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12.12.1986

Bildung heißt Kompetenz vermitteln

Im Berufsleben ist der Mensch vor immer wieder neue Situationen gestellt, mit denen er sich auseinanderzusetzen hat. Dazu muß er die jeweilige Lage erfassen, analysieren, situationsbezogen neu gestalten und das Ergebnis kontrollieren. Ist die Situation zutreffend bewältigt, gilt sie als gemeistert. Es gibt eine Vielzahl von Situationen, die mit einer bestimmten Regelmäßigkeit auftreten und damit zur Routine werden. Die moderne Arbeitswelt ist aber zunehmend durch das Auftreten neuer, andersartiger Situationen gekennzeichnet. Der Arbeitende hat immer weniger Gelegenheit, auf ein gleichbleibendes Bezugssystem gemeisterter Situationen zurückzugreifen, um dann routinemäßig reagieren zu können. Er ist gezwungen, sich immer öfter auf neue Lagen einzustellen und veränderten Situationen Rechnung zu tragen. Damit verändert sich der Stellenwert früher erworbener Kenntnisse und Fertigkeiten. Treten nun neue Situationen und damit Fertigkeits- und Kenntnisdefizite auf, müssen diese vom Arbeitenden mit eigenen Methoden erkannt und ausgeglichen werden. Mit anderen Worten: Zur Bewältigung neu auftretender Situationen muß der Arbeitende über ein Repertoire von Methoden der Selbsthilfe verfügen, das heißt, er muß mehr Kompetenz als nur Fachkompetenz besitzen, produktiv denken und aktiv handeln können und über mehr Selbständigkeit im Lernen und Arbeiten verfügen.

Ziele zeitgemäßer beruflicher Bildung sind erweiterte Kompetenz, aktive Handlungsfähigkeit. und mehr Selbständigkeit.

Moderne berufliche Bildung hat diese Ziele mit entsprechenden Methoden und Konzepten zu fördern.

Bedingt durch den Zwang zum wirtschaftlichen Überleben unterliegt Berufsarbeit heute einem starken und raschen Wandel. Die obersten Ziele der Unternehmung, wie Gewinnerzielung beziehungsweise Betriebserhaltung, höchste Rationalität, hohe Marktanteile und Weiterentwicklung der Unternehmung, werden in zunehmendem Maße mit neuen Technologien, Kostenreduktion, Produktinnovation, flexibler Organisation und dynamischer Führung zu erreichen versucht. Die Realisierung dieser Ziele erfordert permanente Innovation, das heißt einen ständigen Ausbau des notwendigen wirtschaftlich-technischen Vorsprungs unter anderem durch neue Produkte und flexible Administration. Das hat Folgen für die Qualifikation der Mitarbeiter und deren berufliche Ausbildung.

Die Tendenzen des Wandels zeigen sich zum Beispiel in der Verschiebung von größerer Arbeitsteilung zu komplexerer Mischarbeit, von bloß ausführender Arbeit zu mehr selbstgesteuerter Arbeit, von statischen Arbeitsabläufen zu dynamischen Umstellungen, von Fremdkontrolle zu Selbstkontrolle, von Fremdverantwortung zu mehr Eigenverantwortung. Zu derartigen Anforderungen reicht Fachkompetenz allein nicht mehr aus. Verstärkt gefragt sind hier auch Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Mitwirkungskompetenz.

Fachkompetenz bedeutet, zuständig und sachverständig zu sein für einen Beruf. Fachkompetenz erwirbt man in der Berufsausbildung durch Aneignung der für einen anerkannten Ausbildungsberuf erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten sowie Übernahme charakterlicher Verhaltensweisen.

Methodenkompetenz bedeutet die Fähigkeit zur selbständigen Aneignung neuer Kenntnisse und Fertigkeiten bedeutet bei gestellten Arbeitsaufgaben eigenständig Lern- und Lösungswege zu finden, diese auf andere Aufgaben zu übertragen und aufgrund der gewonnenen Erfahrung über deren generelle Anwendbarkeit zu reflektieren.

Sozialkompetenz bedeutet die Fähigkeit, mit anderen Menschen kommunikativ und kooperativ zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten; bedeutet gruppenorientiertes Verhalten und gemeinschaftsorientierte Verantwortungsübernahme.

Mitwirkungskompetenz bedeutet die Fähigkeit, den eigenen Arbeitsplatz, die Arbeitsstruktur konstruktiv mitzugestalten und damit zusammenhängende, aber auch darüber hinausreichende Probleme mitzulösen.

