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14.07.1995

Betriebsraete sind mit der Politik ihrer Unternehmen unzufrieden "Die einen sprechen von Druck - und wir von Culture Change"

MUENCHEN (hk) - Manager in der DV-Industrie sprechen von Business Re-Engineering und Lean Management, meinen aber damit, dass die Arbeit und der Termindruck nach unten delegiert werden sollen, nicht jedoch die Verantwortung. Betriebsraete sind irritiert, wie Anspruch und Wirklichkeit bei ihren Chefs auseinanderklaffen.

"Bei anderen nennt man es Druck von oben und bei uns Culture Change", beschreibt ein SNI-Betriebsrat die Situation in seinem Unternehmen anlaesslich einer Podiumsdiskussion des Forums InformatikerInnen fuer Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIFF) zur Situation der Beschaeftigten in der DV-Industrie.

Seit fast fuenf Jahren, seit Siemens und Nixdorf ein Unternehmen wurden, werde staendig Personal abgebaut. Von ueber 50000 Mitarbeitern sei man jetzt bei etwa 38000 angelangt, und ein Ende der Freisetzungswelle liege noch immer nicht in Sicht, so der Arbeitnehmervertreter. Am Standort Perlach in Muenchen arbeiteten vor drei Jahren 8500 Beschaeftigte, bis zum Ende dieses Geschaeftsjahres am 30. September sollen es noch 5500 sein.

Claus Bombach von der Gruppe der unabhaengigen SNI-Betriebsraete gibt zu, dass das Umdenken den Mitarbeitern nicht immer leicht faellt. Sein Arbeitgeber moechte gerne die Verantwortung an Teams geben. "Jahrelang hat man fuer den Vorgesetzten gearbeitet, weil man von ihm abhaengig war, und jetzt soll man alles fuer den Kunden tun."

Das Problem der Rationalisierung bei SNI bestehe aber darin, so Otto Teufel vom Arbeitskreis Ingenieure und Naturwissenschaftler (AIN) in der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG), dass "das Verhaeltnis von Indianern zu Haeuptlingen unguenstiger ist als zuvor", da zuerst die Mitarbeiter ohne Fuehrungsverantwortung gehen mussten. In dieses Bild passt die Anmerkung von Siemens-Betriebsrat Alfred Eibel, der erzaehlte, dass eine Abteilung zur Tochtergesellschaft SNI wechselt, dass aber "die Haeuptlinge bleiben", da SNI davon in ausreichender Zahl besitze.

Nicht bleiben duerfen die aelteren Mitarbeiter, was Bombach als diskriminierend empfindet. Wer laenger als fuenf Jahre in einem Projekt arbeitet, dem werde die Faehigkeit, sich zu veraendern, gar nicht erst zugetraut. Der Arbeitnehmervertreter verweist auf das amerikanische Beispiel, wo nur die Qualifikation zaehle und Alter und Geschlecht nicht so eine grosse Rolle spielten wie hierzulande.

Doris Schweikl, Betriebsraetin bei Microsoft, relativiert dieses Urteil. In der deutschen Dependance des amerikanischen Softwaregiganten sei das Durchschnittsalter etwa 30 Jahre. Gearbeitet werde oft zwischen 70 und 80 Stunden die Woche, und nach drei bis fuenf Jahren verliessen die Mitarbeiter ausgelaugt das Haus.

Am Anfang des Jahres vereinbare der Vorgesetzte Ziele mit seinen Beschaeftigten. Strikt gelte das Motto "pay for performance". Hat der Mitarbeiter seine Ziele erreicht, so Schweikl, erhaelt er neben den zwoelf Monatsgehaeltern noch eine Bonuszahlung. Urlaubs- und Weihnachtsgeld kenne Microsoft nicht. Allerdings liegen die Einkommen laut Schweikl "erheblich ueber dem Tarif der HBV" (Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen). Das durchschnittliche Gehalt der Mitarbeiter betrage 85000 Mark pro Jahr.

Wer schlecht abschneidet, muesse damit rechnen, dass ihm der Arbeitgeber einen Aufhebungsvertrag anbietet. Da die Mitarbeiter noch jung seien und der Name des Arbeitgebers im Zeugnis positiv auffalle, haetten die Entlassenen keine grossen Probleme, einen neuen Job zu finden.

Harald Benter, Betriebsrat beim Muenchner Softwarehaus Softlab und Mitglied in der unabhaengigen Vereinigung "Netzwerk Arbeitswelt Informatik" (NAI) verlangt von Arbeitnehmervertretern, vor allem von der Gewerkschaft, dass sie den Arbeitgebern Gegenmodelle vorschlagen, um die Probleme der Zukunft zu meistern. Wenn er 40 Jahre zu arbeiten hat, koenne es doch nicht das Interesse der Firma sein, ihn nach fuenf bis zehn Jahren zu verschleissen. Das gleiche gelte fuer Ueberstunden. Wer taeglich zehn bis zwoelf Stunden antrete, koenne auf die Dauer nicht kreativ und produktiv taetig sein.