Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

07.06.1996 - 

Hoffen auf die Inter- und Intranet-Welle

Billige Ethernet-Konkurrenz gräbt ATM im LAN das Wasser ab

Katerstimmung herrschte auf der Konferenz im kalifornischen San Jose. Entgegen den euphorischen Prognosen der letzten Jahre steckt der Markt für ATM-Equipment noch immer in den Kinderschuhen. 160 Millionen Dollar konnte die Industrie nach Erkenntnis des Marktforschungsinstituts Mier Communications mit ATM umsetzen. Ein mageres Ergebnis, verglichen mit dem Umsatz der großen Netz-Companies: Cisco, Bay Networks, 3Com und Cabletron setzten im gleichen Zeitraum Equipment im Wert von mehr als sieben Milliarden Dollar ab - also mehr als das Vierzigfache des ATM-Volumens.

Auch in den nächsten Jahren müssen sich die ATM-Anbieter mit kleinen Stücken vom Kuchen begnügen. Wenn die Hersteller mit ihrem ATM-Umsatz erstmals die Milliarden-Dollar-Grenze überschreiten, so errechneten die Marktforscher, wird das Volumen des gesamten Netzwerk-Marktes bereits auf 20 Milliarden Dollar hochgeschossen sein.

Moderates Wachstum, so scheint es, bringt zunächst der WAN-Markt. Carrier wie MCI oder Sprint wollen vor allem von der Integrationsfähigkeit und Skalierbarkeit des asynchronen Protokolls profitieren. Daten und Sprache über nur ein statt über zwei sperate Netze zu transportieren, hilft Geld sparen. Zudem biete ATM, so die Hoffnung der Carrier, eine bessere Auslastung der Kapazitäten.

Einen Hoffnungsschimmer für die Hersteller liefern die Marktforscher der Yankee Group. Sie prognostizieren, daß der Anteil des Datentransports am gesamten Informationsaustausch kontinuierlich zunehmen wird. Betrug das Verhältnis zwischen Sprach- und Datenübermittlung im Jahr 1994 noch drei zu eins, tauschen die Anwender im Jahr 2000 rund 60 Prozent der Informationen in Form von Daten aus. "Im Jahr 2005 werden Sprachvermittlungsdienste umsonst abgegeben, nur um Daten-Services verkaufen zu können," wagt hierzu Albert Bender, President und CEO bei der Netsystems Inc., eine ungewöhnliche Prognose.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Reeller ist das Thema Inter- und Intranet. Auf diesen Zug hoffen die ATM-Anbieter nun ebenfalls aufzuspringen. "Sollte das Internet auf ATM verzichten, wird es weiterhin mit schlechter Qualität und Leistung auskommen müssen", rührte Steve Walters, President des ATM Forums, die Werbetrommel.

Nach seiner Einschätzung benötigt das Internet ATM, um die Router-Hierarchie abzuflachen und damit einen schnellen Transport zu gewährleisten.

Sehr viel fataler ist allerdings die umgekehrte Abhängigkeit. Während das Internet auch ohne ATM Erfolge feiert, benötigt das asynchrone Verfahren das Netz der Netze als Zugpferd. Sollte es ATM nicht schaffen, am Internet-Boom zu partizipieren und sich somit im Markt zu plazieren, wird es sich niemals auf breiter Ebene durchsetzen. "ATM benötigt TCP/IP, um in den Markt vorzudringen", räumt selbst der Vorsitzende des ATM-Forums ein.

ATM bis zum PC immer unrealistischer

Wie auch immer die Entwicklung aussehen mag, Internet-Zugänge via ATM gibt es vorerst nicht. Die 53-Byte-Zell-Technik, so die Meinung von Robert Emmet, Chief Technical Architect der Platinum Solutions Inc., etabliere sich zunächst als Backbone-Technik. Die Service-Provider hoffen durch die ATM-Flexibilität, hohe und unregelmäßige Datenaufkommen auf beliebten Strecken besser managen zu können.

"Mehr noch als das Internet, machen Intranets ATM erforderlich", übt sich Emmett in Optimismus. Der Erfolg des Internets, insbesondere des World Wide Web, werde die Akzeptanz und die Nutzung von Multimedia-Techniken beschleunigen und sie auch in das Intranet tragen. Für diese Anwendungen dürfte die Leistung der derzeit verfügbaren Verfahren aber kaum ausreichen. Im lokalen Umfeld übersteigen die erforderlichen Bandbreiten die Kapazität von FDDI oder Fast Ethernet, so Emmett.

Die Rolle des asynchronen Verfahrens im LAN, aber auch bei der Campus- und Backbone-Vernetzung, ist dennoch umstritten. Eine End-zu-End-Verbindung, vom Desktop über das LAN via Backbone und WAN zum entfernten PC im reinen 53-Byte-Zellformat, wie sie das ATM-Forum lange Zeit propagierte, wird es nicht geben.

