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Wendemanoever des Anwendervereins Guide


23.04.1993 - 

Besitz eines IBM-Mainframes kein Mitgliedskriterium mehr

CW: Mainframe-Welt und IBM haben sich drastisch veraendert. Welche Rolle kommt der IBM-Benutzerorganisation Guide noch zu?

Dostal: Investitionsschutz als Motiv war in der Vergangenheit bei vielen Entscheidungen zugunsten der IBM wichtiger als funktionale Vorteile oder der Preis beim Wettbewerb. Sicher ist die IBM gut beraten, wenn sie kuenftig noch genauer zuhoert, was ihre Kundenbasis gerade unter dem Aspekt des Investitionsschutzes in einer komplexer werdenden IT-Landschaft von ihr erwartet. Diesen Dialog haben wir als Guide nach meinen Beobachtungen in der Vergangenheit so gut wie gar nicht gesucht und gefuehrt.

CW: Verlagert sich also das Mandat der Benutzerorganisation?

Dostal: Meine Vision ist, dass wir uns als eine Interessengemeinschaft grosser europaeischer IT-Anwender definieren. Wir vertreten dann die Interessen der Anwender gegenueber der Gesamtheit der bisher allzu technologieorientierten DV-Anbieter.

Ob uns die Mitgliedsfirmen hierfuer ein Mandat geben oder ihre Interessen bilateral oder ueber andere Gremien wahrnehmen, haengt sicher nicht zuletzt davon ab, wie schnell wir diesen notwendigen Wandel vollziehen und wie qualifiziert wir dieser Aufgabe wirklich gerecht werden koennen. Und da habe ich bei allen in letzter Zeit sichtbar gewordenen Anstrengungen noch erhebliche Zweifel.

CW: Die DV-Industrie ist in eine Krise geraten, die Anwender sind verunsichert - die Chance fuer Benutzerorganisationen?

Dostal: Die Unsicherheit auf der Anwenderseite hat mehrere Gruende. Zum einen funktioniert das bisherige Rollenspiel zwischen Fachabteilung und IS-Bereich nicht mehr. Dies wuerde ich als die Vertrauenskrise der klassischen DV-Chefs bezeichnen. Hier hilft nur, eine Dienstleistungsmentalitaet zu entwickeln.

Die zweite Krise, die uns zeitgleich beschaeftigt, ist durch die technische Innovation bedingt. Sie schreitet ungleich schneller fort, als wir Neuerungen organisatorisch umsetzen koennen. Teilweise fehlt uns die Faehigkeit, in Anwendungssysteme, die wir ueber Jahre aufgebaut haben, innovative Elemente rasch und mit sichtbarem Nutzen fuer die Anwender zu integrieren. Bei dieser zweiten Krise hat die gesamte IT-Industrie versagt. Genau hier sehe ich kuenftig eine wesentliche Rolle fuer Organisationen wie Guide

CW: Wie beurteilen Anwender den Hersteller IBM mit Blick auf kuenftige Innovationsfaehigkeit?

Dostal: Nach meinen Beobachtungen stand IBM kaum einmal an der Spitze der technischen Innovation. Der ueberwaeltigende Markterfolg von Big Blue ueber viele Jahre hinweg beruhte darauf, den Anbietern trotz raschen technologischen Wandels das Gefuehl der Sicherheit der Investitionen durch Aufwaertskompatibilitaet innerhalb der strategischen Produktfamilien zu vermitteln. Diese Herstellerbindung, um nicht zu sagen Herstellertreue, hat sich bis zum heutigen Tag trotz mancher Rueckschlaege erhalten. Sie traegt - wie von vielen Auguren vorhergesagt - dazu bei, dass sich die IBM nun im Netz ihrer grossen vorhandenen Kundenbasis verheddert.

CW: Wie schaetzen Sie als Anwender die zukuenftige Rolle der herstellergebunden Mainframe-DV ein ?

