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13.11.1974

Berufssorgen durch CENTAURI und Software-on-the-Chip

Mit der vorhersehbaren Regelmäßigkeit von Totalräumungsverkäufen im Teppichhandel während der Gratifikationswochen ertönt alljährlich auf den EDV-Spielwiesen der große Zapfenstreich für die Programmierer, die infolge vollautomatischer Software demnächst alle stempeln gehen und deren Zukunft trübe sei wie die Karriereaussichten ausgelernter Duisburger Rheinlachsfischer.

Der bemerkenswerte Analyse-Generator CENTAURI des Schweizer Software-Hauses SYSTOR gibt in diesem konjunkturtristen Vorwinter Anlaß zu subtilen Spekulationen über das Berufsbild einer einstens vielbeneideten Elite. Die neue Züricher Wunderwaffe löst Organisationsprobleme nach der Devise: Flott formuliert (in der Muttersprache) ist schon codiert (in COBOL). Und dies ist fürwahr ein hehrer Anspruch. Fasziniert Blickt das Computervolk auf das Computervolk auf das 128 K schwere Superpaket, die Jungfernzeugung der Programme scheint perfekt - Software does it!

Vielleicht. Doch es liegen noch andere Entwicklungstrends in der staubgefilterten Luft industrieller Informatik. Man sollte angesichts der erstaunlichen fortschritte, die sich in der einspeicherbaren Vernüpfungslogik für Daten und Instruktionen vollziehen, den Hardware-Technologen nicht übersehen, der das Computerjahrhundert nachhaltiger revolutionieren wird, als das mit Bits und Bytes und benutzerfreundlichen Betriebssystemen möglich ist in den Labors der Elektronikhersteller realisieren sich die Miniaturisierungsträume zu immer kompakteren Schaltkreisen. Weltraumforschung und steigender Bedarf an Minicomputern (Taschenrechner nicht zu vergessen!) begründen gleichermaßen die epochale Chip-Verheißung: Das aspiringroße, festvergossene Funktionsbündel mit der Magnum-Kapazität von tausend transistorisierten Gattern steht erst am Beginn des langen Marsches durch die Innovationen. Branchenfuturologen sagen den kleinstdimensionierten Computer voraus, der, auf die Abmessungen eines mittelschweren Manschettenknopfes reduziert, ein Aufgabengebiet "monovalent" bestreitet, also im Gegensatz zum voluminösen Universalrechner nur einen Funktionskomplex abarbeitet - diesen jedoch mit Nano- oder Subnano-Geschwindigkeit. Demnach wären EDV-Anlagen vorstellbar, bei denen das Programm nicht im Computer residiert, sondern der Computer das Programm darstellt. Instant-COBOL, beispielsweise, verweilt nicht mehr im Reich der Utopie; es ruht dann - mehrschichtig diffundiert, abgeätzt und aufgedampft - im klaren Kunstharz und harrt der Einschaltung: "Fräulein Helber drücken Sie bitte die Compilertaste, hier kommen ein paar freiformulierte Parameter."

Parameter sind vielleicht das einzige, was man hinfort in den unifunktionalen Monolithen einprogrammieren kann. Alles Weitere erübrigt sich, denn der integrierte Rechner verarbeitet Lohn- und Gehaltsbelange (um nur einen Standardlauf zu nennen gemäß seinem physikalischen Bauplan - er enthält diese Routine nicht, er ist sie selbst: Software-on-the-Chip. Betriebssystem, Monitor und Supervisor kleben als SLT-Mikrogruppen am hinteren Ende des Steckmoduls - und das ganze kostet nicht mehr, als was der Markt für massenproduzierte Elektronikkomponenten hergibt, viel weniger als die vergleichbaren "weichen" Befehlslisten.

"Lernt löten, Leute!" möchte man den solchermaßen berufsbedrohten Programmieren zurufen, zählte nicht das Hantieren mit dem heißen Draht ebenfalls zu den obsoleten Techniken der Computerfrühzeit. Auch mit Reparaturen läßt sich nichts verdienen, weil die Hardware mittels integrierter Überwachungskreise ihre Fehler schneller selbst heilt, als diese wirksam auftreten können.

Was, fragt man sich besorgt, bleibt für den Feld-, Wald- und Wiesenprogrammierer (gibt es den überhaupt?), wenn ihm die SYSTOR die Butter vom Brot kratzt, wenn ihm eine progressive All-Chips-lnformatik die Subsistenz vollends entzieht? Centauriert und vergossen - der Traumjob der sechziger Jahre liegt, so scheint's, im Eimer der neuen Konzeptionen. Alsdann darf man COBOL und Codierung abschreiben - der DV-Spezialist hat nur noch die anstehende Aufgabe (problemgerecht) zu definieren und den Verarbeitungsablauf (mengentheoretisch) zu formulieren.

Nur noch? - Die vermeintliche Trivialisierung produziert den entscheidenden Denkfehler. Hier liegt der Hund begraben, auf den die Diskussion ums götterdämmernde Datalogen-Handwerk gekommen ist; Weder Assembler-Fummelei, noch COBOL-Kombinatorik, noch systemoptimale Speicherplatzverteilung sind typische Tätigkeitsmerkmale künftiger Programmierer. Problemanalyse, Quantifizierung von Qualitäten, Anpassung der Problemstellung an vorhandene Lösungsmöglichkeiten - das waren und bleiben die eigentlichen, nochdiffizilen Aufgaben des Computerexperten.

Möglicherweise wird sich Bezeichnung "Programmierer" einmal ausbürgern. Das ändert indes nicht an der Tatsache, daß der Spezialist weiterhin die Stellung hält. Denn als die Diebold Deutschland GmbH kürzlich im Auftrag des Bundesforschungsministers die Struktur und Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarkts für Fachkräfte bis zum Jahr 1978 hochrechnete ergab sich ein zusätzlicher Bedarf an 172 000 EDV-Agestellten (die für gestiegene Anforderungen allerdings hervorragend ausgebildet sein müssen).

Somit verlagert sich Tätigkeit des Programmierers - wie das in tausend anderen Berufen ständig passiert - auf eine höhere Oualitätsnorm. CENTAURI-Zauber und Software-on-the-Chip emanzipieren den Könner, bereiten ihn allmählich auf die Weihen einer anwendungswissenschaftlichen Praxis vor. Während der Übergangszeit geht nur baden, wer im Computergeschäft nie richtig schwimmen gelernt hat.

Unberührt davon gilt die Prognose, daß der Beruf des Datenverarbeiters an Attraktivität eher gewinnen wird.