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12.08.1977 - 

Euphorische oder falsche Prognosen?

Berufsaussichten: Böses Erwachen für lnformatiker

Der Computer und die mit ihm zusammenhängende Industrie wird das Leben und die Gesellschaftsordnung der Zukunft bestimmen: Ganz im Sinne dieser ökonomischen Einschätzung (siehe Kasten) und der politischen Programmatik wurden an den Hochschulen der Bundesrepublik im letzten Jahrzehnt immer mehr eigene Studiengange für die Ausbildung von DV-Experten eingerichtet. Im Wintersemester 1976/77 gab es den Studiengang Informatik an 18 Universitäten und ebenso vielen Fachhochschulen.

Nach dem im dritten DV-Programm fixierten Bedarfzahlen für den Zeitraum 1973 bis 1978 können während dieser Fünf-Jahres-Frist 2700 diplomierte Hauptfach-Informatiker unter 7500 Stellen auswählen. Für die graduierten Informatiker sieht die Relation noch günstiger aus: 11 000 Stellen für 1900 Absolventen.

Helmut Bielau, Fachvermittler bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt, mag diesen Zahlen indes nicht recht trauen.

"Keiner kann guten Gewissens eine verläßliche Prognose abgeben", argwöhnt Bielau skeptisch?. "Was hat man vor Jahren noch nach Mathematikern gerufen, und heute konkurrieren vier Bewerber um eine Stelle." Selbst Mitglieder des Ad-hoc-Ausschusses des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT), der die Prognose absegnete und zur Publikation freigab, sind heute nicht mehr gar so couragiert. Ausschußmitglied Werner Dostal etwa, Diplom-Ingenieur und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit: "Da hat sich die Fachhochschul-Lobby doch etwas zu stark durchgesetzt."

"Lobbyist" Dr. Johann Löhn, derzeit Rektor der Fachhochschule Furtwangen in Baden-Württemberg, sieht indes keinen Grund, die optimistischen Prognosen für die graduierten Informatiker anzuzweifeln. "Unsere Absolventen", freut sich Löhn, "gehen weg wie warme Semmeln. Wir bilden nämlich bewußt für die Industrie aus, während die Diplom-Informatiker an den Universitäten meist zu sehr in die Theorie abdriften."

Daß die Industrie keine Theoretiker, sondern praxisorientierte Informatiker bevorzugt, ist sicher richtig. Ob sich dieser Fakt indes immer zugunsten der Fachhochschulabsolventen auswirkt, kann bezweifelt werden. Zu viele Imponderabilien spielen bei der EinsteIlungspraxis der Unternehmen eine Rolle, die sich nicht unter einen Generalnenner subsumieren lassen. Oftmals hängt es von rein subjektiven Erfahrungen der einstellenden Personalchefs ab, ob der graduierte oder der diplomierte Bewerber genommen wird. Die Nixdorf Computer AG in Paderborn beispielsweise, die im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von EDV-Experten einstellte, griff wegen des noch knappen Angebots an Diplom-Informatikern lieber auf Diplom-Mathematiker denn auf graduierte Informatiker zurück. Ein Sprecher des Unternehmens:

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Wetterleuchten am Horizont

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"Informatiker mit Hochschulabschluß hätten wir auf jeden Fall lieber genommen."

Kein EinzelfalI, wie Dr. Ulrich Stier von der Fakultät für Informatik der Universität Karlsruhe bestätigt: "Zur Zeit finden ausgebildete Informatiker reißenden Absatz. Die meisten Diplomierten haben mehrere Angebote in der Tasche. Dieser Trend wird wohl noch einige Zeit anhalten, da die Industrie sich erst langsam ein Bild vom Informatiker und seiner Tätigkeit macht."

Die einfache Schlußfolgerung, der Bedarf an DV-Fachkräften werde proportional mit dem Anwaisen des Computerbestandes steigen, läßt sich nicht ziehen. Der Trend zu Standardprogrammen, Datenbanksystemen und zentralen DV-Systemen für ganze Konzerne dürfte vielmehr zu einer Verringerung des Personalbestandes je Anlage führen: also nicht zu einer absoluten Verringerung des Bedarfs, sondern einer "relativen", wie man im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mutmaßt. Andererseits werden durch die Entwicklung im DV-Bereich auch neue Berufe entstehen, die durchaus von Informatikern ausgeübt werden können: etwa Datenschutzbeauftragte, Datenbankverwalter oder

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Anwendungs-Know-how ist Gold wert

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InformationsanaIytiker. Ausbildungsziel: Kombination von EDV- und Fachwissen.

