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11.09.1998 - 

Thema der Woche

Bierhoffs Beine zählen bei Banken mehr als Bits und Bytes

Ein Marktschreier ist Dennis Tsichritzis eigentlich nicht. Als er seine Studie über den Zustand des Technologiestandorts Deutschland in Bonn der Öffentlichkeit präsentiert, ist trotzdem klar: Hier referiert einer, der weiß, wovon er spricht. Und das tut er unmißverständlich.

Sein Report stellt eine Analyse dar, flankiert mit Denkanstößen und Vorschlägen, wie eine anscheinend im innovatorischen Stillstand verharrende Nation wieder flottgemacht werden kann. Tsichritzis baut seine Studie auf Forderungen auf, die sich um zehn Fragestellungen gruppieren. Eine wesentliche Komponente seines Zukunftsszenarios stellt dabei die Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK) dar.

1. Vernichtet die technologische Innovation Arbeitsplätze?

"Nein", lautet die Antwort von Tsichritzis, der argumentiert, nicht die Technik, sondern die mit ihr verfolgten Ziele seien das Problem. Er stellt fest, die Informationstechnik (IT) könne - anders als bisher - mehr zur Innovation beitragen. Der IT-Einsatz beschränke sich bislang darauf, probates Mittel zum Rationalisierungszweck zu sein.

Tsichritzis beklagt, neue Branchen seien in Deutschland unterrepräsentiert; das arbeitsplatzschaffende Potential der Informationstechnik und ihrer Anwendungen werde bisher zu wenig erschlossen, was geändert werden müsse.

2. Wo können neue Arbeitsplätze geschaffen werden?

Selbst in traditionellen Wirtschaftszweigen ließe sich die Zahl der Arbeitsplätze noch ausbauen. Der Löwenanteil neuer Jobs aber werde bei innovativen Dienstleistungen - und hier zum allergrößten Teil in der Informationswirtschaft - geschaffen.

Nur zögerlich, moniert der Report, entstehe in Deutschland ein Sozialklima, das einer Informationsgesellschaft angemessen sei. Ähnlich den bereits 1982 veröffentlichten Reflexionen des Club of Rome über die Chancen der Mikroelektronik stellt auch Tsichritzis fest, daß der Industriearbeiter alter Prägung ausgespielt habe und gegen "Wissensarbeiter" auszutauschen sei.

Wieder betont Tsichritzis die Bedeutung der IT-Branche: Diese eigne sich in besonderer Weise zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Ein Urteil, in dem ihn der Bundesverband Informations- und Kommunikationssysteme e.V. (BVB) bestätigt (siehe Kasten "Mangelware"). Die IT-Branche inklusive der neuen Medien ist global der umsatz- und wachstumsreichste Wirtschaftszweig. Im Jahr 1996 setzten diese Industriebereiche weltweit fast fünf Billionen Mark um, allein auf Deutschland entfielen 400 Milliarden Mark.

IT ist eine Schlüsseltechnologie, die viele Innovationen erst möglich macht. Von großem Vorteil sei, daß der Informationssektor schnell wachse, dabei wenig Kapital brauche, gleichzeitig jedoch große Märkte bediene. Solch eine Konstellation ist auch für Börsianer und Aktionäre interesssant.

Die Ausbildung in High-Tech-Feldern wie etwa Multimedia, Telekooperation oder Computersimulation müsse deshalb verstärkt werden. Beispiele für neue Arbeitsplätze im Dienstleistungs- und Informationssektor seien Informations- und Teledienste; der elektronische Handel; Informations-Broker; neue Dienste, die kombinierte Leistungen aus Datenbanken, Kommunikationsdiensten oder den Zugang zu Experten gewährleisteten. Auch unternehmensinterne Dienste zur Verbreitung von Informationen und zur Weiterbildung, die über Intranets bereitgestellt werden, zählen zu den neuen Berufsbildern. In den kommenden zwölf Jahren werden in Deutschland laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Arthur D. Little in der IuK-Branche samt neuer Medien bei Anwendern und Anbietern insgesamt rund 210000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Versäumnisse in der Vergangenheit hätten dazu beigetragen, daß hierzulande kein Jobwunder ê la USA stattfand. Vergleichbare Umstände wie in Amerika vorausgesetzt, hätten in Deutschland seit 1980 netto sieben Millionen hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze kreiert werden können.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Arbeitsmarktsituation der USA ist offensichtlich das hohe Potential von Universitäten und Forschungseinrichtungen für Existenzgründungen: Viele Studenten werden rasch zu innovativen Unternehmern.

