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16.03.1990 - 

Für Prestigeprojekte werden wertvolle Ressourcen verschendet

Bei der Informationstechnik hat Europa den Anschluß verloren

Der künftigen Telekommunikations-Infrastruktur in Europa kommt zentrale Bedeutung für die Effizienz der Infrastruktur im Bereich aller Industrien und Verwaltungen zu. Mehr als 50 Prozent des Bruttosozialproduktes werden auf die eine oder andere Art von der Verfügbarkeit und dem Einsatz moderner Informations-Technologien beeinflußt werden.

Die Größe der Geschäfte und der ständige Bedarf an moderneren Technologien sind die treibenden Kräfte für technologische Neuerungen. Dies wird sich nicht nur auf die Informations-Technologie selbst, sondern auch positiv auf andere Anwendungsbereiche auswirken. Das Engagement bei der Entwicklung moderner Informations-Technologien wird daher einen Innovationsschub in allen Technologiebereichen zur Folge haben.

Informationstechnologie befruchtet die Industrie

Die Informationstechnologie wird in den Bereichen Software und Mikroelektronik vorangetrieben. Eine wettbewerbsfähige industrielle Position in den Bereichen Software und Mikroelektronik ist das zentrale Element für eine Marktführerschaft in der Informationstechnologie auch Europas. Die Industrie der Informationstechnologie befindet sich weltweit in einem Prozeß weitgehender Umstrukturierung. Die neuen Strukturen ergeben sich zwangsläufig aus den Herausforderungen des Informationszeitalters. In der Vergangenheit war die IuK-Industrie in spezifische Segmente unterteilt, Datenverarbeitung, Unterhaltungselektronik, Telekommunikation. Das Geschäft wurde von der Technologie geprägt und war produktorientiert. Die Industriestruktur war mehr oder weniger monolithisch, wobei natürliche und tatsächliche Monopole existierten und die Märkte klar reguliert waren.

Das alles ändert sich nun schnell. Die Zukunft gehört Unternehmen, die ihre Politik mit unternehmerischem Schwung auf den Markt und den Bereich der Dienstleistungen konzentrieren. Diese Unternehmen werden den freien Wettbewerb fördern und werden in der Lage sein, schnell auf Marktänderungen zu reagieren.

Und die Märkte werden sich ständig ändern. Die traditionellen Bereiche Telekommunikation, Datenverarbeitung und Unterhaltungselektronik mit den dazugehörenden Dienstleistungen verschmelzen zu dem neuen Bereich der "lnformationsindustrie. Die strategische Marktsegmentierung findet nicht mehr im Zusammenhang mit einzelnen Technologien statt, sondern orientiert sich am angebotenen Mehrwert. Hersteller, Systemintegratoren, Netzwerkbetreiber und Dienstleistungsfirmen werden in den wichtigen strategischen Segmenten aktiv sein.

Dieser Wandel des Informationsmarktes stellt eine Herausforderung für die Industrie dar. Allerdings zeichnet sich noch nicht ab, daß die Industrie entsprechend zusammenwächst. Im Augenblick findet eine entgegengesetzte Entwicklung statt. Computerhersteller trennen sich von ihren Telekommunikations-Aktivitäten und Telekommunikations-Hersteller trennen sich von ihren Computer-Aktivitäten.

Von zentraler Bedeutung ist, daß die europäischen Ressourcen in den Bereichen Telekommunikation und Informationstechnologie allgemein verfügbar werden. Mit der Öffnung der meisten Märkte wird die Verbesserung der Qualität und Flexibilität der Kommunikations- und Informations-Infrastruktur eines Landes zwingend notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie auf dem Weltmarkt wird mehr und mehr davon abhängen, ob Kommunikationsnetzwerke so effizient eingesetzt werden, daß alle Produktionsschritte und -Faktoren optimal koordiniert werden. Die Frage, ob europäische Unternehmen einen entsprechenden Zugang zu solchen Netzwerken haben, sei es hier oder auch in Übersee, hat einen direkten Einfluß auf die Zukunft unserer Wirtschaft. Dies hat wiederum zur Folge, daß somit auch die Lebensqualität, die unsere Wirtschaft realisieren kann, ebenfalls weitgehend von dieser Frage abhängt.