Diese Ansicht teilt das Gros der Experten mittlerweile auch mit dem ATM-Forum. "ATM wird möglicherweise den LAN-Markt nicht durchdringen", rückt auch der Forum-Chef Walter von überholten Vorstellungen ab. Allerdings glaubt er nur an einen kurzfristigen Erfolg der 100-Mbit/s-Variante des Ethernet-Verfahrens. Rasanter Preisverfall, eine Killer-Applikation oder eine "magische" neue Architektur könnten ATM zum Durchbruch verhelfen und die derzeitige Marktsituation kippen, so Walters Hoffnung.

Allerdings hat der Chef des ATM-Forums seine Rechnung ohne den jüngsten Coup der Ethernet-Fraktion gemacht. Gigabit Ethernet, so verdeutlichte die Konferenz, ist kein Marketing-Gag oder Drohgehabe der Ethernet-Anbieter, sondern wird als ernsthafte ATM-Alternative diskutiert.

Ein erneuter Run auf Multimedia-Applikationen, forciert und ausgelöst durch die nächste Pentium-Generation, werde noch in diesem Jahr Uplink-Verbindungen von einem GBit/s erfordern. Doch ATM wird bis zum Jahreswechsel noch zu teuer sein. "Verglichen mit ATM kostet das Material für Gigabit Ethernet kaum die Hälfte", behauptet Edword Kozel, Chief Technical Officer bei der Cisco Systems Inc.

Bis zum Desktop weiten Switching-Technologien den Flaschenhals im Netz auf, während im Backbone ATM und Gigabit Ethernet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, so das Szenario des Cisco-Managers. "ATM hat nur ein Chance, wenn die Kosten rapide fallen", mahnt Kozel.

Allerdings ist die Konkurrenzfähigkeit der neuen Ethernet-Variante umstritten. "Mit Gigabit Ethernet gibt es für den halben Preis auch nur die halbe Leistung," kritisiert Kent Savage, Vice-President Sales und Marketing der Connectware Inc. den Vorschlag der Netz-Anbieter. Savage ist skeptisch, weil das schnelle Ethernet-Verfahren weder Video-Übertragung noch die Quality of Services (QOS) integriert und somit nicht skalierbar ist. "Möglicherweise gibt es aber Platz für beide", räumt er ein.

Doch eine Hürde für die Übertragung in Ethernet-Umgebungen wollen die Anbieter zumindest beiseiten räumen. Um Quality of Services auch in Umgebungen ohne ATM-Equipment zur Verfügung zu stellen, arbeiten verschiedene Hersteller derzeit an dem Verfahren Cells in Frames (CIF, siehe Lexikothek). Mit einem einfachen Software-Update, so das Versprechen der Entwickler, übertragen gewöhnliche Ethernets künftig aus ATM-Umgebungen bekannte Dienstequalitäten und Funktionen zur Flußkontrolle.

So scheint es, daß mittlerweile alle Vorzüge, die ATM einst als Alleinstellungsmerkmal beanspruchte, von Fortentwicklungen herkömmlicher Verfahren aufgegriffen werden. Switching-Techniken und Gigabit Ethernet liefern eine ATM-ähnliche Bandbreite. Routing-Software für Switches, die derzeit in den Entwicklungslabors von Cisco, Cabletron oder 3Com entsteht, sowie CIF sorgen für die Unterstützung der ATM-Dienste.

Dennoch wird ATM nicht von den Neuerungen des Netzwerk-Marktes überrollt und im Nichts verschwinden. Anwender wie etwa die Amoco Corp., die den Schritt in die asynchrone Welt gewagt hat, setzen weiterhin auf die ATM-Karte. Sie wollen zwar keine reine ATM-Umgebung, sondern die Integration mit verfügbaren Verfahren. Der Öl- und Chemiekonzern ersetzte sein dediziertes weltweites WAN durch eine Kombination aus regionalen und globalen ATM- sowie Frame-Relay-Diensten.

"Wir erwarten, daß sich die Komplexität unseres Netzes durch diese Lösung verringert", nennt Carl Williams, Vice-President Information Technology bei Amoco den Grund für die Entscheidung zugunsten ATMs. Zudem überzeugten Williams die ATM-Skalierbarkeit und Bandbreite, die sich Partnern und Mitarbeitern einfach zur Verfügung stellen läßt. Für die Zukunft plant der Manager, die ATM-Infrastruktur in existierende Ethernet- und FDDI-Umgebungen zu integrieren. Allerdings kommt für Williams ein ATM-Einsatz im LAN nur in Frage, wenn die Hersteller ihre Hausaufgaben erledigen. Vor allem Nacharbeiten bezüglich der Sicherheit, Verwaltung und Multiprotokoll-Fähigkeit schrieb der Amoco-Manager dem ATM-Forum ins Pflichtenheft.