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03.11.1995

Berufswelt 2000: Kein Feierabend oder arbeitslos Grauzone zwischen Selbstaendigkeit und Festanstellung waechst

Die klassische Vorstellung von Beruf und Karriere im Industriezeitalter muss revidiert werden - wenn man Technologieexperten Glauben schenken darf. Feste Arbeitsverhaeltnisse sind keine Selbstverstaendlichkeit mehr. Selbstaendige und Telearbeiter werden in Zukunft das Gros des Personals ausmachen. Die weltweite Vernetzung und die Moeglichkeiten der Online-Kommunikation wuerfeln die Arbeitswelt durcheinander. Allerdings besteht die Gefahr, dass Arbeit in einem virtuellen Unternehmen auch bedeuten kann: nie mehr Feierabend haben, sieben Tage in der Woche 24 Stunden erreichbar sein.

Damit hatten die internationalen Gewerkschaftsvertreter nicht gerechnet. Ulrich Klotz, Vor- und Querdenker der deutschen IG- Metall, zeichnete auf einem IT-Kongress Ende Oktober in Nizza kein freundliches Bild von der Zukunft der abhaengig Beschaeftigten. Vor allem konnte er den ueber 100 Arbeitnehmervertretern aus 13 Laendern keine Loesung fuer die anstehenden Probleme aufzeigen.

Klotz sieht das Ende der industriellen Massenproduktion kommen und glaubt, dass wir kuenftig - wie im spaeten Mittelalter - mit handwerklichen Strukturen zu tun haben werden. Er geht davon aus, dass Unternehmen mit immer weniger festangestellten Mitarbeitern auskommen. Ueberleben wuerden nur solche Firmen, die mit dem Unvorhersehbaren fertig werden. Die klassische Hierarchie aus "Wuerdentraegern, Bedenkentraegern und unten Innovationstraegern" habe keine Ueberlebenschance.

"Machen Sie sich selbstaendig, solange Sie den Zeitpunkt selbst bestimmen", empfiehlt der Gewerkschaftler. Der feste Arbeitsplatz sei ein Relikt aus dem Feudalismus. Damit liegt Klotz auf der Linie des bekannten irischen Wirtschaftsphilosophen Charles Handy, der in seinem Buch "Die Fortschrittsfalle" ebenfalls einen rechtzeitigen Ausstieg aus dem klassischen Berufsleben empfiehlt. Seine Prognose: Im Jahr 2000 arbeiten in Grossbritannien 50 Prozent der Beschaeftigten nicht mehr in Unternehmen, jetzt schon gebe es 25 Prozent Teilzeitbeschaeftigte und zwoelf Prozent Selbstaendige.

Ob dieser Prozess auch in der Bundesrepublik so schnell fortschreitet, ist fraglich. In seinem juengst erschienenen Buch "Die Selbstaendigen von morgen" nennt der Bremer Unternehmensberater Peter Fischer fuer die Bundesrepublik die Zahl von knapp ueber acht Prozent.

Fakt ist aber, dass die Unternehmen ihre Personalrekrutierungs- Philosophie grundlegend geaendert haben. Nach dem Motto "Klein, aber fein", werden Belegschaften ausgeduennt, Betriebe arbeiten nur noch mit einer festangestellten Kernmannschaft. Taetigkeiten werden dorthin ausgelagert, wo sie sich am wirtschaftlichsten durchfuehren lassen.

Der Trend geht dahin, ganze Bereiche eines Unternehmens auszugliedern, sie als eigenstaendige Firmen zu betreiben und dann mit ihnen zusammenzuarbeiten, schreibt Fischer. Und Handy zieht die Schlussfolgerung, wenn er prognostiziert, Outsourcing reduziere zwar die Arbeitsplaetze, aber nicht die Arbeit, diese nehme sogar zu. Dadurch, dass - wie Klotz in Nizza feststellte - immer weniger Menschen immer mehr produzieren, schliesst sich der Teufelskreis. Gerne wird in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Digital verwiesen. Obwohl der DV-Hersteller die Mitarbeiterschaft von 120 000 auf 63 000 halbiert hat, sei der Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar der gleiche geblieben.

