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19.02.1993 - 

Industrie beteiligt sich bei der Standardisierung von DV- Management

Big Blue zeigt bei Systemview erste Anzeichen von Offenheit

In der Tat hat IBM die Industrie aufgefordert, sich an der Standardisierung des DV-Managements zu beteiligen.

Mit der Ankuendigung von Systemview waren die Grundlagen geschaffen, um kuenftig plattformuebergreifend unternehmensweite Informationsstrategien zu etablieren. Auch wenn schwer zu widerlegende Behauptungen besagen, dass Systemview einen Abwehrversuch der IBM gegen drohende andere Initiativen aehnlicher Art darstellt, so ist doch ein Grundstein fuer eine neue Aera der DV gelegt worden.

Ueber kurz oder lang war damit zu rechnen, dass jemand das Grundproblem der fehlenden Architekturstandards bei der plattformuebergreifenden Kommunikation in Angriff nehmen wuerde. Mangel an Portabilitaet, Interoperabilitaet, Connectivity und Kompatibilitaet herrscht nicht nur in heterogenen Welten, sondern gewoehnlich auch innerhalb der Hardwarepalette eines proprietaeren Herstellers. Wie die Dinge stehen, konnte eine ernstzunehmende Initiative dieser Art nur von IBM, dem Monopolisten, kommen.

Die Art und Weise der Ankuendigung von Systemview allerdings traf viele wie ein Schock, auch wenn aus den ersten Verlautbarungen niemand so recht schlau wurde. Die Rede von der altbekannten FUD- Strategie der IBM (FUD: Fear, Uncertainty, Doubt) machte die Runde.

Projektname bot wenig Konkretes

Systemview war der Projektname der IBM-Initiative, die die oben angesprochenen Probleme loesen sollte. Doch selbst wer die Originaldokumente genauer studierte, fand wenig Konkretes. Was dort allerdings zu lesen stand, war angetan, einige Softwarehaeuser das Fuerchten zu lehren. Wer sich bisher darauf versteift hatte, systemnahe IBM-Software zu entwickeln und zu vertreiben, weil er meinte, damit fuer alle Zeiten versorgt zu sein, wurde nun aufgeschreckt - die IBM zeigte nun doch, obwohl anders als von vielen erwuenscht, ihre Bereitschaft zur Offenheit gegenueber anderen Welten.

Ueber die Gruende der Oeffnung laesst sich spekulieren, aber die Facts zeigen schnell den objektiven Hintergrund: IBM hat Schwierigkeiten. Erstmals in ihrer Geschichte musste sie Verluste einstecken. Wie die Zeitschrift "Fortune" vor kurzem analysierte, hat Big Blue mit folgenden Problemen zu kaempfen: zu starke Mainframe-Abhaengigkeit, Festhalten an proprietaeren Systemen, Betonung des Hardwaregeschaefts sowie schleppende Auslieferung neuer Produkte.

Darueber hinaus muss das Unternehmen befuerchten, dass seine weltweite Monopolstellung in Gefahr geraet. Grosse Hard- und Software-Anbieter koennten sich zusammenschliessen und einen zweiten Giganten schaffen. Bei der IBM sind somit Aenderungen dringend geboten. Dazu gehoert auch eine neue Organisationsstruktur: Die Aufteilung des grossen, unangreifbaren, aber schwerfaelligen Wales in acht oder 13 kleine, aber sehr lebendige Haie hat gerade begonnen.

Standards verlangen eine neue Software-Architektur

Was die kommende DV-Welt zusammenhalten wird, sind vor allem Standards. Companies, die das verstanden haben, werden ueberleben. Nur sie entwickeln Architekturen, die auch in fuenf Jahren noch Bestand haben. Klopft man Systemview danach ab, inwieweit diese Zeichen der Zeit erkannt sind, so zeigt sich, dass hier der Trennung in die drei Aspekte Anwender, Applikation und Daten eine Schluesselrolle zufaellt.

Nicht nur Informatikern ist intuitiv klar, dass eine solche Aufteilung Sinn macht. Der Anwenderaspekt betrifft die jeweils spezifische von Plattform zu Plattform verschiedene Benutzeroberflaeche. Die Applikationsseite, mit der algorithmischen Problemloesung befasst, braucht nichts weiter als definierte Ein- und Ausgabefunktionen. Die Datenhaltung schliesslich kann ganz unterschiedlich, naemlich lokal, zentral oder verteilt organisiert sein. Auch die physikalische Datenhaltung gehoert zu diesem Bereich und hat mit Speichermedien und implementierten Datenstrukturen, etwa relationalen oder objektorientierten Datenbanken, zu tun.

Datenorganisation kann Anbieter ruinieren

Doch gerade die Forderung nach verschiedenen Moeglichkeiten der Datenorganisation kann Anbieter an den Rand des Ruins bringen. Vor Jahren dachte noch fast niemand daran, dass einmal eine solche Aufteilunng verlangt wuerde, das heisst, die Software wurde en bloc in Assembler geschrieben - fuer die proprietaere IBM-Welt.

Einen Vorsprung haben jetzt diejenigen Software-Anbieter, die bereits an einer Architektur arbeiten, die die erwaehnten drei Aspekte von Grund auf beruecksichtigt. Wichtig ist, eine praezise Vision darueber zu haben, welche Entwicklung Systemview eingeleitet hat. Wer sagen kann, so und so wird es in fuenf Jahren aussehen, hier und dort ist noch ein Loch in der Architektur zu flicken, wird im Geschaeft bleiben.

