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07.11.1997 - 

Thema der Woche

"Beim Electronic Banking ist Deutschland Jahre voraus"

CW: IBM hat eine große Marketing-Kampagne für E-Business gestartet. Läuft das Geschäft nicht wie erwartet an?

ELLIOTT: Aus unserer Sicht ist dieses Thema eine der großen und aufregenden wirtschaftlichen Herausforderungen. Das sagen auch unsere Kunden.

CW: Verblüffenderweise scheint E-Commerce hierzulande wichtiger genommen zu werden als in den USA, von wo wir sonst Technologietrends importieren...

ELLIOTT: Dieser Eindruck ist richtig, insbesondere beim Electronic Banking ist Deutschland Jahre voraus.

CW: Woran liegt das?

ELLIOTT: Zum einen haben wir in Amerika einfach später damit angefangen, und als die Idee dann aufgegriffen wurde, wurden Fehler gemacht. Die ersten Erfahrungen der Kunden waren schlecht, und nun ist es schwer, wieder ins Geschäft zu kommen.

CW: Wo lagen die Fehler?

ELLIOTT: Eine breite Akzeptanz wurde zu Beginn, vor etwa fünf Jahren, insbesondere durch die extrem proprietären Pakete und Plattformen verhindert.

CW: Was meinen Sie mit proprietär?

ELLIOTT: Jede Bank hatte eine eigene Anwendung, es gab sehr spezifische und oft schwer zugängliche Netze. Dieses Verfahren war auf Sicherheit ausgelegt und auf einen sehr engen Kontakt der Kunden mit ihrer Hausbank. Aber es war nicht offen für andere Anbieter und zudem langsam. Der Ruf dieser Technik war nicht besonders gut.

CW: Was ist heute anders?

ELLIOTT: Das Internet ist inzwischen eine etablierte Technik, und über Browser können sich Interessenten an jede beliebige Bank wenden.

CW: Das Internet boomt in den USA schon wesentlich länger als in Deutschland. Damit läßt sich die hohe Akzeptanz für E-Banking hierzulande wohl nicht erklären...

ELLIOTT: Nein. Das hat eher damit zu tun, daß es hier klare und strenge Regeln für Banken allgemein und seit mindestens zehn Jahren insbesondere auch für Geschäftsaktivitäten via Netz gibt. Wir sind gerade erst dabei, solche Standards zu entwerfen. Hier sind uns die europäischen Länder weit voraus. Das ist übrigens generell eine kontinentale Eigenschaft. Hier denkt man mehr in Architekturen und Standards als bei uns.

CW: Wie sieht es bei den anderen Bereichen des E-Commerce aus?

ELLIOTT: Abgesehen von Electronic Banking ähneln sich die Verhältnisse. Die Zahl der Projekte diesseits und jenseits des großen Teiches entspricht sich etwa. Es gibt aber einige Unterschiede zwischen den Branchen. So ist die Web-Technik im Einzelhandel und in der Transportbranche auf breiter Ebene akzeptiert, während die fertigende Industrie noch relativ inaktiv ist. Aber auch dort wird über Internet-basierte Zulieferketten, über die Einbindung von Lieferanten in den Produktionsfluß nachgedacht.

CW: Wo liegen die Akzeptanzprobleme?

ELLIOTT: Es wird viel diskutiert, ob Sicherheit ein wichtiger, ein sehr wichtiger oder ein überlebenswichtiger Faktor ist.

CW: Geht es bei Ihrer 20-Millionen-Dollar-Kampagne für E-Commerce darum, den Anwendern die Angst zu nehmen?

ELLIOTT: Nein. Es geht eher darum, den Leuten zu erzählen, daß wir nicht nur ein riesiger Hardwarekonzern sind, sondern auch ein Software-Unternehmen und eine Netz-Company, die sich stark auf Internet-Techniken konzentriert. Diese Vielfalt macht in der vernetzten Welt von heute unseren Nutzwert für die Kunden aus. Das wollen wir rüberbringen.

CW: Ihre Marketing-Abteilung soll IBM also als moderne Internet-Company positionieren?

ELLIOTT: Ja, wir sind Teil dieser nächsten Evolutionsstufe der Informationsverarbeitung.

CW: Was kann IBM liefern, was andere E-Commerce- und Internet-Anbieter nicht haben?

ELLIOTT: Wir können eine sichere Architektur vom Anwender bis zum Mainframe im Back-end mit einem reichen Satz an Produkten realisieren. Unsere Lösungen lassen sich rasch auf die ungeheuren Skalierungsprobleme im Internet einstellen. Schließlich muß man als Anbieter von Web-Diensten mit potentiell 40 Millionen Anwendern am anderen Ende der Leitung rechnen. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta haben wir gezeigt, daß wir eine Spitzenlast von 80 Millionen Zugriffen durch den Einsatz von vier verschiedenen Server-Systemen bewältigen konnten.

CW: Vor etwa zwei Jahren wurde mir von den Internet-Spezialisten der IBM gesagt, daß man sich weniger auf das Internet als vielmehr auf Intranets und Extranets konzentrieren wolle. Hat sich daran etwas geändert?

