurrenz.

F.: Wo immer der Staat oder die öffentliche Hand sich betätigen, gibt es Konkurrenz zu privaten Kräften. Etwa, wenn der Staat Nahverkehrsmittel betreibt oder für seine Bediensteten Häuser baut. Niemand wird es einem großen Unternehmen versagen wollen, entsprechende Ressourcen für den eigenen Bedarf aufzubauen, man muß daher dem Bund auch zubilligen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen für die Bewältigung seiner Aufgaben zu schaffen.

K.: Man sollte auch sehen, daß die GMD Auftragsprojekte vornehmlich im Bereich der Erschließung neuer Entwicklungen durchführt. Hiermit wird sie Schrittmacher neuer Anwendungsfelder für die Softwarehäuser. Wenn wir Softwarehäusern fünf Prozent wegnehmen, erschließen wir gleichzeitig 40 Prozent neuer Möglichkeiten.

- Die Softwarehäuser kritisieren gelegentlich die Doppelfunktion der GMD: Einerseits Konkurrenz, andererseits Begutachter der Projekte, für die Software-Firmen Bundesförderung beantragen. Es wird als unhaltbar angesehen, daß man hierbei die neuen Konzeptionen und Erkenntnisse seiner Konkurrenz zu offenbaren hat. Ganz eindeutig ist Mißtrauen im Spiel.

K.: Die mit den Projektträgerschaften in der GMD allein betraute "Abteilung für Projektmanagement" sitzt hier auf dem Gelände schon ganz weit ab - draußen am Zaun - und das ist mehr als nur symbolisch, es gilt auch organisatorisch. Erst am Vorstandstisch treffen die Berichtswege zusammen. Es bestehen hier klare schriftliche Abgrenzungsregelungen in der GMD. Es ist völlig unmöglich, daß Mitarbeiter der Entwicklungsinstitute der GMD zum Zwecke ihrer eigenen Arbeit Einblick in Unterlagen von Antragstellern nehmen können. Lediglich der Vorstand hat Einblick in beide Geschäftszweige der GMD. Wer was weiß und dennoch von berechtigtem Mißtrauen spricht, unterstellt dem Vorstand große Pflichtverletzung.

- Nun wird es neue Unruhe geben: Auf der heutigen Pressekonferenz der GMD wurde bekanntgegeben, daß die GMD zukünftig mit Siemens direkt kooperieren wird. Dabei wird Know-how ausgetauscht und Entwicklungsergebnisse sollen wechselseitig genutzt werden. Entsprechende Verbindungen werden mit dem Hause Nixdorf und anderen deutschen Herstellern angestrebt. Entsteht den Softwarehäusern nicht erneut Konkurrenz durch die GMD, zumindest doch wohl denen, die sich um Entwicklungsaufträge von den Herstellern bemühen? Das schafft doch sicherlich erneut böses Blut?

F.: Sie kennen den Spruch "Wie man es macht, ist es verkehrt". In dem von Ihnen zitierten Karnevalsspruch wirft man uns vor, daß wir zu wenig anwendungsorientiert arbeiten und uns im wissenschaftlichen Elfenbeinturm bewegen. Hier beginnen wir stärker mit der Industrie zusammenzuarbeiten und nun befürchtet man eine Verstärkung der Konkurrenz-Situation. Wir nehmen das in Kauf, weisen aber darauf hin, daß sich unsere Zusammenarbeit vornehmlich im Vorfeld der industriellen Entwicklung abspielt, in dem Softwarehäuser und Beratungsunternehmen nur bedingt tätig werden.

- Verlagern Sie sich auch in Ihren anderen Arbeiten, also auf dem Gebiet der eigenverantwortlichen Forschung, in das Vorfeld der Industrie, oder werden Sie weiterhin eher die Grundlagenforschung betonen?

