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23.07.1993

Bildungstraeger klagen an: Der Staat will uns ruinieren DV-Institute muessen sich neuen Herausforderungen stellen

Im Zuge der zahlreich propagierten Bildungsoffensiven etablierten sich Schulungsanbieter, die mit Hilfe staatlicher Gelder Fortbildung im grossen Stil betrieben. Aufgrund des als hoch errechneten Bedarfs an DV-Beschaeftigten wurde in den 80er Jahren mit dieser Art von Training gutes Geld verdient. Nun, da die

Nuernberger Bundesanstalt fuer Arbeit fuer Schulungen keine Mark mehr herausruecken will, protestieren die Betroffenen. Schadenfroh meinen nun Anbieter, die es nicht betrifft, die anderen haetten die Zeichen der Zeit nicht erkannt und sich zu spaet an den neuen Entwicklungen im DV-Bildungsmarkt orientiert.

Zwei Geschichten werden immer wieder kolportiert, wenn Schulungsleiter ihr aktuelles Verhaeltnis zur Arbeitsverwaltung beschreiben. Die erste: Als sich in einer sueddeutschen Stadt die Seminaranbieter beim Arbeitsamt darueber beschwerten, dass sie durch die neue staatliche Kuerzungspolitik pleite gehen werden, soll der Arbeitsamtchef gesagt haben: "Vor der Wahl gestanden, ob Sie (also die Bildungstraeger, Anm. d. Red.) oder wir pleite gehen, haben wir uns natuerlich fuer Sie entschieden."

Die zweite: Bei einer norddeutschen Behoerde beschwert sich ein DV-Institutsleiter ueber die schwierige Lage, worauf er zur Antwort erhaelt: "Wer von den Bildungstraegern diese Durststrecke uebersteht, muss gut sein, und mit dem werden wir in Zukunft zusammenarbeiten."

Was konnte das Verhaeltnis zwischen Arbeitsverwaltung und privaten Schulungsanbietern so trueben, obwohl man sich doch jahrelang eintraechtig fuer das Wohl der Arbeitslosen und Bildungswilligen einsetzte und Generationen etwa von beschaeftigungslosen Lehrern zu einem Job in der DV-Welt verhalf - der Staat mit Geld, die Schulungsanbieter mit Qualifizierung?

Es geschah, was niemand in der Bildungslandschaft fuer moeglich hielt - die Verwaltung drehte den Geldhahn fuer Umschulungs- und Fortbildungsprogramme komplett zu. Guenter Ludwig von der Grundig- Akademie: "Ich habe drei Rezessionen mitgemacht, aber noch nie war es so schlimm wie jetzt, dass sich der Staat aus seiner Verantwortung ganz wegstiehlt."

Obwohl es bereits Anfang des Jahres Anzeichen dafuer gab, dass die Arbeitsaemter bei der Vergabe von Qualifizierungsmassnahmen kuerzer treten wuerden, "wollte ich es einfach nicht glauben, dass bald das Aus kommen wird", meint BFE-Geschaeftsfuehrer Michael Beck. Er, dessen, Schulungsinstitute auf fuenf Standorte in Baden- Wuerttemberg, Bayern und den neuen Bundeslaendern verteilt sind, rechnet mit dem Schlimmsten: "Wenn nichts mehr geht, eroeffne ich eine Pommes-Bude." Hochqualifizierte Mitarbeiter von grossen Unternehmen, die jetzt zunehmend seine Beratungsstelle aufsuchen, "haben doch einen Anspruch auf Fortbildung, wenn sie 20 Jahre lang in die Sozialversicherung einzahlen".

Jahrelang habe man die Drecksarbeit fuer den Staat gemacht, und nun werde man schnoede im Stich gelassen: "Nicht einmal Lopez (neues VW-Vorstandsmitglied, gilt als knallharter Manager, Anm. d. Red) springt mit seinen Zulieferern so um, wie es die Arbeitsaemter mit uns tun."

Die Anbieter fuehlen sich auch deshalb im Stich gelassen, weil sie bisher der Meinung waren, sehr gute Arbeit geleistet zu haben und dem Arbeitsamt nachweisen konnten, dass die Umgeschulten fast alle nach dem Kursbesuch einen Job fanden. Vermittlungsquoten von 70 bis 90 Prozent sollen nach Angaben der Institute die Regel gewesen sein.