Dostal: Ich denke, Mainframes unterschiedlicher Groesse werden auch langfristig in verteilten Systemumgebungen ihre Rolle als Datenbank-Server oder fuer die Verarbeitung von Massendaten, wie bei grossen Versicherungen und Banken, beibehalten. Allerdings - und das ist ja eines der Dilemmas der IBM - nimmt ihr Anteil am Gesamtinvestitionsvolumen fuer Informatik und Kommunikation sicher auch in Zukunft weiter ab.

CW: Weil eine schlanke DV mit dem Einsatz offener Systeme und heterogener DV-Umgebungen wesentlich wirtschaftlicher ist.

Dostal: Natuerlich kann in vielen Faellen eine schlankere DV wirtschaftlicher sein, wobei wir uns aber angewoehnen muessen, die Gesamtkosten fuer Entwicklung und Betrieb der Anwendungsloesung zu sehen, also auch die haeufig versteckten Folgekosten in den Fachabteilungen fuer eigentlich artfremde Taetigkeiten.

Wenn Sie nach offenen und heterogenen Systemen fragen, so sind das aus meiner Sicht unterschiedliche Qualitaeten. Die Forderung nach Offenheit hat die Idealvorstellung zum Inhalt, im Rahmen einer Gesamtkonzeption unterschiedliche Komponenten verschiedener Anbieter - sozusagen von der Stange - zu einer durchgaengigen Gesamtloesung zusammenbauen zu koennen. Dies setzt allerdings voraus, dass sich alle wichtigen Hersteller, auch die IBM, zu der Ueberzeugung durchringen, dass Offenheit sich letztlich nicht negativ auf ihre Geschaeftsentwicklung auswirkt, sondern im Gegenteil.

Was wir heute allerdings vorfinden, sind bestenfalls heterogene Systeme mit unterschiedlichen Bauvorschriften. Bei ihnen wird ein wesentlicher Teil der teuren Expertenkapazitaet damit verbraucht, die Koexistenzfaehigkeit sicherzustellen.

CW: Welche Auswirkungen zeigt fuer die Mitglieder der Benutzerorganisation Guide der Wandel von der klassischen Transaktionsverarbeitung hin zu Client-Server-Modellen?

Dostal: Ich moechte dazu drei Thesen aufstellen: Guide muss sich erstens von einer IBM-Benutzerorganisation zu einer Anwenderorganisation entwickeln, die sich in einer von IBM gepraegten, offener werdenden, aber komplex bleibenden Systemumgebung bewegen kann. Wir haben uns bereits von dem Besitz eines IBM-Mainframes als entscheidendem Mitgliedskriterium freigemacht, oeffnen uns gerade fuer die IBM-Partner und werden unsere Mitgliedskriterien in den naechsten Jahren schrittweise weiter auf dieses Ziel hin entwickeln.

Zweitens wird sich die Beschaeftigung auf der Expertenebene in den Arbeitskreisen und -gruppen weg von IBM-Produkten hin zu Loesungen orientieren, bei denen Produkte von IBM, aber auch von anderen, eine wichtige Rolle spielen. Vorbild fuer mich in dieser Hinsicht ist bei der deutschen Guide-Region der Arbeitskreis "Application Management", der seine Struktur und Ziele voellig von einer produkt- auf eine themenorientierte Arbeit geaendert hat.

Drittens muss sich Guide zu einem Gespraechspartner entwickeln, den alle namhaften IT-Herstellern ernst nehmen, wenn es um die Frage geht, wie Anwender und Anbieter gemeinsam aus der teilweise oft selbstverschuldeten Krise der Informationsverarbeitung finden koennen.

Dazu brauchen wir zur Mitarbeit in unserer Organisation auch strategisch denkende Koepfe aus dem Kreis unserer Mitgliedsfirmen, und hier sehe ich den groessten Nachholbedarf.

* Wolf-Dietrich Lorenz ist Chefredakteur der Fachzeitschrift IM Information Management der Computerwoche Verlag GmbH.