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07.02.1992 - 

Keine optimale Partnerwahl für Frankreichs Computerkonzern

Beim Bündnis von Bull und IBM siegte amtliches Wunschdenken

Von CW-Mitarbeiter Lorenz Winter

PARIS - Auf den ersten Blick wirkt ihre Behauptung durchaus plausibel: Frankreich habe in der Vorwoche ein "Umfassendes Konzept zur Sanierung der DV- und Elektronikbranche des Landes" durchgesetzt, brüsteten sich Premier Edith Cresson und ihr Berater für industriepolitische Angelegenheiten, Abel Farnoux. Und in der Tat: Gemessen an der Zahl der unterschriebenen Protokolle beeindruckt das Resultat. Wie weit es die Zukunft sichern hilft, steht jedoch noch dahin.

Für etwa 100 Millionen Dollar kauft also Big Blue 5,7 Prozent Anteil am Kapital von Bull, heute nach der Absorption von Honeywell und Zenith achtgrößter Computerhersteller- der Welt. IBM bekommt durch den Erwerb allerdings vorerst keinerlei Stimmrechte. Die Pariser Regierung sähe es aber nicht ungern, wenn der US-Konzern seinen Anteil später zum Beispiel auf zehn Prozent erweiterte. Denn ein solches Mehr-Engagement würde insbesondere den demnächst erneut nötigen Kapitalnachschuß bei Bull von seiten seines staatlichen Großaktionärs verschönern - nach Farnoux' Auskunft die "endgültig letzte" Kraftspritze aus öffentlichen Mitteln. Dies wiederum nicht etwa deshalb, weil die Lage bei Bull heute rissiger aussähe als vor Jahresfrist, sondern weil Einspruch aus Brüssel gegen die fortgesetzten Subventionszahlungen zu erwarten ist.

Parallel zu dem Minderheitserwerb verpflichtet sich die IBM, Bull für deren Workstations mit RISC-Prozessoren aus ihrem Werk in Corbeil zu versorgen. Umgekehrt will Big Blue künftig Bull/Zenith jährlich 150 000 Portables und Notebooks abnehmen und schon dieses Jahr für zwölf Millionen Dollar Aufträge an die unausgelastete Steckkarten- und IC-Fabrik in Angers erteilen, wo für 1992 bereits massive Kürzungen des Personalstamms angesagt waren. Insgesamt sollen Bull so in den nächsten vier Jahren für rund 300 Millionen Dollar IBM-Aufträge zugeschanzt werden, ein Drittel davon schon 1992.

Noch weiter greift die "Global-Strategie" von Cresson und Farnoux aus, wenn IBM auch zu Komponentenkäufen bei SCS-Thomson verpflichtet wird. Diese Käufe sollen sich in den Kommenden fünf' Jahren auf 100 Millionen Dollar verdoppeln und insbesondere auch Transputer-Prozessoren umfassen.

Cressons Strategie für SGS-Thomson nicht genug

Da Big Blue bisher schon Kunde bei dem französisch-italienischen Gemeinschaftsunternehmen war, mag die Absicht als Zielvorgabe realistisch sein. Nur reicht sie bei weitem nicht, um SGS-Thomson zum ernstzunehmenden Wettbewerber am Weltmarkt aufzupäppeln. Die Gruppe macht heute etwa 1,5 Milliarden Dollar Umsatz und möchte bis zur Jahrtausendwende möglichst auf 10 Milliarden kommen. Ihr Weltmarktanteil beträgt derzeit 2,7 Prozent (in Europa sind es 7,8 Prozent). Fünf Prozent weltweit bräuchte SGS-Thomson aber zum puren Überleben - was Investitionen von 500 bis 600 Millionen Dollar kosten würde. Und die muß dem bereits mit 900 Millionen Dollar verschuldeten Unternehmen speziell sein italienischer Aktionär erst noch genehmigen - vorher langen auch die Franzosen nicht ins Portemonnaie, und IBM hat ohnehin keinerlei Absicht, SGS-Thomson finanziell unter die Arme zu greifen.

