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Betriebliche Weiterbildung muß stärker gefördert werden

27.10.1989

Jürgen W. Möllemann MdB, Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Bonn

Die anhaltende Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft mit immer höheren Qualifikationsanforderungen, der beschleunigte technologische Wandel, der gerade mit der zunehmenden Einführung von Informations- und Kommunikationstechniken immer mehr Bereiche unserer Berufs- und Freizeitwelt bestimmt, aber auch der bevorstehende Europäische Binnenmarkt machen die Weiterbildung zu der bildungspolitischen Herausforderung für das vor uns liegende Jahrzehnt.

Die traditionelle Abfolge von Ausbildung und Berufsausübung wird den immer schnelleren Veränderungen nicht mehr gerecht. Nur durch systematische Verknüpfung von Bildung, Ausbildung und Berufserfahrung mit Weiterbildung kann der hohe wirtschaftliche und soziale Stand unserer Gesellschaft erhalten und ausgebaut werden. Vor diesem Hintergrund habe ich die Konzertierte Aktion Weiterbildung in die Wege geleitet, in der alle Beteiligten der Weiterbildung, die Spitzenverbände, Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie Vertreter des Staates gemeinsame Vorschläge für einen raschen Ausbau der Weiterbildung erarbeiten. Denn nur durch eine große gemeinsame Anstrengung von Staat, Wirtschaft und allen gesellschaftlichen Kräften kann die Weiterbildung rechtzeitig zu einem gleichwertigen Teil unseres Bildungswesens ausgebaut werden, der die herkömmlichen Bereiche Schule, Berufsausbildung und Hochschule ergänzt und durchdringt.

Gerade neue Techniken im Büro und in der Fertigung können auf schnellem Wege nur über Weiterbildung erlernt werden. Diesen Anforderungen stellen sich die Betriebe und die Beschäftigten in zunehmendem Maße. Eine in meinem Auftrag durchgeführte Repräsentativerhebung hat kürzlich gezeigt, daß die Beteiligung an beruflicher Weiterbildung in den letzten vier Jahren um 50 Prozent gestiegen ist. Dieser erfreuliche Boom ist zu einem großen Teil auf die rasch zunehmende Weiterbildung im Bereich neuer Techniken zurückzuführen, beispielsweise auch auf EDV-Kurse.

Die Bundesregierung unterstützt diese Entwicklung seit Jahren, denn sie ist sich bewußt, daß die Beschäftigung von Mitarbeitern, die im Umgang mit neuen Technologien erfahren sind, erhebliche Wettbewerbs- und Standortvorteile auch im Hinblick auf den EG-Binnenmarkt bringen wird. Dies ist beispielsweise Schwergewicht einer Reihe von Modellvorhaben im kürzlich beschlossenen Montanprogramm, für das das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in den Jahren 1989 bis 1992 32 Millionen Mark zur Verfügung stellt.

Im Modellvorhaben "Produktionstechnische Qualifikation", das mit einer Beteiligung von rund fünf Millionen Mark gefördert wird, sollen Bildungskonzeptionen für besonders gefragte Qualifikationen in Wachstumsbranchen entwickelt werden, die sowohl in der Berufsausbildung wie in der beruflichen Weiterbildung Anwendung finden. Arbeitnehmer sollen angesichts der zunehmenden informationstechnischen Vernetzung von Produktionssystemen lernen, diese Systeme zu bedienen, zu programmieren, zu verbessern, mitzugestalten und instandzusetzen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des BMBW ist die Förderung von Kooperationsprojekten zwischen Hochschule und Wirtschaft zur Entwicklung und Umsetzung neuer Technologien. Die Verantwortung der Hochschulen für berufsbezogene wissenschaftliche Weiterbildung muß trotz der aktuellen starken Belastungen der Hochschulen in Zukunft noch ernster genommen werden und in noch stärkerem Maße den Wissenstransfer in die betriebliche Praxis sichern.

Hier haben sich insbesondere die an einzelnen Hochschulen eingerichteten zentralen Stellen für Weiterbildung bewährt. Sie können sehr gut zu einer systematischen Verknüpfung von wissenschaftlicher Weiterbildung, Beratung und Technologietransfer beitragen. Eine solche systematische Zusammenarbeit hat eine wichtige Entwicklungsfunktion für die Region. Dabei darf es nicht vorwiegend bei der Kooperation mit Großunternehmen bleiben, gerade auch Klein- und Mittelbetriebe sind verstärkt in den Wissens- und Technologietransfer mit Hochschulen einzubeziehen.

Auf Vorschlag der Konzertierten Aktion Weiterbildung werden daher zur Zeit in meinem Auftrag mögliche Kooperations- und Kommunikationsformen zwischen Hochschule und Betrieb untersucht und Vorschläge für eine Verbesserung der Kooperation in der Region erarbeitet.