Die Informationsindustrie hat sich von der bescheidenen Rolle der Unterstützung der Wirtschaft im Industriezeitalter zur zentralen Infrastruktur des Informationszeitalters entwickelt. Die Fragen, mit denen die Informationsindustrie angesichts der Herausforderungen des 21sten Jahrhunderts konfrontiert ist, sind somit von äußerster Wichtigkeit und sollten daher auch im politischen Leben entsprechende Bedeutung erhalten.

Bis jetzt konnte Europa noch keine erfolgreiche Position dort erlangen, wo es um die technischen und sozialen Neuerungen geht, die Folge des Informationszeitalters sind. In Europa fehlt immer noch das klare Bewußtsein der wirtschaftlichen Bedeutung mit der Folge, daß Ansätze in diese Richtung nicht richtig fundiert sind.

Uneffiziente Einzelinitiativen vermeiden

Die USA und Japan haben eine eindeutige Führungsposition in der Informationstechnologie und der Unterhaltungselektronik übernommen. Während Europa immer noch traditionell stark im Bereich Telekommunikation ist, besteht die Gefahr, daß auch diese Position angesichts der aktuellen und fundamentalen Änderungen nicht gehalten werden kann. Die Verzögerung, die durch Entwicklung, industriellen Einsatz und Markteinführung entsteht, zusammen mit uneffizienten Einzelinitiativen (im Vergleich zu den USA und Japan), kann zur Folge haben, daß die europäische Technologie überholt ist, bevor sie kommerziell verfügbar ist. Der starke Antrieb durch die Nachfrage wie in den USA oder der starke Technologieschub wie in Japan sind in Europa bei weitem nicht so ausgeprägt. Trotzdem verfügt Europa immer noch über eine eindeutige Führungsposition in der konzeptionellen Entwicklung von modernen Kommunikationsanwendungen.

Europa braucht dringend ein integriertes Konzept für die Informationstechnologie. Leider hängt die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Informationstechnologie-Industrie nicht nur von der Verbesserung einzelner Faktoren im Innovationsprozeß ab, zum Beispiel durch Programme wie RACE, Esprit und Eureka (oder von Technologieprojekten wie Jessi oder HDTV). Diese Projekte sind zwar effizient und gut organisiert, aber dennoch individuell.

Europa kümmert sich noch zu sehr um überholte Strukturen, Prestigeprojekte und unproduktive Bereiche. Somit werden wertvolle Ressourcen verbraucht und können dort nicht eingesetzt werden, wo sie dringend für die Herausforderungen der Zukunft benötigt werden, zum Beispiel im Bereich der Informationstechnologie.

Europa verliert in der IuK-Technik an Boden

Europa verliert auch Boden in den Bereichen Informationstechnologie, Telekommunikation und Dienstleistungen. Der Marktanteil der europäischen Industrie im Weltmarkt für Elektronik ist von 36 Prozent im Jahr 1975 auf 25 Prozent im Jahr 1985 gesunken. Im gleichen Zeitraum sank der amerikanische Marktanteil von 45 Prozent auf 40 Prozent. Gleichzeitig konnten Japan und Südost-Asien ihren Anteil von 19 Prozent auf 35 Prozent steigern.

Die europäische Informationstechnologie-Industrie hinkt hinter den amerikanischen und japanischen Mitbewerbern hinterher, und das trotz 20 Jahre Unterstützung von Regierungsstellen. Dies ist eine schlechte Ausgangsposition für die 90er Jahre.

Europa hat nie über eine starke zentrale Stelle verfügt, die die Informationstechnologie mit dem gleichen Engagement fördert wie das japanische MITI oder das amerikanische Verteidigungsministerium. Allerdings sind die von der EG geförderten Projekte ein hoffnungsvoller Beginn.

Im Elektronikbereich wies die europäische Handelsbilanz 1975 im Vergleich zum Weltmarkt immer noch einen Überschuß aus. Dies änderte sich aber bis 1985, als die Handelsbilanz ein Defizit von 13 Milliarden Dollar auswies. Prognosen besagen, daß, wenn keine sofortigen und wirkungsvollen Maßnahmen getroffen werden, das Defizit 1993 33 Milliarden Dollar betragen wird. Dabei ist es nur ein schwacher Trost, daß sich die amerikanische Position im gleichen Zeitraum ebenfalls verschlechtert hat, und zwar von einem Überschuß 1975 von 2,1 Milliarden Dollar auf ein Defizit 1985 von US$ 12,4 Milliarden Dollar. Die Gewinner sind die Japaner: von einem Überschuß 1975 von 4,4 Milliarden auf 42 Milliarden Dollar im Jahr 1985.

