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30.07.1993

Bewerbungsstrategien in der Rezession (Teil 6) Selbst kurze Arbeitslosigkeit fuehrt zu einem Karriereknick

Wer in der Rezession auf einem unsicheren Arbeitsplatz sitzt, sollte seine beruflichen Zielsetzungen den Erfordernissen des Arbeitsmarktes durch Mobilitaet, Flexibilitaet und Investitionsbereitschaft anpassen. Typische Bewerberverhalten, die in der Vergangenheit ohne nachhaltige Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn blieben, fuehren nach Auffassung von Bernd Andersch* heute in die berufliche Sackgasse.

Der Arbeitgeber eines diplomierten Ingenieurs mit verheissungsvoller fuenfjaehriger Berufspraxis steht kurz vor dem Aus. Da sich der ledige Ingenieur geografisch nicht veraendern moechte, bewirbt er sich um Anfaengerpositionen in der Software- Entwicklung. Das sind noch die einzigen fuer ihn interessanten Stellen, die im direkten regionalen Umfeld angeboten werden.

Der Ingenieur moechte eine solche Position als voruebergehenden "Karriereparkplatz" benutzen. Tatsaechlich kommt es fuer jeden spaeteren Leser des beruflichen Werdegangs zum schwer ausgleichbaren Karriereknick. Der "Parkplatz" wird nicht selten letzte berufliche Station.

Ein anderer Arbeitnehmer lehnt ein gutes Versetzungsangebot ab. Zu gross erscheinen ihm die Muehen des Pendelns. Oftmals wird selbst um gute Arbeitszeugnisse aus persoenlicher Verletztheit oder Bequemlichkeit zuwenig gekaempft. Manch ein Arbeitnehmer laesst sich so noch ein bleibendes Andenken von seinem Arbeitgeber verpassen.

Zudem wird bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz die Sparwelle geritten, erhaltene Abfindungen werden voellig zweckentfremdet eingesetzt oder auf die hohe Kante gelegt. Der Grundsatz eines antizyklischen Werbeverhaltens wird beim Verkauf der eigenen Arbeitskraft allzuschnell vergessen. Die Investition in das Berufsgeschehen wuerde gerade zu diesem Zeitpunkt eine wesentlich bessere Verzinsung erbringen als jede andere Kapitalanlage.

Trotz guter Qualifikationen und gutem beruflichem Werdegang haben sich auf diese Weise in der noch jungen Rezession schon viele - auch sehr qualifizierte - Karrieristen verspekuliert. Der Karriereknick oder Meldungen beim Arbeitsamt bleiben selbst solchen Personen nicht erspart. Die Moeglichkeiten, nur auf der gleichen Ebene in den Arbeitsprozess wieder einzusteigen, begrenzen sich dann abermals erheblich. Fuer die Kandidaten mit dem Praedikat "arbeitslos" gibt es in den deutschen Unternehmen ganz grosse Schubladen - offiziell weiss davon natuerlich niemand.

Mit aehnlichen Schubladen haben auch Freiberufler und Selbstaendige zu kaempfen, die in ein abhaengiges Arbeitsverhaeltnis zurueckkehren wollen. Wer daher auf den unsicheren Arbeitsplatz mit der unabhaengigen Taetigkeit antwortet, sollte vorher den Markt genau abgeklopft haben.

Insbesondere sollte man Auftragsversprechen des eigenen Arbeitgebers auf Glaubwuerdigkeit hin ueberpruefen. Gleiches gilt fuer in Aussicht gestellte Auftraege von Hardware-, Softwarelieferanten und Beratern, mit denen man beim Arbeitgeber zusammenarbeitet. Nicht selten moechte der Arbeitgeber einen Abeitnehmer auf diese Weise loswerden, Lieferanten und Berater noch den schnellen Auftrag einheimsen. Ist der Mitarbeiter ausgeschieden, sieht die Welt anders aus. Gerade in der DV-Branche wurde schon manch Selbstaendiger, der mit grossen Auftragsversprechungen gelockt wurde, im Regen stehen gelassen.

Moeglicherweise laesst sich aber aus der draengenden Situation Kapital fuer eine entsprechende Stellenverbesserung schlagen. Der Umsteiger sollte daher eine Parallelstrategie fahren: Bewerben um Positionen auf gleichem, aber auch hoeherem Niveau. Letzteres natuerlich nur, wenn in absehbarer Zeit ohnehin entsprechende Ambitionen bestanden haetten. Der Aktionszwang koennte so in beruflichen Fortschritt umgemuenzt werden. Bietet sich die eine oder andere Alternative, sollte auf jeden Fall zugegriffen werden - und wenn der neue Arbeitsplatz nur als Zwischenloesung dient!

Gleiche Taktik empfiehlt sich bei Arbeitsplatz-Angeboten, die nicht gerade in der Region liegen, in der man im Moment beschaeftigt ist. Es ist besser, die Mobilitaetsbereitschaft zu erhoehen, sich auf zumindest gleicher Ebene zusaetzlich ausserhalb der Wunschregion zu bewerben und aus der nun sicheren Position heraus in das bevorzugte Gebiet Wunschregion zurueckzustreben. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, ueber tausend Kleinigkeiten nachzudenken, die nicht passen.

Bei der Entscheidung fuer eine schnelle Loesungen geht es darum, sich nicht die weiteren beruflichen Moeglichkeiten durch eine Arbeitslosigkeit zu verbauen. Vom neuen Arbeitsplatz aus kann in Ruhe die Suche nach einer passenderen Stelle fortgesetzt werden. Es ist besser, die Position eine Etage niedriger anzutreten, als zunaechst aus dem Arbeitsprozess auszuscheiden.

*Bernd Andersch hat in Fach- und Fuehrungsfunktionen Org./DV gearbeitet und ist heute selbstaendiger Karriere- und Unternehmensberater sowie Management-Trainer in Detmold.