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08.12.1995

Bestandsaufnahme vor der Freigabe von Lotus Notes 4.0 und Microsoft Exchange Der Groupware-Markt steht vor einem Generationenwechsel

Von Michael Wagner*

Die bevorstehende Einfuehrung von Version 4.0 des Groupware- Produktes "Notes" wirft ihre Schatten voraus. Lotus Development versteht es, durch haeppchenweise Veroeffentlichung der Neuerungen die Aufmerksamkeit fuer das Produkt zu erhalten, waehrend sich der Erzrivale Microsoft bemueht, mit seiner noch nicht freigegebenen Alternative "Exchange" dem Mitbewerber in nichts nachzustehen. Daneben ruesten sich aber auch weniger bekannte Streiter zu einer neuen Runde in der Groupware-Arena. Grund genug fuer eine Bestandsaufnahme.

Mit der Uebernahme durch IBM hat Lotus, der bislang unbestrittene Groupware-Marktfuehrer, noch an Bedeutung gewonnen. Waren langfristige Investitionen in die Lotus-Technologie aufgrund der nicht immer soliden Finanzgeschichte des Unternehmens zuvor mit einem Fragezeichen versehen, so sind Bedenken dieser Art jetzt offenbar wie weggeblasen. Die Aussicht auf eine Integration verschiedener leistungsfaehiger IBM-Produkte in die neue Version von Notes scheint zudem die Phantasie der Anwender zu befluegeln.

Automatisierter Abgleichvon Replikationskonflikten

Eine der wichtigsten neuen Funktionen von Notes 4.0 besteht in der Integration der objektorientierten Programmiersprache Lotusscript, die auch in den aktuellen Versionen der uebrigen Lotus-Produkte Verwendung findet. Sie besteht aus einer Hierarchie wiederverwendbarer Softwarebausteine, die es ermoeglichen, die Funktionalitaeten der verschiedenen Anwendungen wechselseitig zu nutzen. So koennen etwa die Dokumenteneigenschaften von "Word Pro" unter Notes genutzt werden.

Ueber diese mit Microsofts Visual Basic kompatible Programmiersprache lassen sich erstmals auch komplexe Aufgaben loesen - so beispielsweise der automatisierte Abgleich von Replikationskonflikten oder die Sperrung von Dokumenten im Client- Server-Betrieb. Dadurch wird Notes zu einer vollwertigen Anwendungsentwicklungs-Umgebung, fuer die verschiedene Anbieter wie Revelation oder Ives bereits Third-Party-Werkzeuge angekuendigt haben.

Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Notes-Version ist die Internet- Anbindung. Der Notes-Client wird einen vollstaendigen WWW-Browser enthalten, der Verweise auf Informationen im Internet aus Notes- Dokumenten heraus verfolgen kann. Damit wird ein bruchloser Uebergang zwischen der internen Notes-basierten Informationssphaere und dem externen Cyberspace geschaffen - ohne dass die sensiblen internen Informationen dem Risiko des unberechtigten Zugriffs ausgesetzt werden. Ueber das Zusatzprodukt "Internotes Web Publisher" koennen zudem Notes-Dokumente im World Wide Web angeboten, also Auszuege der firmeninternen Informationen einer interessierten Oeffentlichkeit zugaenglich gemacht werden.

Darueber hinaus bietet Notes 4.0 eine Reihe von wesentlichen Detailverbesserungen, deren Wert Aussenstehenden vielleicht eher unbedeutend erscheint. So bedeutet die Moeglichkeit, feldbasierte Replikation zu nutzen, eine spuerbare Verringerung der Kommunikationskosten. Anstelle ganzer Dokumente werden kuenftig nur noch die Aenderungen der einzelnen Felder zwischen verschiedenen Notes-Systemen abgeglichen.

Die Verwaltung umfangreicher Notes-Netzwerke ist in Version 4.0 stark vereinfacht. Eine eigene Administrations-Schnittstelle ermoeglicht die zentrale Verwaltung von Anwenderdaten und Systemkonfigurationen.

Mobilen Nutzern gibt das die Moeglichkeit, ueber einen Notes-Server, der per Modem angewaehlt wird, saemtliche Notes-Server eines Netzwerkes zu erreichen. Das vereinfacht die taegliche Arbeit.

Auch die Benutzer-Schnittstelle wurde vollstaendig ueberarbeitet und durch die variable Dreiteilung in Informationsstruktur, Dokumentenhierarchie und Dokumenteninhalt dem Erscheinungsbild von "cc:mail" angepasst. Notes-4.0-Clients koennen zudem auf cc:mail- Server und cc:mail-Clients auf Notes-4.0-Server zugreifen. Weiterhin unterstuetzt Notes 4.0 das von Microsoft definierte MAPI- Protokoll, weshalb es auch von jedem MAPI-faehigen E-Mail-Client genutzt werden kann. Die Kompatibilitaet zu cc:mail und MAPI beschraenkt sich allerdings auf das Messaging. Die datenbankbasierten Faehigkeiten von Notes aus cc:mail oder MS-Mail heraus zu nutzen, ist hingegen nicht moeglich.

Lotus ordnet Notes 4.0 in die kuerzlich vorgestellte Lotus Communications Architecture ein. Diese gliedert sich in vier Ebenen: wechselseitig nutzbare Clients, abteilungsinterne Mail- Server, organisationsweite Router sowie unternehmensuebergreifende Messaging-Switches. Auf der obersten Ebene sollen Gateways die Konnektivitaet zu anderen E-Mail-Systemen sicherstellen, wobei Lotus zunaechst allerdings nur die Anbindungen an X.400, SMTP, Smads und Profs bereitstellt.