K.: Ich freue mich, daß diese Frage gestellt wird, weil sie mir Anlaß gibt, noch einmal zu betonen, daß die satzungsgemäßen Aufgaben der GMD Forschung und Entwicklung sind, was sich auch darin zeigt, daß in der Projektträgerschaft von den 250 wissenschaftlichen Mitarbeitern nur 20 tätig sind. So ist es eigentlich schade, daß die viele Publicity und die berechtigte Aufmerksamkeit für die Projektträger-Aufgabe der GMD - schließlich geht es um sehr viel Geld - das Gesamtbild der GMD einseitig verzerrt haben. Wir sind und bleiben in erster Linie eine Forschungseinrichtung, allerdings ihre Forschungsaufgaben zunehmend an den Erfordernissen der Praxis ausrichtet.

- Was im einzelnen sind Ihre kommenden Forschungsschwerpunkte?

K.: Wir werden uns künftig besonders folgenden Arbeitsschwerpunkten zuwenden - und hierbei Auftragsprojekte wegen des erforderlichen Praxisbezuges einbeziehen: Entwicklung von Systemmodellen und Planungs- und Entscheidungssystemen für den öffentlichen Bereich. Zweitens: DV-Einsatz in der Büro- und Verwaltungs-Automation, damit verknüpfte Dialog- und Kommunikationssysteme. Ferner Entwicklungen auf dem Gebiet der Informations-Verbundsysteme. Ganz wichtig sind: Prototypische Entwicklungen auf dem Gebiet der Datenfernverarbeitung, etwa der Aufbau eines prototypischen Netzes und die Entwicklung der dazugehörigen Implementierungskonzepte. Weitere Aufgaben sind: Neue Konzepte im Bereich der Rechnerarchitektur und Methodische Entwicklungen zur Software-Technologie. Besonders wichtig ist uns auch die Beherrschung der sozialen, politischen und rechtlichen Auswirkungen der Datenverarbeitung und die Erschließung neuer Funktionen der Datenverarbeitung in Staat und Gesellschaft.

- Den Anwender wird interessieren, wie er von diesen - nicht zuletzt mit seinen Steuergeldern mitfinanzierten Arbeiten in seiner Praxis profitieren kann.

F.: Zunächst sind wir gehalten, alle unsere Forschungs- und Entwicklungsergebnisse zu publizieren. Ferner bieten wir allen interessierten Stelle unsere Beratung an, diese anwendungsbezogene Innovations-Beratung führen wir in der Regel kostenlos durch. Schließlich verweise ich noch auf unsere Ausbildungs- und Präsentationsveranstaltungen im Informatik-Kolleg hin. Wir sind an einer engen Zusammenarbeit mit Softwarehäusern und Herstellern, aber auch mit Anwendern interessiert. Wer diese Chance ernsthaft genutzt hat, erhielt sicherlich wertvolle Anregungen.

Prof. Dr. Fritz Krückeberg (45)

studierte Mathematik und Physik an der Universität Göttingen (1961: Dr. rer. nat.). Nach seiner Habilitation an der Universität Bonn im Jahre 1964 wurde er Leiter des Universitäts-Rechenzentrums Bonn. Auf "Instrumentelle Mathematik" spezialisiert, erhielt er 1969 einen Lehrstuhl an der Universität Bonn und wurde im folgenden Jahr wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, Schloß Birlinghoven. 1975, nach einer Reorganisation der GMD-Satzung, wurde diese Funktion neu betitelt. Seither ist Krückeberg Vorsitzender des Vorstandes der GMD.

Dr. Hugbert Flitner (47)

ist seit Mai 1975 Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der GMD, zuständig für den administrativen Bereich. Die für diese Funktion laut GMD-Satzung erforderliche Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst erwarb Flitner durch Studium der Rechtswissenschaft (Promotion 1961 an der Universität Hamburg und durch Referententätigkeit an der Universitätsverwaltung Köln und in den Kultusministerien in Düsseldorf und Hannover. 1963 bis 1971 leitete er das Referat für Geistes- und Sozialwissenschafter bei der Stiftung Volkswagenwerk Hannover, 1971 bis 1975 war er Vorstandsmitglied der Fritz-Thyssen-Stiftung Köln.