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06.11.1992 - 

Wechselnde Strukturen fördern Versagensängste

Bei nachlassender Leistung ein Coach auf Firmenkosten

Mit einem Programm, das alle Mitarbeiter in körperlichen, seelischen oder sozialen Krisensituationen unterstützen soll, versucht die Böblinger Hewlett-Packard GmbH einerseits, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden, andererseits aber auch, die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu erhalten.

Die nicht unbeträchtlichen betriebswirtschaftlichen Kosten des Alkoholismus sowie der Anspruch des Unternehmens, Mitarbeiter nicht nur als Arbeitskräfte zu betrachten, führten beim Böblinger DV-Hersteller Hewlett-Packard vor rund zwei Jahren zur Einführung eines Mitarbeiter-Beratungsprogramms, das Betroffenen im Rahmen und auf Kosten des Unternehmens Hilfestellung bieten soll.

Spezielles Alkohol-Beratungsprogramm

In der ersten Entwicklungsphase wollten die Verantwortlichen nur ein spezielles Alkohol- Beratungsprogramm entwickeln. Erst im Laufe der Beratungen, zu denen auch externe Fachleute herangezogen wurden, habe sich erwiesen, so Bernd Eßlinger, Personalleiter Hauptverwaltung, daß sich ein wirkungsvolles Beratungsprogramm nicht auf die Sucht-Thematik beschränken dürfe.

Zahlreiche andere Krisensituationen aus allen Bereichen das Lebens, so die Erkenntnis, wirken sich ebenfalls in der Arbeitswelt aus. So entstand in der Folgezeit ein umfangreiches Programm, das für HP-Mitarbeiter in allen Problemsituationen eine Anlaufstelle sein sollte. Oberster Grundsatz und Voraussetzung für den Erfolg ist dabei die absolute Vertraulichkeit der Berater.

Die Aufteilung der Berater in Externe und Interne wurde, wie es heißt, bewußt gewählt, um ein breites Spektrum abzudecken. Das Auswahlkriterium für die interne Ansprechpartner war in erster Linie deren soziales Engagement in Beruf und Privatleben. Der Lebenserfahrung wird ein hoher Stellenwert beigemessen. Ihre Aufgabe, für die sie durch Schulungen stets weiter ausgebildet werden, bestehe vor allem darin, dem betroffenen Mitarbeiter in einem ersten Gespräch Hilfe anzubieten beziehungsweise ihm gegebenenfalls eine gezielte Beratung zu empfehlen.

Betriebsintern fehlt professionelles Know-how

Die externen Berater mit einer fundierten Ausbildung in den Bereich Beratung und Psychotherapie liefern das professionelle Know-how, das betriebsintern nicht in dieser Form zur Verfügung steht. Ihre Aufgabe besteht in einer fachmännischen Einzelberatung bei persönlichen Krisen eines Mitarbeiters oder dessen Familienangehörigen.

Es sei den Verantwortlichen darum gegangen, sowohl für verschiedene Typen von Problemen als auch für unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen den geeigneten Ansprechpartner anzubieten. "Von Kollegen im Unternehmen über Pfarrer und einen Facharzt bis hin zu Psychotherapeuten reicht die Auswahl an Beratern", so Eßlinger.

Initiative kann auch von Kollegen ausgehen

Die Berater tauschen sich auch regelmäßig unter strikter Wahrung der Anonymität aus, um eventuell Problemfälle auf speziellen Gebieten mit kompetenteren Partnern zu erörtern. Unabhängig vom einzelnen Berater basiere das Programm auf einem ganzheitlichen Ansatz: Alle Facetten menschlichen Daseins sollen in die Analyse und Therapie einbezogen werden. Es gelte, so Eßlinger, geistige, seelische und körperliche Fehlhaltungen in ihrer wechselseitigen Bedingtheit zu berücksichtigen.

Die Initiative kann sowohl vom Betroffenen selbst als auch von seiner Umwelt im Betrieb ausgehen. Natürlich sei, so wird betont, niemand verpflichtet, das Beratungsprogramm in Anspruch zu nehmen. Bei spürbar nachlassender Leistung am Arbteitsplatz oder sonstigen Hinweisen auf größere Probleme weisen Kollegen und Vorgesetzte aber einen Mitarbeiter auf diese Möglichkeit hin.

