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23.01.1981

"Belle" wurde auch US-Champion 1980:\Frecher Schachzwerg beweist Kaltblütigkeit

NASHVILLE/TENNESSEE - Die elfte nordamerikanische Schachcomputer-Meisterschaft, die vom 26. bis 28. Oktober 1980 in Nashville/Tennessee ausgespielt wurde, endete wie das Weltchampionat in Linz (CW 43 vom 24.10.1980): Mit einem Brettpunkt Vorsprung sicherte sich das spielstärkste Programm "Belle" von Ken Thompson und Joe Condon (Bell Telephone Laboratories, New Jersey) erneut den Titel (Tabelle 1) .

Auf dem zweiten Platz landete das B-Strategic-Programm "Chaos" von Fred Swartz (Universität Michigan), des auf dem Großrechner Amdahl 470V/8 betrieben wird.

Vier der ursprünglich 14 gemeldeten Teilnehmer hatten aus den verschiedensten Gründen abgesagt. So blieben namhafte Konkurrenten wie Ex-Weltmeister "Chess 4.9/5.0", "Nuchess" und "Boris Experimental" dem Nashville-Turnier fern.

Trotz des dezimierten Starterfeldes war die Aufgabe für das amtierende Weltmeister-Programm keineswegs leicht. Von den zwei neuen Programmen "Cray Blitz" und "Cube 2.0" beide auf "Gray 1", versprachen sich die Computerschach-Experten vor allem wegen der enormen Rechengeschwindigkeit von rund 80 Millionen Instruktionen pro Sekunde eine ansehnliche Leistung. Sie wurden nicht enttäusch: "Cray Blitz" gewann das zum ersten Mal ausgetragene Blitzturnier ohne Niederlage (Tabelle 2).

Der Verlauf des im Schweizer System in vier Runden ausgetragenen Hauptturniers zeigte, daß die sechs neu hinzugestoßenen Mikrocomputer-Schachprograrmme einiges dazugelernt haben. Sie haben zwar noch kein Großmeisterformat (2400 Elo-Punkte), aber bei Betrachtung einiger in diesem Turnier gespielter Partien läßt sich ihre Spielstärke durchaus mit der eines Schachexperten vergleichen, der mit 2150 Elo-Punkten eingestuft wild.

Das strategische Wissen eines Großmeisters - vor allem im Mittel- und Endspiel - bleibt einem Computer freilich vorerst noch verschlossen.

Die folgende spannende Partie verdeutlicht die Probleme, mit denen ein Schachprogramm noch nicht fertig wird.

Weiß: Challenger X

Schwarz: Belle (Offenes Spanisch)

Gespielt bei der XI. US-Meisterschaft 1980.

1. e4, e5; 2. Sf3, Sc6; 3. Lb5, a6; 4. La4,Sf6; 5. 0-0, Sxe4; 6. d4, b5; 7. Lb3, d5; 8. dxe5, Le6; 9. c3, Lc5

Diesen Zug wandte Kortschnoj gegen Karpow bei der WM 1978 in Baguio zweimal mit Erfolg an. Die dritte und letzte Auseinandersetzung in der folgenden von Karpow ausgetüftelten Variante mündete nach 10. Sbd2, 0-0; 11. Lc2, Lf5 ;12. Sb3, Lg4; 13. h3!, Lh5; 14. g4, Lg6; 15. Lxe4, dxe4; l6. Sc5 in eine für Weiß günstigere Stellung.

An diesem Punkt sind auch die beiden Schachcomputer mit ihrem gespeicherten "Eröffnungslatein" am Ende. Es spielt also keine Rolle mehr, daß die Bibliothek von "Belle" 250 000 Eröffnungspositionen enthält, diejenige von "Challenger X" dagegen nur 1000. Im Gegenteil: Der unkonventionelle Zug

10. Le3?

von "Challenger X" (das Programm wurde von "Sargon 2.5" abgeleitet) bringt den Weltmeister in Verlegenheit. Schwarz rechnete etwa mit 10. SbD2.

