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23.09.1994

Big-Blue-Chef fordert mehr Engagement von seinen Mitarbeitern Trotz Boersenhausse bleiben viele Pobleme der IBM ungeloest

ARMONK (CW) - Nach drei profitablen Quartalen scheint sich die Stimmung an der Boerse zugunsten der IBM zu veraendern. Selbst institutionelle Anleger, die vor Jahresfrist noch veraegert waren, beginnen wieder, blaue Aktien zu kaufen. Der Kurs steigt. Dennoch kritisieren Industriebeobachter die Umstrukturierungsmassnahmen als zu zaghaft, die Produktstrategie als zu risikoreich. Chairman Louis Gerstner bemueht sich indes per Belegschaftspost, verbliebene Mitarbeiter bei der Stange zu halten und nach aussen positive Signale zu senden.

Der letzte Motivationsversuch des Chairmans enthielt allerdings eine eindeutige Warnung: Anstatt das letzte Quartalsergebnis zu feiern, sollten die "lieben Kollegen" lieber ihre Einstellung veraendern. In einem Brief vom 11. August 1994 beschwor Louis Gerstner die Big-Blue-Gemeinde, an sich zu arbeiten, indem er von drei Verpflichtungen ("commitments") sprach: dem Willen auf dem Markt zu siegen, der Bereitschaft zur Veraenderung und dem Bekenntnis zueinander ("commitment to each other"). Wer nicht im Sinne dieser drei Kardinaltugenden handle, koenne gehen: "Denjenigen unter Ihnen, die sich zu den drei Verpflichtungen noch nicht bekannt haben, moechte ich dagegen sagen, dass der Zug schon faehrt. Hoechste Zeit aufzuspringen." Wer sich nicht fuer diese "aufregende und lohnende Reise" entscheiden koennte, wuerden zurueckgelassen, fuer "Quertreiber" und "Zuschauer" sei kein Platz im Zug.

Das bisher Erreichte sei allerdings kein Grund, mit dem Lied "Happy days are here again" auf den Lippen in die alten Verhaltensmuster zurueckzufallen: "Das koennen wir nicht. Die alten Zeiten sind ein fuer allemal vorbei. Unsere Branche veraendert sich staendig und in einem atemberaubenden Tempo. Die Konkurrenz versucht nach wie vor, uns unseren Marktanteil streitig zu machen. Unsere Kunden ueberdenken derzeit ihre generelle Einstellung zur Informationstechnik. Die Gewinnspannen sind weiterhin ruecklaeufig."

Die Hauptaufgaben liegen laut Gerstner in der Vermeidung unnoetiger Kosten, redundanter Arbeiten und dem Abbau der Buerokratie. Ausserdem will der Chairman die immer wieder formulierten und teilweise "hervorragenden" Unternehmensstrategien endlich umgesetzt sehen. "Ich habe sie alle gelesen, und sie waren ihrer Zeit erstaunlich weit voraus. Das Problem war, dass wir sie nie richtig umgesetzt haben." Alle Probleme der IBM seien darauf zurueckzufuehren, dass man nicht verwirklicht habe, "was unserer Erkenntnis nach faellig war".

Kein Erfolg als Einzelkaempfer

Trotz der erzielten Fortschritte seien die Kosten gegenueber der Konkurrenz nach wie vor zu hoch. "In vielen unserer grundlegenden Geschaeftsaspekte wie Bestandsverwaltung, Kundenbetreuung und Informationstechnik sind wir nach wie vor nicht wettbewerbsfaehig. Und wenn ich mich in unserem Unternehmen umsehe, stelle ich fest, dass wir weiterhin zu sehr mit Ablaeufen, Meetings und Buerokratie beschaeftigt sind", aergert sich Gerstner. All das muesse schnellstens korrigiert, die Entscheidungsfindung beschleunigt und die Reaktionsfaehigkeit auf das Marktgeschehen erhoeht werden. Die bisher vorgenommenen organisatorischen Veraenderungen seien nicht das Ende der Fahnenstange. In den kommenden Monaten stehe "noch weit, weit mehr an".

Die Mitarbeiter, die von der Notwendigkeit zu Veraenderungen zwar ueberzeugt seien, diese an ihrem Arbeitsplatz aber leider nicht erkennen koennen, forderte Gerstner auf, sich nicht frustrieren zu lassen. Auch er stosse auf Widerstand: "Wie stark das Traegheitsmoment auch sein mag, wir werden - eine Gruppe von uns - die notwendigen Veraenderungen herbeifuehren."

Gerade diese Aussage zeugt von Gerstners Willen zu veraendern, aber auch von der Unmoeglichkeit, weiter als Einzelkaempfer ein ganzes Unternehmen umzustrukturieren. Ausserdem gehen seine Vorstellungen von einer neuen IBM einigen Analysten nicht weit genug. Anstatt zu renovieren, mache Gerstner nur gruendlich sauber - allerdings mit bisher betraechtlichem Erfolg, kritisiert das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" in seiner neuesten Ausgabe. "Die Kostensenkungen und der neue Sinn fuer die Dringlichkeit der Veraenderungen sind nur dem CEO zu verdanken." Aber die Rueckkehr in die Profitzone sei zum grossen Teil auf Glueck und die unerwartet hohe Nachfrage nach Mainframes zurueckzufuehren, von der keiner wisse, wie lange sie noch anhalte. Gerstners IBM sei mehr oder weniger die gleiche Organisation mit der gleichen "neurotischen Unternehmenskultur", die seit 1987 ihren Boersenwert um mehr als 60 Milliarden Dollar reduziert habe. Professor Noel Tichy von der Universitaet Michigan erklaerte gegenueber dem Magazin: "Lou hat keine grossen Fehler gemacht, aber er werkelt immer noch im Basislager am Fusse des Mount Everest. In einer Industrie, die sich mit Lichtgeschwindigkeit veraendert, ist dafuer jedoch sehr wenig Zeit."

Die grosse Abhaengigkeit der IBM-Organisation von Gerstner einerseits und die sehr risikoreiche technologische Strategie, die IBM mit der Power-Architektur auf der Hardware- und mit

"Workplace" auf der Softwareseite verfolge, machen Big Blue nach Einschaetzung von Beobachtern auch weiterhin zu einem Wackelkandidaten.

Die amerikanischen Boersianer haben IBM dagegen offenbar wieder ins Herz geschlossen. Nach dem absoluten Tiefpunkt von 41 Dollar, den der Aktienkurs im vergangenen August erreichte, hat sich die Notiz auf zuletzt 70 Dollar hochgearbeitet. Allerdings steht fuer viele Finanzanalysten der Turnaround noch aus. Bisher fuehren sie die Hausse auf die veraenderte Stimmungslage und die sich abzeichnende Rueckkehr der institutionellen Anleger zurueck.