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30.04.1993 - 

Router in Europa auf dem Vormarsch

Bei sorgloser LAN-Verwaltung droht die Anarchie im Netzwerk

Unter Downsizing verstanden die meisten Teilnehmer den Trend zu Client-Server-Architekturen, verbunden mit der Abschaffung der ungeliebten IBM-Mainframes und ihrer hierarchischen SNA-Welt. Zwar fahren zahlreiche Anwender, wie beispielsweise die Bank Julius Baer in Zuerich, ihre Netze heute noch zweigleisig und setzen neben PCs sowie Workstations noch Mainframes mit SNA ein. Doch langfristig will die Bank laut Netzwerk-Manager Bruno Bertuzzi vom SNA-Verkehr wegkommen und das Netz auf TCP/IP umstellen.

Die Abloesung der Mainframes hebt Roger Cornish, Europa- Verantwortlicher der DV-Aktivitaeten bei Texas Instrument, eigenen Worten zufolge gar in den Rang "einer der Schluesselstrategien seines Unternehmens". Ausschlaggebend fuer die Abkehr von der Mainframe-Welt waren fuer Cornish neben Kostengruenden auch die offenere, demokratischere Architektur der Client-Server-Netze. Diese Struktur wird nach Cornishs Ansicht den flacheren Unternehmenshierarchien mit einer auf Arbeitsgruppen verteilten Verantwortung eher gerecht als die "diktatorische Hierarchie" der Host-Welten.

Sean Phelan, Analyst der Yankee Group Europe, sieht diese Einschaetzung durch zahlreiche Marktanalysen seines Unternehmens bestaetigt. Ueber die heute noch oft anzutreffende DV-Landschaft faellt der Marktforscher ein vernichtendes Urteil: "Die meisten Corporate Networks sind zwar gut eingerichtet - allerdings fuer die DV-Anforderungen von gestern." Das Prinzip der "goettlichen Allwissenheit" der Mainframes ist fuer Phelan ueberholt und passt nicht mehr zu den flachen Unternehmensstrukturen von heute. Deshalb sei es nicht einzusehen, dass in einer Arbeitswelt, die mittlerweile auf dem Prinzip der Gruppenarbeit basiert, der Datenaustausch immer noch ueber den zentralen Mainframe laeuft. "Das ist nicht nur teuer, sondern auch eine Verschwendung der Rechenkapazitaeten der Mainframes", urteilt der Consultant, der davon ausgeht, dass heute etwa 95 Prozent des Netzverkehrs gruppenspezifisch ist.

Phelan raeumt zwar ein, dass viele Unternehmen bereits mit LANs auf diese Entwicklung reagiert haben. Sie haetten jedoch erst zu Beginn der 90er Jahre erkannt, dass unternehmenswichtige Applikationen auf einer "morschen Architektur" basierten, bei der die grundlegenden Sicherheitsregeln verletzt wurden, waehrend weniger wichtige Anwendungen im "robusten Steinhaus" des Mainframes residierten.

Deshalb ist fuer Phelan eine Ueberarbeitung der bestehenden Netzstrukturen unbedingt notwendig. In diesem Zusammenhang haelt es der Berater eher fuer angebracht, von einem "Re-Engineering" als von einem Downsizing der Netze zu sprechen.

Schliesslich seien die entsprechenden Applikationen bereits vom Mainframe auf Client-Server-Architekturen verlagert worden, und nun gehe es darum, wieder Ordnung in die Netze zu bringen. Oder wie es TI-Manager Cornish formulierte: "Die endlich erreichte Demokratie der Netze birgt die Gefahr der Anarchie in sich."

Darunter versteht der DV-Experte Fehler wie die Vergabe doppelter Netzwerkadressen sowie den Einsatz ungeeigneter Software, die den verteilten Arbeitsgebieten in einem Corporate Network nicht gerecht wird. Eventuell, so Cornish weiter, leiste sich das Unternehmen auch den Luxus, Applikationen doppelt zu unterhalten: auf dem Mainframe und in den Client-Server-LANs.

