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17.01.1997 - 

Neue Carrier haben Probleme bei der Anbindung von Haushalten

Beim Local Loop türmen sich noch ungelöste Fragen auf

Seit Monaten sind die alternativen Carrier damit beschäftigt, sich durch Kooperations-Vereinbarungen mit Know-how und Überlandleitungen einzudecken. Die Allianzen namhafter Unternehmen überdecken jedoch das immer noch ungelöste Problem des Local Loop, also des Zugangs der Carrier in den Bereich der Small Offices und Haushalte. Keiner der neuen Anbieter verfügt über die Infrastruktur der Telekom, deren Leitungen in fast jedes deutsche Heim, Büro und Unternehmen führen. Niemand wird zudem die Straßen aufreißen, um neue Kabel zu verlegen - das wäre zu teuer.

Vorhandene Leitungen zu nutzen ist zwar prinzipiell möglich, aber in der Praxis mit gravierenden Problemen behaftet. Das neue TK-Gesetz verpflichtet die Telekom, wie übrigens jeden Carrier, Interconnect-Verhandlungen mit anderen TK-Anbietern zu führen, wobei allerdings die eventuell zu vereinbarenden Konditionen frei zu verhandeln sind. Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, daß die Kosten für die Interconnections (in der Regel sind dies die Leitungen zwischen lokaler Vemittlungsstelle und Endkundenwohnung) rund 30 bis 40 Prozent der Ausgaben eines neuen Carrier ausmachen. Je mehr die Privaten umsetzen, desto mehr verdient also ihr Hauptkonkurrent, die Telekom.

Noch mehr fürchten die Neulinge die zähen Verhandlungen für die Interconnection-Verträge. "Es wird noch viel Geld, das in Equipment gesteckt werden könnte, an Rechtsanwälte überwiesen werden", vermutet etwa Thomas Ehrmann, Coordinator Interconnections bei der Vebacom GmbH, Düsseldorf. Im Paragraphendschungel könnte die Telekom die Konkurrenten hinhalten.

Wenig Hilfe erhoffen sich die TK-Einsteiger auch von der Politik. In Bonn wurden bis dato noch keine Lizenzen vergeben. Die Telekom weiß also noch nicht, wer überhaupt an sie herantreten wird. "Der Zeitverlust bei Verhandlungen schmerzt die Privaten mehr als die Telekom", beschreibt Vebacom-Manager Ehrmann die Lage. So habe die Telekom eine viel bessere Ausgangsposition, für sie günstige Bedingungen auszuhandeln.

Eine Alternative wäre, das Gespräch mit den Kabel-TV-Betreibern zu suchen. Technisch sind rund 68 Prozent der deutschen Haushalte angeschlossen. Mit zirka 21 Millionen Anschlüssen zahlen rund 56 Prozent der Konsumenten für den Empfang von Fernsehsendungen. Im wesentlichen stellen sich der Nutzung dieser Netze zwei Probleme in den Weg: Der Markt ist wegen zahlreicher, darunter sehr kleiner Anbieter völlig unübersichtlich, und die Kabel-TV-Installation sieht keinen Rückkanal vor. Letztere Hürde wäre mit vorhandener Technik zu nehmen. Dazu müßten jedoch Frequenzbänder für die neue Nutzung deklariert und das Equipment erweitert werden.

Viele Betreiber sind dazu beim besten Willen nicht imstande. Neben der auch in diesem Markt mit 16 Millionen angeschlossenen Kunden dominierenden Telekom gibt es vor allem in Ostdeutschland zahlreiche Anbieter, die teilweise nur einige hundert Haushalte versorgen. Sie haben nicht die Rücklagen, um ihre Netze aufzurüsten, zudem müßten die neuen TK-Dienstleister gleich mit einer Reihe von Partnern verhandeln. Dennoch sind die Kabel-TV-Netze Optionen für den Kundenzugang, allerdings mit der Einschränkung, daß sich auf diesem Wege nicht alle Haushalte erreichen lassen.

Begrenzte Reichweite haben auch die neuen City-Carrier, die in deutschen Großstädten von Sparkassen oder kommunalen Betrieben ins Leben gerufen wurden. Auch sie bieten sich als potentielle Partner an, da ihnen die in den Städten verlegten Leerrohre gehören und sie den lokalen Markt kennen.

