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03.12.1993

Berlin-Chemie AG: Die Testlaeufe fielen flach

Mit etwa 2700 Mitarbeitern war die Berlin-Chemie AG frueher einer der groessten Arzneimittelhersteller der DDR. Das 1959 gegruendete Unternehmen - spaeter ein Betrieb des Kombinats Germed - konnte noch kurz vor der Wende einen Umsatz von rund einer Milliarde DDR- Mark verbuchen. Nach der Privatisierung 1992 gehoert der Adlershofer Medikamentenhersteller zum italienischen Pharmakonzern Menarini. Mit den neuen Besitzverhaeltnissen kam auch frischer Wind in die alte Datenverarbeitung der Firma.

Die betrieblichen Ablaeufe des Berliner Arzneimittelherstellers wurden zu DDR-Zeiten ueber ESER-Maschinen und Kleinrechnersysteme gesteuert. Projektiert, programmiert und DV-technisch organisiert wurde im eigenen Haus, abgearbeitet in Rechenzentren anderer Betriebe. Im Unternehmen selbst standen nur zwei Kleinrechner fuer besonders eilige Arbeiten zur Verfuegung. Mit der Wende mussten die alten betrieblichen Strukturen auf die veraenderten Bedingungen umgestellt werden. Das bedeutete Konzentration auf das Kerngeschaeft Pharmazie, Aufbau eines Marketings und die umfangreiche Sanierung sowie Modernisierung des Unternehmens. Vor allem die Fachbereiche brauchten eine bessere DV-technische Absicherung.

Das war nur mit moderner Hard- und Software moeglich, erinnert sich DV-Leiter Hans-Juergen Paul. Doch welche sollte es sein? Zwar bot der Markt Equipment in Huelle und Fuelle an. Passendes fuer die Belange eines pharmazeutischen Betriebes mit damals noch 1500 Mitarbeitern konnte jedoch nicht gefunden werden. Sollte man weiterhin "kleine Broetchen backen" und mit den vorhandenen Mitteln versuchen zu ueberleben oder mit "grossen Investitionen neue Wege gehen", um Wettbewerbsvorteile auch langfristig sichern zu koennen? Der Vorstand der Firma entschied: Die DV im Haus sollte kuenftig zu einem hochwertigen Instrument ausgebaut werden - und das im Eiltempo. Das Problem war nicht nur die kurze Zeit, in der das Ganze realisiert werden musste. Zu Beginn fehlten vor allem Erfahrungen auf dem westlichen Hard- und Softwaremarkt. Aber man wollte "lieber jetzt Fehler machen als nichts tun".

Hilfe bot die Berliner Beraterfirma Management Consulting (MXI) an. Gemeinsam mit diesem Unternehmen suchten die Adlershofer nach ihrer Massloesung. Auf einer Praesentationsshow der Firma Schering in Wien wurde man fuendig: Ein Projektpaket des Villinger Softwarehauses Ratioplan mit den Teilen Einkauf, Finanzbuchhaltung, Kostenrechnung, Lohn und Gehalt, Vertrieb, Anlagenbuchhaltung sowie Fertigungssteuerung "entsprach unseren Anforderungen". Als zentrales Rechnersystem entschied man sich fuer eine IBM AS/400.

Parallel zum DV-Aufbau begannen 1990 auf dem Adlershofer Betriebsgelaende die Arbeiten fuer eine moderne und leistungsstarke Infrastruktur - teilweise ueber Glasfaserleitungen verkabelt. Die externen Herstellungsbereiche in Johannesthal und Britz bekamen Modem, Waehl- und Standleitungen beziehungsweise Datex-P-Anschluss. Die Aussenstelle in Rheinsberg wurde per Satellit an das Datennetz des Mutterhauses gekoppelt.