Vor der Gefahr zu komplexer LANs, die nicht mehr ueberschaubar sind, warnt allerdings Bertuzzi. Der Netz-Manager raet den DV- Verantwortlichen, ein Netzwerk zur besseren Uebersichtlichkeit in mehrere Sub-LANs zu unterteilen. Nuetzlicher Nebeneffekt ist dabei laut Bertuzzi, dass eventuelle Fehler auf das untergeordnete LAN begrenzt bleiben und nicht das komplette Netz lahmlegen.

Mit Sub-LANs bleiben die Netze ueberschaubar

Eine weitere Gefahrenquelle lauert Phelan zufolge im Server selbst. Zu viele Netzwerkverwalter, so die Erfahrung des Consultants, sparen beim Server-Kauf an der falschen Stelle und vernachlaessigen Sicherheitsmassnahmen wie gespiegelte Festplatten, Zugriffsschutz oder geeignete Backup-Medien. Dem stimmen die meisten User zwar zu, doch Toni Bergman, Netz-Manager der schwedischen SKF-Gruppe, befuerchtet, so wieder bei den alten Mainframe-Strukturen anzugelangen. Denn durch die stetige Aufruestung entwickle sich der Server zum unverzichtbaren, zentralen Bestandteil der Netze und brauche, aehnlich den Mainframes, mit wachsendem Aufgabengebiet immer mehr und mehr an Speicher- und Festplattenkapazitaet. Letztlich, glaubt der schwedische DV-Manager, werden dann die Kosten wie bei den Mainframes explodieren.

Einen moeglichen Ausweg aus diesem Dilemma sieht Marktforscher Phelan im Einsatz der neuen Peer-to-peer-Netze, die durch den Verzicht eines dedizierten Servers die Verteilung der Applikationen auf verschiedene Rechner zulassen. Auf diese Weise koenne auf teuere Superserver verzichtet werden und durch die verteilte Architektur trotzdem eine gewisse Ausfallsicherheit erreicht werden. So prophezeit der Consultant den Peer-to-peer- Netzen eine grosse Zukunft. Allerdings nur, so schraenkt der Augur ein, wenn sich diese Netzwerk-Betriebssysteme kuenftig ueber TCP/IP routen lassen.

Phelan zufolge kommt dem Routing in Corporate Networks in den naechsten Jahren eine immer groessere Bedeutung zu. Die zentrale Frage der Zukunft laute: "Kann ich mein LAN auch routen?". Eine Umfrage der Yankee Group ergab, dass der Einsatz von Routern bei den Erweiterungsplaenen der User an oberster Stelle der Prioritaetenliste steht. Ebenso zeigen die Umsatzzahlen die Bedeutung der Router: Der europaeische End-User-Markt verdoppelte sich innerhalb eines Jahres von 150 Millionen Dollar auf 300 Millionen Dollar. Die groesste Router-Nachfrage registrierten die Auguren mit jeweils 23 Prozent in Grossbritannien und Deutschland.

Router stehen auf der Wunschliste ganz oben

Bruno Bertuzzi bekraeftigt ebenfalls den hohen Stellenwert der Router fuer sein Unternehmen. So faehrt die Bank ein Multiprotokoll- Netzwerk mit SNA, IPX, TCP/IP und Decnet und unterhaelt ueber Router verschiedene WAN-Verbindungen zu den Filialen. Ziel der Bank ist, so der Netz-Manager, mit Hilfe der Router und LANs jeden einzelnen Arbeitsplatz weltweit mit Boerseninformationen oder Wechselkursen in Echtzeit zu versorgen. Aufgrund der kurzen Boersenzeiten ist fuer Bertuzzi ein redundantes Netz keine nur wuenschenswerte Eigenschaft, sondern "ein unverzichtbares Muss". Der DV-Experte raet anderen Usern, bei der Installation nicht nur das eigentliche LAN im Auge zu halten, sondern bereits bei der Planung an die WAN- Verbindungen zu denken. Beispielsweise sollten die DV- Verantwortlichen darauf achten, dass die Leitungen der PTTs nicht an einem einzigen Uebergabepunkt angeschlossen werden. Denn in diesem Falle reiche bereits ein falscher Baggergriff bei externen Strassenbauarbeiten, um das gesamte Netz lahmzulegen.