Am Beispiel von Digital lassen sich die geschilderten Trends am besten verdeutlichen. "Der Downsizing-Weltmeister", wie Gewerkschaftler John Derek Lee seinen Arbeitgeber bezeichnet, habe eine ganze Schar ehemaliger Mitarbeiter als Freiberufler und Subunternehmer unter Vertrag. "Die Leute verlassen das Unternehmen und kommen als Selbstaendige wieder zurueck, um ihr Projekt zu beenden", erzaehlt der englische Betriebsrat, der im Werk Valbonne beschaeftigt ist. Von den etwa 600 Mitarbeitern - frueher waren es ueber 2000 - haben nur knapp die Haelfte einen festen Arbeitsvertrag.

Auch in Deutschland will das Unternehmen mit einer schlanken Truppe wieder an bessere Zeiten anknuepfen. Um die Kopfzahl nicht unnoetig zu erhoehen, begnuegt man sich mit einer Kernmannschaft und holt sich bei Bedarf das Personal von der Zeitarbeitsfirma Manpower, dem eigenen Angaben zufolge weltweit groessten Personaldienstleister.

Das Unternehmen, das frueher - wie viele andere Zeitarbeitsfirmen auch - eher Sekretaerinnen und Sachbearbeiter vermittelte, mausert sich zu einem Personal-Outsourcer. Marita Moertl, in der Muenchner Niederlassung zustaendig fuer Datenverabeiter, sucht zur Zeit 40 DV- Spezialisten, die sie in unterschiedlichsten Positionen in bayerischen Betrieben unterbringen koennte. Weitere 80 sind im Augenblick bei Manpower unter Vertrag. Moertl beobachtet allerdings eine gewisse Zurueckhaltung der Hochqualifizierten, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.

Das haengt ihrer Meinung nach unter anderem damit zusammen, dass vor allem die erfahrenen Computerfachleute, die grosse Unternehmen verlassen mussten, "den Gehaltsverfall nicht wahrhaben wollen" und noch immer ueber klassische Wege den Wiedereinstieg suchen. Moertl ist ueberzeugt, dass die Betriebe ueber kurz oder lang regelmaessig mit Personaldienstleistern zusammenarbeiten werden. Bereits jetzt kooperiere sie mit einigen Muenchner DV-Firmen so eng, dass eine gemeinsame Personalplanung entwickelt werde.

Die meisten Jobs habe Manpower fuer die Hotline und im Service zu vergeben, aber auch Entwicklungstaetigkeiten und Projektarbeit seien kein Tabu mehr. Maximal neun Monate duerfe ein Zeitarbeiter bei einem Unternehmen verweilen, dann muesse er rotieren, also den Arbeitgeber wechseln. Auf den Einwand, dass solche Beschaeftigte nicht in den Genuss von Sozialleistungen kommen, antwortet Moertl trocken: "In fuenf Jahren sind das 13. und 14. Gehalt und sonstige betriebliche Zusatzleistungen kein Thema mehr." Anders als heute werde kuenftig keine Stelle mehr 2,5fach besetzt, glaubt die Manpower-Managerin.

Dazu passt das Beispiel IBM. In seinem Mainzer Werk beschaeftigt das Unternehmen 2500 Mitarbeiter. Davon arbeiten bereits heute etwa 1000 Beschaeftigte mit Werkvertraegen. Das heisst, nach maximal 18 Monaten muessen sie das Unternehmen verlassen. Der Computerriese kann damit immer flexibel auf die wirtschaftlichen Entwicklungen reagieren und soviel Arbeitnehmer einsetzen, wie es die Marktlage gerade erfordert. Der Betriebsrat hat zwar den Fuehrungskraeften vorgerechnet, dass die permanente Einarbeitung der Neuen teurer sei als Pensionsrueckstellungen. Allerdings, so meinte ein Gewerkschaftler, wolle das Management von solchen Ueberlegungen nichts wissen.

Weniger Personal und flachere Hierarchien bedeuten oft Verlagerung von Kompetenzen nach unten an die Mitarbeiter. Manager wie der Siemens-Nixdorf-Chef Gerhard Schulmeyer predigen dann gerne wie etwa im Rahmen des "Culture-Change"-Programmes von Entrepreneurship nach dem Motto: Jeder Mitarbeiter soll im Betrieb ein kleiner Unternehmer sein.

