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11.04.1997 - 

Interview der Woche

"Bei uns darf niemand reich werden"

CW: Standort Deutschland: Wie sehen Sie die Situation der IT-Branche Deutschlands im internationalen Vergleich?

Schulmeyer: Es ist ganz eindeutig, daß es da Aufholbedarf gibt. Das allein stimmt mich aber noch gar nicht so pessimistisch. Das eigentliche Problem ist: Der Abstand zwischen Deutschland und anderen Nationen wie den USA wird größer und nicht kleiner. Die Pro-Kopf-Investitionen für die IT-Branche sind in den USA doppelt so hoch wie in Deutschland, Tendenz steigend. Außerdem scheint es hierzulande schick zu sein, einen PC nicht anzufassen.

CW: Daß die Deutschen so technikfeindlich seien, ist doch durch Studien schon längst widerlegt.

Schulmeyer: Technikfeindlichkeit ist die eine Sache. Um meine Position klarzumachen, will ich Ihnen ein kleines Beispiel erzählen: Neulich sehe ich in einem deutschen Fernsehprogramm die Besprechung eines Science-Fiction-Buches, in dem eine futuristische Umwelt auf Computertechnologie aufbaut. Bei dieser Gelegenheit meinte der Rezensent gegenüber dem Moderator der Sendung, der Autor des Buches habe aber eigentlich gar nichts mit Computern zu tun und könne auch keine Computer bedienen. Worauf der Anchorman erwidert, da sei ihm der Schreiber gleich viel sympathischer. Das meine ich, wenn ich sage, es ist schick, nicht mit einem PC umgehen zu können. Außerdem glauben wir hier in Deutschland bis heute, man könne in allen Industriezweigen mit graduellen Verbesserungen überleben, also beispielsweise ein Auto ein bißchen besser bauen. Das ist aber in unserem Metier, der wissensbasierten Welt, unangenehmerweise nicht mehr möglich. Ist man entwicklungstechnisch gesehen erst mal ins Hintertreffen geraten, holt man den Vorsprung der anderen kaum mehr auf.

Ein schönes Beispiel für die Funktionsweise der IT-Industrie sind die Firmen Netscape und Microsoft: Herr Andreessen hat Bill Gates nur deshalb ins Schwitzen gebracht, weil er einen Paradigmenwechsel eingeleitet hat. Nur mit solchen Kontextsprüngen vermag man sich in unserer wissenbasierten Welt noch durchzusetzen. Microsoft andererseits kann den Vorsprung, den Netscape sich in seinem Betätigungsfeld erarbeitet hat, nur aufholen, indem es mit der extremen Verbreitung seiner Software wuchert. Ohne diese Macht würde Microsoft zunehmend in Probleme geraten.

CW: Muß man bei der Suche nach Gründen für das Versagen der deutschen IT-Industrie aber nicht tiefer schürfen? Deutsche Politiker räsonnieren einerseits beim Wort Data-Highway über das föderative Autobahnnetz, rätseln unbeleckt von aller Empirie über die Komplexität von Kryptogesetzen, schlagen sich andererseits tagelang mit Bergleuten um die Subventionierung veralteter Technologie- beziehungsweise Industriebranchen.

Schulmeyer: Aber das ist doch alles kein Zufall. Schließlich haben die Deutschen die Politiker gewählt, die sie wollten. Wir Deutschen möchten das offensichtlich so.

CW: Kein Veränderungswille also im Land der Dichter und Denker?

Schulmeyer: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen, daß es doch kaum noch den ernstgemeinten Willen gibt, Dinge zu verändern. Hier ist doch jeder auf dem Selbstverwirklichungstrip, jeder ein Egozentriker. Auch bei Ihnen, der Presse, ist das so. Sie schreiben doch Headlines, um gelesen zu werden, und nicht, weil Sie wirklich etwas verändern wollen.

CW: Und das ist in den USA anders?

Schulmeyer: Es ist einfach so, daß es in den USA Leute gibt, die neue Entwicklungen vorantreiben. Da wird auch so etwas wie ein Hype erzeugt, der nötig ist, damit sich Novitäten durchsetzen. Außerdem gibt es in Amerika auch einen Markt, der Neuerungen aufsaugt.

CW: Reden wir einmal über die Innovationsfreudigkeit der Firma SNI: Bislang ist Ihr Unternehmen der DV-Branche bekannt durch Produkte, deren Technologien nicht aus Deutschland stammen: Bei den Servern macht SNI Anleihen bei Pyramid, im Segment Workstations bei Silicon Graphics, die Großrechner stammen von Fujitsu. Vom einzigen originär deutschen Produkt der jüngeren Vergangenheit, dem Neurocomputer "Synapse" aus der Dresdner Technoschmiede Siemens-Nixdorf Advanced Technologies, hört man nichts mehr. Kann die SNI als Muster gelten für eine imaginationsfreie deutsche IT-Landschaft?

Schulmeyer: Sehen Sie, daß ist das, was ich meine: Wenn ich mit Vertretern der angelsächsischen Presse rede, stelle ich fest, daß die wirklich an unserem Unternehmen interessiert sind, daß die konstruktiv mit mir reden . . .

CW: . . . wir sind auch an den Erfolgsgeschichten der SNI interessiert.