Die Funktionalitaet von Notes 4.0 wurde lange vor der Uebernahme von Lotus durch IBM festgelegt. Neuerdings liegt auch die Integration von komplementaeren IBM-Produkten in kuenftige Notes-Versionen auf der Hand. Die Anbindung des IBM-eigenen Imaging-Produkts "Image Plus" ist bereits angekuendigt. Die latente Notes-Schwaeche im Workflow-Bereich wurde zwar durch Zusatzprodukte sowie - in 4.0 - durch die Integration von Lotus Script abgemildert. Doch wuerde "Flowmark", das Workflow-Flaggschiff der IBM, Notes immer noch ideal ergaenzen.

Das "Phaenomen Notes", also die schnelle Verbreitung des innovativen Produkts in grossen Unternehmen, wird nur zum Teil dafuer verantwortlich gewesen sein, dass Microsoft ein System mit aehnlichen Funktionen schafft. Den Ausschlag duerfte neben der notwendigen Weiterentwicklung der MS-Mail-Architektur die langfristige Microsoft-Strategie einer verstaerkten Server-Praesenz gegeben haben. Das Produkt, das aus dieser Motivation heraus entstand, der Microsoft Exchange Server, verbindet E-Mail mit einer unternehmensweit einheitlichen Informationsstruktur, deren Aenderungen zwischen den einzelnen Standorten repliziert werden koennen.

Anders als Notes verwaltet Exchange saemtliche Informationen einschliesslich der E-Mail-Nachrichten in einer gemeinsamen Datenbank. Eine Hierarchie von "Public Folders" unterteilt diesen Informationsspeicher - aehnlich einem Dateiverzeichnis - in kleinere Einheiten, deren Zugriffsrechte und Replikationszyklen einzeln festgelegt werden koennen. Innerhalb dieser Folder lassen sich verschiedene Eigenschaften der gespeicherten Dokumente als listenartige beziehungsweise hierarchische Ansichten darstellen.

Als Neuentwicklung bietet Exchange eine konsequent auf grosse Unternehmensnetze ausgerichtete Architektur. So basiert es auf dem X.400-Messaging beziehungsweise den X.500-Verzeichnisstandards und kann deshalb einfach in weltweite Netze eingebunden werden.

Allerdings weist der unter der Versionsnummer 4.0 erscheinende Nachfolger von MS-Mail 3.6 in vielen Details noch Defizite auf, die erst in spaeteren Versionen verbessert werden sollen. Beispielsweise ermoeglicht das Microsoft-Produkt keine Vergabe von Zugriffsrechten fuer einzelne Dokumente, sondern laesst nur Beschraenkungen auf der Basis der Public Folders zu.

Dass die Microsoft-Entwickler nicht aus den Fehlern von Notes gelernt haben, beweist die Behandlung von gleichzeitigen Zugriffen auf einzelne Dokumente. Hier waere ein "optimistischer" Sperrmechanismus angebracht, wie er allerdings auch in Notes 4.0 noch nicht vorhanden ist.

Exchange-Anwendungen stuetzen sich fast ausschliesslich auf Formulare, die als E-Mail-Nachrichten versendet werden koennen. Das integrierte "E-Forms"-Produkt nutzt die Programmiersprache Visual Basic fuer die Gestaltung von Formularaufbau und -logik. Die ueber E-Forms hinausreichenden Erweiterungsmoeglichkeiten von Exchange sind auf vom Anbieter vorgesehene Schnittstellen wie MAPI begrenzt und erfordern den Einsatz der Programmiersprache C. Insofern ist die Realisierung von Anwendungen mit aequivalenter Funktionalitaet in Exchange signifikant aufwendiger als in Notes 4.0.

Das groesste Defizit von Exchange duerfte jedoch in der einseitigen Ausrichtung auf Windows-NT-Server liegen. Damit begibt sich Exchange zwar voll auf Microsofts Back-office-Linie. Doch schraenkt beispielsweise die Abhaengigkeit vom Domaenenkonzept des NT- Betriebssystems das Produkt unnoetig ein. Ob die Absicht von Microsoft, Groupware-Anwender nicht nur von Exchange, sondern gleich auch noch von NT zu ueberzeugen, Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Fast alle Konkurrenzprodukte sind sowohl auf der Client- als auch auf der Server-Seite multiplattformfaehig.

Neben den beiden designierten Groupware-Marktfuehrern Lotus und Microsoft sind einige weitere Anbieter in Erscheinung getreten, die im untenstehenden Kasten einzeln vorgestellt werden. Die am wenigsten prognostizierbare Unbekannte im Groupware-Markt besteht jedoch in der weiteren Entwicklung des Internet beziehungsweise des World Wide Web (WWW).

Nachdem der Internet-Primus Netscape den Groupware-Hersteller Collabra aufgekauft hat, sind die moeglichen Synergien offensichtlich. Mit der Integration der dynamischen, objektorientierten und Corba-faehigen Entwicklungssprache Java von Sunsoft hat Netscape alle Voraussetzungen geschaffen, um sich ueber die Verbreitung im Internet hinaus auch im Groupware-Markt zu etablieren.

Zusammengefasst hat die neue Generation von Groupware-Systemen zwei Schwerpunkte: Skalierbarkeit und Management des Gesamtsystems. Die Administration grosser Informationsverbuende wird einfacher, die Entwicklung unternehmensspezifischer Anwendungen flexibler. Allein die Abbildung und schnelle Umgestaltung von Organisationsstrukturen ist nach wie vor die Achillesferse aller Groupware-Produkte

*Michael Wagner ist als Berater und Autor in Muenchen taetig.