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Technische Kompetenz mit weltweiten Marktaktivitäten verknüpfen

Besinnung auf eigene Stärken steigert Wettbewerbsfähigkeit

18.12.1992

Helmut Laumer ist Mitglied des Vorstandes des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung e.V., München. Er hielt diesen Vortrag anläßlich des Symposiums "Wirtschaftsmacht Japan - Ohnmacht Europas", das die Bayerische Staatsregierung zusammen mit der Brüsseler EG-Kommision am 23. und 24. Oktober 1992 in München veranstaltete.

Einer aktuellen Umfrage des Münchner Ifo-Instituts zufolge sehen zwei Drittel einer repräsentativen Auswahl führender deutscher Manager die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft durch die Erfolge der japanischen Industrie gefährdet. Fast ebenso viele geben ihren Unternehmen nur dann eine Chance, wenn sie massive staatliche Hilfe erhalten. Doch ist die Lage wirklich so dramatisch?

Zweifellos sind die wirtschaftlichen Erfolge Japans beeindruckend. In allen Dekaden der Nachkriegszeit war Japan die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft. Heute werden mehr als zehn Prozent aller weltweit produzierten Güter und Dienstleistungen in Japan erzeugt. Obwohl das Wachstum der Wirtschaft in der Vergangenheit ganz entscheidend vom Auslandsgeschäft bestimmt wurde, wird die Bedeutung Japans als Exportnation häufig überschätzt. Insgesamt gesehen ist Japan heute nach wie vor weit weniger vom Export abhängig als Deutschland.

Bei vielen Produkten hat die japanische Industrie allerdings inzwischen hohe Weltmarktanteile erreicht. Geräte der Telekommunikation, Werkzeugmaschinen oder DV-Anlagen sind nur einige Beispiele für überdurchschnittlich stark expandierende Sektoren. Bei anderen Erzeugnissen, insbesondere im Maschinenbau, sind aber deutsche Hersteller nach wie vor führend und liegen teilweise noch immer weit vor den japanischen Konkurrenten. Beispiele für Produktbereiche mit weiterhin überdurchschnittlich hohen deutschen Weltmarktanteilen sind unter anderem Druckmaschinen, elektromedizinische Geräte und Papiermaschinen. Allerdings haben die Japaner auch hier in den letzten Jahren Marktanteile hinzugewonnen. Grundsätzlich läßt sich feststellen, daß Japan in allen

Bereichen, in denen die Mikroelektronik eine große Rolle spielt, überdurchschnittliche Weltmarktanteilsgewinne aufzuweisen hat. Die Dominanz Nippons auf dem Chipmarkt wird als besonders bedrohlich empfunden.

Die Analyse der internationalen Patentstatistik belegt den Wandel der japanischen Industrie in den letzten Jahren vom Imitator zum Innovator. Sie zeigt aber auch, daß Japans technologische Überlegenheit keineswegs flächendeckend ist. Als besondere Stärken der deutschen Industrie im Innovationsprozeß weist die Ifo-Patentstatistik außer dem Automobil- insbesondere den Maschinenbau aus, wo die Bundesrepublik nach absoluten Zahlen der Patentanmeldungen - ebenso wie beim Export - die Spitzenposition

einnimmt. Eine ausgesprochene Domäne der deutschen Industrie sind Umweltschutztechnologien. Die spezifischen Stärken der japanischen Industrie hingegen liegen in der Metallverarbeitung, der Computerindustrie und der Elektronik.

Generell lassen sich die Stärken der japanische Wirtschaft im internationalen Wettbewerb sicherlich zu einem guten Teil auf ein - im Vergleich zu den Hauptkonkurrenten - günstigeres sozio-ökonomisches Umfeld zurückführen. Dazu zählt etwa die vergleichsweise positive Einstellung der Beschäftigten zur Arbeit und zum technischen Fortschritt, aber auch die erfolgreiche, in enger Kooperation mit der Wirtschaft konzipierte staatliche Forschungsförderungs- und Industriepolitik. Bei den Produktgruppen,

in denen Japan hohe und steigende Weltmarktanteile aufweist, ist die Überlegenheit auf dem Gebiet der Produktionskosten-Rationalisierung offenkundig.