Die Expansion der Datenverarbeitung im Anwendungsbereich bringt

Konsequenzen für die von Informatikern verlangten Qualifikationsprofile mit sich: Nicht der mathematisch-technische Informatiker, der vorwiegenden bei den Herstellern benötigt

wird, sondern jener, der einschlägiges Fachwissen aus dem jeweiligen

Anwendungsbereich mitbringt, ist zusehends stärker gefragt. "Für die Personalausbildung bedeutet dies", so das dritte DV-Programm, "daß in Zukunft die Mitarbeiter in den Anwendungsbereichen nicht nur das Bedienen von Terminals und Datenerfassungssystemen beherrschen müssen, sondern daß die Kombination von Fachwissen mit Datenverarbeitungs-Wissen sowohl das zukünftige Berufsbild der Datenverarbeitungs-Fachkräfte als auch der

Fachkräfte in den Anwendungsbereichen kennzeichnen wird."

Konkret bedeutet dies, daß die Informatiker mit wirtschaftswissenschaftlichen, verwaltungswissenschaftlichen, aber auch juristischen Kenntnissen künftig die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben werden. Dies wird von betroffenen Unternehmen bestätigt. Der Personalmanager einer großen Bausparkasse etwa, die mehrere Informatiker sucht, erklärte eindeutig, daß ein Informatiker mit wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnissen gegenüber einem mathematisch-orientierten gewiß den Vorzug erhalten würde.

Assistenzprofessor Dr. Robert Dickler, Mitglied in der Planungskommission für den Studiengang, begründet das so: "Informatiker müssen Bescheid wissen über die sozialen Folgen der Datenverarbeitung, sie müssen sich auskennen in arbeitsrechtlichen Fragen, in Belangen des Rationalisierungsschutzes und des Datenschutzes." Die Bremer haben für ihre Planung die Unterstützung einer Reihe von anerkannten Gutachtern bekommen, und sie liegen auf einer Linie, die inzwischen auch in der "Gesellschaft für Informatik" diskutiert wird: die Berücksichtigung ökonomischer, politischer und sozialer Konsequenzen der Expansion der Datenverarbeitung.

Eine dieser Konsequenzen mit unmittelbarem Durchschlag auf den Arbeitsmarkt zeigte der Regensburger Professor Steinmüller in seinem Beitrag zum Hamburger Werkstattgespräch: "Zum ersten Mal in der Geschichte wurden nach der letzten Rezession weniger Angestellte als Arbeiter wieder eingestellt. Dieser wahrhaft revolutionäre Ereignis verdient mehr als andere Phänomene ,systemverändernd' genannt zu werden." Und sein Hamburger Kollege Klaus Brunnstein Diplom-Physiker und Professor für Anwendung der Informatik im geisteswissenschaftlich/naturwissenschaftlichen Bereich, meint: "Manchmal sollten Informatiker durchaus Computerverhinderer sein."

Quelle: UNI Berufswahl-Magazin, Trans Media, Mannheim

Amerikas prominenter Industrieberater und EDV-Experte John Diebold sieht eine neue industrielle Revolution. "Durch die Mikroprozessoren", erklärte er im November vergangenen Jahres in einem Interview mit der Düsseldorfer "Wirtschaftswoche", "Wird die Vielfalt der Computeranwendungen und die Zahl der Personen, die mit Computern ganz täglich umgehen können, in beispiellose Größenordnungen wachsen." Und weiter: "Ich habe keinen Zweifel daran, daß der Mikrocomputer während der nächsten fünf Jahre Einzug in alle Konsumbereiche halten wird."

Eine ähnlich weitgehende Prognose hinsichtlich der fortschreitenden "Computerisierung" wagt Professor Dr. Wilhelm Steinmüller von der Forschungsstelle für Informationsrecht der Universität Regensburg. In einem Referat für ein Werkstattgespräch der Gesellschaft für Informatik (GI) - Fachausschuß "Informatik und Gesellschaft" - formulierte er im März dieses Jahres, "daß in den achtziger Jahren die ADV-Industrie die heute führenden Industrien (Chemie, Auto) von der Spitze der Weltrangliste verdrängen wird".

Für die Bundesregierung ist die Datenverarbeitung eine "Schlüsseltechnologie", "deren Bedeutung weltweit noch immer im Wachsen begriffen ist" (Hans Matthöfer) und deren Weiterentwicklung seit I967 von der Bonner Exekutive kräftig gefördert wird. Die Begründung dafür liefert der Bundesminister für Forschung und Technologie im Vorwort des dritten Datenverarbeitungs-Programms der Regierung, das im vergangenen Jahr vorgelegt wurde: "Für den Wettbewerb auf den Weltmärkten, aber auch für den Einsatz modernster Technologien in der eigenen Wirtschaft, Verwaltung und Infrastruktur dürfen wir uns nicht vom Import von Schlüsseltechnologien wie der Datenverarbeitung dem Ausland abhängig machen."