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10.02.1984

"Bei einer Gebührenerhöhung dürften viele Anwendungspläne in der Schublade verschwinden." Mit Unternehmensberater Bete lcks, DankerodeRautenberg, sprach DFÜ-Spezialist und -Anwender Klaus Anzinger, Köln

-Böse Zungen behaupten, Btx würde sich zum Flop des Jahrzehnts entwickeln. Guten Tag Herr Icks, was meinen Sie als Communications Consultant dazu?

Lieber Herr Anzinger, wir Menschen machen bei allen Neuerungen Erfahrungen durch, die sich entsprechend dem zeitlichen Ablauf in die Kategorien Begeisterung, Ernüchterung und Reife einordnen lassen. Wenn jemand vom Flop spricht, so müßte man erst herausfinden, in welcher Phase er sich befindet. Die Phase der Reife jedenfalls kennzeichnet den mündigen User, der nicht nur um die Chancen weiß, sondern auch die Risiken des Einsatzes von Btx erkennt.

- Geben Sie unseren Lesern doch ein paar Tips, wo besondere Risiken auf den

Btx-Anbieter lauern!

Wenn ich davon ausgehe, daß das technische Risiko vorübergehender Natur ist, dann sehe ich im wesentlichen vier Risikobereiche, mit denen Btx-Anbieter konfrontiert sind. Es handelt sich dabei um

- die Kostenhöhe, die sich wegen der komplizierten Gebührenstruktur der Post nicht sicher bestimmen läßt

- die Unwägbarkeiten beim Rechnerverbund hinsichtlich der Kosten und des Betriebs

- das Feststellen des kalkulatorischen Personalaufwands für die Planung und den laufenden Betrieb sowie

- das Vermeiden immaterieller Schäden.

- Immaterielle Schäden durch Btx, davon hat noch keiner gesprochen, was meinen Sie damit?

Mit Btx präsentieren sich die Unternehmen in direkter Weise der breiten Öffentlichkeit. Schreibfehler, stümperhafte Grafiken, ungünstige Farbkombinationen, veraltete Texte, fehlerhafte Verzweigungen und Anbindungen und so weiter tragen bestimmt nicht zu einem guten Firmen-Image bei. Hier möchte ich fast sagen: Wer viel arbeitet, macht auch viele Fehler. Daß Btx kein leichtes Medium ist, sehen Sie an den relativ wenigen Seiten, die der Btx-Macher IBM bis heute selbst im System verfügbar hat. Dem Btx-Erscheinungsbild müssen die Verantwortlichen mindestens dieselbe Bedeutung beimessen, wie dies bei Geschäftsbriefbögen der Fall ist.

-Das ist fürwahr ein interessanter Aspekt. Die Aktion "Saurer Apfel" der Btx-Zeitschrift kann man in diesem Zusammenhang eigentlich nur begrüßen. Herr Icks, vor unserem Interview sagten Sie, daß Revision und Kontrolle von Btx-Anwendungen mittlerweile zu Ihrem Beratungsschwerpunkt geworden sei. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Über die immaterielle Seite haben wir schon gesprochen. Die materielle ist nicht weniger wichtig. zum einen haben wir da die echten Geldausgaben und zum anderen den Zeitaufwand des eigenen Personals für die Betrieb. Sie glauben gar nicht, wie viele Mann-Monate schon verbraten worden sind, von denen die Verantwortlichen gar nichts wissen. Die BTX-Beauftragten in den Unternehmen können heute meistens noch frei walten und gestalten. Daraus entsteht jedoch eine Eigendynamik, manchmal kann man auch von Selbstbefriedigung sprechen, die nur noch schwer gebremst werden kann. Ähnliches kennen wir schon von der überraschenden Verbreitung der Personal Computer in den Großunternehmen. Deshalb brauchen wir auch bei der Entwicklung von Btx-Anwendungen klare Zielvorgaben, und zwar vor allem dann, wenn die Btx-Spiel- und Versuchszeit zur Ende geht.

-Herr Icks, wenn wir uns einmal der Nutzen-Seite zuwenden, welche Anwendungsfelder können Sie bei Btx generell empfehlen?

Btx ist generell für alle Zwecke der Öffentlichkeitsarbeit, der Werbung sowie des allgemeinen Kundendienstes (Tips, Hilfen, Aufklärung etc.) geeignet. Denken Sie beispielsweise an die meist schwer verständlichen allgemeinen Versicherungsbedingungen oder an die öffentlichen Verwaltungen, die die Bürgernähe suchen. Hier können sehr vorteilhafte Anwendungen entstehen. Es sollte aber immer darauf geachtet werden, daß die Angebotsinformationen möglichst statisch sind, das heißt, daß der Änderungsumfang und die

Änderungsfrequenz möglichst klein gehalten werden sollen.