Schulmeyer: Nehmen Sie einfach die Anstrengungen, die wir bei der SNI unternommen haben, um unser Unternehmen zu mobilisieren. Bei den Angelsachsen wird das begierig aufgenommen, in der deutschen Presse interessiert es kaum jemanden. In Deutschland wird ein Glas als halbleer bezeichnet, das man in den USA für halbvoll hält. Um jetzt direkt auf Ihre Frage zu antworten: Peter Pagé etwa hat mit seinem "Comunity"-Konzept (SNIs Softwarekonzept, um mit einer Framework-Struktur Client-Server-Topologien abzubilden, Anm. d. Red.) etwas entwickelt, das ich für hochkreativ und innovativ halte. Das hat auch den vollen Respekt von Bill Gates. Ein anderes Beispiel ist all das, was Robert Hoog im Middleware-Bereich macht. Oder nehmen Sie die neue Intranet-Sicherheits-Software "Trusted Web", die von unseren Iren entwickelt wurde und die gerade auf der CeBIT von einem amerikanischen Magazin mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

CW: Fallen Ihnen, abgesehen von dem halbleeren Glas, weitere Defizite der hiesigen Wirtschaft ein?

Schulmeyer: Neid. Im Silicon Valley steht jeder früh auf und will reich werden. Das geht hierzulande nicht. Da beäugt man ganz mißtrauisch, wenn jemand etwas mehr Geld verdient. Bei Siemens arbeiten mehr als 370000 Mitarbeiter. Da hat keiner die Chance, wirklich reich zu werden. Und wehe, einer wird doch ein bißchen reicher. Wir freuen uns nicht, wenn einer gut ist, und stützen den auch nicht. In Deutschland ist man immer viel mehr daran interessiert, den Durchschnitt anzuheben, und weniger daran, die Spitze zu fördern. In unserer Industrie zählt aber nun mal nur die Spitze und nicht der Durchschnitt. Die hiesige Einstellung ist extrem belastend für Innovationen. Außerdem: In Deutschland sind Innovationen in erster Linie Management-getrieben, die kommen nicht von unten. Das kann nicht wirklich zu echten Erneuerungen führen.

CW: Das hört sich fast schon an, als ob wir hierzulande verdammt wären, ein unabänderliches Schicksal durchleben zu müssen.

Schulmeyer: Nein, überhaupt nicht. Deshalb haben wir bei der SNI ja unser "Cultur Change Program" aufgesetzt. Wir haben intern auch schon viel verändert. Leider hat das die hiesige Presse bis auf wenige Ausnahmen aber nicht interessiert.

CW: Wir senken schuldbewußt unser Haupt. Was ist denn nun aber Stand der Dinge bei der SNI?

Schulmeyer: Heute haben wir bei unseren Mitarbeitern wieder eine Stimmung geschaffen, in der sie mit Selbstvertrauen gerne Sachen anpacken, bei denen dann auch etwas Konkretes herauskommt. Wir haben ein internes Venture-Capital-Board, mit dem Ingenieure Forschungsvorhaben finanzieren lassen können. Wir haben, einmal produktbezogen argumentiert, die schnellste Single-RISC-Prozessor-Maschine, eine rekordverdächtige Transaktionsmaschine etc. Fragen Sie mal, wieviel Deutsche das wissen. Kaum einer.

CW: Aber das finanzielle Ergebnis von SNI schien ja auch nicht alle ganz zufriedenzustellen.

Schulmeyer: Auch so ein Thema: Es ist richtig, wir hätten gerne besser abgeschnitten.

Aber wir haben in den vergangenen zwei Jahren das Geschäftsergebnis um 500 Millionen Mark verbessert - und neben dem laufenden Geschäft unsere Firma auf den Kopf gestellt, das ist doch nicht selbstverständlich. Und ich höre auch von niemandem, beziehungsweise niemand scheint zur Kenntnis zu nehmen, daß die Siemens-Mutter den Erlös (vor Steuern 900 Millionen Mark, Anm. d. Red.) aus dem Verkauf der profitablen Hochleistungsdrucker-Division an Océ verbucht hat, die SNI aber den Verlust aus der Escom-Geschichte. Und unser Gewinn nach Steuern ist im vergangenen Geschäftsjahr 1996 (Ende: 30. September 1996) im Vergleich zum Vorjahr trotzdem um 6 Millionen auf 29 Millionen Mark gestiegen. Aber ich sage auch ganz offen: Wir werden in den nächsten zwei Jahren keine 15 Prozent Return on Capital Employed (Kapitalverzinsung, Kapitalrendite, Anm. d. Red.) erwirtschaften. Aber wir lernen gerne von jemandem, der das schafft.

CW: Bleibt noch ein Gerücht, das über SNI beziehungsweise Ihre Person in der Branche zirkuliert: Ihr Posten als Vorstand sei gefährdet.

Schulmeyer: Ich verstehe das nicht: Jeder weiß doch, daß ich hier einen Fünfjahres-Vertrag unterschrieben habe. Danach werde ich wieder zurückgehen in die USA. Aus dieser Tatsache habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Aber was muß ich lesen? Wenn die attitude survey (auch attitude study = Verhaltensprüfung, Anm. d. Red.) schlecht ausfällt bei der SNI, wackelt Schulmeyers Stuhl. Mein Gott, diejenige Person wußte noch nicht einmal, wie man den Begriff schreibt, den ich übrigens aus den USA mitgebracht habe. Das ist doch wirklich ärgerlich.