Wenn Cresson und Farnoux dann aber auch Apple als Komponentenkäufer für SGS-Thomson zu gewinnen trachten, wird es noch schwieriger. Die Kalifornier deckten sich nämlich bisher für ihre diversen Mac-Serien ausschließlich bei Motorola ein. Zwar erklärte Giancarlo Zanni, Generaldirektor von Apple France, erst dieser Tage, sein Unternehmen sei "natürlich stets auf der Suche nach interessanten neuen Technologien". Aber von da bis zu einer definitiven Entscheidung für SCS-Thomson wäre es im Ernstfall noch ein langer und schwieriger Weg.

Für die Zukunft der französischen Elektroindustrie am bedeutsamsten, vertraglich vorerst aber noch recht vage abgesichert, sind endlich jene beiden Kooperationsvorhaben, auf die sich Cresson und Farnoux am meisten einbilden. Da soll einerseits Apple mit der Verbraucherelektronik-Sparte von Thomson (TCE) sowie dem staatlichen Fernmeldekonzern France Telecom und dessen Forschungslabor CNET an die eventuelle gemeinsame Entwicklung von Multimedia-Terminals gehen.

Andererseits meinen der Premier und sein Berater, durch den Deal zwischen Bull und IBM sei automatisch auch der Zutritt des französischen Herstellers zu dem Computer-Design-Center gesichert, das Big Blue, Apple und Motorola gemeinsam im texanischen Austin betreiben. Doch diese Vorstellung sei "zu phantasievoll und zu stark politisiert", winkte ein IBM -Sprecher bereits ab: " Die Wirklichkeit sieht bescheidener aus." Warum, wird am Kommentar von Apple zu diesem Thema erkenntlich: "Wir haben Bull jedenfalls nicht nach Austin eingeladen, aber schließlich sind wir ja auch nicht ihr Partner."

Französische Branchenkenner bezeichnen die Flut von Abkommen um und mit Bull und SGS-Thomson als eine spektakuläre, aber von ihrer Natur her keineswegs einzigartige Aktion. Und sie fragen darüber hinaus, ob die Methode, amerikanischen und japanischen DV-Konzernen (bei Bull ist auch NEC seit dem Vorjahr mit 4,7 Prozent Minderheitspartner) Marktanteile in Europa gegen den Einschuß von Kapital und Know-how abzutreten, nicht dem von den industriepolitisch Verantwortlichen ständig proklamierten Ziel widerspricht, die strategische Unabhängigkeit der einheimischen DV-Industrie zu sichern.

Gewiß schien die "Versteigerung an den Meistbietenden" letzthin nicht nur Bull, sondern zum Beispiel auch Siemens durchaus attraktiv. Und natürlich beeilten sich die Teilnehmer des jüngsten Deals hektisch, allenthalben gut Wetter zu machen. Bull bleibe "ein unabhängiges Unternehmen, aber mit einem wichtigen neuen Teilhaber", versicherte sein Chef Francis Lorentz. Für ihn stellen die diversen Abkommen mit Big Blue "eine ausgewogene Vereinbarung zwischen sich gegenseitig respektierenden Partnern" dar.

Ganz auf Harmonie gestimmt gab sich auch Präsident und Generaldirektor Pierre Barazer von IBM France. Für ihn demonstriert das Bündnis in erster Linie, daß Big Blue kein "imperialistisches" Unternehmen, sondern im Bereich technischer Übereinkünfte "nach allen Seiten offen" sei. Natürlich weiß Barazer aber auch nur zu gut, weshalb das so ist: Die "Marktdaten" hätten sich inzwischen eben geändert und der "Eintrittspreis" für neue Technologien sei so kräftig geklettert, daß Alleingänge auch für seinen Konzern heute nicht mehr überall und immer in Betracht kämen.