Dabei werden die Anbieter von System-Management-Produkten allerdings auf Partnerschaften angewiesen sein. Derzeit bahnt sich eine Entwicklung wie in der Unterhaltungselektronik an, wo der Erfolg von CDs und Kassetten nur moeglich war, weil die Hersteller sich auf einen Standard verstaendigt haben. Wer die wenigen, aber klar definierten Standards einhaelt, kann auf dieser Tastatur sein Talent voll entfalten, sei es Richtung Multimedia, Objektorientierung, Anbindung von Expertensystemen oder anders aus der High-Tech-Ecke.

Da das Aufteilen der bisher von Softwarehaeusern geschriebenen Tools in die drei geforderten Dimensionen zumeist kaum ohne erhebliche Verrenkungen moeglich ist, gehen immer mehr Anbieter dazu ueber, voellig neue Basistechnologien zu entwickeln oder zu kopieren, die es gestatten, die drei Systemview-Dimensionen muehelos in jede Software einzubauen. Das erfordert den Bau eines Softwarerahmens, der nach aussen genormte Module bereitstellt und innen fuer die erforderliche Dynamik sorgt, um die noetige Funktionalitaet effektiv, effizient und automatisch zu generieren.

Wer eine solche Basistechnologie besitzt, kann grosse Unternehmen durchaus dafuer gewinnen, deren gesamte systemnahe Software zu stellen. Denn dann hat das Unternehmen das Gefuehl, dass alles innerhalb der geschaffenen Architektur verbleibt und darueber hinaus Systemview-konform ablaeuft.

Neu ist die Art und Weise, wie die IBM die Kontrolle ueber die neuen Standards behalten will. Erstmals koennen Software-Anbieter mitreden. Es existiert eine Art Design Council fuer die neue Architektur, auch wenn noch unklar ist, wie die Arbeit unter den beteiligten Unternehmen aufgeteilt wird. Auf alle Faelle jedoch hat dieses Council die Aufgabe, die Standards Bit fuer Bit zu etablieren.

Das "Early Tolerance Program" der IBM sorgt dafuer, dass 90 Tage vor der allgemeinen Verfuegbarkeit eines neuen Releases jeder Hersteller seine Software auf Kompatibilitaet testen kann. Das "MVS Design Council" gewaehrleistet, dass sich alle Interessierten an einen Tisch setzen und jeder die Chance erhaelt, seine Vorstellungen im Dialog mit kompetenten IBM-Ansprechpartnern einzubringen. Dort sollen alle Einzelheiten, jeder Control Block diskutiert und erklaert werden. Eine solche Vorgehensweise waere bei der IBM bisher undenkbar gewesen.

Anbieter muessen nicht zum IBM-Kreis gehoeren

Wer also Systemview-konforme Software anbieten moechte, muss nicht zum IBM-Kreis gehoeren - jeder erhaelt alle noetigen Informationen. Die Interessenten muessen lediglich eine Vorstellung davon mitbringen, wie die Datenverarbeitung in Zukunft aussehen wird. Was Unternehmen von den Software-Anbieter verlangen, ist Erfahrung in drei Bereichen:

- Datenhaltungs-Technologie,

- Datenverarbeitungs-Technologie, die Expertensystem-unterstuetzt unternehmenskonforme Schlussweisen implementieren kann sowie

- quantitative Prognosemoeglichkeiten ueber kuenftige Entwicklungen, zum Beispiel Engpaesse.

Die noetige Oeffnung gegenueber heterogenen Welten stellt erhoehte Anforderungen an das System- und Netz-Management. Jemand muss schliesslich alles ueberwachen, beobachten und verwalten. Je heterogener die DV-Lanschaften werden, desto wichtiger ist es, zwischen den einzelnen Herstellerwelten Bruecken zu bauen - Verstaendnisbruecken, aber auch physikalische Bruecken, Vereinbarungen und Standards.

Alle Tools muessen kompatibel sein

In diesem Prozess spielt die IBM immer noch eine wichtige Rolle, und manchmal auch - wie der aktuelle Systemview-Ansatz zeigt - eine positive. Dieses Konzept besagt naemlich: Es ist nicht so wichtig, mit welchen Tools der Anwender arbeitet, es geht nur darum, dass alle kompatibel sind.

Dieser logische und physikalische Brueckenschlag laesst das schon mehrfach gescheiterte Projekt einer verteilten Datenverarbeitung wieder aufleben - das erforderliche Know-how fuer unternehmensweites System- und Netzwerk-Management vorausgesetzt. Dazu gehoert, dass Desktop-PCs und LANs nicht aussen vor bleiben. Sie muessen sich in einer Weise einbeziehen lassen, dass auch auf Mainframes Updates online durchgefuehrt werden koennen. Das wiederum erfordert ein Rightsizing-Konzept, das die Vorzuege aller Welten optimal nutzt - Mainframes, Midrange-Computer und Desktops.

Produktanbieter, die ihre Software in keine weitergehende Architektur einbinden koennen, haben auf kurz oder lang ausgedient. Letztendlich sollten die Anbieter jedoch froh darueber sein, dass die unhaltbare Situation ohne feste Standards nun bald ein Ende hat.

Wie weit die Standardisierung von Systemview Sache der IBM bleibt, haengt von der Initiative der Software-Anbieter ab. Der nun beginnende Kampf um intelligente Neupositionierungen macht alles wieder interessanter. Der Anwender wird letztendlich den Nutzen davontragen. Er wird spaeter von ein und demselben Schirm aus mehrere Welten als eine verwalten koennen - unter Einbeziehung unterschiedlichster Hard- und Software.

*Michael Weintraub ist Senior Product Manager bei Boole & Babbage Europe.