-Allgemein hört man, daß der Versandhandel, die Geldinstitute, die Reiseunternehmen und ähnliches dem Btx große Chancen einräumen. Ihrer letzten Antwort nach teilen Sie diese Meinung nicht ganz vorbehaltlos, oder?

So ist es. Sie alle haben zum Beispiel das Problem der Rechtssicherheit. Geschäfte erlangen nur dann Gültigkeit, wenn eindeutige Willenserklärungen vorliegen. Der Wille ist in der Regel dann eindeutig, wenn die Person durch Unterschrift oder Handlungsweise ihre Absicht klar zu erkennen gibt. Grundsätzliche Voraussetzung ist in beiden Fällen die zweifelsfreie Identifikation einer Person.

Beim Btx-Dienst wird von der Post der Teilnehmeranschluß identifiziert, nicht jedoch die Person. Zum Inkasso von gebührenpflichtigen Seiten von Btx-Anbietern mag das noch ausreichend sein. Bei Waren- oder Geldgeschäften werden jedoch höhere Rechtsansprüche gestellt. Der Versandhandel hält es mit Btx wie bei den telefonischen Bestellungen. Wenn der Kunde die gelieferte Ware nicht annimmt, wird die Ware auf eigene Kosten zurückgenommen. Bezahlt der Kunde aber die Warenrechnung, so hat er durch diese Handlungsweise seinen Willen im nachhinein rechtsverbindlich erklärt.

Dies ist die gängige Praxis, da die Kosten für etwaige Warenrücknahmen insgesamt niedriger sind, als das vorherige Feststellen der Willensgültigkeit. Im Bereich des Homebanking versucht man eine Absicherung mittels persönlicher Codewörter. Für Geldtransaktionen wird dem Kunden zusätzlich ein Kontingent von nur einmalig verwendbaren Schlüsselzahlen zur Verfügung gestellt. In Verbindung mit einem Betragslimit ist die Sicherheit dieser Rechtsgeschäfte schon sehr hoch, aber eben doch nicht ganz 100 prozentig. Große Hoffnungen werden auf die Codekarte mit integriertem Mikroprozessor gesetzt, für die ab Anfang 1985 ein Posttest vorgesehen ist. Die deutschen Geldinstitute sollen sich schon auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt haben.

- Wenn ich das richtig interpretiere, dann kommt diese IC-Karte erst ab 1986 zum Masseneinsatz. Gibt es denn sonst noch geschäftliche Nutzungspotentiale, die sich schneller

und sicherer realisieren ließen?

Über ein Anwendungsgebiet haben wir heute noch nicht gesprochen, und zwar über die geschlossenen Benutzergruppen. So wäre es denkbar, daß zum Beispiel eine Versicherungsgesellschaft ihren ganzen Außendienst über Btx informiert und steuert. Btx wird dann als firmeninternes Nachrichtentransportnetz eingesetzt. Auch wenn ein Fernsehgerät als Terminal bereits vorhanden sein sollte, so darf man die Nachteile dabei nicht übersehen. Denn Btx-Decoder kosten auch Geld, und die Post kassiert im Gegensatz zu einem klassischen

DFÜ-Netz bei Btx dann doppelt, und zwar beim Telefon und bei Datex-P. Ferner steht der Preis eines asynchronen TTY-Bildschirmterminals dem Preis eines Zweitfernsehgeräts kaum mehr nach. Besonders bei der geschäftlichen Nutzung macht sich die schlechte Übertragungsleistung des Btx-Modems DBT03 bemerkbar.

1200 Bit/s in der einen Richtung geht ja noch, aber 75 Bit/s überfordert die menschliche Geduld. Ganze 200 Sekunden, also mehr als 3 Minuten, habe ich kürzlich einmal bei der Übertragung einer kompletten Bildschirmseite mit der Uhr gestoppt. Sie merken diesen Effekt besonders auch beim Seitenaufbau mittels DCRS-Zeichen. Btx-Grafiken sollten deshalb von vornherein immer auf ein Minimum reduziert werden. Ändern wird sich diese Sachlage so schnell nicht, da müssen wir schon auf das schnellere ISDN warten.

- Sie sprechen eben von der doppelten Kasse der Post. Derzeit hört man so manches über Gebührenerhöhungsabsichten der Post, wie zum Beispiel bei Datex-P, über das ja der Rechnerverbund abgewickelt werden mußte. Ist da etwas Wahres dran?

