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10.04.1998 - 

Mobile Computing/Datenvermittlung über GSM-Netze wird vernachlässigt

Beim Thema Mobilfunk hat der Privatkunde Vorrang

Der Gedanke ist verlockend: Wo auch immer sich der Mitarbeiter gerade befindet, er klinkt sich mit seinem Notebook ins Unternehmensnetz ein, fragt Bestandsdaten in der zentralen Datenbank ab und gibt seine Bestellung ein. Parallel kann er mit seinem Kollegen in der Zentrale telefonieren oder ihm ein Fax zusenden. Dann noch auf die Schnelle eine E-Mail an den Einkauf und ein Blick ins Internet, um die aktuelle Lieferzeit des bestellten Produkts beim Hersteller zu erfragen. Zu alledem braucht er nicht einmal eine Leitungsverbindung, denn er kommuniziert mit seinem Notebook und Handy mobil über Funk.

Auch wenn mit derartigen Szenarien von Mobilfunk-Netzbetreibern und Endgeräteherstellern kräftig die Werbetrommel gerührt wird, kann die Realität derzeit kaum darüber hinwegtäuschen: Diese Netze gemäß dem Global-System-for-Mobile-Communications-(GSM-)Standard werden bis heute fast ausschließlich zum Telefonieren genutzt. Von einer professionellen Datenübertragung, wie sie in Festnetzen gang und gäbe ist, ist der Markt der mobilen Kommunikation noch weit entfernt.

Der technologische Rückstand bei der Datenkommunikation kommt nicht von ungefähr: "Mobilfunk-Netzbetreiber und Endgerätehersteller zielen mit ihren Diensten und Produktentwicklungen auf den lukrativen Markt der Privatkonsumenten", so Jürgen Fiedler, Berater bei Diebold Deutschland in Eschborn. "Erst dann denken sie vielleicht an den professionellen Anwender." Sichtbaren Ausdruck findet der vernachlässigte professionelle Kommunikationsmarkt in der spärlichen Bandbreite von 9,6 Kbit/s, den Netzbetreiber wie T-Mobil (D1) und Mannesmann Mobilfunk (D2) ihren Kunden bereitstellen. Nur wenig anders sieht die Bandbreitensituation bei der Nummer drei unter den Mobilnetz-Betreibern, E-Plus Mobilfunk, aus, der für die Sprach- und Datenkommunikation mit zweimal 22,5 Kbit/s Bandbreite aufwartet.

Eine gewisse Erleichterung könnte die Zusammenfassung mehrerer Funkkanäle bringen. Dazu wäre allerdings der Signalisierungskanal notwendig, um die Datenpakete auf den Einzelkanälen zu synchronisieren. Doch der ist für den Handy-Teilnehmer zur Versendung seiner maximal 160 Zeichen langen Kurzbotschaft via SMS (Short Messages Services) belegt. Professionellen Anwendungen bleibt dieser Weg deshalb versperrt.

Für Fiedler steht in dieser Bandbreitensituation außer Frage: "Der Mobilfunk ist neben der Telefonie lediglich für kurze Datenbankabfragen, als Medium für eine schnelle Preis- und Vertragsgestaltung vor Ort, für Sicherheitsanwendungen mit geringen Transferraten und als schneller Draht zur Servicezentrale geeignet." Für ihn ist bei einer Textmenge über 1 KB das knappe Bandbreitenpotential der Funkverbindung mit akzeptablen Antwortzeiten bereits ausgereizt. Das hält die Betreiber von GSM-Netzen und die Endgerätehersteller derzeit nicht davon ab, um die Gunst des Kunden auch für die mobile Datenübertragung zu werben. Die expandierenden Online-Dienste, allen voran das förmlich explodierende Internet mit prognostizierten 10,3 Millionen Teilnehmern im Jahr 2000 allein in Deutschland (IDC), kommt ihnen dabei gerade recht. So bietet Mannesmann Mobilfunk aus dem D2-Netz heraus gleich Servicenummern für acht Online-Dienste an, darunter AOL Bertelsmann, Compuserve, DPlus Internet, Germany.net/Talk Online, T-Online und IBM Global Network. T-Mobil, das derzeit seinen D1-Kunden nur mit Übergängen ins konzerneigene T-Online-Netz und via Routing ins Compuserve-Netz aufwartet, will die Anzahl erreichbarer Online-Dienste ab 1. April 1998 kräftig steigern.

