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03.09.2004 - 

Die meisten Verwaltungs-PCs arbeiten noch unter Windows NT 4.0

Berlin stellt Weichen in Richtung Linux

"Überall dort wo es möglich ist, wollen wir auf Linux wechseln", sagt Manfred Piechowski, IT-Manager des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Als wichtigsten Grund für die Open-Source-Pläne nennt er die "desolate Haushaltslage" der Kommunen. Mit rund 338000 Einwohnern zählt Tempelhof-Schöneberg zu den größten Bezirken der Bundeshauptstadt.

Macht das Beispiel Schule, könnten mittelfristig auch die anderen elf Bezirksverwaltungen der 3,5-Millionen-Metropole den Schritt in Richtung Open Source wagen. Ähnlich wie in München arbeiten die rund 25000 PCs in den Berliner Bezirken fast ausschließlich unter dem Betriebssystem Windows NT 4.0, das von Microsoft nicht mehr weitergepflegt wird. "Wir sind zum Umstieg verdammt", bringt Piechowski die Situation auf den Punkt. "Natürlich streben wir auch eine größere Plattformunabhängigkeit der eingesetzten Software an." Treibende Kraft der Berliner Open-Source-Initiative ist Gunnar Stöcker, Leiter der überbezirklichen Geschäftsstelle zur Koordinierung und Beratung bezirklicher IT-Verfahren (KoBIT).

Im Mai 2004 gab er eine Studie beim IT-Dienstleister EDS in Auftrag. Am Beispiel des Bezirks Tempelhof-Schöneberg sollten die Berater aufzeigen, inwieweit der Wechsel zu Open-Source-Software Vorteile bringen kann.

"Alternative zum Monopolisten"

"Wir suchten einen Migrationsweg und wollten dabei eine Alternative zum Monopolisten Microsoft prüfen", beschreibt Stöcker seine Beweggründe. Eigenmächtig handelte er dabei nicht. Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte zuvor entschieden, einen möglichen Wechsel der öffentlichen Verwaltung auf Open-Source-Software zu evaluieren.

Am 25. August präsentierte EDS den IT-Managern der zwölf Bezirke die Ergebnisse: Unter mehreren Migrationsszenarien mit und ohne Microsoft-Produkten schnitt ein Thin-Client-Konzept mit Linux als Betriebssystem am besten ab, berichtet Gregor Lietz, Director Government bei EDS und Leiter der Studie. Ein gewichtiger Vorteil dabei sei, dass der Bezirk etwa 90 Prozent der installierten PCs nach der Umstellung weiter nutzen könnte. Die Arbeitsplatzrechner sind im Durchschnitt vier bis fünf Jahre alt, so Lietz, einige Rechner wurden bereits vor acht Jahren angeschafft. "Sowohl eine Migration auf Windows XP in der Fat-Client-Variante als auch XP in Kombination mit Citrix Terminal Server wären im Ergebnis erheblich teurer", erläutert der EDS-Experte.

"Windows XP ist für uns keine realistische Alternative", erklärt auch IT-Manager Piechowski. Dazu müsste die Hardware teilweise ausgetauscht werden, was erhebliche Investitionen nach sich ziehen würde. Die "Computerwoche" wird in einer der nächsten Ausgaben ausführlich über die Migrationspläne im Bezirk Tempelhof-Schöneberg berichten.

Microsoft bleibt im Rennen

Mit dem Münchner Linux-Großprojekt, das in der Öffentlichkeit großen Widerhall fand, ist die Situation in Berlin nur bedingt vergleichbar. Während in der bayerischen Landeshauptstadt ein einziger Stadtratsbeschluss am 28. Mai 2003 genügte, um den Weg in Richtung Open Source zu ebnen, entscheidet jeder Berliner Bezirk selbstständig über seine IT-Strategie. KoBIT-Leiter Stöcker verweist auf weitere Unterschiede: "Im Gegensatz zur Stadt München, die sich für einen kompletten Austausch von Windows-Systemen entschieden hat, schließen wir keinen Anbieter aus." Die Leitlinie der Bayern hält er zwar grundsätzlich für richtig, lehnt aber "Lagerdiskussionen" nach dem Motto "Windows oder Linux" ab. Für die Berliner Bezirke laute die Frage vielmehr: "Wie können wir mit gemischten Welten am wirtschaftlichsten leben?"

Tatsächlich pflegt allein die Verwaltung von Tempelhof-Schöneberg rund 60 softwaregestützte Fachverfahren, die zum überwiegenden Teil noch nicht unter Linux verfügbar sind, wie Piechowski erläutert. Seit dem Münchner Migrationsbeschluss steige zwar die Bereitschaft der Softwarehäuser, Fachanwendungen für die öffentliche Hand auf das quelloffene Betriebssystem zu portieren. Dennoch gehe man davon aus, dass in Berlin auf absehbare Zeit ein "Miteinander von Microsoft- und Open-Source-Software" existieren wird.

Ob sich Tempelhof-Schöneberg tatsächlich zum Pilotanwender für Linux in Berlin entwickelt, ist noch offen. Eine Entscheidung soll im Herbst fallen. In den übrigen Bezirken jedenfalls gebe es "gleichartige Überlegungen", bestätigt Piechowski.

Berliner Senat zögert

Noch "im Fluss" befindet sich hingegen die Position der Berliner Landesregierung, ist aus der Hauptstadt zu hören. Bislang galt der Senat als eher Microsoft-orieniert. Diesbezügliche Anfragen der CW blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Ein Senatsvertreter soll sich während der IT-Leiter-Konferenz am 25. August aber positiv zu dem Migrationskonzept geäußert haben.

Zur CeBIT 2004 hatte das Land Berlin mit Microsoft einen Rahmenvertrag geschlossen, in dem es um gemeinsame Pilotprojekte in den Bereichen E-Government und E-Learning geht. Eingefädelt hatte den Deal Wolfgang Branoner, als Geschäftsleitungsmitglied von Microsoft Deutschland zuständig für den "Public Sector". Internen Quellen zufolge nutzte Branoner alte Kontakte aus seiner Zeit als Berliner Wirtschaftssenator - sehr zum Ärger der Linux-Protagonisten, die es auch auf Landesebene gibt. Dass Microsoft den Großkunden Berlin mit insgesamt rund 90000 installierten Rechnern nicht kampflos aufgeben wird, ist indes auch weniger gut unterrichteten Kreisen klar. Nicht bekannt ist bislang, ob sich wie im Fall München Konzernchef Steve Ballmer persönlich der Sache annimmt.