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06.09.1985 - 

Die Zukunft zentraler, verteilter oder persönlicher Rechner liegt beim Endanwender:

Benutzer-Kompetenz bestimmt Mikro-Erfolg

Weniger in der Verfügbarkeit geeigneter technischer Produkte liegt die Problematik der Umsetzung von Anwendungskonzeptionen in geeignete Lösungskonzepte. Vielmehr entscheiden die softwaretechnische Koordination der unterschiedlichen Elemente, deren Kommunikation untereinander und die Benutzertransparenz des Gesamtsystems. Der weitere Weg wird bestimmt durch Einführung insularer Lösungen mit schrittweisen Integrationserfolgen.

Der erste Rausch ist schon vorbei. Die PC-Nuggets aus den Silicon Valleys haben die Welt verändert. Dennoch klafft eine erhebliche Diskrepanz zwischen den euphorischen Verkaufsprognosen der ungezählten Anbieter einschließlich der in ihrem Windschatten segelnden, ebenso ungezählten Marktpropheten und den tatsächlich in den Unternehmen eingesetzten "Persönlichen Computern".

Wirkt das gegenwärtige Kostenniveau der Schreibtisch-EDV noch hemmend? Oder bedingt die Hektik des unverminderten Wettlaufs um leistungsfähigere Prozessorchips noch kluge Zurückhaltung der potentiellen Interessenten? Selbst den Marktführern bleiben enttäuschende Illusionen nicht erspart.

Wenn Personal Computer Erfolg hatten, sind drei Gründe dafür maßgebend: die (im Gegensatz zur Groß-EDV) BenutzerfreundIichkeit des Computers, die aus der Sicht des Anwenders kurzfristige Verfügbarkeit und die geringe Höhe des Investitionsvolumens bei Einzelentscheidungen.

Die Handhabung des Mikros ist relativ leicht. Werden in späteren Jahren die Antriebskräfte auf dem Weg in die Informationsgesellschaft untersucht, erweist es sich als wahrscheinlich, daß der für die breite Akzeptanz des Mediums Computer wesentliche Innovationsschub von der Benutzerfreundlichkeit der Mikrocomputer-Software ausging.

Heute setzt sich ein "Analphabit" vor einen PC, tippt mit dem Finger auf den Bildschirm, kurvt mit der Maus über das Tableau, blättert von Menü zu Menü - und vergißt dabei gelegentlich, welches Problem er eigentlich lösen wollte.

Als verführerisch erweisen sich auch die Marketing- und die Hardwarekonzeption des PC: buy, plug und play. Über die Ladentheke geliefert, ausgepackt und mit der Steckdose verbunden, eröffnet der Mikro faszinierende Möglichkeiten intellektueller Betätigung.

Da liegen nicht zehn Monate Lieferzeit zwischen ohnehin langwieriger Entscheidungsfindung und der Anlieferung der technischen Geräte. Kein Corps von Hardware- und Softwarespezialisten haucht in wochenlanger Kleinarbeit der Elektronik Leben ein. Kein Stab exzentrischer und esoterischer Programmierer verzögert endlos den ersten Tastendruck am eigenen Bildschirm. Die Zeitspanne zwischen Kaufentscheid und Inbetriebnahme reduziert sich auf wenige Stunden und Tage.

Last not least fällt die Beschaffung eines eigenen Mikros wegen des vergleichsweise geringen Investitionsvolumens oft durch die Maschen selbst eng geknüpfter administrativer Kontrollnetze. Kaum daß in größeren Unternehmen die Unterschrift eines Direktors für einen Auftrag in der gegebenen Größenordnung benötigt wird. Zumeist genügen das Plazet des Hauptabteilungsleiters und die Unterschrift des Einkäufers.

Weitschauende EDV-Manager bestanden bei der Mikrobeschaffung auf einem einheitlichen Rechnertyp für alle Unternehmensbereiche. Verantwortungsbewußte Einkaufsmanager schlossen für diesen Einheitstyp Mengenrabatt-versprechende Rahmenverträge ab. Ein großer Sprung auf dem Weg in die Informationsgesellschaft war wieder einmal geschafft. Mit einem eigenen Mikro kann sich der Benutzer einen alten Traum der industriellen Zivilisation verwirklichen: die heile Welt am Arbeitsplatz in Visi-Calc-Scope und in High-Tech-Color.

Ohne Ergebnisse ist Computern nur Selbstzweck

Genau das gaukelt die Westentaschen-EDV schon durch die tiefenpsychologisch effektive Namensgebung vor: der persönliche Computer. Dabei hatte ein welterfahrener Schriftsteller schon längst erkannt: Niemand ist eine Insel. Information entfaltet erst ihren Sinn, wenn sie kommuniziert wird. Wer einmal eine endlose Schleife in sein Programm codiert hat, der weiß, daß auch der schnellste Computer noch so unermüdlich arbeiten kann; wenn die Ergebnisse nicht übermittelt werden, bleibt alles nur Selbstzweck.