ELLIOTT: Lassen Sie es mich so ausdrücken. Unser Fokus ist es, Netzlösungen für Transaktionen zwischen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Hier werden die größten Wachstumsraten vorausgesagt, und hier können wir unsere Stärke Zuverlässigkeit am besten ausspielen. Kosumenten sind in der Regel erst die Kunden unserer Kunden.

CW: Sie spekulieren also auf Großkunden?

ELLIOTT: Ja. Es geht darum, auf Internet-Basis Fabriken und Versicherungen zu steuern. In diesem Umfeld bedeuten Internet-Architekturen gewaltige Investitionen. Anders als bei dem Client-Server-Boom der vergangenen Jahre geht es hier nicht mehr darum, rasch Anwendungen aus dem Boden zu stampfen, die man in wenigen Monaten durch neue ersetzt.

CW: Besteht dann für die Kunden nicht die Gefahr, gewaltige Projekte zu beginnen, die sie letztlich nicht stemmen oder die erst fertig werden, wenn der Bedarf nicht mehr existiert?

ELLIOTT: Der Vergleich mit Client-Server-Projekten zielte auf die Wegwerf-Mentalität. Dank der offenen Standards lassen sich auch Internet-Entwicklungen rasch realisieren. Außerdem kann man mit sehr kleinen und damit preisgünstigen Anwendungen beginnen, die sich zudem einfach in die vorhandenen Datenbank- und Systemumwelten integrieren lassen.

CW: Bislang ist die IBM nicht gerade berühmt für Schnelligkeit...

ELLIOTT: Das wollen wir ändern. Die Welt ändert sich. Verlangten die Kunden früher nach maßgeschneiderten Lösungen, so ist heute Geschwindigkeit der Schlüssel zum Geschäft. Aber unsere Lösungen lassen sich nicht nur schnell implementieren, sie arbeiten auch sicher.

CW: Woher kommt die Geschwindigkeit?

ELLIOTT: In den vergangenen fünf Jahren haben wir gelernt, daß im Netzbereich ohne Offenheit nichts geht. Dabei haben wir erfahren, daß man in einer heterogenen DV-Landschaft mit offenen Standards sehr viel schneller ans Ziel gelangt als mit Speziallösungen.

CW: Offene Systeme sind etwas aus der Mode gekommen. Viele Anwender kritisieren, daß es viel schwieriger sei, mit den vielen Standards umzugehen, als alles auf die Technologie eines einzigen Lieferanten abzustimmen.

ELLIOTT: So haben wir in den 80er Jahren argumentiert. Das haben uns die Kunden damals nicht abgenommen, und sie tun es meiner Überzeugung nach auch heute nicht. Die Anwender wollen die Wahl haben, bei Bedarf den Hersteller zu wechseln. Richtig an dem Argument ist jedoch, daß es unsere Aufgabe als Anbieter ist, die DV-Integration mehr als bisher voranzutreiben.

CW: Wenn wir gerade über offene Systeme sprechen, wo steht die IBM bei dem Streit zwischen Microsoft und Sun, die sich gegenseitig proprietäre Absichten vorwerfen?

ELLIOTT: Für die Industrie wie für Kunden ist es unverzichtbar, daß Java von allen Mitspielern in Reinform übernommen wird. Wenn irgend jemand hier proprietäre Absichten verfolgt und entsprechende Erweiterungen einbringt, müssen wir alle uns wehren.

CW: Ist es nicht verständlich, wenn Microsoft versucht, sich Java als Konkurrenzplattform zu Windows vom Hals zu schaffen?

ELLIOTT: Java ist nie nur eine Sprache gewesen. Ihr Reiz und ihr Nutzen für jedermann besteht gerade darin, daß die Ablaufumgebung Hardware-unabhängig ist, daß man eine Anwendung ins Netz legen kann, ohne sich Sorgen darüber zu machen, von welchem System sie benutzt wird. Das ist es, was die Kunden wollen, und wie jeder kann auch Microsoft damit gutes Geld verdienen.

CW: Wo ist hier Microsofts Marktchance?

ELLIOTT: Die meisten Java Virtual Machines laufen doch auf einer Windows-Umgebung, daran wird sich sicher so schnell nichts ändern. Mittelfristig aber liegt das Geschäft im Verkaufen neuer Netzanwendungen, mit denen man auf einen Schlag die ganze Welt erreicht. Es gibt so viele Möglichkeiten, auf Java-Basis Geschäfte zu machen. Niemand hindert Microsoft, sich hier zu beteiligen.

CW: Sie setzen also voll auf Java?

ELLIOTT: Ja. Ich glaube, daß von hier das Wachstum unserer Branche ausgeht. Die Industrie muß hier zum wiederholten Mal beweisen, wie reif sie ist. Im Falle der Unix-Standardisierung sind wir gescheitert. Trotz aller Fortschritte gibt es immer noch zu viele Derivate. Jetzt gibt uns Java eine zweite Chance, und ich glaube, diesmal können wir es schaffen.