3. Wie kann die Innovationskette flexibel konfiguriert werden?

Die Initiatoren erfolgreicher Forschungsprojekte haben meist nur relativ wenig Zeit, um ihre Ergebnisse in klingende Münze umzuwandeln. In Deutschland dauert aber der Innovationsprozeß vom Entwurf über die Produktion bis zum Marketing viel zu lang, ihm mangelt es zudem an Flexibilität. Folgerichtig, fordert Tsichritzis, sollten in Deutschland große Unternehmen die Gründung kleiner und innovativer Firmen durch Bildung eigener Fonds finanzieren und dann deren Management und Marketing unterstützen.

4. Welche Rolle spielen Start-ups in Innovationsnetzwerken?

Wachstum, so die Kernaussage, braucht ein Biotop von jungen Unternehmen, die etwas wagen. Genau diese fehlen hierzulande. Die GMD-Studie greift zum Beleg auf eine OECD-Untersuchung zurück, derzufolge Deutschland bei der Zahl der Selbständigen den OECD-Durchschnitt um 550000 verfehle.

Ein großes Problem stellt die Finanzierung von Jungunternehmen dar. Die normalen Regeln der Kreditfinanzierung, der Unternehmensbesteuerung oder auch des Arbeitsrechtes passen nicht für junge innovative Unternehmen, schreibt Tsichritzis.

Was und wer kann helfen? Der GMD-Wissenschaftler glaubt, daß es Universitäten und Forschungszentren gestattet werden muß, jungen Mitarbeitern beim Aufbau eines Unternehmens besser zu helfen. Denkbar wäre auch, jungen Unternehmen Lizenzen als Form der Kapitalbeteiligung zu überlassen. Außerdem sollten Firmengründern Mentoren und sogenannte Business-Angels zur Seite gestellt werden. Diese fördern die ersten Jahre nicht nur durch Risikokapitalspritzen. Vielmehr unterstützen sie die jungen Entrepreneure bei der Suche nach weiteren Kapitalgebern, knüpfen Verbindungen zu Arbeitnehmern und Partnern und beraten in Management-Fragen.

5. Wie können wir ein gutes Umfeld für Start-ups schaffen?

Hier türmen sich die gravierendsten Probleme auf. Junge Leute, so Tsichritzis, besitzen zwar technisches Know-how, aber kaum Erfahrungen, wie eine Firma zu führen ist. Geschäftsplanerstellung, Management sowie Führungscharakteristika seien nicht unbedingt die Stärken der Newcomer.

Als hinderlich erweise sich zudem, daß der deutsche Markt sehr konservativ sei. Neue Ideen aufzunehmen koste Energien und dauere. Vorhandene Existenzgründungsprogramme stellen sich überdies als komplex und bürokratisch dar.

Geradezu kontraproduktiv wirkt sich die Haltung deutscher Banken aus. Langfristige Darlehen oder Überziehungskredite, moniert die GMD-Studie, seien ohne bankübliche Sicherheiten nicht zu bekommen. Vor allem müsse sich die Philosophie vieler Banken ändern. Start-up-Finanzierung sei eine Investition in Ideen und Persönlichkeiten.

Hinzu kommt, daß die als Fachleute ausgewiesenen Experten von deutschen Geldinstituten in der Regel keine Ahnung haben von Technologieentwicklungen und deren Bedeutung für einen Markt. Erst jüngst bestätigte ein vorgeblicher SAP-Spezialist der DG-Bank unfreiwillig dieses Urteil: Im Zusammenhang mit einer Klage gegen das deutsche Renommierunternehmen, dessen untaugliche R/3-Software maßgeblich am Konkurs eines US-Unternehmens beteiligt gewesen sein soll, hatte der DG-Bank-Analyst Oliver Finger öffentlich behauptet, eine Software sei nicht geeignet, eine Firma in den Ruin zu treiben - eine interessante Fehleinschätzung immerhin.

Ein kleiner, aber feiner Tip der GMD-Autoren könnte zudem sein, sogenannte One-Stop-Büros einzurichten. In denen ließen sich alle für eine Gründung notwendigen Schritte erledigen. In puncto neue Berufsbilder, wie sie Tsichritzis fordert, hat sich seit vergangenem Jahr in der IuK-Branche bereits etwas getan. Daneben sollten auch Existenzgründungslehrstühle eingerichtet werden, wie dies 1997 an der European Business School in Oestricht-Winkel schon geschehen ist.