Europa investiert immer noch weitaus weniger in die Entwicklung von Informationstechnologie als der Mitbewerb. Allerdings entscheiden die Investitionen von heute über die Marktanteile von morgen. Die USA investieren 0,62 Prozent des Bruttosozialproduktes in Forschung und Entwicklung der Informationstechnologie, Japan 0,51 Prozent und Europa lediglich 0,39 Prozent.

Ein Vergleich des Pro-Kopf-Verbrauchs von Mikroelektronik zeigt einen ähnlichen Trend. 1988 lag dieser Wert in Japan bei 100 ECU, in den USA bei 50 ECU, 30 ECU in der BRD und nur zirka 15 ECU für Europa. In der Mikroelektronik lag der europäische Weltmarkt-Anteil nur bei zehn Prozent, während der Wert für Elektronik bei 20 Prozent lag.

EG muß durchgängigen Ansatz fördern

Die EG muß einen einheitlichen und durchgängigen Ansatz in der Informationstechnologie fördern. Im Bereich der Informationstechnik wird die Zukunft nicht von der Leistung einzelner Technologien, Unternehmen, Nationen oder Wirtschaftsblöcken geprägt werden. Daraus ergibt sich ein Bedarf nach einem gesamteuropäischen Vorgehen. Europa muß ebenfalls akzeptieren, daß die Informationstechnologie mit globalen Strategien vorangetrieben werden muß. Und Europa muß sich auch darauf vorbereiten, die amerikanischen und japanischen IT-Ressourcen konstruktiv zu integrieren.

Die Informationstechnologie und Telekommunikation sind mehr als nur spezifische Industriebereiche mit isolierten Aktivitäten. Diese Bereiche tragen zur Produktivität und internationalen Wettbewerbsfähigkeit einer großen Anzahl von Zuliefererindustrien und Dienstleistungssektoren bei. Europas industrielle Zukunft und internationale Wettbewerbsfähigkeit hängt also weitgehend vom umfangreichen, aktiven und auch aggressiven Einsatz der Informationstechnologie ab.

Im Bereich der Unterhaltungselektronik hat Europa bereits seine frühere Führungsrolle verloren. Eine vergleichbare Stellung in der Datenverarbeitung konnte nie erreicht werden. Die traditionell starke Position im Bereich der Telekommunikation stellt die nächste Herausforderung dar. Diese Herausforderung sollte besser nicht verpaßt werden. Der Bereich der Telekommunikation könnte für Europa eine neue Möglichkeit darstellen, verlorenen Boden in der Informationstechnologie gutzumachen.

Im neuen Informationszeitalter wird die Telekommunikation eine entscheidende Rolle spielen. Die Telekommunikation ist das primäre Transportsystem des Informationszeitalters und die großen Telekommunikations-Netzwerke befördern bereits einen größeren Warenwert als sämtliche Supertanker der Welt zusammen.

Traditionell war die Telekommunikation die Sprachkommunikation. Die Telefon-Infastruktur ist die größte zusammenhängende Maschine der Welt. In die öffentlichen Telefonnetze wurden mehr als 500 Milliarden ECU investiert und mehr als 600 Millionen Benutzer haben weltweit Zugang zu diesen Netzen. Europa hat zur weltweiten Entwicklung der Sprach-Telekommunikation entscheidend beigetragen.

Im Informationszeitalter handelt es sich nicht mehr nur um Sprache. Die Kommunikation von Daten, Grafiken und Video-Informationen stellt die zukünftigen Wachstumsmärke dar. Dabei muß eine große Anzahl neuer Dienstleistungen erbracht werden.

Die "elektronischen Werkzeuge" des Informationszeitalters bieten ein noch nicht einmal ganz ausgeschöpftes Potential sich persönlich weiterzuentwickeln, fördern individuelle Kreativität und tragen somit zur Freiheit des einzelnen bei, und zwar mehr, als vor einem Jahrhundert die Entwicklung des Autos. Die richtige Bewertung dieses Potentials und seine Kapitalisierung erfordern ein klar definiertes und starkes Engagement für eine moderne europäische Kommunikationspolitik.

