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18.07.1980 - 

Professor Dr. Hermann Maurer, Vorstand des Instituts für lnformationsverarbeitung der Technischen Universität Graz, Vorsitzender des OCG Arbeitskreises "Bildschirmtextähnliche Systeme"

Bildschirmtext: Rückschritt vom Fernsehen zum Fernlesen?

Seit Anfang Juni laufen nun auch in der Bundesrepublik Deutschland zwei öffentliche Bildschirmtext-Feldversuche als potentielle Vorstufe eines bundesweiten Dienstes. Ein solcher Bildschirmtextdienst, was wird das sein? Etwa das oft zitierte "allgemeine interaktive Informationssystem"? Oder eine dem Konsumenten aufgeschwatzte Neuerung erfunden von der Elektro-, Elektronik- und Werbebranche für die Erschließung neuer Märkte? Oder der Beginn einer Schreckensvision in dem sich "das Gemüse Mensch nicht mehr aus dem Fernsehstuhl erheben muß" (ich zitiere aus dem Englischen)? Oder ein Versuch mit untauglichen Mitteln, den Computer endgültig in die Haushalte eindringen zu lassen, auf dem psychologisch ausgeklügelten Weg der Verwendung des meist benutzten Haushaltsgerätes, nämlich des Farbfernsehers? Oder ...?

So langweilig die Antwort klingen mag: Bildschirmtext ist eine Mischung von all dem, und weniger, und mehr; und das Ausmaß seines Erfolgs oder Mißerfolgs hängt von vielen Unwägbarkeiten ab.

Dem Durchschnittverbraucher schmackhaft gemacht

Die Grundidee, von Bildschirmtext stammt aus England und ist denkbar einfach: Durch Einbau von ein bißchen Elektronik wird ein handelsübliches Fernsehgerät in ein einfaches Terminal verwandelt, das über die normale Telefonleitung an einen Computer angeschlossen werden kann. Mit vergleichsweise wenig Aufwand und unter Umgehung von psychologischen Barrieren wird der Zugriff auf einen Computer und vor allem auf eine große Datenbank dem Durchschnittsverbraucher schmackhaft gemacht. Freilich ist das so zur Verfügung stehende Terminal in der "Urform", in der es heute angeboten wird, so primitiv, daß Anfragen und noch mehr Antworten, wenigstens dem Computerfachmann, qualvoll unbequem erscheinen.

Im Vergleich mit anderen computergestützten lnformationssystemen vermißt er nicht nur die Möglichkeit der alphanumerischen Abfrage, sondern auch anderen Komfort wie zum Beispiel geteilten Schirm oder rasches "Blättern". Umgekehrt wird gerade die große Einfachheit des Systems als ein Vorzug gepriesen. Auch der völlige Nicht-Computer-Fachmann findet sich ohne Schwierigkeiten zurecht. Dennoch ist das Auffinden von gewünschter Information nicht immer ganz einfach. Aus diesem Grund werden den Benutzern bei allen Großversuchen Bildschirmtextzeitschriften zur Verfügung gestellt - ähnlich den Programmheften für Fernsehprogramme - in denen auf besonders interessante Angebote hingewiesen wird. Daß ein System, das gedruckte Kataloge, Werbebroschüren, Fahrpläne, Telefonbücher etc. ersetzen soll, zur leichten Verwendung selbst eine neue Art von gedrucktem Katalog verlangt, zeigt wohl eine gewisse Schwäche des Systems.

Heikler Punkt: nur Text, keine Bilder

Ein, meiner Ansicht nach, besonders heikler Punkt ist die Tatsache, daß das Bildschirmtextsystem, wie der Name sagt, nur Text liefert, keine Bilder. Wird der Durchschnittsfernsehbenutzer, sobald er aus einer gewissen Euphorie erwacht, nicht Bildschirmtext als einen eigentümlichen Rückschritt vom Fernsehen zum Fernlesen betrachten? Die Übermittlung von qualitativ ansprechenden Bildern scheitert bekanntlich an der schmalen Bandbreite der Telefonleitung: Neben Text läßt sich nur Graphik (genügend rasch) übermitteln, wobei gegenwärtig eine recht unbefriedigende Mosaikgraphik (grober Raster) am weitesten verbreitet ist. An Verbesserungen wird jedoch gearbeitet, nicht zuletzt ausgelöst durch Systeme wie "Captains" (Japan), vor allem aber "Telidon" (Kanada), das ausgezeichnete graphische Möglichkeiten bietet. Zum Erreichen von Farbbilderqualität freilich (wenn man nicht etwa eine Minute auf die Übertragung eines Bildes warten will) gibt es gegenwärtig nur die Möglichkeit der Verwendung vorl Zusatzgeräten. An einem Institut wurde der Prototyp eines Bildspeichers auf Schmalfilmbasis entwickelt, der über eine V.24-Schnittstelle an jeden Computer oder an ein Bildschirmtextterminal angeschlossen werden kann und der den automatischen Abruf eines von tausenden Bildern in wenigen Sekunden gestattet.

Eine weite Verbreitung von Bildschirmtext würde Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig beeinflussen, nicht nur im positiven Sinn, unterm Strich aber doch positiv: Wenn wir tatsächlich durch Bildschirmtext noch mehr vor dem Fernsehgerät sitzen, dann jedenfalls weniger passiv, weil wir Informationen interaktiv abrufen; wenn Zeitungen tatsächlich unter Druck geraten, weil ein Teil ihres Anzeigenvolumens zu Bildschirmtext abwandert, so sind Bildschirmtextnachrichtendienste vielleicht eine gewisse Kompensation; vor allem aber, global gesehen, gewinnen durch Bildschirmtext sicherlich mehr Berufssparten als durch ihn verlieren.

Elne "kritische Masse" ist notwendig

In vielen Ländern sind bereits Bildschirmtextsysteme in Betrieb, in Versuchsbetrieb oder in Vorbereitung. Eine Liste dieser Länder enthält zum Beispiel Belgien, Bundesrepublik Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Holland, Hongkong, Japan, Kanada, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien, USA.

Wird sich Bildschirmtext durchsetzen?

lch glaube, daß Bildschirmtextsysteme auch der gegenwärtigen Bauart für den Benutzer hinreichend nützlich sind und daß sie sich langsam durchsetzen werden, sofern genügend viele interessante Informationen and Möglichkeiten angeboten werden. Neben reinen Informationsangeboten sind ja auch Möglichkeiten wie Buchungen, Bestellungen, Fernrechnen, Computerspiele, computergestützter Unterricht etc. vorgesehen und je nach System mehr oder minder implementiert. Quantität und Qualität der Angebote werden umgekehrt von der Anzahl der Benutzer abhangen. Es ist also eine "kritische Masse" von Benutzern und Informationen notwendig. Es erscheint mir klar, daß die Größe dieser kritischen Masse stark von der Qualität der Informationen abhängt und im übrigen bei einem ausgereifteren System leichter erreichbar wäre. Damit verbleibt die Frage, ob die in den gegenwärtigen Systemen erforderliche Informationsqualität und notwendige Masse erlangt werden können.

Intelligente Terminals die vieles am Ort erledigen, aber die auf große Datenbanken für aktuelle Informationen oder für die Durchführung von Transaktionen zugreifen, werden sich langfristig in Büro und Wohnung durchsetzen.