In Anlehnung etwa an Japan sollte außerdem der öffentliche Dienst neue Technologien schnell nutzen und sich als Vorreiter innovativer Entwicklungen beweisen. Auf diese Weise könne der Staat dazu beitragen, jungen Unternehmen und ihren Produkten zum Durchbruch zu verhelfen.

6. Welche Aufgaben sollen Kapitalgeber übernehmen?

Im Zentrum auch dieser Frage stehen Banken. Entscheidend für die wirtschaftlichen Perspektiven eines jungen Unternehmens sei nämlich, so die GMD-Studie, ob ein Kapitalgeber an bankähnlichen Sicherheiten interessiert sei oder seine Beteiligung durch Wachstum absichern wolle. Wichtigste Vorgabe sei nicht die Risikoverminderung, sondern die Maximierung des Wachstums des Jungunternehmens und ein möglichst optimaler Unternehmenserfolg.

Im Gegensatz zu deutschen Banken unterstützen US-amerikanische Geldinstitute nicht nur die Finanzierung über Venture Capital, sondern sie bieten auch ein sogenanntes Coaching, eine Betreuung der Jungunternehmer. Sie stellen Kontakte her, erarbeiten Expertisen und beraten in Management-Fragen. Sogar Räumlichkeiten können gestellt werden.

Deutsche Banken hingegen akzeptieren kein "Human-Kapital" als Geschäftsgrundlage. Ausnahme, so Tsichritzis etwas sarkastisch: Die Beleihung von Ablösesummen bei Fußballspielern. Bierhoffs Beine scheinen deutschen Banken allemal mehr wert zu sein als deutsche Entwicklerköpfe.

7. Wie müssen Qualifizierung und Innovation ineinandergreifen?

Bildung und Weiterbildung ist ein weiteres Feld, für dessen Reform in Deutschland offenbar die Kraft fehlt. Deshalb ergibt sich hierzulande die abstruse Situation, sowohl mit einer hohen Arbeitslosigkeit als auch einem Fachkräftemangel leben zu müssen, der insbesondere die IuK-Branche hart trifft.

Gründe für diesen unhaltbaren Zustand liegen unter anderem in der unflexiblen Ausbildungssituation. Neue Medien wie etwa das Internet würden im Bildungssystem nicht ausreichend genutzt. Nach wie vor bildeten Universitäten nicht für den Markt und eine Tätigkeit in der Wirtschaft aus.

8. Welche Bedeutung hat Forschung für Innovation?

Heftig moniert Tsichritzis die in Deutschland seit Jahren stagnierenden Forschungsausgaben. Sowohl bei den öffentlichen Etats als auch bei den Unternehmensbudgets werde hier gespart. 1994 und 1995 wurden nur noch rund 2,4 Prozent des Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben - der niedrigste Wert seit Anfang der 80er Jahre. International ist Deutschland damit nur Mittelmaß. Erstmals 1996 seien die Ausgaben für Innovationen in deutschen Unternehmen wieder angestiegen und auch 1997 hat es nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) eine Steigerung um rund sechs Prozent gegeben.

Forschung, sagt Tsichritzis, ist dabei nicht schon per se Innovation. Er moniert, daß Forschungsergebnisse nicht konsequent genug auf ihre Verwertbarkeit geprüft und Marketing nicht als eigene Aufgabe verstanden wird. Die Entwickler von Unix oder von Web-Browsern hätten im herkömmlichen akademischen Bewertungssystem - deutscher Provenienz, so muß man wohl hinzufügen - wenig Chancen.

9. Wie bleiben Innovationsketten erfolgreich?

Die Antwort des GMD-Wissenschaftlers ist klar: Erfolgreich ist eine Innovation erst dann, wenn ein neues Produkt die Märkte durchdringt. Um dies zu erreichen, müßten alle notwendigen Ressourcen in den Prozeß eingebunden und optimal genutzt werden.

Forschung, Aus- und Weiterbildung, Finanzierung und Unternehmensgründung funktionierten in Deutschland zwar jeweils für sich, eine koordinierte Vernetzung dieser Aktivbereiche gebe es hingegen nicht. Eine Ausnahme stellt offensichtlich die Automobilindustrie dar, wo es durchaus funktionierende Innovationsketten gebe.

In neuen Branchen aber - hier nennt Tsichritzis unter anderem das weite Feld des Electronic Commerce, des elektronischen Handels also - seien notwendige Glieder der Innovationskette noch nicht vorhanden oder paßten nicht richtig zusammen.