Ein Unternehmen als soziotechnisches System funktioniert erst durch den Austausch von Informationen zwischen seinen Elementen. Ein Instrument dieser betrieblichen Informationsverarbeitung muß daher in die Kommunikationskette eingegliedert werden können, sonst erzeugt sein Einsatz in aller Regel mehr Aufwand als Ertrag.

Den ersten Schritt in die richtige Richtung signalisierte daher die Verfügbarkeit geeigneter Optionen, die den Mikro gegenüber dem übergeordneten Rechner wie ein reguläres Terminal wirken läßt. Zumindest erspart man sich dabei, die Daten von dem ersten Bildschirm-Datenendgerät oder Personal Computer - ablesen und über den die Tastatur des zweiten Bildschirms wieder eingeben zu müssen. Und man findet noch Platz zum konventionellen Arbeiten, weil statt zwei nur eine der voluminösen Kathodenstrahlröhren installiert werden muß.

Hier bereits von Integration zu sprechen, wagen nur technische Spezialisten mit Scheuklappen für die subtilen Wechselwirkungen betrieblicher Organisationsstrukturen. Wenn der Computer am Arbeitsplatz mehr sein soll als die Kombination von Schreibmaschine, Tischrechner und Datenendgerät, dann ist er harmonisch in die informative und kommunikative Landschaft des Unternehmens einzubetten.

Wie die Menschheitsgeschichte zeigt, ist die hierarchische Beziehung zwischen Herr und Knecht, zwischen zentralisierter EDV und PC oder Abteilungsrechner die einfachste Form kommunikativer Ordnung. Diesen Entwicklungsstand haben wir gegenwärtig erreicht. Im kommerziellen Umfeld werden Mikros heute eher als besonders intelligente Terminals denn als eigenständige Organisationsmittel eingesetzt. Die letztere Art der Verwendung liegt lediglich in der Kompetenz des Benutzers. Die industrielle Gesellschaft hat aber sublimere Beziehungen zwischen ihren Elementen entwickelt, die der Mikro noch nachvollziehen muß, wenn er sich zum tauglichen Instrument moderner Organisationsentwicklung mausern will.

En vogue ist heute das Mehrplatzsystem. Integration und Kommunikation - behaupten seine Verfechter - ergeben sich dann automatisch auf Arbeitsgruppenniveau. Dabei wird häufig übersehen, daß die Mitglieder einer Sachbearbeitergruppe eher nebeneinander als miteinander arbeiten. Die Informationsprozesse in Wirtschaft und Verwaltung sind filigraner, als uns die Technokraten einreden wollen. Das Konzept des Distributed Processing hilft oft auch nicht weiter. Nicht die Verarbeitung - das Processing -, sondern die Kommunikation untereinander und der wechselseitige Zugriff auf Informationen werfen die wesentlichen Fragestellungen der zukünftigen, technisch unterstützten Informationsverarbeitung auf.

Wenn ein Sachbearbeiter oder der Angehörige einer zentralen Stabsabteilung spezifische Angaben benötigt, darf er nicht gezwungen werden, einen persönlichen Rechner nach dem anderen, einen Abteilungsrechner nach dem anderen abzufragen, ob er die relevanten Daten liefern kann. Ein unternehmensweiter Kataster aller gespeicherten Daten, Texte und sonstigen Informationen ist notwendig, ein Data-Dictionary - nicht in Ringbuchform, sondern als integraler Bestandteil des Nervensystems - betrieblicher Information und Kommunikation und ein Führer durch das Labyrinth hochtechnisierter Netzwerke mit einer managerleichten Benutzeroberfläche.

Gleichrangiger Partner in Informationsverarbeitung

Der Arbeitsplatzrechner als persönliches oder Mehrplatzsystem wird gleichrangiger Partner anderer Elemente der automatisierten Informationsverarbeitung werden. Neben seiner Verwendung als Datenendgerät, neben der Fähigkeit, Dateien und Schriftstücke zu einem beliebigen Kommunikationspartner zu übertragen oder von diesem zu empfangen, wird er gleichermaßen das Netz als externe Datenbank adressieren können. Das gilt für den gezielten Zugriff auf Daten, auf Texte, das gilt vor allem aber für die Suche nach qualitativen Informationen in Dokumentenarchiven! Unter dem Blickwinkel zukünftiger multifunktionaler Arbeitsplätze zählen dazu auch grafische und phonetische Hintergrundspeicher.

Kein Weg führt allerdings mehr zurück zu Systemen, die aufgrund ihrer Komplexität dem Endanwender im Büro oder in der Werkstatt verschlossen sind und zu ihrer Nutzung eines technischen Dolmetscherexperten bedürfen. Es ist anzunehmen, daß noch manche Versionen der Software und einige Generationen der Hardware den Weg markieren werden.

Über eines aber sollte man sich klar sein, trotz aller Hilfen, die die neuen Techniken und zukünftige Expertensysteme mit dem Anspruch künstlicher "Intelligenz" bieten: These systems will not compensate for people who are less competent.

*Carl D. Hast ist Leiter der Hauptabteilung "Marketing-Systeme" bei der Honeywell Bull AG, Köln.