Welche Auswirkungen dieses "Unternehmertum" haben kann, schilderte Wilfried Glissmann, IBM-Betriebs- und Aufsichtsrat, in Nizza am Beispiel seines Arbeitgebers. Im Schulungszentrum Essen wurde die Devise ausgegeben, kraeftig zu sparen, sonst sei der Standort nicht zu halten. Eines Tages, so Glissmann weiter, sei ein Mitarbeiter mit der Loesung des Problems gekommen: "Wenn zwei Leute gehen, sind wir wieder profitabel." Die 14 Beschaeftigten sahen in die Runde, und auf einmal sei klar gewesen, wer gehen muesse. Die beiden, die aus Sicht der Mehrheit am schwaechsten waren, wurden schnell ausfindig gemacht.

Frueher noch haetten sich die Mitarbeiter gegen ihre Chefs verbuendet, so der Arbeitnehmervertreter. Heute aber, da sich jeder verantwortlich fuehle, nimmt keiner mehr Ruecksicht auf den anderen. "Eine Entwicklung, ueber die man nachdenken sollte", mahnte Glissmann.

Vielleicht ist es ja auch gut so, dass sich Mitarbeiter rechtzeitig an ihre neue Rolle als Unternehmer im Unternehmen gewoehnen. Damit sie dann im naechsten Schritt, wenn sie eingespart werden, als Selbstaendige besser ueberleben.

Buchautor Fischer - und nicht nur er - ist naemlich ueberzeugt, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft eine Gesellschaft von Selbstaendigen sind. Dabei zitiert er amerikanische Studien, denen zufolge die Zahl der Selbstaendigen jaehrlich um 15 Prozent steigt und allein in den letzten Jahren zwoelf Millionen Frauen in den USA diesen Weg beschritten haben. Um seine These von der neuen Selbstaendigkeit zu begruenden, bemueht der Autor zahlreiche weitere Untersuchungsergebnisse, zum Beispiel dieses: 98 Prozent der Selbstaendigen, die an einer Befragung der Zeitschrift "Home Office Computing" teilnahmen, gaben an, dass sie gluecklicher seien als frueher, weil sie von ihrer Wohnung aus arbeiten koennen, und 88 Prozent aeusserten, dass sie nicht mehr in ein Unternehmen zurueckkehren wollten.

Als Vorreiter dieser Entwicklung gelten die Telearbeiter, von denen es laut Fischer in den USA ueber sechs Millionen gibt, andere Untersuchungen sprechen schon von zehn Millionen.

Je nachdem, welchen Standpunkt man bevorzugt, laesst sich auch ein ganz anderes Bild dieser Entwicklung zeichnen. Das "Manager Magazin" zitiert in seiner neuesten Ausgabe Studien, die die Zukunft der "elektronischen Heimarbeiter" pessimistisch beurteilen. So sei im vergangenen Jahr nach einer Untersuchung der Link Resources Inc., New York, die Zahl der Telecommuter in den USA um 10,2 Prozent zurueckgegangen. Die Gartner Group gar meint, dass die sozialen Probleme die Telearbeit zu einem Nischenmodell machen. Die Angst vor Isolation und Einsamkeit nehme eher zu.

Unabhaengig davon, ob wir in Zukunft unser Arbeitsleben als Selbstaendiger, Telearbeiter oder vielleicht doch als abhaengiger Arbeitnehmer gestalten, scheint, wenn man der "Zeit" folgen darf, das klassische Modell von Karriere zu Ende zu gehen. Die Hamburger Wochenzeitung spricht vom Ende des "Normalarbeitsverhaeltnisses". Kuenftig wuerden virtuelle Unternehmen mit wenigen festen Angestellten auskommen, Arbeiten nach aussen vergeben und fuer ihre Projekte die elektronischen Dienste von raeumlich weit entfernten Fachleuten einkaufen.

Eine solche Entwicklung bedeute fuer die Beschaeftigten unregelmaessige Arbeit. Zwischen zwei Projekten, glaubt Gewerkschaftler Klotz, trete meistens eine Phase der Arbeitslosigkeit. Er geht davon aus, dass es immer mehr Beschaeftigte geben wird, die sich "in der Grauzone zwischen Selbstaendigkeit und Festanstellung bewegen".