10. Können Märkte allein die notwendigen Bedingungen schaffen?

Die Märkte wachsen, aber global. Der sattsam bekannte, weltweite Umschichtungs- und Veränderungsprozeß gereicht einigen Ländern zum Vor-, anderen zum Nachteil. Gegen einen Standort wie Deutschland spreche, so Tsichritzis, unter anderem, daß weltweit viel Kapital in die USA fließe. Expandierende Wertpapiermärkte und insbesondere Spezialbörsen für junge Unternehmen zögen dort neues Risikokapital an, das die Gründungsaktivitäten steigere. Talente aus aller Welt seien an den Arbeitsmöglichkeiten in den USA interessiert. Das klassische Beispiel für diese These ist Andreas von Bechtolsheim, der 1982 in den USA mit Sun Microsystems den später größten Workstation-Hersteller der Welt aus dem Boden stampfte. In Deutschland, sagte er einmal der CW, hätte er als Firmengründer keine Chance gehabt.

Tsichritzis fordert deshalb, deutsche beziehungsweise europäische Kapitalmärkte müßten einen größeren Teil des Anlagevolumens in die Gründung und das Wachstum innovativer Unternehmen fließen lassen. Überhaupt sei die Entwicklung des Kapitalmarktes ein wichtiges Element bei der Stärkung von Innovationsketten. Tsichritzis argumentiert ferner, der deutsche Aktienmarkt sei im internationalen Vergleich unterentwickelt. Zwar habe die Frankfurter Börse im März 1997 den "Neuen Markt" als Spezialsegment des geregelten Marktes ins Leben gerufen. Diese Börse speziell für die Wachstumsphase junger Unternehmen ermögliche den Risikokapitalgebern die Veräußerung ihrer Beteiligung und den Unternehmen die Aufnahme neuen Kapitals. Trotzdem sei der Neue Markt nicht geeignet für Existenzgründer, weil die dortigen Anforderungen an die Emittenten noch über denen des amtlichen Handels lägen.

So müßten etwa Jahresabschlüsse sowohl nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) als auch nach den in den USA "Generally accepted accounting principles" (US-GAAP) vollzogen werden. Ferner bestünde eine hohe Berichts- und Informationspflicht. Der voraussichtliche Kurswert müsse darüber hinaus bei mindestens zehn Millionen Mark liegen. Das Gesetz über Unternehmensbeteiligungsgesellschaften enthalte zu guter Letzt eine Reihe von Vorschriften, die die Kapitalbereitstellung regelrecht behinderten.

11. Welche Aufgaben haben Regierungen in Innovationsketten?

Im letzten Kapital seiner Studie schreibt Tsichritzis auch den Politikern einiges Bedenkenswertes ins Stammbuch. Aus- und Weiterbildung müssen auf wachsende Märkte und neue Tätigkeiten ausgerichtet werden. Wolle sich, welche Regierung auch immer, das Ziel setzen, in den kommenden zwei Jahren rund 250000 neue Unternehmen zu schaffen, müßten Risikokapitalfonds und vergleichbare Finanzierungsquellen erheblich aufgestockt werden.

1997 beispielsweise stiegen die neu aufgebrachten Mittel von Risikokapitalfonds um fünf Milliarden Mark. Gebraucht werde aber erheblich mehr. Hier könne als Richtgröße der britische Kapitalmarkt gelten, der 1997 fünfmal schneller als der deutsche um 24,5 Milliarden Mark gewachsen sei.

Durch steuerliche Maßnahmen und durch die Bildung und Aufstockung eigener Fonds - Tsichritzis nennt hier das Beispiel "Offensive Zukunft Bayern" - könnten der Bund und die Länder Risikokapital vermehren. Generell gelte: Je weniger bankübliche Sicherheiten bei der Vergabe von Venture Capital eine Rolle spielten, desto wichtiger würden Marktkenntnisse der Kapitalgeber.

GMD-Studie

Professor Dennis Tsichritzis ist seit 1991 Vorsitzender der Geschäftsführung der GMD-Forschungszentrum Informationstechnik GmbH. Er studierte an der technischen Universität Athen (Diplom in Elektrotechnik 1965) und an der Universität Princeton (Promotion in Computer Science 1968). Von 1968 bis 1985 war er Hochschullehrer für Computer Science an der Universität Toronto. Seit 1985 lehrt er an der Universität Genf. Er ist Verfasser der von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie über "Technologische Innovation und neue Arbeitsplätze". Jan-Bernd Meyer E-Mail: jbmeyercomputerwoche.de