Wichtig sei in diesem Zusammenhang, so heißt es, Haltung und Reaktion des Vorgesetzten. Seine Aufgabe liege vor allem darin zu entscheiden, ob in einem konkreten Fall Handlungsbedarf bestehe. Dann müsse er entweder seine Führungsaufgabe wahrnehmen oder den Mitarbeiter von einer gezielten professionellen Beratung überzeugen. Diese Vorgehensweise komme besonders bei vermuteten oder offensichtlichen Alkoholproblemen zum Tragen.

Beratungsleistungen für Mitarbeiter kostenlos

"Das Beratungsprogramm kann natürlich keine Therapie ersetzen", so Hans Jellouschek, freiberuflicher Psychotherapeut und HP-Berater, "es sollte aber bei Bedarf den Weg zu einer Therapie ebnen." Sämtliche Beratungsleistungen des Programms sind für den Mitarbeiter kostenlos, das Unternehmen rechnet mit den externen Beratern anonym ab.

So erfährt HP zwar, wie viele Stunden an Beratungsleistung in Anspruch genommen wurden, nicht aber deren Inhalt oder auf wie viele Betroffene sie sich verteilen. Für das Unternehmen rentiert sich das Beratungsprogramm in zweierlei Hinsicht.

Zum einen ist es eine Binsenweisheit, daß Mitarbeiter mit persönlichen Problemen nicht sehr leistungsfähig sind. Das gilt nicht nur bei so offensichtlichem Fehlverhalten wie Alkoholmißbrauch, betont Hans-Jörg Wellach, seines Zeichens interner Berater.

Belastungen für die Mitarbeiter

"Auch Ehe- und Partnerschaftsprobleme können sich massiv in fehlender Motivation und Belastbarkeit bemerkbar machen. Und allgemeine Sinnkrisen wirken sich ebenfalls aus. Denn von einem HP-Mitarbeiter läßt sich seine Privatsphäre nicht abkoppeln", so Jellouschek. Auf der anderen Seite schaffe das Beratungsprogramm aber auch ein neues, partnerschaftlicheres Verhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeiter, was eine neue Stufe des gern zitierten HP-Geistes sei.

Für Jellouschek ist dieses Programm eine Etappe auf einem noch langen Weg. Vor allem das Thema Alkoholismus sei für viele Menschen noch tabu und werde am liebsten verdrängt. "Wo Alkohol eine Rolle spielt", so der Arzt, "spielt früher oder später auch Alkoholismus eine Rolle." Unter diesem Gesichtspunkt kritisiert er auch die Tatsache, daß betriebsintern Alkohol erhältlich ist. Es sei ein Unding, den Genuß während der Arbeitszeit zu untersagen, doch gleichzeitig Alkohol anzubieten. Hier sei, so der Fachmann, noch ein Lernprozeß im Gange. Ganz offensichtlich ist die Gewichtung diverser Problemgruppen auch abhängig von dem jeweiligen Unternehmen und der Branche.

Im High-Tech-Bereich kommen, so die Fachleute, auf die Mitarbeiter enorme Belastungen zu, und zwar aufgrund des hohen Innovationsdruckes. Versagensängste seien oft der erst Schritt zu weiteren Störungen, ob Suchtkrankheiten oder Ehe- und Familienprobleme. Jellouscheck weist daneben auf das Problem der labilen Strukturen hin: "Die häufige Umorganisation, die bei HP zu beobachten ist, kann zu einer nachhaltigen Verunsicherung der Mitarbeiter führen. Der Markt ist mörderisch, und das geht nicht an den Mitarbeitern vorbei."

Eßlinger betont die komplexen Wechselwirkungen zwischen beruflichem und privatem Umfeld: "Uns geht es nicht darum, von einem Mitarbeiter zu sagen, der Beruf hat ihn krank gemacht oder et schleppt uns private Probleme ins Unternehmen. Krankheiten und menschliche Probleme sind selten monokausal zu erklären. Und wenn das Beratungsprogramm seinen Teil dazu beiträgt, Probleme zu lösen, hat es seinen Sinn erfüllt - zum Nutzen von Mitarbeitern und Unternehmen."