10. .., Lxe3?

Schon dieser Abtausch, obwohl sicher auf einer schlechteren Bewertung eines Doppelbauern beruhend, ist zu bedenken. Er öffnet der weißen Dame die Diagonale "e1-h4" und dem weißen Turm die "f"-Linie Dadurch wird eine Offensive gegen den gegnerischen König begünstigt. Die nun folgende Serie farbloser Züge bringt "Belle" fast an den Rand einer Niederlage 11. fxe3, Tb8 (0-0); 12. Sbd2, Sc5; 13. De1, Sd3? (Vorzuziehen war die Überführung des Springers über d7 auf den Königsflügel) 14. Dg3, 0-0; 15. Tb1?? (siehe Diagramm)

Eine typische Erscheinung bei dem nur wenige Halbzüge voraus "denkenden" Mikrocomputer-Programm. Die Zugfolge 15. Lc2, Sc5; 16. Lxh7!, Kxh7; 17. Sg5+, Kg8; 18. Dh4 etc. übersteigt das Denkvermögen des "Taschengroßmeisters". Er deckt den Bauern b2.

Trotz dieses Tempoverlustes steht Weiß immer noch günstiger, "Challenger X" weiß es nur nicht. Das um mindestens zwei bis vier Halbzüge tiefer rechnende Weltmeisterprogramm sieht dagegen, daß sich "weiße" Wolken über dem schwarzen Königsnest zusammenziehen. Daher: 15. ..., De7! (ob das reicht?) 16. Lc2, Dc5?;

17. Sg5!, Sce5

Es gibt für "Belle" keine andere Wahl. Ken Thompson gab sich in dieser Stellung jedoch optimistisch "Wir werden schon gewinnen." 18. Sxh7!, Tfd8 (Te8, Sf6!); 19. Sf6+,

Kf8; 20. Lxd3! (Sh5 oder Sb3), Sxd3; 21. Sh5, g6; 22. Sf6

Die Folgen de Fortsetzung 22. Dxg6! liegen abermals weit über dem Horizont von Challenger. Daher die ruhigere Route 22...., Lf5; 23. Dg5, b4

Die "Kaltblütigkeit" von "Belle" ist bewundernswert. Nun lehnt der freche Zwerg auch das angebotene Remis durch Zugwiederholung ab. Er bricht sämtliche Brücken hinter sich ab.

24. Sh7+, Ke8; 25. Sf6, Kf8; 26. Sb3, De4; 27. Sh7, Ke8; 28. cxb4, Txb4; 29. Sf6+, Kf8; 30. Sg4, Td6; 31. Sh6, De4; 32. Txf5!, gxf5; 33. Dxg8+,- Ke7; 34. Dxf7+, Kd8; 35. Sxf5, Tc6; 36. h4

Diese Verschnaufpause nutzt Schwarz zur Aktivierung seiner Schwerfiguren. Nun scheint das Schicksal beider Monarchen an einem seidenen Faden zu hängen. "Belle" kalkuliert tiefer und läßt sich auf folgende Variante ein:

36. ..., Tc2; 37. Df8+, Kd7;38. Df7+, Kc8; 39. Dg6, Kb7; 40. Sa5+, Ka8; 41. Dxa6+, Kb8; 42. Dg6, Se5!; 43. Dg8+, Ka7

Endlich eine Bleibe für den schwarzen König. Nach diesem Drahtseilakt geht die Partie für Weiß rasch verloren. Ob Sie das "programmierte" Hinausschieben der Exekution in der folgenden Phase des Spiels amüsant finden, bleibt Ihrem Urteil überlassen: 44. Tf1, Tbxb2; 45. Kh1, Txg2; 46. Sc6+, Sxc6; 47. Da8+, Kxa8; 48. a4, Kb8; 49. a5, Ka8; 50. a6, Ka7; 51. H5, Kb6; 52. a7, Tg1+ (endlich!); 53. Kxg1, Dg2 matt.