All diese Argumente interessieren die Beamten wenig. Ihnen sind die Haende gebunden, denn die Order von oben heisst ganz klar: sparen, sparen und nochmals sparen. Diese Vorgabe zu erreichen, faellt mittlerweile nicht schwer. Eine Massnahme kann nur dann genehmigt werden, wenn ein Bedarf am Arbeitsmarkt existiert. Und weil bei Datenverarbeitern die Zahl der Arbeitslosen gerade in letzter Zeit immens gestiegen ist, gibt es auch keinen Grund, eine Umschulung auf diesem Gebiet zu bewilligen. Ein Arbeitsberater meinte in diesem Zusammenhang leicht ironisch: "Unsere Trickkiste ist mittlerweile so gross, dass wir jede Massnahme ablehnen koennen."

Die Stimmung unter den Schulungsanbietern ist in der Tat katastrophal. Sie fuerchten um ihre Existenz, denn die Streichung aller geplanten Fortbildungen und zum Teil die Stornierung bereits genehmigter Massnahmen bedeutet fuer einzelne Traeger die Kuerzung des Jahresumsatzes um 50 Prozent und mehr.

Einige Institute haben schon ihre Schliessung angekuendigt, weitere werden folgen. Die Grossen, wie das Computer Data Institut (CDI) und die SNI-Traingscenter, sind bereits im Osten in dieser Hinsicht aktiv und werden bald auch im Westen den Rotstift ansetzen. Dazu ein Insider: "Es wird zu revolutionaeren Veraenderungen kommen", wenn keine staatlichen Mittel mehr fliessen. So hat SNI in den neuen Bundeslaendern nur noch zwei Trainingscenter, urspruenglich waren es ueber zehn. Auch CDI hat schon einige Institute geschlossen. In Dresden zum Beispiel soll die Zahl der Schulungsanbieter, die beim Arbeitsamt um Seminare ansuchen, innerhalb kuerzester Zeit von ueber 400 auf etwa 130 gesunken sein. Aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktpolitik werde es, so die Schaetzung, nochmals zu einer drastischen Reduzierung der Kursanbieter kommen.

Wenn das Arbeitsamt seinen restriktiven Foerderkurs beibehaelt, geht es auch bei den Grossen ans Eingemachte, das heisst, es werden auch Standorte im Westen der Republik geschlossen. Es gibt auch schon konkrete Ueberlegungen, welche Institute in den sauren Apfel beissen muessen. Am haertesten wird es jene Standorte treffen, die zu einem hohen Anteil von staatlichen Geldern lebten. Wie schnell sich das Blatt wenden kann, zeigt Hiltrud Fenn am Beispiel ihrer CDI-Niederlassung in Nuernberg: Letztes Jahr waren noch 300 Teilnehmer gemeldet, in diesem Jahr sind es 240, Anfang 1994 werden es 100 sein und Mitte naechsten Jahres kein einziger mehr.

Nicht besser ergeht es den gewerkschaftseigenen Instituten. Aus Insiderkreisen ist zu erfahren, dass bei der Deutschen Angestellten Akademie (DAA) zahlreiche Mitarbeiter kurzarbeiten muessen. Der Muenchner DAA-Chef Guenter Plafky rechnet sogar mit 20 000 Arbeitslosen im Umschulungsgeschaeft.

In einer Presseerklaerung des Nuernberger Seminaranbieters "Tip", die er gemeinsam mit weiteren Leidensgenossen herausgab, heisst es zur aktuelle Situation: "Dies (also der Wegfall jedweder Unterstuetzung, Anm. d. Red.) bedeutet die Zerschlagung vielfaeltiger - und bislang aeusserst wirkungsvoller - Massnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung von Arbeitslosen und die Ruinierung der qualitaetsorientierten privaten Bildungstraeger."

Die fraenkischen Bildungsinstitute argumentieren damit, dass sich der Staat mit diesen Massnahmen ins eigene Fleisch schneide, denn die Zahl der Arbeitslosen werde weiter steigen und damit die Kassen staerker belasten. Der "Qualifizierungsstopp" bedeute darueber hinaus auch eine Entwertung von Wissen, fuer dessen Herausbildung man in der Vergangenheit viel Geld investiert habe.