Wirtschafts- und finanzpolitischer Schnellschuß

Warum freilich die Allianz zweier wirtschaftlich hart angeschlagener Unternehmen effizienter und rentabler arbeiten soll als jedes der beiden für sich, vermag auch Barazer nicht so ohne weiteres zu begründen. Bull macht weiterhin Verluste und hoch verschuldet, IBM meldet dramatisch schrumpfende Umsätze, fallende Erträge und rückläufige Marktanteile. Gedrückte Börsenkurse und kostspielige Abfindungen für Zehntausende von frühpensionierten Mitarbeitern dürften auch in den kommenden Monaten noch an Finanzkraft und Investitionspotential des Konzerns zehren.

Kleber Beauvillain, der französische Generaldirektor des verschmähten Bull-Partners Hewlett-Packard (HP), meint zwar wohl mit Recht, bei der Bevorzugung von IBM hätten "weniger echt industriepolitische, als vielmehr finanz- und wirtschaftspolitische Gründe" mitgespielt. Aber ob die dann getroffene Entscheidung künftig hält, was sie verspricht, ist noch längst nicht ausgemacht. Sollte ferner der Ausgang der französischen Gemeinde- und Kantonalwahlen im März Staatspräsident Francois Mitterrand zur Umbildung oder gar Neuberufung der Regierung zwingen, wäre auch die politische Flanke des spektakulären Deals plötzlich wieder ungedeckt.

Jenseits solcher Spektakulationen bezeichnen Pariser Fachleute HP von der Größenordnung, der Solidität und der technischen Kompetenz des Unternehmens her auf jeden Fall als geeigneteren Partner für Bull. Vielleicht galt diesem Bewerber insgeheim sogar die Vorliebe von Lorentz, doch als Chef eines Staatskonzerns waren ihm zum entscheidenden Augenblick natürlich die Hände gebunden. "Dabei bin ich zum Beispiel fest überzeugt, daß die Architektur unserer RISC-Prozessoren für die technische Hochrüstung seines Unternehmens geradezu prädestiniert ist", behauptet Beauvillain von HP France.

HP wollte sich nicht langfristig engagieren

Nach seiner Einschätzung scheiterte die Partnerschaft mit Bull vor allem an dem Pariser Wunsch einer Kapitalbeteiligung von HP bei dem französischen Unternehmen: "Dazu sagten wir anfangs nein, dann schließlich ja, aber eher gezwungenermaßen." Ein langfristiges Engagement bei Bull schien HP deshalb zu riskant, weil, so Beauvillain, "wir die wirtschaftliche Situation und die Absichten seines öffentlichen (;Großaktionärs nicht genau genug kannten."

Paradox ist es darum, wenn Cresson und Farnoux HP nun mit Blick auf SGS-Thomson vor das gleiche Ansinnen zu stellen probieren wie zuvor bei Bull. Eine Kapitalbeteiligung kommt für die Amerikaner aber auch dort nicht in Frage. Dagegen machen sie kein Hehl daraus, SGS-Thomson schon früher als Zulieferer für ihre (mit PA-RISC-Prozessoren ausgestatteten) Workstations angesprochen zu haben und auch jetzt noch mit ihnen darüber zu verhandeln. Das wiederum bestreitet Farnoux - wohl, um IBM nicht zu verprellen.

Scheint solcher Argumentenaustausch zunächst mehr eine Komödie der Irrungen und Wirrungen zu versprechen, so läßt er für die Stabilität der jetzt geschmiedeten Bündnisse nicht allzuviel Gutes ahnen. Enge und erfolgreiche Beziehungen zwischen so zahlreichen, von ihrer Größe und Firmenkultur her so verschiedenartigen und vor allem auf zentralen Aktivitätsfeldern offen oder versteckt miteinander rivalisierenden Konzernen zu knüpfen, übersteigt wohl einfach die Möglichkeiten auch des kühnsten industriepolitischen Wunschdenkens auch im Zeitalter "allseitig offener Systeme" der internationalen DV-Branche.