Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

06.12.1985 - 

Veränderungen der Arbeitswelt bringen Verpflichtung zur Weiterbildung:

Berufliche Qualifikation als Investition in die Zukunft

KÖLN (CW) - Nicht nur Verständnis für die neuen Techniken gilt es zu wecken. Für den sinnvollen Einsatz moderner Werkzeuge sind Grundqualifikationen informationstechnischen Wissens die Voraussetzung. Zur Diskussion über die Herausforderung aller Bildungsbereiche will Wilfried Schlaffke, Leiter Hauptabteilung Bildung und gesellschaftswissenschaften des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln, mit zehn Thesen beitragen.

These 1

Die Bedeutung der Weiterbildung wird gegenüber den anderen Bereichen des Bildungssystems überproportional zunehmen.

Wenn heute über die Notwendigkeit von Weiterbildung gesprochen wird, geht es in erster Linie darum, Hilfestellung zu leisten, die Veränderungen in unserer Industriegesellschaft sowohl im privaten wie im beruflichen Bereich durch Bildung zu bewältigen. Da dieser Umwälzungsprozeß insbesondere im technischen Bereich noch keineswegs abgeschlossen ist, wird der Weiterbildungsbedarf zwangsläufig ansteigen.

Aufgrund der langdauernden Reaktionszeiten des allgemeinbildenden Schulwesens und des Hochschulbereiches auf die ablaufenden Umstrukturierungsprozesse werden sich die notwendigen Anpassungen an die Herausforderungen der neuen Techniken, aber auch an die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen der Zukunft vor allem auf die Weiterbildung verlagern. Dies wird dazu führen, daß Weiterbildung nicht mehr nur ein Anhängsel des Bildungssystems ist, sondern als vierter Bereich ein integraler und gewichtiger Bestandteil.

These 2

Durch einen ständigen Zuwachs an Weiterbildung muß der seit Jahren beobachtbare Trend zu höheren Qualifikationsanforderungen in den Industriebetrieben ermöglicht und abgesichert werden.

Der technische Wandel - der Einsatz von Mikroprozessoren, neuen Kommunikations-, Meß- und Regeltechniken - erfordert zusätzliche Qualifikationen von den Mitarbeitern. Die Facharbeiterberufe verändern allmählich ihre Profile. Fehlersuche, Überwachungs-, Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten haben an Bedeutung gewonnen. Ebenso haben Planungsarbeiten einen wesentlich höheren Stellenwert als früher erhalten.

Der Umgang mit Werkzeugen und Denkzeugen verlangt handwerkliches Geschick, aber auch Analyse- und Abstraktionsfähigkeit.

Von den Thesen, die in den zurückliegenden Jahren über den Zusammenhang von neuen Techniken und Qualifizierung diskutiert worden sind, erweist sich heute allein die These von der zunehmenden Höherqualifizierung als empirisch abgesichert. Schon in den zurückliegenden

Jahren ließ sich dieser Trend beobachten. So ist der Anteil der Ungelernten an den Erwerbstätigen von 32,7 Prozent in 1961 auf 21,5 Prozent in 1980 gesunken. Bis 1990, so besagen Prognosen, die auf Untersuchungen, die der Bundesminister für Forschung und Technologie veröffentlicht hat, beruhen, soll der Anteil derjenigen, die ohne spezifische Fachausbildung sind, weiter zurückgehen. Für den Zeitraum von 1977 bis 1990 wird ein Rückgang um 12,4 Prozent, das sind über 600 000 Erwerbstätige, vorausgesagt.

These 3

Es gibt nur ein Recht auf Bildung, sondern unter den Folgewirkungen des weitgreifenden gesellschaftlichen und strukturellen Wandels wird Weiterbildung zu einer persönlicher Verpflichtung.

Der steigende Bedarf an Weiterbildung löst neue Verantwortlichkeiten aus. Bislang war es allgemeine Überzeugung, daß insbesondere die berufliche Weiterbildung vor allem eine Bringschuld der Unternehmen beziehungsweise der öffentlichen Hände sei. Bei sprunghaft steigendem Weiterbildungsbedarf, ausgelöst durch die neuen Techniken, wird man in Zukunft darüber nachdenken müssen, inwieweit nicht auch eine Verantwortlichkeit des einzelnen besteht, sich an die veränderte Umweltsituation anzupassen. Gleichzeitig wird es immer weniger möglich sein, strikt zwischen berufsbezogener und nichtberuflicher Weiterbildung zu unterscheiden.

These 4

Die neuen Technologien verändern die Produktionsverfahren und folglich auch die Qualifikationsanforderungen. Die Weiterbildung wird ihre Lehrmittel und Methoden verändern, aber auch bei ihren traditionellen Zielgruppen neue Schwerpunktsetzungen vornehmen müssen.

