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Middelhoffs Strategie wird zur Makulatur

Bertelsmann gibt den reinen E-Commerce auf

13.09.2002
MÜNCHEN (CW) - Der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann hat ein neues Internet-Zeitalter eingeläutet. Nun ist das Web auch in Ostwestfalen kein Aushängeschild mehr, sondern nur noch ein weiterer Vertriebskanal.

Nach der Demission von CEO Thomas Middelhoff und dem Weggang von Klaus Eierhoff, dem ehemaligen Chef der defizitären Direct Group, macht sich die Bertelsmann-Führung an die Aufräumarbeiten. Das reine Online-Geschäft, so das Fazit des Gütersloher Medienkonzerns, soll nicht weiterbetrieben werden. Daher soll der Online-Buchhändler BOL.com verkauft werden, zudem fällt die Übernahme der Musiktauschbörse Napster ins Wasser - allerdings wegen eines Gerichtsentscheids.

Schützenhilfe vom Gericht

Vergangene Woche untersagte ein Richter in den USA den Kauf der Online-Plattform durch Bertelsmann. Napster hatte im vergangenen Juni Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-amerikanischen Konkursrechts beantragt, die Reste sollten für neun Millionen Dollar an Bertelsmann gehen. Zuvor waren vom Konzern mehr als 80 Millionen Dollar in die Tauschbörse investiert worden. Napster-Chef Konrad Hilbers zeigte sich enttäuscht über die Gerichtsentscheidung und kündigte an, dass die Firma nun liquidiert werden soll. Die meisten der zuletzt 42 Mitarbeiter sind entlassen worden.

Richter Peter Walsh begründete sein Urteil mit der Rolle von Hilbers in den letzten Monaten. Als ehemaliger BMG-Manager hätte er primär die Interessen von Bertelsmann im Blick gehabt, was unter anderem auch aus einer internen E-Mail hervorgegangen sein soll. Darin hatte Hilbers berichtet, er habe sich bei Entscheidungen an den Anforderungen der Konzernleitung orientiert. Bertelsmann war der letzte Bieter für die Napster-Reste, zwei US-Musikverbände sowie verschiedene Plattenlabel hatten sich gegen die Übernahme ausgesprochen.

"Das erste Kapitel der Musikdistribution über das Web wird geschlossen", bewertete Mike McGuire von Gartner die Entscheidung. Auch wenn eine Ära zu Ende gehe, sei dies jedoch nicht das Ende der Online-Tauschbörsen. Die einst mehr als 50 Millionen "Kunden" von Napster haben sich längst anderen Plattformen angeschlossen. Beobachter hatten seit dem Sommer 2001, als Napster wegen urheberrechtlicher Auseinandersetzungen vom Netz ging, die Pläne des damaligen Bertelsmann-Chefs Middelhoff als chancenlos kritisiert, aus der Tauschbörse einen legalen Vertriebskanal für Musikdateien zu machen.

Der Medienkonzern selbst zeigte sich nur wenig frustriert über das Urteil, denn die Entscheidung passte genau in die seit einer Woche bekannt gewordene Strategie der Gütersloher: Weg mit dem reinen E-Commerce, hin zu altbewährten Geschäften wie der Musik und den Buchclubs. Der neue Vorstandsvorsitzende Gunter Thielen hat daher angekündigt, den Online-Buchhändler BOL.com zu verkaufen. Das Internet sei künftig kein eigenes Geschäft mehr, sondern vornehmlich als Vertriebsweg Teil der Stammgeschäfte, hieß es in einer Meldung.

Spekulationen zufolge ist unter anderem der Online-Händler Amazon an einer Übernahme von BOL.com interessiert: Über eine Kontaktaufnahme mit Wettbewerbern sei man laut Bertelsmann bislang nicht hinaus, konkrete Verhandlungen hätten noch nicht begonnen. Betroffen sind die BOL-Dependancen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Schweden. Das US-amerikanische E-Commerce-Geschäft mit der Division Bemusic (CDnow) sowie der Anteil am Online-Buchhändler Barnes&Noble.com bleiben unangetastet. Mit der Reorganisation zieht Bertelsmann mit den Medienkonzernen Vivendi und AOL Time Warner gleich, die jüngst ihr Internet-Engagement zurückgestutzt haben.

Ungeachtet der Online-Turbulenzen konnte Bertelsmann das erste Halbjahr gut abschließen. Der Konzern erzielte einen operativen Gewinn von 157 Millionen Euro, im Vorjahr waren 884 Millionen Euro Verlust verbucht worden. Duch den Verkauf von AOL-Europe-Anteilen verdreifachte sich der Jahresüberschuss auf 1,63 Milliarden Euro. Allerdings sank der Umsatz von 9,3 Milliarden auf 8,8 Milliarden Euro wegen des Einbruchs auf dem Werbemarkt. An den Plänen, Teile des Konzerns an die Börse zu bringen, hielt Bertelsmann fest; dies soll aber erst 2005 erfolgen. (ajf)