Ein modernes europäisches Telekommunikationssystem

wird der europäischen Wirtschaft, Gesellschaft, Industrie und Politik fundamentale Möglichkeiten eröffnen.

Das Bruttosozialprodukt der EG hat in den letzten 25 Jahren einen bedeutenden Wandel der Anteile der einzelnen Hauptbereiche erlebt: Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen. Dabei fand ein bedeutender Rückgang in den traditionellen Industriebereichen und der Landwirtschaft statt während sich gleichzeitig der Dienstleistungsbereich stark entwickelte.

Diese Änderungen lagen nicht nur an der schnellen Entwicklung der Informationstechnologie, sie werden aber die treibende Kraft für weitere Entwicklungen in den Dienstleistungsbereichen der Informationstechnik und Telekommunikation sein. Der freie Zugang zu den modernsten Informationsdienstleistungen wird ein zentrales Element für die Wettbewerbsfähigkeit in allen Wirtschaftszweigen darstellen.

Die neuen Dienstleistungen in der Telekommunikation, spezielle Mehrwertdienste über Telekommunikationsnetze, werden einen großen Einfluß auf die Marktfähigkeit von Dienstleistungen haben sowie auf die Wahl von Wirtschaftsstandorten. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden bis zu sieben Prozent des Bruttosozialproduktes der EG aus der Telekommunikation und damit zusammenhängenden Dienstleistungen stammen, im Vergleich zu drei Prozent heute. Anfang der 90er Jahre wird sich die Telekommunikation zu einem der größten Industriebereiche entwickelt haben.

Die Telekommunikationspolitik hängt eng mit den anderen politischen Zielen der Europäischen Gemeinschaft zusammen: Öffnung des Binnenmarktes 1992, Realisierung der europäischen Einheit in Forschung und Entwicklung im Technologiebereich und Stärkung des europäischen Zusammenhanges. Die Entwicklung einer EG-weiten Telekommunikations-Infrastruktur und leistungsfähiger Dienstleistungen ist für das Erreichen der Ziele des Binnenmarktes unerläßlich.

Wenn sich die Telekommunikation in Europa nicht den Herausforderungen des Informationszeitalters stellt, werden die Konsequenzen sehr schwerwiegend sein.

Europas Wettbewerbsfähigkeit auf Verwaltungs- und Industrieebene wird solange zurückhängen, bis Europa eine geeignete und wettbewerbsfähige Kommunikationsinfrastruktur bereitstellt. Sollte Europas Telekommunikationsindustrie ihre starke Position im Weltmarkt verlieren, dann würde Europa damit eine der letzten Führungspositionen im Elektronikbereich abgeben.

Annahme der Herausforderung ist ein Imperativ

Die Herausforderungen des Informationszeitalters anzunehmen ist also für die europäische Telekommunikationsindustrie ein Imperativ, einerseits aufgrund der Bedeutung einer modernen Telekommunikationsinfrastruktur und der damit zusammenhängenden Vorteile für die Telekommunikationsindustrien, andererseits aufgrund der allgemeinen Erneuerungsstrategien der EG.

Die USA und Japan haben auf diese Herausforderung bereits geantwortet und ihre Telekommunikationsindustrien, unterstützt von großen und innovativen nationalen Märkten, kämpft aggressiv um die technische und wirtschaftliche Führungsposition auf dem Weltmarkt. Europas Telekommunikationsindustrie muß sich immer noch mit einem Markt begnügen, der von Normen und Betriebsvorschriften geprägt ist und in dem die Betreibergesellschaften immer noch auf traditionelle Art arbeiten, ohne Rücksicht auf Markttrends zu nehmen.

Kostenaspekt zwingt auf einzig gangbaren Weg

Europas wirtschaftliche und industrielle Zukunft braucht die gesamteuropäische Perspektive. Der Aspekt der Kostenersparnis in Produktion, Betrieb und Forschung macht den gesamteuropäischen Ansatz für alle innovativen Technologien zum einzig gangbaren Weg. Ein vereinigter europäischer Markt ist daher nicht nur eine Herausforderung, sondern unerläßlich für die europäische Wettbewerbsfähigkeit. Die Telekommunikations-Infrastruktur braucht eine europäische Lösung.