Die Weiterbildung wird sich neben den klassischen Formen des Seminar- und Kursbetriebes auch in neuen Formen vollziehen. Der ständig wachsende Bedarf an Weiterbildung wird es in Zukunft notwendig machen, über neue Formen der Wissensvermittlung intensiv nachzudenken. Dabei geht es einerseits um die Erprobung autonomer Formen des Lernens und andererseits um die Nutzung der Möglichkeiten der neuen Kommunikations- und Informationstechnologien. Gerade sie eröffnen die Chance, Lernen unabhängig von Ort und Zeit zu gestalten.

Die neuen Techniken erfordern neue Inhalte in der Weiterbildung. Die Weiterbildung auf Facharbeiterebene gewinnt an Bedeutung. Durch die Zunahme planender, organisierender und überwachender Aufgaben erwächst den Mitarbeitern an der Basis ein Mehr an Handlungskompetenz, dem auch das Führungsverhalten der Vorgesetzten Rechnung tragen muß. Sie müssen aber so geschult werden, daß sie die neuen Freiräume ausfüllen können. Die Anforderungen an Verantwortung und geistige Flexibilität sind groß.

Die wachsende Selbständigkeit der Fachkräfte schafft Selbstbewußtsein, Eigeninitiative und Identifikationsbereitschaft. Neue Kommunikations- und Informations- und Problemlösungsinstrumente, wie Qualitätszirkel, Werkstattforen oder Lernstatt dienen dem Prinzip der Delegation der Verantwortung und der Eigenständigkeit.

In dem Maße, in dem sich der Facharbeiter zum hochqualifizierten, mitdenkenden und mitplanenden, selbständig problemlösenden Leistungsträger entwickelt, muß sich das Verhalten der Führungskräfte verändern. Der Vorgesetzte ist nicht mehr in erster Linie autoritärer Aufgabenzuweiser und Kontrolleur, sondern Informationsvermittler und Diskussionspartner, der auch von den gesellschaftspolitischen Aspekten neuer Techniken wissen muß. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft erbrachte folgende Reihenfolge wichtiger Qualifikationen, die für Führungskräfte unabdingbar sind: Führungsfähigkeit, Kreativität, Problemlösungsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Durchsetzungsfähigkeit, Integrationsfähigkeit, Sprachkenntnisse.

These 5

Um eine bedarfsgerechte Weiterbildung zu gewährleisten, wird die Bedeutung des

"Lernorts Betrieb" weiter zunehmen.

Zum einen nimmt der Bedarf an Weiterbildung ständig zu, zum anderen müssen neue Inhalte transportiert werden. Dies alles spielt sich in einem zeitlich eng begrenzten Rahmen ab und erfaßt bei der Einführung komplexer technischer Systeme fast alle Bereiche eines Unternehmens. Um ,die Einführung solcher vernetzter Organisations- und Fertigungssysteme durch Weiterbildung zu unterstützen und abzusichern, ist es notwendig, Weiterbildungskonzeptionen zu entwickeln, die in der Lage sind, einerseits in den jeweils konkreten Arbeitsplätzen vorhandenen Weiterbildungsbedarf zu ermitteln, wie auch andererseits die entsprechenden inhaltlichen und auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittenen Bildungsmaßnahmen bereitzustellen. Dies alles kann nicht mehr in der Form traditioneller Wissensvermittlungsformen geschehen. Hierzu müssen flexiblere Formen gefunden werden. Dabei ist schon heute ein Trend erkennbar, daß sich der Weiterbildungsprozeß immer stärker in dualer Form vollzieht: Theorie und Praxis wirken zusammen. Neben dem systematischen theoretischen Lernen spielt das praktische Üben am Arbeitsplatz eine große Rolle.

These 6

Die Weiterbildung muß sich in Zukunft mit größer Intensität neuen Zielgruppen zuwenden.

Weiterbildung muß sich auch für jene Gruppen öffnen und verstärkte Angebote machen, die aufgrund ihrer Vorbildung Schwierigkeiten haben, die Möglichkeiten der neuen Techniken für sich zu nutzen. Es wird in Zukunft eine wichtige Aufgabe der Weiterbildung sein, dafür zu sorgen, daß die an- und ungelernten Mitarbeiter in den Unternehmen den Anschluß an die technische Entwicklung behalten und sich entsprechend den veränderten Anforderungen weiterqualifizieren können.

Ferner wird es Aufgabe der Weiterbildung in der Zukunft sein, die spezifischen Möglichkeiten, die die neuen Techniken für Frauen bieten, durch Weiterbildung zu vermitteln.

These 7

Die Weiterbildungsinvestitionen der Unternehmen werden in Zukunft weiter ansteigen.