Wichtige Anregungen für den Ausbau der wissenschaftlichen Weiterbildung gibt eine Untersuchung über den Stand und die Praxis der wissenschaftlichen Weiterbildung in sieben westlichen Industrieländern, die der BMBW auf Vorschlag der KAW in Auftrag gegeben hat.

Die Notwendigkeit verstärkter Kommunikation und Entwicklung neuer Organisationsformen zwischen Entwicklungs- und Forschungsinstituten einerseits und den professionellen Anbietern im Hard- und Softwarebereich zeigen sich auch in einem anderen Bereich, dem interaktiven Lernen mit neuen Medien. Dies ist das Ergebnis einer Tagung, die im April 1989 im Rahmen der Konzertierten Aktion Weiterbildung veranstaltet wurde. Die Chancen neuer Medien und Übertragungstechniken müssen mehr als bisher für die Weiterbildung genutzt werden. Dazu bedarf es einerseits einer verstärkten Koordinierung der Entwicklung, andererseits der Erarbeitung von Konzepten zur Verknüpfung von Medien und Pädagogik, die Lernsituation der jeweiligen Zielgruppe berücksichtigen. Diesen neuen Aufgaben muß sich der Staat in verstärktem Maße stellen. Die Erfahrungen aus anderen Ländern, die zum Teil die Möglichkeiten dieser technologischen Entwicklungen schon stärker nutzen, sind hierbei zu berücksichtigen.

Gerade bei der Weiterentwicklung neuer Medien und neuer Übertragungstechniken für die Weiterbildung sind die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit in Europa stärker zu nutzen. Dies zeigt sich in der bisher leider unzureichenden Beteiligung von bundesdeutschen Forschungs- und Entwicklungsinstituten sowie von Unternehmen an dem EG-Programm Delta. Ziel von Delta ist es, den Fortschritt in den Bereichen von Informationstechnologien und Telekommunikation für die Unterstützung von Lernprogrammen zu erschließen. Das gleiche gilt für das Programm Comett II, das unter anderem gemeinsame Vorhaben zwischen Hochschule und Wirtschaft in der Weiterbildung so wie Initiierung und Anwendung multimedialer Ausbildungssysteme fördert.

Weiterbildungsdatenbanken sind eine wichtige Voraussetzung für eine umfassende Information und Beratung, durch die der Einzelne - aber auch der Betriebgeeignete Weiterbildungsangebote erreichen kann, die den persönlichen und beruflichen Bedürfnissen und der Vorbildung der Teilnehmer entsprechen. Dabei ist es wichtig, daß Weiterbildungsdatenbanken mit intensiver Weiterbildungsberatung verknüpft werden. Für diesen wichtigen Bereich hat die Konzentrierte Aktion Weiterbildung "Empfehlungen zu Weiterbildungsdatenbanken und zur Weiterbildungsberatung" erarbeitet, die die Grundlage setzen für den Aufbau kompatibler Datenbanken und ihrer Verknüpfung mit gezielter Beratung.

Nur durch einen raschen Ausbau der beruflichen Weiterbildung kann es uns gelingen, den Standortvorteil zu halten, den die Bundesrepublik Deutschland mit der guten Qualifikation ihrer Erwerbstätigen derzeit hat. Besonders wichtig erscheint mir, daß für die Betriebe Personalentwicklung dieselbe Bedeutung erhält wie Investitionen in das Sachkapital. Ich möchte dies mit einem banalen Beispiel erläutern: Was nützt die Anschaffung eines Computers ohne die systematische Weiterbildung derjenigen Mitarbeiter, die mit diesem Gerät arbeiten sollen?

Daher kann es nicht überraschen, daß die betrieblichen Weiterbildungsaktivitäten in den letzten Jahren bereits stetig zugenommen haben. Heute findet mehr als 50 Prozent der Weiterbildung in Betrieben statt. Diesen Prozeß der Ausweitung betrieblicher Bildungsart müssen wir sorgfältig beobachten und unterstützen. Unter Berücksichtigung entsprechender Anregungen der Konzentrierten Aktion Weiterbildung ist aus der Arbeit des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft hier unter anderem zu nennen

- die Erarbeitung einer Handreichung zur Planung des betrieblichen Weiterbildungsbedarfs, insbesondere für Klein- und Mittelbetriebe,

- die Systematisierung des lernorientierten Arbeitens am Arbeitsplatz und die Koppelung mit Angeboten arbeitsorientierten Lernens außerhalb des Arbeitsplatzes,

- die Erarbeitung einer Forschungskonzeption für den Bereich der betrieblichen Weiterbildung.

- Mit einer Informationskampagne wird bei Betrieben dafür geworben, verstärkt in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren.

Der rechtzeitige Ausbau der Weiterbildung zu einem gleichwertigen Teil des Bildungssystems kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten hierin ebenso eine gemeinsame vorrangige Aufgabe erkennen, wie dies im zurückliegenden Jahrzehnt für die Sicherstellung der Erstausbildung der Fall war.