Leider ja. Die Post versucht, wohlgemerkt versucht, die Gebührenschraube auf ziemlich allen Gebieten anzuziehen. Bei den Datex-Netzen möchte sie die Gebühren kurzfristig

im Durchschnitt etwa um mindestens 50 Prozent anheben. Wenn sich die Post durchsetzen kann, dann sehe ich schon den Bumerang auf den Monopolisten zurückkehren. Denn bei Btx handelt es sich um nicht substituierbare, das heißt neue Anwendungsformen. Wegen der volumenabhängigen Gebührenstruktur bei Datex-P kann man als Informationsanbieter die Übertragungskosten sowieso kaum verläßlich planen. Bei einer Gebührenerhöhung in dieser Größenordnung dürften dann viele Anwendungspläne in der Schublade verschwinden. Oder der Informationsanbieter verlangt entsprechende Seitenentgelte. Ob das die Informationsabnehmer wiederum mitmachen werden, möchte ich bezweifeln.

-Die Aussichten sind ja nicht gerade rosig. Der Frage nach dem Flop sind Sie zu Beginn dieses Interviews ein bißchen ausgewichen. Wird es einer?

Ich glaube schon, daß sich Btx insgesamt gesehen zumindest langfristig durchsetzen wird. Lediglich in der Geschwindigkeit der Marktdurchdringung könnten meines Erachtens die Prognosen noch auseinandergehen. Daß das Btx-System als solches auch funktionieren wird, davon sollte man eigentlich ausgehen, egal, ob der Wirkbetrieb nun am 2. Mai 84 oder meinetwegen erst am 2. November 84 aufgenommen wird. Was spielt das schon für eine Rolle bei einem solchen Projekt, das über unser Jahrhundert hinaus Bestand haben wird.

-Der Btx-Markt ist ein Käufermarkt.

Je billiger das Angebot, desto größer die Nachfrage. Desto größer ist dann auch die Geschwindigkeit der Marktdurchdringung von Btx, oder nicht?

Ganz genau. Die Btx-Preise beziehungsweise die Btx-Kosten in den Unternehmen sind das Kernproblem der ganzen Sache. Mit den Preisen für das Modem und den Telefondoppelanschluß hat die Post weitsichtig gehandelt. Jetzt aber über eine Gebührenerhöhung bei Datex-P zu reden, ist vom Timing her gesehen mehr - als ungeschickt. Gleichzeitig sollen die privaten Haushalte rund 1000 Mark für einen Btx-Decoder hinblättern. Diese Konstellation bremst die gegenwärtigen Aktivitäten ganz gewaltig, wie ich von vielen meiner Kunden erfahren habe.

- Bei unserem letzten Interview vor fast genau einem Jahr brachten Sie über Btx den Spruch "Es gibt viel zu tun, warten wir's ab". Hat er sich im nachhinein gesehen denn bewährt?

Voll und ganz, er gilt eigentlich immer noch. Informationsanbieter und -Abnehmer bedingen sich doch gegenseitig. Keine der beiden Seiten kann alleine puschen. Beide Seiten werden sich im Laufe der Jahre gegenseitig hochschaukeln. Was sind schon 1 Million Teilnehmer im Jahre 1986v das sind gerade 5 Prozent unserer Haushalte.

- Zum Schluß noch die Frage: Was würden Sie Ihren Kunden hinsichtlich der Planung von Btx raten?

In Btx lieber etwas weniger, aber das dann richtig machen. Dazu meine ich auch, daß die Dezimalsystem-Struktur bei Btx konsequent eingehalten werden müßte. Manche Anbieter haben zum Beispiel Doppelseiten-Menues implementiert, was die Benutzung und Pflege unnötigerweise kompliziert. In Zweifelsfällen ist es günstiger, Risiken (Datensicherheit, Rechtssicherheit, Rechnerverbund, Kosten etc.) vorerst nicht einzugehen. Bei den neuen Informations- und Kommunikationstechniken sollte sowieso statt einer Nutzen-Bewertung besser eine Risiko-Bewertunq durchgeführt werden. Für alte Bix-Hasen, die sich mit Cept-Umstellungssorgen plagen: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!

- Lieber Herr Icks, wer könnte es trefflicher formulieren als Sie, wo Sie doch. auch ein alter Hase in diesem Geschäft sind. Ich darf der Hoffnung Ausdruck geben, daß wir um bald einmal wiedersehen können. Vielen herzlichen Dank.

Bete Icks ist Unternehmensberater aus Dankerode bei Rautenberg im Regierungsbezirk Bonn und weder verwandt noch verschwägert mit Jacky lckx

Unangenehme Wahrheiten satirisch verpackt

Kritische Distanz, Sachkenntnis und viel Skepsis spricht aus dem nebenstehenden (fingierten) Interview, das Klaus Anzinger, DFÜ-Spezialist der Deutschen Krankenversicherung, Köln, für die CW-Leser mit Bete Icks geführt hat. Leicht satirisch verpackt lassen sich einige unangenehme Wahrheiten über das Sorgenkind Btx, so kann man die einst so hoffnungsvolle

Speerspitze in der Innovationsstrategie der Bundespost wohl schon nennen, als mit erhobenem

Zeigefinger.Viel Spaß beim Lesen.