Diese Sparpolitik "mit der Axt", wie es in der Nuernberger Erklaerung heisst, fuehre dazu, dass nicht im Sinne der vom Arbeitsamt geforderten Qualitaetssicherung innerhalb der Bildungstraeger die Spreu vom Weizen getrennt werde, sondern die "wirkungsvollen Bildungsstrukturen zerschlagen werden".

BFE-Schulungsleiter Beck ist ueberzeugt, dass die kleinen, eher unprofessionell, aber billig arbeitenden Institute von der Bonner Sparpolitik profitieren, denn, so seine Rechnung: "Die Einrichtung einer technischen Werkstatt kostet 1,2 Millionen und der eines DV- Raumes ueber 200 000 Mark," Kleine Anbieter haetten daher oftmals keine eigenen Raeumlichkeiten, und von modernem Equipment oder qualifizierten Dozenten koenne keine Rede sein.

Man wisse, dass einige Mitbewerber in den letzten Jahren mit der Staatsknete in Ausnahmefaellen Missbrauch getrieben haetten, und dass vor allem im Osten der Republik einige Seminaranbieter die schnelle Mark verdient haben. Man sei durchaus zu Einsparungen bereit. Konzepte dazu gibt es allerdings noch wenige. Hiltrud Fenn hat jedoch wie viele andere Institutsverantwortliche die Hoffnung, dass im neuen Haushalt der Bundesanstalt fuer Arbeit 1994 wieder Geld fuer Weiterbildung vorhanden sein wird.

Eine Reihe von Bildungsverbaenden, darunter der Verband saechsischer Bildungsinstitute (VSBI), die Deutsche Gesellschaft zur Foerderung und Entwicklung des Seminar- und Tagungswesens (Degefest), hat jetzt vorgeschlagen, die Weiterbildung ueber das Vermoegensbildungsgesetz (936-Mark-Gesetzzu finanzieren. Die dabei angesparten Gelder sollten umgewidmet und fuer die berufliche Qualifizierung genutzt werden koennen.

Enorme Moeglichkeiten zur Kosteneinsparung sehen die Verbaende unter anderem im konsequenten Einsatz moderner Medien, die bisher durch die Bundesanstalt fuer Arbeit nicht gefoerdert wuerden. Dozenten und Trainer sollten die Moeglichkeit erhalten, sich dafuer systematisch zu qualifizieren.

Insider - in erster Linie solche, die es nicht betrifft - argwoehnen nun, dass die vom staatlichen Geld abhaengigen Anbieter nicht ganz unschuldig an ihrer Misere seien. Zu spaet oder immer noch nicht haetten sie

innovative Weiterbildungskonzepte entwickelt, die sich etwa gemeinsam mit der Industrie umsetzen liessen. Ralf Karabasz, ehemaliger SNI-Weiterbildungsexperte und nun Geschaeftsfuehrer eines eigenen Trainingsinstituts, meint denn auch, dass fuer die 80er Jahre das Massenweiterbildungs-Geschaeft sicherlich seine Berechtigung hatte, denn die Industrie suchte nach qualifizierten DV-Spezialisten, und der Staat hatte auf der Ausbildungsseite nichts anzubieten.

Heute jedoch sei in diesem Geschaeft kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Mittlerweile, das zeigten alle Statistiken, gebe es genug Datenverarbeiter, und die Kursanbieter haetten nur eine Ueberlebenschance, wenn sie Training anboeten, das sehr spezifisch auf das von den Unternehmen verlangte Know-how eingehe und die Veranstaltungen dann betriebsintern durchfuehrten.+ Hans Koeniges

"Ich wollte einfach nicht glauben, dass bald das Aus kommt."

Michael Beck

BFE-Geschaeftsfuehrer

"Unsere Trickkiste ist so gross, dass wir jede Ma"

Arbeitsamtberater aus

Nordrhein-Westfalen

"Wer diese Durststrecke uebersteht, muss gut sein."

Norddeutscher Arbeitsamtchef

"Wirkungsvolle

Bildungsstrukturen

werden zerschlagen."

Aus der Erklaerung von fuenf Nuernberger Seminaranbietern zur Arbeitsamtpolitik