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02.11.1984 - 

Derzeitige Situation in der Btx-Szene legt die Frage nahe:

Bildschirmtext - der Flop des Jahrhunderts?

Die deutsche Bundespost setzt voll auf Bildschirmtext. Bis 1986 sollen rund 600 Millionen Mark in dieses neue Medium investiert werden. Wer so viel investiert, erwartet auch irgendwann entsprechende Rückflüsse. Bereits heute kann gesagt werden, daß die ursprüngliche Planung der Post, mit Btx etwa um 1987 in die Gewinnzone zu fahren, sich mit großer Wahrscheinlichkeit bis zu dem genannten Zeitpunkt nicht erfüllen wird. Welche Gründe sind hierfür - neben der verspäteten bundesweiten Einführung, die im folgenden nicht diskutiert werden soll - verantwortlich?

Hier ist zum einen der "Problemkreis Bundespost" zu nennen. Nach Meinung des Verfassers hat diese Institution von Beginn der Feldversuche an zuwenig Aufklärungsarbeit sowohl im privaten als auch kommerziellen Bereich geleistet. Es genügt einfach nicht, überspitzt formuliert, eine "08/15-lnformationsbroschüre an den Mann zu bringen, die außerdem lange Jahre nicht aktuell war. Eine weitere Schwachstelle ist die nach wie vor in zu geringem Maße vorhandene Anzahl von posteigenen Bildschirmtext-Experten. Diese sollten nicht nur im Projektzentrum Bonn konzentriert sein, sondern auch für interessierte Anbieter in ländlichen Gegenden als kompetenter Ansprechpartner agieren.

Auf der Hardwareseite muß das lange Zeit beobachtbare "Henne-und-Ei-Problem" gelöst werden: Die Hersteller warteten lange Zeit - verständlich bei jeder neuen Technologie - auf einen entsprechenden Nachfrageboom, die Btx-Interessenten (Programmanbieter, Teilnehmer) waren durch die verzögerte bundesweite Einführung des Systems äußerst verunsichert und hielten sich von Investitionen fern.

Die Gerätehersteller haben lange Zeit versucht, die Technologie in den Markt, der sich auch heute noch sehr nebulös darstellt, "hineinzudrücken". Mittlerweile hat man eingesehen, daß diese Strategie falsch ist. Gefragt sind nun technisch-organisatorische Gesamtkonzepte; kein Unternehmer kauft Btx-Hard- und Software, nur weil die Technik per se vorhanden ist. Hier hat man lange Jahre versäumt, ausgefeilte Einführungsstrategien zu entwickeln.

Ausgefeiltes Marketing-Konzept notwendig

Soll Bildschirmtext ein Milliarden-Markt werden, ist hierfür unter anderem ein ausgefeiltes Marketing-Konzept notwendig. Dies setzt auf der Absatzmittlerseite, sprich Bürofachhandel, profunde Kenntnisse des Mediums vor allem auf organisatorischem technologischem und wirtschaftlichem Sektor voraus. Leider sind viele Bürofachhändler hier noch überfordert beziehungsweise unternehmen nur mäßige Versuche, sich in die Materie "hineinzuknien".

Verfolgt man die wesentlichen Kongresse für Telekommunikation der letzten zwei bis drei Jahre (etwa Online, Diebold Btx-Kongreß, telematica) so fällt Insidern auf, daß eigentlich relativ wenig über organisatorische Fragestellungen im Zusammenhang mit Inhouse-Systemen gesprochen wurde, sondern überwiegend über viele detaillierte technische Probleme. Der Btx-lnteressent als Einsteiger will zuerst eigentlich hören, welche Vorteile ihn das Medium - möglichst in Mark und Pfennig ausgedrückt - bringt. Hierauf muß in Zukunft verstärkt eingegangen werden.

Seit Jahren wird im Vergleich der vorhandenen Kommunikationstechnologien die Alternative Bildschirmtext als die wirtschaftlichste dargestellt. Dies kann in Zukunft durchaus

der Fall sein, jedoch nur unter der Prämisse, daß sowohl Tausende von Anbietern und Teilnehmern des Btx-Systems vorhanden sein werden. Und dem ist heute leider noch nicht

so.

Selbst Insidern der Szene haben Probleme, von den wenigen Unternehmen, die Btx als echtes Inhouse-System bereits einsetzen, aussagefähige Unterlagen zur Wirtschaftlichkeit zu erhalten. Auf der anderen Seite wartet die Masse der potentiellen Anwender gierig auf zuverlässige Veröffentlichungen zu diesem Thema.

Daneben mangelt es an Konzepten, Methoden, wie denn die Wirtschaftlichkeit von Btx überhaupt nachgewiesen werden kann. Wann ist eine Speicherung von Daten, Informationen im eigenen externen Rechner kostengünstiger gegenüber der Speicherung im Postrechner? Soll ich als zukünftiger Anbieter mir eigene Btx-Hard- und Software kaufen oder meine gesamten Btx-Applikationen bei einem Service-Rechenzentrum laufen lassen, welche Alternative ist wann zu bevorzugen? Fragen über Fragen, auf die heute noch keiner eine profunde Antwort geben kann.

