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29.06.2001 - 

R+V Versicherung: Abschied von verkrusteten Strukturen

Bewährtes mit Neuem verknüpfen

Veraltete Technik, antiquierte Personalkonzepte - diese Vorstellungen haben viele IT-Profis, wenn sie an Versicherungen denken. Peter Weiler, Vorstand der R+V Versicherung, Wiesbaden, und verantwortlich für das Zentralressort Informations- und Kommunikationssysteme, zeigt im CW-Gespräch* auf, wie es in seinem Haus tatsächlich aussieht.

CW: Herr Weiler, seit einem Jahr arbeiten Sie für die R+V Versicherung. War der Wechsel für Sie als ehemaliger Berater ein Kulturschock?

Weiler: Nein. Ich war zuvor bei debis Systemhaus als Geschäftsführer für den Bereich Finanzdienstleister zuständig. Deshalb kannte ich die Banken- und Versicherungslandschaft. Außerdem entsprechen viele Klischees von Versicherungen nicht mehr der Realität.

CW: Welche zum Beispiel?

Weiler: Für viele Hochschulabgänger sind Versicherungen mächtige, aber träge Riesen, die antiquierte Personalkonzepte haben und der technologischen Entwicklung hinterherhinken. Dies ist nicht der Fall. Außerdem versuchen verstärkt ausländische Institute auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Deshalb können sich Versicherer heute weder verkrustete Arbeitsstrukturen noch Mitarbeiter, die ihre Arbeit nur verwalten, leisten - schon gar nicht im IT-Bereich.

CW: Wieso gerade dort?

Weiler: Von der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie gehen die stärksten Veränderungsimpulse aus. Sie ermöglichte erst das Entstehen neuer Wettbewerbssituationen mit allen Chancen und Risiken für etablierte Unternehmen und neue Anbieter. Eine entsprechend große Bedeutung muss ein Finanzdienstleister wie R+V dem Thema IT schenken. Das zeigt sich schon darin, dass fast 600 Mitarbeiter in unserem Bereich Zentrale Informationssysteme arbeiten - mit steigender Tendenz.

CW: Ist dies nicht überdimensioniert? Schließlich ist R+V kein Technologiekonzern.

Weiler: Aber ein informationsverarbeitendes Unternehmen. Das Versicherungsgeschäft besteht weit gehend darin, Daten und Informationen zu sammeln und sie so speichern und aufzubereiten, dass mit ihnen möglichst effektiv gearbeitet werden kann. Folglich durchzieht die Informationstechnologie die gesamte Organisation.

CW: Trotzdem sind Versicherungen nicht die Wunsch-Arbeitgeber vieler IT-Profis - unter anderem, weil sie glauben, dass diese vor allem mit veralteter Host-Technologie arbeiten.

Weiler: Diese Technik bildet das Rückgrat. Ich würde sie aber nicht als veraltet, sondern als "bewährt" bezeichnen. Schließlich ist Zu-verlässigkeit ein zentraler Erfolgsfaktor für jeden Finanzdienst-leister. Systemabstürze kann sich R+V nicht erlauben, da dann das Vertrauen der Kunden in unsere Kompetenz schnell sinken würde. Dies bedeutet aber nicht, dass wir in Bezug auf die technische Ausstattung nicht auf dem neuesten Stand sind. Schließlich müssen auch wir unsere Kunden über mehrere Kanäle ansprechen und die Kundendaten so verarbeiten, dass wir den Klienten stetsindividuelle Problemlösungen bieten.

CW: Das wissen aber viele Stellensucher nicht.

Weiler: Wir stellen dies ja auch nicht so plakativ in den Vordergrund wie so mancher Technologiekonzern. Schließlich verkaufen wir nicht Technik, sondern Sicherheit. Außerdem bin ich der Auffassung: Wir dürfen nicht in eine übertriebene Technikverliebtheit verfallen.

CW: Was heißt das?