Alle bisher beschriebenen Möglichkeiten haben den entscheidenden Nachteil, daß die Telekom-Konkurrenten fremde Vertragspartner ins Boot aufnehmen und am Umsatz beteiligen müssen. "Der Kostenvergleich zeigt, daß sogar für ein Unternehmen, das immerhin zehn Prozent Marktanteil auf sich versammelt, nur der Wireless Local Loop (WLL) vertretbar ist", berichtet Edgar Schnorpfeil, Abteilungsleiter Anschlußnetze bei der Thyssen Telecom AG, Düsseldorf. Dazu installieren die privaten TK-Unternehmen Funknetze und in den Haushalten beziehungsweise an den Hauswänden der Wohnungen die dazugehörigen zigarrenkistengroße Sende- und Empfangseinheiten.

Wurde vor wenigen Monaten noch der Standard Digital European Cordless Telecommunications (Dect) als überzeugendes Mittel zur Realisierung des lokalen Zugangs gefeiert, hat sich die Aufregung um das im Inhouse-Bereich etablierte Verfahren mittlerweile gelegt. Ungeklärt ist etwa, ob sich private Dect-Anwendungen und öffentlich genutzte Frequenzen gegenseitig stören. Darüber hinaus interessieren sich die Mobilfunk-Netzbetreiber ebenfalls für Dect-Frequenzen. Und schließlich sind ISDN-Bandbreitenanforderungen nur durch Kanalbündelung zu erreichen.

Als positive Merkmale lassen sich die kostengünstige und schnelle Realisierung von Dect-Installationen vermerken. In sechs bis acht Wochen ist der Netzzugang herstellbar. Die Sprachqualität, so hat eine Dect-Testinstallation in Duisburg gezeigt, muß den Vergleich mit der im Festnetz nicht scheuen. Beeinträchtigungen durch das Wetter habe es laut Schnorpfeil auch nicht gegeben. "In einem Fall wurde die Dect-Einheit am Haus allerdings durch Randalierer zerstört", beschreibt der Manager.

Die Anbieter von Dect-Systemen für Carrier haben vor allem mit einem Vorwurf zu kämpfen. "Das Schreckliche an Verfahren wie Dect und Code Division Multiple Access (CDMA) ist, daß es noch keine Erfahrungen im laufenden Betrieb gibt", faßt Thomas Plückebaum, Bereichsleiter bei der RWE Telliance AG, Essen, die Skepsis der Carrier zusammen. Das Verfahren CDMA ist eine Technik, die sowohl für die mobile Kommunikation als auch für den Local Loop entwickelt wurde. Es hat das Potential für künftige breitbandige Anwendungen, krankt allerdings an der fehlenden internationalen Standardisierung und der relativ teuren Implementierung.

Derartige Vorbehalte können dem Newcomer unter den WLL-Verfahren nichts anhaben. Das Personal Handyphone System (PHS) ist in Japan mit überwältigendem Erfolg eingeführt worden. Im Land der aufgehenden Sonne wird es zwar als Mobilfunknetz genutzt, doch mit seinen Dect-ähnlichen Leistungsmerkmalen eignet es sich auch für den Anschluß von Haushalten.

"PHS wird sich zum wichtigsten Konkurrenten für Dect entwickeln", prognostiziert Phil White, Director Communications Systems bei der PA Consulting Group, Großbritannien. Weil es in Japan bereits mehr als vier Millionen Kunden gibt, lassen sich die Endgeräte kostengünstig in Massenproduktion fertigen. Mit dem Aufbau der Netze, die weniger kosten sollen als Dect-Installationen, liegen also bereits Erfahrungen vor.

"PHS ist in Japan möglicherweise erfolgreich, weil das Land dichter besiedelt ist", bezweifelt Thyssen-Mann Schnorpfeil die Übertragbarkeit der Erfahrungen in Fernost auf den deutschen Markt. So installiert der japanische Carrier NTT etwa die Stationen auf den Dächern der eigenen öffentlichen Telefonzellen, von denen es in ganz Japan rund eine Million gibt, "in Deutschland dagegen nur 180000". Bei der Kostenrechnung dürfe zudem nicht aus dem Auge verloren werden, daß PHS-Stationen mehr Strom brauchen als die konkurrierenden Techniken.

Weil sich also keines der Verfahren als einzig wahre Zugangslösung herauskristallisiert, werden sich die neuen Carrier vermutlich für einen Mix aus mehren Techniken entscheiden. Zu den genannten Möglichkeiten könnten sich noch Richtfunkstrecken oder Kooperationen mit GSM-Netzbetreibern gesellen. Sicher scheint zudem zu sein, daß Dect und CDMA bis 1998 nicht reif genug für den breiten Einsatz sind. Ob dann PHS das Rennen macht, steht allerdings in den Sternen, denn derzeit sind die erforderlichen Frequenzen noch nicht freigegeben. Die Neulinge im TK-Markt werden sich also noch intensiv mit einer langen Liste ungelöster Fragen auseinandersetzen müssen.