René Lutze, Berater bei Gora, Hecken & Partner in Sulzbach, sieht diese Offerten mit Skepsis. Seine Einschränkung für den mobilen Zugang in Online-Dienste ist ebenso stichhaltig wie deutlich: "Wer will sich schon mobil über die langsame 9,6-Kbit/s-Bandbreite in Online-Dienste einwählen und warten, wenn sich alle Welt bereits über die zu knapp bemessenen 64-Kbit/s-Verbindungen in diesen Festnetzen beschwert." Er ist sich deshalb sicher: "Das datenfunkfähige Mobilfunkendgerät kann erst mit einer kräftigen Aufstockung der Bandbreite in den GSM-Netzen zu einer ernstzunehmenden Zugangslösung für Online-Dienste werden."

Diese Aufstockung der Mobilfunkbandbreite kommt indes nicht in Gang. Hier treten die Betreiber seit 1989 mit 9,6 Kbit/s buchstäblich auf der Stelle. Im gleichen Zeitraum wurde im Festnetz, trotz Monopolstellung der Deutschen Telekom, ein Bandbreitensprung von 64 Kbit/s auf 155 Mbit/s um mehr als den Faktor 2000 vollzogen. Technologien für eine höhere Durchsatzleistung in GSM-Netzen wie High-Speed Circuit Switched Data (HSCSD) und General Packet Radio Service (GPRS) hingegen, die seit drei Jahren diskutiert und nach den Prognosen von damals bereits im Markt verfügbar sein sollten, sind bis heute dem praktischen Einsatz kaum einen Schritt näher gekommen. "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", so die Devise der GSM-Netzbetreiber. Sie haben den möglichen Einsatz von HSCSD (maximal 64 Kbit/s) und GPRS (maximal 110 Kbit/s), der zudem erhebliche Veränderungen an der GSM-Technik nach sich ziehen würde, mittlerweile in die Zeit nach der Jahrtausendwende gerückt.

Höhere Bandbreiten lassen auf sich warten

Was Anbieter in diesem Markt derzeit nicht davon abhält, noch mutigere Visionen im Mobilfunknetz wie Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) zu verbreiten, um der professionellen Anwenderschaft eine rosige Bandbreitenzukunft zu verheißen - und damit gleichzeitig für bisher nicht erbrachte Kommunikationsperspektiven eine Langzeit-Alibifunktion aufzubauen. Denn diese Perspektive, die künftig in Mobilfunknetzen Bandbreiten bis 2 Mbit/s eröffnen soll, hat für den professionellen Teilnehmer ein erhebliches Manko: Sie wird nach Einschätzung von Marktkennern nicht vor dem Jahr 2005 die bestehende GSM-Technik in den Mobilfunknetzen ablösen. Im Bereich der modernen Kommunikationstechnik eine Ewigkeit, die zudem von den Mobilfunkteilnehmern heute in keiner Weise vorausbedacht werden muß.

Wem statt dessen die Aufmerksamkeit der Produkt- und Dienstleistungsanbieter im Mobilfunkmarkt gehört, verrät ein Blick auf die Produktneuheiten der Endgerätehersteller. Ihre Innovationsfähigkeit scheint sich derzeit, getrieben durch den privaten Konsumentenmarkt, in einer stärkeren Miniaturisierung der Handys sowie in Spielereien und unterschiedlichen Anschlußvarianten zwischen Handy und Laptop zu erschöpfen. Statt wie bisher der Modemkarte im PC gibt es nun die Modemkarte im Handy, das Modem als Software im Handy und für die Kombination von PC und Handy statt der Kabelverbindung Infrarot- oder Funkkopplung.