Weiler: Im Firmenalltag zeigt sich oft: Weder die teuerste noch die technisch innovativste Lösung ist die beste Lösung. Dies gilt gerade für Versicherungen, die ja zum Beispiel auch der Datensicherheit große Beachtung schenken müssen. Deshalb müssen wir zwar stets wissen, was technisch möglich ist, um Chancen frühzeitig zu erkennen. Welche Technik wir dann aber einführen und wann und wo dies der Fall sein wird, das müssen wir genau prüfen. Schließlich messen die Kunden unsere Leistung nicht daran, ob wir technische Trendsetter sind.

CW: Wie sieht der Arbeitsalltag im Zentralressort Informationssysteme im Vergleich zu den Fachabteilungen aus?

Weiler: Der ZI-Bereich tickt schon ein wenig anders. Hier ist vor allem Projektarbeit die Regelarbeitsform. Wenn ein Mitarbeiter - abhängig von der Aufgabe, die er gerade erfüllt - mal Projektleiter, mal Leiter eines Teilprojektes, mal Projektmitarbeiter ist, entwickeln sich andere hierarchische Beziehungen als in den Fachabteilungen, in denen die Arbeitsinhalte und Positionen durch Stellenbeschreibungen noch klarer definiert und abgegrenzt sind. Hinzu kommt: Wenn sich die Technik rasch ändert, muss auch die Information zwischen den Mitarbeitern fließen. Dann dürfen sie sich nicht hinter ihren Schreibtischen verschanzen.

CW: Haben Sie regelmäßige Round-Table-Gespräche eingeführt?

Weiler: Ja, alle sechs bis acht Wochen setze ich einen Termin für ein Round-Table-Gespräch an. Zu diesem können sich alle ZI-Mitarbeiter anmelden. Mit den ersten 30 Mitarbeitern, die sich anmelden, treffe ich mich und rede mit ihnen zirka vier Stunden darüber, was sie bewegt.

CW: Das heißt, Sie bestimmen weder die Teilnehmer noch die Themen?

Weiler: Richtig. Anders als bei den zwei Mal jährlich stattfindenden ZI-Vollversammlungen, die primär der Information dienen, geben bei den Round-Table-Gesprächen die Mitarbeiter die Themen vor. Ich stehe nur Rede und Antwort und nehme aus den Treffen selbstverständlich auch Aufträge mit.

CW: Warum tun Sie das?

Weiler: Damit ich meinen Job richtig machen kann, muss ich wissen, was die Mitarbeiter bewegt und wo es im Alltag klemmt. Nur dann kann ich die Strukturen so gestalten, dass ein erfolgreicheres Arbeiten möglich ist.

CW: Heißt das, dass Sie sich als Dienstleister verstehen?

Weiler: Ja. Aber nicht in dem Sinne, dass ich nur tue, was die Kunden des ZI-Bereichs oder in diesem Falle die Mitarbeiter sagen. Dann würde ich nicht nur meine Verantwortung leugnen, sondern dann könnte ich auch nicht mehr Impulsgeber sein. Dieses Dienstleistungsverständnis müssen aber auch die anderen Mitarbeiter im IT-Bereich entwickeln.

CW: Worin liegen für Sie die Vorzüge eines gewachsenen Unternehmens wie R+V gegenüber einem Startup?

Weiler: Unsere Geschäftsidee muss ihre Tragfähigkeit nicht erst beweisen. Sie hat dies bereits getan. Deshalb können wir ITlern einen sicheren Arbeitsplatz bieten - ein Plus, das immer mehr erkennen. Hinzu kommt: Unser Geschäft ist nicht so zyklisch wie das vieler anderer Unternehmen; außerdem hängt unser wirtschaftlicher Erfolg, anders als bei vielen Startups, aber auch Technologiekonzernen, nicht an drei, vier Großkunden. Deshalb ist bei uns - trotz allen Veränderungsdrucks - Erfolg besser planbar, und Strategien haben eine längere Lebensdauer. Und dann sind im IT-Bereich auch weniger Hauruck-Aktionen mit Nacht- und Wochenendarbeit nötig.

*Das Gespräch führte Berhard Kuntz, freier Journalist in Darmstadt.