Die Anpassung an den strukturellen und technischen Wandel bedingt in einem immer höheren Maße den Ausbau der Fort- und Weiterbildung. Dies läßt sich am deutlichsten anhand der Bildungsausgaben aufzeigen. Die Ausgaben für die Weiterbildung je Erwerbstätigen stiegen von 80 Mark in 1972 auf 365 Mark in 1984.

Sie haben sich damit mehr als vervierfacht. Selbst unter Berücksichtigung der Inflationsrate ergibt sich damit eine reale Erhöhung der gesamten Weiterbildungsausgaben um 160 Prozent. Aus dieser Entwicklung läßt sich aber herauslesen, welchen Stellenwert die Weiterbildung in den Unternehmen inzwischen bekommen hat.

These 8

Weiterbildung und neue Technologien ermöglichen neue und komplexere Formen des Arbeitens.

Je mehr Kompetenz auf die Datenverarbeitung verlagert wird, desto größer wird der Steuerungsaufwand. Die Risiken einer immer undurchschaubarer werdenden Steuerungs-EDV und ins Unkalkulierbare steigende Software-Kosten sind groß.

Zudem wäre es inhuman und ökonomisch töricht, auf die kreativen Fähigkeiten hochqualifizierter Fachkräfte zu verzichten. Unternehmen schlagen daher überwiegend solche Mittelwege ein, die die Möglichkeiten computerunterstützender Fertigung nutzen, um den Fachkräften beispielsweise Raum zu lassen, technische und organisatorische Störungen vor Ort abzufangen. Die Maschine übernimmt die Routine, der Mensch muß sich höheren Aufgaben stellen.

Aber die neuen Techniken ermöglichen nicht nur die Zusammenführung einstmals getrennter Arbeitsbereiche, sondern auch die räumliche Trennung einzelner Arbeitsprozesse voneinander. So ist es denkbar, daß bestimmte Arbeiten, insbesondere aus dem verwaltenden und planerischen Bereich, an den Wohnort des Mitarbeiters verlagert werden.

These 9

Die neuen Entwicklungen in der Arbeitswelt und die wachsende Bedeutung der Weiterbildung müssen längerfristig die Inhalte und Methoden der schulischen Allgemeinbildung verändern.

Die Mikroelektronik kann neue Gestaltungs- und Freiräume für die Menschen schaffen, wenn zum Beispiel Computer und rechnerunterstützte Systeme mehr und mehr Routinearbeit übernehmen und die Menschen von einfachen Arbeiten entlasten. Folglich wird mehr Phantasiefähigkeit, Kreativität, Dispositions-, Kommunikations- und Beratungsfähigkeit erforderlich.

Zunehmende Tendenzen in der Industrie zu Arbeitserweiterung, Arbeitsbereicherung, dezentraler Problemlösung, Integration und Verzahnung früher isolierter Bereiche erfordern vom Mitarbeiter die Fähigkeit, Einzelwissen zu verbinden und

in Gesamtkonzepten zu denken. Zudem wachsen die Möglichkeiten zu flexibler Fertigung; sie erlauben die Herstellung individuell gestalteter Produkte in kleinen Stückzahlen. Folglich müssen Einfallsreichtum und künstlerische Begabung zunehmend gefragt sein. Individuelle Gestaltungskraft, Kunst, Technik werden sich künftig noch stärker miteinander verbinden. Persönlicher Geschmack und unkonventionelles Design werden an Raum gewinnen.

Wo auch immer Bildungs- und Erziehungsarbeit geleistet wird, müssen Denk- und Handlungsstrukturen entstehen, die in der Lage sind, naturwissenschaftlich-technisches und sachrationales Gestalten mit der Welt des Gefühls, der Religion, der Kunst, der Ethik und der Liebe zur Natur und zum Menschen zu vereinen.

These 10

Weiterbildung wird zunehmend integraler Bestandteil einer Unternehmens- und Führungsphilosophie, die auf Vergrößerung des Freiheitsspielraumes und des Verantwortungsbereiches der Mitarbeiter setzt.

Die Verbesserung der Umweltbedingungen und die Schaffung sinnvoller Arbeits- und Lebensformen gehören mehr denn je zu den Zielen unternehmerischen Handelns. Auf gesellschaftspolitische Weiterbildung kann daher nicht verzichtet werden, um die Umweltsituation erfassen und besser beurteilen zu können, um Konfliktmöglichkeiten zu erkennen und Konzeptionen der Konfliktbewältigung zu entwickeln. Problemoffene Konzeptionen gesellschaftspolitischer Weiterbildung können helfen, wirtschaftlich-technischen mit sozialem und humanem Fortschritt zu verbinden.