Den Anteil des Staates im allgemeinen und der Industriepolitik im besonderen an den Erfolgen der japanischen Industrie auf den Weltmärkten sollte man nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Die Vorstellung, Japan sei ein einheitlich und straff geführtes Wirtschaftsunternehmen, das von einer übermächtigen Bürokratie in Gestalt des Miti beherrscht wird, ist längst nicht mehr zutreffend. Die industriellen Erfolge Japans lassen sich in erster Linie den dynamischen, innovations- und investitionsfreudigen Unternehmen zuschreiben, die in vielen Situationen rascher und konsequenter auf den weltwirtschaftlichen Strukturwandel reagiert haben, als dies anderswo geschah. Sie sind dabei allerdings vom Staat wirkungsvoll mit einer Industriepolitik unterstützt worden, die sich von traditionellen Ansätzen in Europa grundlegend unterscheidet.

Die traditionellen Stärken der Industrie

Unabhängig von der Frage, ob staatlich betriebene Industriepolitik auch in Deutschland respektive in der EG einen positiven Beitrag zur Erhaltung beziehungsweise Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit leisten kann, muß sich unsere Industrie auf ihre eigenen, traditionellen Stärken und Tugenden besinnen, will sie nicht weiter gegenüber der japanischen Konkurrenz und den neuen Industriegiganten aus Fernost wie Südkorea oder Taiwan an Boden verlieren. Diese traditionellen Stärken liegen

- in der Verfügbarkeit über eine gut und praxisorientiert ausgebildete Arbeitnehmerschaft als Ergebnis des deutschen dualen Ausbildungssystems und der überbetrieblichen Weiterbildungs-Einrichtungen;

- in der ausgebauten Forschungs-Infrastruktur mit einer eingespielten Arbeitsteilung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung;

- in der ausgeprägten Spezialisierung der Industrie auf hochmoderne Investitionsgüter und hochwertige Gebrauchsgüter. Deutsche Unternehmen spielen eine bedeutende Rolle als Lieferanten von maßgeschneiderten Lösungen und Systemen;

- in der ausgewogenen Größenstruktur der deutschen Industrie mit einem hohen Anteil unabhängiger mittelständischer Betriebe, die in der Lage sind, flexibel auf Kundenwünsche einzugehen, sich rasch auf Veränderungen einzustellen und sich bietende

Chancen zu nutzen.

Eine Untersuchung von 39 besonders erfolgreichen mittelgroßen deutschen Unternehmen ergab, daß zwölf dieser "hidden champions" die Nummer eins sowohl in Europa als auch auf dem Weltmarkt sind (vergleiche auch Hermann Simon, Lessons from Germany's Midsize Giants, Harvard Business Review, March/April 1992).

Konzentration auf Marktnischen

Als Erfolgsrezept wurde eine Strategie ermittelt, die technische Kompetenz mit weltweiten Marktaktivitäten verknüpft. Einzelelemente dieser Strategie sind Konzentration auf Marktnischen, gezielte Eroberung von Auslandsmärkten mit einem dichten Netz von Tochtergesellschaften, Verkaufs- sowie Produktionsniederlassungen, Pflege einer betont engen Kundenbindung, hoher Stellenwert der Mitarbeiteraus- und -weiterbildung, hohe technische Kompetenz der Führungskräfte und ein besonders gutes Verhältnis von Arbeitgebern und Mitarbeitern. Festgestellt wurden ferner aus dem Rahmen fallende überdurchschnittliche Kooperationsaktivitäten der untersuchten deutschen Marktführer mit japanischen Partnern.

Das Eingehen von Allianzen mit japanischen Unternehmen, aber auch mit Partnern auf den anderen expansiven Märkten Ost- und Südostasiens ist immens wichtig, denn der japanische Markt ist nach wie vor wegen der besonderen strukturellen Gegebenheiten für ausländische Unternehmen allein schwer zu erschließen. Dabei aber ist eine Verstärkung der deutschen Präsenz in Japan beziehungsweise ganz allgemein in Ostasien dringend erforderlich, um am dynamischen Wachstum dieser Region zu partizipieren. Wer in Japan erfolgreich ist, ist es weltweit.

Neben der Rückbesinnung auf die eigenen Stärken und der Reaktivierung traditioneller Tugenden - freilich mit Anpassung an die veränderten Verhältnisse - scheint es angesichts der Erfolge Japans auch angebracht zu sein, darüber nachzudenken, ob von den dortigen Praktikern gelernt werden kann. Immerhin ist bereits auf dem Gebiet der Rationalisierung des Produktionsablaufs das japanische Beispiel dabei, Schule zu machen.