Die Komplexität der heutigen und noch mehr der zukünftigen Berufsarbeit bedingt eine Komplexität der derzeitigen Ausbildungsmethoden und -konzepte. Das heißt, zeitgemäße Ausbildungsmethoden und -konzepte müssen so angelegt sein, daß mit ihrer Hilfe beim Auszubildenden Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Mitwirkungskompetenz zugleich aufgebaut werden können. Der gemeinsame Nenner hierfür ist: Aufbau einer Handlungskompetenz.

Anthropologisch gesehen, ist der Mensch ein Mängelwesen, das - um überleben zu können - sich die Natur ins Lebensdienliche umschaffen muß. Den Prozeß der Umschaffung von Natur in lebensdienliche Kultur bewirkt der Mensch durch Handlungen. Handlungen sind verändernde Akte des Menschen gegenüber seiner Umwelt. Derartige Handlungen weisen folgende Grundstruktur auf: Wahrnehmen - Denken - Tun. Wenn ein Glied dieser Kette fehlt können wir nicht mehr von Handlungen sprechen. Denn: Ein Tun ohne Denken bleibt bloßes Reagieren, ein Tun ohne Wahrnehmung blinder Aktionismus, ein Wahrnehmen oder Denken ohne Tun bloße Betrachtung, reine Überlegung.

Der Mensch ist darauf angewiesen, durch stetige Auseinandersetzung mit der Umwelt, durch Handeln, seine Mängelstruktur auszugleichen. Dieses Handeln aber muß der Mensch von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter lernen; denn die Wechselfälle im Leben, in Arbeit und Beruf, verlangen jeweils neue Handlungsreaktionen. Von daher ist der Berufsausbildung handlungsorientiertes Lernen aufgegeben.

Soll Handlungslernen pädagogisch begründet sein, ist zu fragen, wie die dargestellte Handlungsstruktur Wahrnehmen - Denken - Tun erweitert werden muß. Die Beantwortung dieser Frage formulieren wir unter Rückgriff auf schon ältere pädagogische Einsichten wie folgt: Eine Handlung ist dann pädagogisch begründet, wenn sie spontan und aktiv auf eine Aufgabe respektive auf ein Problem gerichtet ist, im Wahrnehmen die Phänomene differenziert, im Denken und Tun Theorie und Praxis sowie Planung und Ausführung vereinigt, Raum für ein mitverantwortliches Entscheiden läßt und die Selbstprüfung des Ergebnisses ermöglicht. Wird eine solche Handlung Gegenstand des Lernens, sprechen wir von pädagogisch begründetem Handlungslernen. Die berufspädagogische Handlungskette umfaßt mithin folgende Glieder: Spontaneität und Aktivität - Wahrnehmen - Denken - Tun - Theorie und Praxis. - Planung und Ausführung - mitverantwortliches Entscheiden - Selbstüberprüfung.

Handlungskompetenz setzt Handlungslernen voraus. Handlungslernen ist kein spezifisches isoliertes Lernen, sondern ein an konkrete Inhalte und Situationen gebundenes Lernen. Der berufliche Lernprozeß muß daher so angelegt sein, daß er schon in jedem Lernvorgang beim Lernenden eigenes Handeln im Sinne von Selbständigkeit auslöst.

Lernen erfolgt nicht selten rezeptiv, indem der Lehrende den Wissens- und Denkvorgang vorzeichnet und der Lernende ihn einfach denkend nachvollzieht. Lehren und Lernen sollen aber für den Lernenden produktiv erfolgen, indem er den Wissensaneignungs- und Denkvorgang selbständig vollzieht. Lernen erfolgt darüber hinaus nicht selten passiv, indem der Lehrende alles tut und der Lernende nur untätig zusieht oder zuhört. Lehren und Lernen sollen hingegen für den Lernenden aktiv erfolgen indem er eigenständig handelt. Zusammengefaßt: Im Vorgang des Lehrens und Lernens soll der Lernende produktiv denken und aktiv handeln, er soll selbsttätig sein und selbständig lernen. Produktives, aktives und selbsttätiges Lernen erbringt nachgewiesenermaßen dauerhaftere Lernerfolge als rezeptives, passives und unselbständiges Lernen. Mit produktivem, aktivem und selbsttätigem Lernen lassen sich nicht nur fachliche Lernziele, sondern auch allgemeine Lernziele, wie zum Beispiel Persönlichkeitsbildung und Motivation, besser erreichen.

Für das Verhalten des Lehrenden, des Ausbilders, folgt daraus, daß er seine Aktivität bis zu dem Punkt zurücknehmen muß, an dem die eigenen Kräfte des Lernenden, des Auszubildenden, für den weiteren Lernfortschritt gerade noch ausreichend sind. Für das Verhalten des Lernenden folgt daraus, daß er beim Lernen so engagiert ist, daß er seine Aktivität bis zur Grenze seiner Lern- und Leistungsfähigkeit einsetzt.