Investitionsneigung der Unternehmer noch gering

Obwohl die Bundesrepublik auf dem Gebiet der Btx-Technologie, insbesondere dem Rechnerverbund, vom Know-how her gesehen weltweit mit an der Spitze steht, verhalten sich viele Unternehmen - unter anderem aus den angeführten Gründen - sehr reserviert im Hinblick auf die Einführung von Bildschirmtext-lnhouse-Systemen. Deshalb sieht der Autor die Gefahr aufkommen, daß Nationen, die heute noch zurückliegen, bald aufholen, wenn nicht sogar das inländische Know-how überflügeln werden. Woran liegt das? Ein wesentlicher Grund liegt bei uns in dem in sehr starkem Maße vorherrschenden "Denken bis ins letzte Detail".

Keiner will mehr ein Investitionsrisiko auf sich nehmen, sobald die Situation unüberschaubar wird, zieht man sich zurück. Sicherlich soll dieser Beitrag nicht dafür plädieren, in Zukunft auf gut Glück zu investieren. Jedoch sollten wir uns zukünftig beispielsweise mehr dem Investitionsverhalten der Amerikaner oder Japaner anpassen. Ein unternehmerisches Restrisiko wird bei Btx-lnvestitionen immer vorhanden sein. Das bei uns ausgeprägte "Mark-und-Pfennig"-Denken kann so weit führen daß wir die langfristigen technologischen Entwicklungen sogar verschlafen, weil wir uns ständig nur den Kopf darüber zerbrechen, ob sich denn eine bestimmte Technologie überhaupt lohnt. Zukünftige Technologien werden kommen, wir werden sie nicht aufhalten können; wenn wir sie nicht flächendeckend einsetzen, tun es andere Länder mit den für unsere internationale Konkurrenzfähigkeit verheerenden Folgen.

Kommen wir zur Cept-Problematik. Momentan existieren weltweit fünf unterschiedliche Btx-Standards: Telidon, Naplps, Captain, Prestel und Cept. Wer wird weltweit das Rennen machen? Betrachtet man allein die europäische Btx-Szene, so wird man recht schnell an die Frage erinnert: "Standardisierung, wo steckst du?" Auf dem Papier fand bereits vor Jahren eine Einigung in Innsbruck statt, jedoch stellt sich die Situation in praxi ganz anders dar.

Die Engländer beharren auf ihrer Prestel-Philosophie. Sie geben dem "Bunte-Bildchen-Editieren" wenig Chancen. Nach ihrer Auffassung ist Btx in Zukunft allein zur Information und Kommunikation da; wozu braucht man überhaupt 4096 Farbmöglichkeiten und DRCS-Zeichen?

Die Franzosen kochen ihre eigene Suppe mit ihrer Standard-Hardware (Vorteil: durch kostengünstige Produktion hohe Stückzahlen) und einem selbständigen System. Die Erfolge des Projektes Elektronisches Telefonbuch machen sie zuversichtlich. Über 300 000 der Minitel-Terminals sind bereits in französischen Haushalten installiert.

Anwendungs-Nischen aufdecken

Länder wie die Niederlande warten ab, welche Erfahrungen in der Bundesrepublik in ein bis zwei Jahren mit Cept vorliegen, bevor sie sich selbst für eine Standardform entscheiden. Wo bleibt die konkrete Umsetzung des in der Literatur oft erwähnten Btx-Vorteils: Möglichkeit der länderübergreifenden Informationsabfrage?

Der Autor will Bildschirmtext nicht verteufeln, er glaubt an diese Technologie und die mit ihr verbundenen Vorteile. Jedoch zeigen die angeschnittenen Probleme, daß Btx

- kein Universalmittel im Büro der Zukunft sein wird

- spezifische, vor allem wirtschaftliche Anwendungen erst noch erarbeitet werden müssen

- der Großteil der potentiellen Anwender heute noch verunsichert ist.

Es gilt "Anwendungs-Nischen" für Btx aufzudecken, bei denen andere neue Bürotechnologien nicht konkurrenzfähig sind.

- Paul Maciejewski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart.

Hart ins Gericht mit der derzeitigen Btx Szenerie geht Paul Maciejewski, der Autor des nebenstehenden Beitrags. Trotz der provozierenden Frage "Bildschirmtext - der Flop des Jahrhunderts?" und des leicht polemischen Stils will Maciejewski bei seiner Schwachstellenanalyse das neue Medium keineswegs verteufeln, vielmehr plädiert er für eine differenziertere und tiefgründigere Betrachtungsweise. Bemerkenswert aus der Sicht der Redaktion: An die Sonderrolle des Systemlieferanten und Geräteanbieters IBM im bundesdeutschen Btx-Kontext verschwendete der Autor keinen Gedanken.