Vor dem Router-Kauf empfiehlt er ausserdem die Aufstellung einer Liste mit maximal drei Produkten und raet, deren Anbieter zu Testinstallationen einzuladen. Waehrend des Tests koenne dann nicht nur der Router, sondern gleichzeitig auch die Qualitaet des Servicepersonals geprueft werden. Allerdings warnt der Netz-Manager davor, die Endinstallation komplett in die Haende des Router-Herstellers zu uebergeben. Bei den komplexen Installationen sei unverzichtbar, dass der Netzverwalter fuer den Fall der Faelle ueber sein Netz und die entsprechenden Routing- Funktionen Bescheid wisse.

Neue Router-Software als moegliche Fehlerquelle

Vor der endgueltigen Inbetriebnahme des neu strukturierten Netzes haelt Bertuzzi ausgiebige Tests fuer angebracht, auch wenn dies mit ungeliebten Nacht- und Wochenendschichten verbunden sei. Aus Sicherheitsgruenden fuehrten die Schweizer die Tests zu diesen Zeiten durch, da dann niemand am Netz arbeite und Netzabstuerze ohne grosse Auswirkungen blieben. Abschliessend warnte Bertuzzi eindringlich davor, jedes Update beziehungsweise Upgrade der Router-Software mitzumachen, da damit nur neue potentielle Fehlerquellen in das Netz kaemen. Nur wenn das Update wirklich unverzichtbare neue Funktionen beinhalte, solle das Risiko eingegangen werden, ein funktionierendes Netz zu veraendern.

Usern, denen dies zu kompliziert ist und die deshalb die Netzwerk-Verwaltung lieber an einen Value-Added-Services-Anbieter uebergeben, raet Toni Bergman von der SKF Group, niemals den erstbesten Vertrag zu unterschreiben. Zudem sollten sich die Anwender von den Anbietern nicht die Vertragsbedingungen diktieren lassen, sondern umgekehrt. Brauche ein Anwender eine 99prozentige Verfuegbarkeit des Netzes, der Anbieter garantiere aber nur 97 Prozent, so solle der Kunde darauf draengen, seine Anforderungen in den Vertrag aufnehmen zu lassen. Falls der Provider dazu nicht bereit sei, empfiehlt Bergman die Suche nach einem anderen Unternehmen. Ebenso solle sich der Anwender auch die Unterstuetzung neuer Technologien schriftlich zusichern lassen.

Ein anderes Problem, das die Anwender beklagten, waren die hohen Kosten fuer Mietleitungen in der EG sowie der teilweise noch fehlende Wettbewerb. Als Paradebeispiel hierfuer gilt den Anwendern die Preispolitik der deutschen Telekom, die ihre Tarife fuer Mietleitungen im Nahbereich bis zu 25 Kilometer teilweise um ueber 100 Prozent erhoehte, waehrend sie die Gebuehren im Weitbereich um ueber 50 Prozent senkte. Hinter dieser Gebuehrenpolitik vermuten die User einen Versuch der Telekom, die privaten Wettbewerber aus dem Markt zu draengen. Die seien auf die lokalen Leitungen der Telekom besonders angewiesen und koennten deshalb nicht zu konkurrenzfaehigen Preisen anbieten, waehrend die Telekom ihre Weitverbindungen nicht kostendeckend an die Endkunden vermiete.

Abb: Erweiterungsplaene fuer LAN-Netze

An oberster Stelle der Prioritaetenliste steht bei den Anwendern die Erweiterung der LANs mit Routern und Bridges. Quelle: The Yankee Group