Projekteinfuehrung war 1991 - allerdings mit eher unueblichen Methoden: Man verzichtete voellig auf das Testen der Programme und Netze. Der sofortige Echtlauf hatte seine Risiken. Probleme gab es vor allem mit der Anpassung in den Fachabteilungen. Viele Mitarbeiter erlebten ihre erste enge Beruehrung mit der Datenverarbeitung. Doch trotz vieler Schwierigkeiten lief das neue DV-System nach knapp zwei Jahren "rundum stabil", resuemiert Paul.

1991 war fuer das Unternehmen auch ein geschaeftliches Erfolgsjahr: Mit einem Umsatz von 366 Millionen Mark - davon kam mehr als die Haelfte aus dem Exportgeschaeft - war der Berliner Pharmaziehersteller auch fuer die Treuhandanstalt ein Topunternehmen, fuer das sich dann bei einer internationalen Ausschreibung rund 23 Interessenten fanden. Den Zuschlag bekam der italienische Pharmakonzern Menarini aus Florenz.

Die Konzernstrategie sieht vor, dass kuenftig der Berliner Medizinhersteller als Zentrale fuer das Geschaeft diesseits der Alpen fungiert. Eine Aufgabe, die ohne DV "nicht zu packen" waere, sagt Paul zu Recht. Die derzeit 150 angeschlossenen Terminals und ein Token-Ring-Netz mit 150 PS/2-PCs seien jetzt eine "komfortable Moeglichkeit" fuer die Arbeit in den Fachbereichen.

Dem Einsatz von Standardsoftware stehen Branchenkenner nicht kritiklos gegenueber, besonders in Bereichen, die Moeglichkeiten zur Abgrenzung vom Wettbewerb bieten. Doch Paul befuerwortet eine einheitliche DV-Infrastruktur im gesamten Unternehmen. Dazu zaehlt nicht nur die Wahl des Rechners, sondern auch der "kompromisslose Einsatz von Standardsoftware" ohne zusaetzliche Eigenprogrammierungen. Bei der Auswahl der Standardprogramme habe man "streng auf Einheitlichkeit" geachtet, um eine allgemeine Passfaehigkeit der eingesetzten Hard- und Software zu garantieren. Zu viele unterschiedliche Systeme haetten "nur alles verdorben".

Im Westen

mehr Verantwortung

Im DV-Bereich sind von ehemals 24 noch 13 Mitarbeiter taetig. Diese haben taeglich ein nicht geringes Pensum zu bewaeltigen: Neben dem Nutzerservice und der Betreuung der laufenden Projekte realisieren sie die Einfuehrung neuer Software.

Aber auch das schoenste DV-Konzept hat nur Erfolg, wenn alle Bereiche eines Unternehmens an einem Strang - und in die gleiche Richtung ziehen. Da gebe es immer noch Unterschiede, wenn man die Aufgabenteilung zwischen DV-Bereich und den Fachabteilungen der Betriebe in den alten mit der in den neuen Bundeslaendern vergleiche, urteilt Paul. Die Fachbereiche der westlichen Firmen wuerden entschieden mehr DV-Verantwortung tragen, als das in ostdeutschen Unternehmen der Fall sei. Fuer den langjaehrigen DV- Mann ist das keineswegs verwunderlich. Haetten doch die Mitarbeiter in den DDR-Unternehmen kaum Moeglichkeiten gehabt, sich mit der rechnergestuetzten Verarbeitung zu beschaeftigen. Diese sei in erster Linie per Stapelverarbeitung in den Rechenzentren abgewickelt worden.

In den Ostfirmen wuerde heute die Projektverantwortung erst in wenigen Abteilungen von einem breiten Mitarbeiterkreis getragen. Fuer die Berlin-Chemie mit rund 900 Mitarbeitern bedeute es, dass ein DV-Projekt nur mit einem gut ausgebildeten DV-Team funktioniert, das auch die Schulung und Weiterbildung der Mitarbeiter in den Fachabteilungen uebernehmen kann.