Michael Heidemann, Produkt-Manager Mobile Phones bei Nokia, hat für sein Haus eine weitere Variante parat: "Wir haben gerade auf der CeBIT ein nur datenfähiges Endgerät vorgestellt. Die notwendige Modemfunktionalität, "Data Suite", haben wir unter Windows 95 bewerkstelligt." Mehr als die schmale Bandbreite von 9,6 Kbit/s kann jedoch auch Heidemann mit dem mobilen Datenendgerät nicht bieten.

"Bei den professionellen Anwendern", so Berater Lutze, "dürften solche Offerten, abgestimmt auf den schnellebigen Konsumentenmarkt, kaum mehr als ein Achselzucken ernten." Zumal er gleichzeitig für den professionellen Mobilfunkbereich eine breite Lücke beim Zusammenspiel zwischen Mobilfunknetz und Festnetz klaffen sieht: "Netzanbieter im Mobilfunkbereich sind bis heute nicht über eine simple Anrufumleitung zwischen Festnetz und GSM-Netz hinausgekommen." Denn sie seien letztlich an einem näheren Zusammenrücken beider Transportmedien gar nicht interessiert.

Lutze sieht dafür die Gründe: "Erstens würden durch eine Zusammenschaltung beider Netze die GSM-Netzbetreiber ihre Alleinstellungsmerkmale aufs Spiel setzen. Zweitens wären sie dann dazu gezwungen, in ihrer Domäne einen ähnlich hohen Kommunikationskomfort zu bieten wie die Festnetzanbieter, was sie in absehbarer Zeit nicht leisten können." In dieser für den Kommunikationsteilnehmer wenig zufriedenstellenden Situation können GSM-Betreiber kaum mehr als generelle Statements verlauten lassen: "Wir werden die Integration von Fest- und Mobilfunknetz mit Komfort weiter vorantreiben", meint etwa Matthias Andreesen Viegas, Pressereferent beim D1-Netzbetreiber Mannesmann Mobilfunk in Düsseldorf.

Außer Frage steht, daß der Mobilfunktelefonie weiterhin die Zukunft gehört, forciert durch den GSM-Standard, der sich mittlerweile in mehr als 100 Staaten der Erde etabliert hat oder dabei ist, sich zu etablieren. Denn für die mobile Sprachkommunikation reicht die knappe Bandbreite aus. Die Telekom-Tochter T-Mobil und Mannesmann Mobilfunk verweisen derzeit in einem Kopf-an-Kopf-Rennen auf rund 100 GSM-Netzbetreiber in knapp 70 Ländern, die eine nahezu grenzenlose Mobilfunktelefonie über Roaming unter der gewohnten Rufnummer erlauben. E-Plus Mobilfunk hat es mittlerweile nach eigenen Angaben auf immerhin 60 Roaming-Partner in 50 Ländern gebracht. Mit weiteren 40 will man in naher Zukunft Verträge abschließen, um hinsichtlich der globalen Abdeckung mit T-Mobil und Mannesmann Mobilfunk gleichzuziehen.

Doch die Sprachkommunika- tion über Mobilfunk ist erst die halbe Antwort. Diejenige für eine professionelle Sprach-Daten-Kommunikation sind die GSM-Netzbetreiber bis heute schuldig geblieben. Die Ernsthaftigkeit ihrer Offerten für den professionellen Markt wird sich künftig daran messen lassen müssen, ob sie zügig für Datenanwendungen mehr Bandbreite bereitstellen und eine bessere Synthese zwischen GSM- und Festnetz herbeiführen. Solange sie sich bei ihrem Bandbreitenangebot nicht bewegen und ihre Kundschaft weitgehend nur an ihre eigene Netzdomäne binden, wird die professionelle Anwenderschaft ihre Offerten neben der Telefonie kaum ernst nehmen können.

ANGEKLICKT

Mobilfunknetze werden noch immer fast ausschließlich zum Telefonieren genutzt. Für eine professionelle Datenübertragung via Notebook und Handy, wie sie von Herstellern heftig propagiert wird, reichen die Bandbreiten kaum aus. Aber auch die mangelnde Bereitschaft der Betreiber, GSM- und Festnetze zu verbinden, steht einer breiteren Marktakzeptanz entgegen.

Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg.