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03.10.1997 - 

Microsoft und der alte Verdacht, mehr als Software verkaufen zu wollen

Bill Gates auf dem Weg zum Medien-Tycoon

03.10.1997

Es soll Zeitgenossen geben, die das, womit Microsoft in den zurückliegenden zwei Monaten die Schlagzeilen beherrscht hat, für ein pures Ablenkungsmanöver halten. Dabei schien die Sensation perfekt: Für 150 Millionen Dollar stieg der Softwaregigant aus Redmond Anfang August beim alten Rivalen Apple ein. Auch die Kampfansage an den Java-Erfinder Sun Microsystems wenige Tage später, die Drohung mit einer Marketing-Schlacht in allen Bereichen, in denen sich die McNealy-Company als führender Anbieter versteht, blieb nicht ohne Wirkung. Bill Gates hat es wieder einmal allen gezeigt, hieß es. Und die Botschaft kam an: Microsoft läßt sich bei Desktop-, Server- und Internet-Software von niemandem die Butter vom Brot nehmen!

Derlei Muskelspiele der Gates-Company sind indes verständlich, gelten Betriebssysteme und Anwendungssoftware doch nach wie vor als deren primäre Einnahmenquelle - Stärke und zunehmend auch Schwäche des Unternehmens, wie Experten meinen. Und als hätte es noch einer Bestätigung der Warnungen vieler Analysten bedurft, reihte sich unlängst auch Microsofts mittlerweile zurückgetretener Finanzchef Mike Brown in die Phalanx der Bedenkenträger ein. Der Wachstumsprozeß könnte sich bereits im Geschäftsjahr 1998 deutlich verlangsamen, gab Brown Ende Juli bei der Vorlage der Bilanz 1997, die ein neues Rekordergebnis auswies (siehe "Microsoft am Scheideweg?" auf Seite 50), zu Protokoll.

Was macht nun aber ein Unternehmen, dessen Profit sich bis jetzt jedenfalls, gemessen am Umsatz, in nahezu konkurrenzlosen Dimensionen zu bewegen scheint und dessen "Kriegskasse" mit rund neun Milliarden Dollar Cash mehr als prall gefüllt ist, dem andererseits aber die Auguren bis zum Jahr 2001 einen massiven Umsatzeinbruch in seinen bisherigen Kerngeschäftsfeldern prophezeien? In einen Kaufrausch wie der kalifornische Netzwerk-Spezialist Cisco Systems verfallen, wäre eine Möglichkeit. Die andere handelt von den nicht ganz neuen Bemühungen des Microsoft-Chefs, im Cyberspace nach neuen Wachstumsfeldern zu suchen.

Dabei scheint Gates, ohne zunächst groß Aufsehen zu erregen, eine Art Kurskorrektur vorgenommen zu haben. "Microsoft definiert sein Spiel mit dem Netz neu", urteilte das Wirtschaftsmagazin "Business Week" unlängst, als es die dem Softwaregiganten immer wieder unterstellte Wandlung zum Medienkonzern unter die Lupe nahm.

So war jedenfalls 1995 zunächst die Gründung des Online-Dienstes Microsoft Network (MSN) interpretiert worden, erst recht Mitte 1996 der Microsoft rund 500 Millionen Dollar kostende Einstieg beim US-Fernsehsender NBC und in dessen Folge die Etablierung des Joint-ventures MSNBC. Letzteres ist ein Fernsehpogramm, das sowohl über US-Kabelnetze als auch via Internet verbreitet wird - Vorbote gewissermaßen für eine ganze Palette an Informations- und Spartenkanälen, die via Computer, TV-Geräten oder entsprechenden Hybrid-Systemen empfangbar sein sollen.

Nun aber glauben die Strategen in Redmond offensichtlich, daß die Rolle als Juniorpartner eines großen TV-Senders nicht genügt, um künftig als Big Player in einer kombinierten IT-/Medienwelt mitzumischen. Für den IDC-Analysten Alexis Lagoudakis ist dies die Erkenntnis, daß entgegen der Auffassung vieler Branchenkenner auch in der künftig digitalen Business- und Infotainment-Welt "nicht nur mit Inhalten, sondern vor allem auch mit Infrastruktur und Zugangstechnik Geld zu verdienen ist". Microsoft verlagert also die Schwerpunkte seines Online-Geschäfts wieder von den Inhalten hin zur Technik - und könnte sich im Zweifel aber mit beidem übernehmen, befürchtet der Marktforscher.

Die Gates-Company hat wie ihre großen Wettbewerber im IT-Sektor natürlich die, wenn man so will, bis dato klassischen Internet-Märkte mit Browser- und Server-Technik sowie Entwicklungs-Tools eingedeckt, gleichzeitig aber neben Oracle als einziger der etablierten Software-Anbieter frühzeitig auch auf besagtes Internet-Broadcasting respektive interaktives Fernsehen gesetzt. Eine Strategie, die die meisten Branchenkenner nicht nur als sehr gewagt, sondern als weitgehend konzeptionslos bezeichneten. Der weltweite Medienzirkus sei - auch angesichts der bevorstehenden Digitalisierung - für die Redmonder eine Nummer zu groß, hieß es. Erst recht könne man hier nicht mit der Denkweise einer das Softwaregeschäft beherrschenden Company reüssieren.

Und die Kritiker scheinen bis dato weitgehend recht zu behalten. MSN, wie alle professionellen Online-Dienste im Zuge des Internet-Booms zeitweise nur noch als Auffahrtsrampe zum weltweiten Daten-Highway genutzt, wird mit rund 2,5 Millionen Abonnenten zwar offiziell als Nummer zwei hinter Marktführer AOL gefeiert, Umsatzzahlen und Ergebnisse sind aber in Redmond unter Verschluß. Fest steht indes, daß nach dem Relaunch des Dienstes im November vergangenen Jahres 40 Prozent des überwiegend von Microsoft konzipierten Info- und Entertainment-Angebots binnen weniger Wochen mangels Interesse bei der Kundschaft wieder abgeschaltet wurden.

Einige Achtungserfolge blieben zwar nicht aus. So gehören die Redmonder nach einer Analyse der Marktforscher von Jupiter Communications mit Werbeeinnahmen von knapp drei Millio- nen Dollar auf ihren diversen Web-Seiten allein im ersten Quartal 1997 schon jetzt zu den führenden Unternehmen, die im Cyberspace Geschäfte machen. Dennoch zog Microsoft, wie es in "Business Week" heißt, die Notbremse oder besser gesagt die Konsequenz daraus, daß "man eine führende Rolle nur dort spielen kann, wo man sich auskennt und demzufolge Geld verdient - bei der Übertragungs- und Zugangstechnik samt entsprechender Software".

Und als wollte Bill Gates einem seiner derzeit schärfsten Kritiker, Netscape-Mitbegründer Marc Andreessen im nachhinein recht geben ("Microsoft hatte nie eigene Produkte und mußte deshalb stets einkaufen"), ging das Unternehmen in jüngster Zeit doch noch auf Akquisitionstour. Die beiden lautesten Paukenschläge waren dabei im April die 425 Millionen Dollar teure Übernahme des Set-top-Box-Spezialisten Web-TV sowie im Juli die Beteiligung an der Comcast Corp., dem viertgrößten Kabelfernsehnetzbetreiber in den USA. 11,5 Prozent der Comcast-Anteile ließ sich Gates eine Milliarde Dollar kosten - die bis dato größte Investition in Microsofts Firmengeschichte. Aufkäufe von beziehungsweise Beteiligungen an mehr als einem Dutzend weiterer Internet- und Electronic-Commerce-Companies (siehe "Microsoft auf Einkaufstour") folgten, darunter die Übernahme des kalifornischen Newcomers Vxtreme und der Erwerb von zehn Prozent der Aktien von Progressive Networks. Beide sind Anbieter sogenannter Hochleistungs-Streamer, mit denen sich Audio- und Videodaten via Internet übertragen lassen.

Ähnlich wie im Bereich des Online-Bankings, als man sich mit der letztlich gescheiterten Übernahme des Finanzsoftware-Spezialisten Intuit eine maßgeschneiderte Lösung einverleiben wollte, haben die Redmonder hier wieder mit Erfolg auf den Zukauf von Technologien gesetzt und können jetzt abwarten, ob sich das eigenentwickelte "Active Streaming Format" oder ein anderes System in diesem etwaigen Zukunftsmarkt durchsetzen wird, meinen Insider. Aber dies ist nur einer von vielen Kriegsschauplätzen. Entscheidend dürfte vielmehr sein, daß, so Dataquest-Analyst Ken Frazer, "Microsoft entschlossen ist, alle heute denkbaren technischen Schaltstellen im Mediengeschäft zu besetzen".

Dreh- und Angelpunkt dürfte dabei die vielzitierte Set-top-Box sein, die es inzwischen in Form diverser Produkte gibt. Im Falle Microsofts ist aber nicht etwa von der Decodertechnik für das chronisch defizitäre "DF 1" der Kirch-Gruppe oder deren gemeinsamen Digital-TV-Plänen mit Bertelsmann und Deutscher Telekom die Rede, wohl aber von dem, was die neue Microsoft-Tochter Web-TV dieser Tage vorgestellt hat: eine 300 Dollar teure Zugangstechnik, mit der Kunden von Kabel-TV-Sendern Web-Pages aber auch Video- und Audiodaten aus dem Internet via Kabelkanal auf ihren Fernseher "downloaden" können.

In Kombination mit der schon verfügbaren "herkömmlichen" Set-top-Box von Web-TV, die derzeit von den Unterhaltungs-Elektronik-Giganten Sony und Philips in Lizenz gefertigt und vertrieben wird und den Fernseher in Kombination mit Modem und Telefonanschluß zur Internet-Konsole macht, scheint, wie "Business Week" mutmaßt, "Cable Guy" Bill Gates endgültig für den Wettlauf um die künftigen digitalen Märkte gerüstet. Zumal wenn es gelingt, in den derzeit laufenden Verhandlungen die gesamte Phalanx der nordamerikanischen Kabel-TV-Sender dazu zu bringen, ihre Netze für interaktive (Internet-)Services sowohl für Geschäfts- als auch Privatkunden zu öffnen. Nach Möglichkeit mit Set-top-Boxen von Web-TV in Kombination mit Microsofts neuen Handheld-Betriebssystem Windows CE und dem Internet-Browser Explorer, versteht sich. Egal ob vor oder hinter der Set-top-Box, die Gates-Company würde dann - unabhängig vom Endgerät - durch Softwarelizenzen, Hardwareverkäufe, Netzgebühren und last, but not least, auch Inhalte abkassieren! Konkret: Besagte Schaltstellen der digitalen Medienindustrie wären besetzt, alle wesentlichen Techniken und Inhalte würden die Redmonder selbst oder mit Hilfe von Partnerunternehmen liefern.

TV-Konsumenten beim Internet-Surfen überfordert

Microsoft hat in den zurückliegenden Monaten alles Notwendige dafür getan, um "auch im consumerorientierten Internet-Markt eine, wenn nicht die dominierende Stellung einzunehmen", heißt es dazu vorsichtig in einer aktuellen Studie von Jupiter Communications.

Gleichzeitig verbreiten die Auguren aber auch eine gesunde Portion Skepsis. "Die Möglichkeit, eine getunte Fernbedienung zum Internet-Surfen einzusetzen, übersteige die Fähigkeit von Fernsehzuschauern, die nicht einmal ihren Videorecorder programmieren können", meint man sarkastisch zu den Planspielen, den WWW-Boom eins zu eins auf den privaten Consumer-Markt zu übertragen.

Ausgang also ungewiß, denken nicht wenige Kritiker über die Aussichten von Bill Gates, zum Medienzar der Zukunft zu avancieren. Daran ändere auch der derzeitige Tanz um das Datenfernsehen nichts, der dem um das goldene Kalb gleiche - zuletzt zu beobachten auf der Berliner Funkausstellung. Zu viele Blütenträume in puncto Multimedia seien schon geplatzt, heißt es - die gescheiterten Pilotversuche mit dem interaktiven Fernsehen und/ oder Video on demand lassen grüßen! Microsoft könnte zudem Gefahr laufen, wie IBM in den 80er Jahren durch letztlich wenig erfolgreiche Akquisitionen und Beteiligungen (Rolm/MCI) den Blick für das Kerngeschäft zu verlieren - die dann folgenden Probleme inklusive. Stellt sich indes Gates Fahrplan auf dem Weg zum Medienkonzern als machbar heraus und hält das Internet, was es derzeit verspricht, dürfte es der Sunny-Boy aus Seattle in der Tat geschafft haben. Dann, kommentiert die CW-Schwesterpublikation "Computerworld", lautet irgendwann die Botschaft nicht nur an die IS-Manager, sondern auch an alle Bürger der künftigen Info-Society: "Microsoft ist die richtige Wahl."

Microsoft am Scheideweg?

Noch sucht die finanzielle Situation Microsofts ihresgleichen in der Branche. Ein 31prozentiger Umsatzzuwachs im zurückliegenden Geschäftsjahr von 8,67 auf 11,36 und eine Gewinnverdopplung auf rund 3,45 Milliarden Dollar machten die Gates-Company einmal mehr zum Renner an der US-Börse. Teilweise avancierte die Softwareschmiede, bezogen auf den Unternehmenswert, sogar zur Nummer zwei aller US-Unternehmen hinter General Electric und vor Coca-Cola.

Zum Vergleich: Allein das dritte Quartal des Geschäftsjahres 1997 schlossen die Redmonder mit einem Umsatz von 3,21 Milliarden und einem Ertrag von 1,04 Milliarden Dollar ab; IT-Branchenführer IBM verzeichnete im gleichen Zeitraum zwar Einnahmen in Höhe von 17,3 Milliarden Dollar, dafür aber einen vergleichsweise bescheidenen Gewinn von lediglich 1,2 Milliarden Dollar.

Doch der Glanz dieser Zahlen trügt, wenn man den Auguren glaubt. Der Desktop-Markt sei sowohl bei Betriebssystemen als auch Anwendungssoftware ausgereizt, Microsoft müsse hier in den nächsten Jahren trotz seiner monopolartigen Marktdominanz mit Umsatzeinbrüchen von bis zu 30 Prozent rechnen, heißt es seit geraumer Zeit bei den Experten - die Erschließung neuer Märkte sei daher notwendiger denn je.

Microsoft auf Einkaufstour

Übernahmen und Beteiligungen seit Januar 1997

März: Kauf der kalifornischen Intersé Corp., eine auf die Entwick- lung von Web-Seiten fokussierte Softwarschmiede.

April: Übernahme des kaliformischen Set-top-Box- und Internet- Access-Spezialisten Web-TV.

Mai: Kauf des auf Echtzeit- und Java-Lösungen spezialisierten kalifornischen Softwarehauses Dimension X.

Juni: Kauf der kanadischen Linkage Software, Hersteller von E-Mail- Systemen.

Juni: Kauf von Cooper & Peters, Entwickler objektorientierter Benutzerschnittstellen.

Juli: Beteiligung mit 11,5 Prozent am US-Kabelfernsehsender Comcast Corp.

Juli: Zehn-Prozent-Beteiligung an Progressive Networks, Anbieter von Hochleistungs-Streamern zur Echtzeit-Übertragung von Audio- und Videodaten via Internet

August: Kauf der kalifornischen Vxtreme Inc., Anbieter von Hochlei- stungs-Streamern zur Echtzeitübertragung von Video- und Audiodaten via Internet.Quelle: Microsoft/CW