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31.03.2000 - 

IPOs: Telesens AG

Billing-System-Winzling lebt vom Prinzip Hoffnung

von Andrea Goder* KÖLN - Mit Abrechnungssoftware will die Kölner Telesens AG international durchstarten. Dabei muss der Börsenneuling gegen Konkurrenten antreten, die sich in der Branche bereits weltweit einen Namen gemacht haben. Hohe Verluste und die derzeitige Abhängigkeit von nur wenigen Kunden lassen den Newcomer erst recht als vielzitierten Hoffnungswert erscheinen.

Eines steht für Vorstandschef Genadi Man außer Frage: Viele Internet-Service-Provider (ISPs) würden Online-Shoppern während des Einkaufs im Cyberspace liebend gerne die Surf-Zeit gutschreiben. In der Praxis scheitert dies jedoch noch vielfach an der fehlenden Software, mit der sich die Minuten exakt abrechnen lassen. "Telesens hat die Lösung für diesen boomenden Markt", heißt es in einer Werbebroschüre des Unternehmens. Allerdings etwas vorschnell. Denn bei einschlägigen Tools für Internet-Dienstleister ist auch Telesens bisher erst in Teilbereichen mit Produkten am Markt präsent.

Entwicklung in der Ukraine angesiedelt

Das 1995 von Man gegründete Unternehmen ist auf Abrechnungssoftware, sogenannte Billing-Systeme, spezialisiert. Entwickelt werden die Lösungen vorwiegend in der Ukraine, wo über 100 Softwerker an entsprechenden Programmen für ATM-Dienste, Festnetz-und IP-Telefonie sowie Internet-Anwendungen tüfteln. Ziel der Kölner ist es, das gesamte Leistungsspektrum abzudecken - etwa komplexe Anwendungen international operierender Carrier, Corporate Networks für multinationale Konzerne oder Systeme zum Empfang elektronischer Rechnungen für kleine und mittelständische Unternehmen.

Wichtigstes Produkt ist bislang "Billforce", ein Billing-System für ATM, IP- und Voice-Services. Das System soll es Carriern ermöglichen, bandbreitenabhängig abzurechnen. Auch für die Bereiche Gas, Wasser und Strom - aufgrund der dortigen Deregulierung ebenfalls Zukunftsmärkte in Sachen Billing - wollen die Rheinländer bald Lösungen aus der Entwickler-Pipeline zaubern.

Telesens beschäftigt heute über 400 Mitarbeiter und erzielte 1999 insgesamt 10,5 Millionen Mark Umsatz (nach sechs Millionen Mark im Vorjahr). Auf den ersten Blick ist das keine beeindruckende Wachstumsrate. Überraschend die Erklärung des Firmenchefs: "Bisher haben wir absichtlich kaum Umsatz gemacht." Und er setzt noch einen drauf: "Wir haben nur Umsatz generiert, wenn wir uns überhaupt nicht dagegen wehren konnten", gab Man auf der Emissionspressekonferenz zum Besten. Sei Unternehmen verstehe sich nicht als IT-Systemhaus, sondern als Produktanbieter, begründete Man seine etwas eigenwillige "Story" zum Börsengang. Den Technologievorsprung gegenüber den Wettbewerbern auszubauen sei im Moment das einzige, was zähle, so der gebürtige Russe weiter. Anders formuliert: Man hat so gut wie alles in die Entwicklung gesteckt.

Dafür mussten die Kölner in den vergangenen Monaten tief in die Tasche greifen. Allein 1999 belief sich der Verlust auf 43 Millionen Mark und lag damit viermal so hoch als der Umsatz. Rund die Hälfte des Geldes floss in die Bereiche Forschung und Entwicklung. Man stellt allerdings auch klar: "Kapital ist genug vorhanden." Kein Wunder - nachdem die Anleger den Kölnern besagte "Story" offenbar abnahmen. Am ersten Handelstag am Dienstag vergangener Woche kletterte das Papier jedenfalls nach einem Emissionspreis von 38 Euro auf teilweise über 50 Euro.

Finanziert wurden die Aktivitäten von Telesens bislang von T-Venture, der Risikokapital-Gesellschaft der Deutschen Telekom AG, die nach dem IPO noch mit knapp 30 Prozent an Telesens beteiligt ist und im letzten Geschäftsjahr ein Drittel zum Umsatz beisteuerte. Keine sehr gesunde Einnahmenstruktur, wie Kenner des Marktes glauben. Weitere Anteile hält neben CSC Ploenzke (1,3 Prozent) die in Boston ansässige GSM Capital, ein Zusammenschluss von 18 weltweit operierenden TK-Anbietern (3,2 Prozent). Über die Abhängigkeiten von der potenziellen Kundschaft lässt sich also trefflich spekulieren. Firmengründer Man ist nach dem Börsengang noch mit 34 Prozent mit von der Partie.

Mit dem Emissionserlös soll nun die Bilanz des Unternehmens wieder ins rechte Lot gebracht werden. Zwar wird für das laufende Geschäftsjahr erneut mit einem Fehlbetrag von über 40 Millionen Mark gerechnet, spätestens 2001 will Telesens jedoch den Breakeven erreichen. Grund zum Optimismus gibt dem CEO die steigende Nachfrage nach maßgeschneiderten Lösungen im Markt für Billing-Systeme, vorangetrieben durch die schon erwähnte Liberalisierung des TK- und Energiemarktes. Einer Studie von Chorleywood Consulting zufolge soll der Markt für Customer-Care- und Billing-Systeme im Jahr 2002 weltweit auf ein Volumen von knapp 20 Milliarden Dollar steigen.

"Im Jahr 2003 wollen wir weltweit die Nummer fünf sein", legt Man die Messlatte für den eigenen Erfolg sehr hoch. Antreten müssen die Newcomer vor allem gegen globale Player, die sich bereits heute bei Abrechnungssystemen für TK-Gesellschaften einen harten Wettbewerb liefern. Zu den wichtigsten Konkurrenten gehören die US-Unternehmen Portal Systems, Amdocs Limited und Kenan Systems. Doch auch am Neuen Markt ist Telesens mit dem deutsch-amerikanischen Mitbewerber LHS Group, der allerdings jetzt von der französischen Sema Group übernommen wurde, kein "First Mover" mehr, wie Man gerne öffentlich kokettiert. Entscheidend dürfte jetzt vielmehr die Frage sein, welchem Anbieter es gelingt, bei Abrechnungssystemen für Internet-Dienstleister die Nase vorn zu haben.

Entsprechend ambitioniert sind die internationalen Ziele des Unternehmens, das von der Kölner Zentrale aus bereits weltweite Aktivitäten unterhält. Niederlassungen und Büros gibt es in der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Israel, Malaysia und Japan. Weitere Stützpunkte sollen mit dem frischen Geld der Aktionäre errichtet werden. Der internationale Fahrplan sieht dabei zunächst vor, den Vertrieb im asiatischen Markt auszubauen und in einem zweiten Schritt den Markteintritt in den USA vorzubereiten.

Akquisitionen sollen Wachstum beschleunigen

Auch Akquisitionen sind in der Expansionsstrategie des 43-jährigen Firmenchefs ein wichtiges Thema. Einverleibt haben sich die Kölner bereits die Cyber Solutions GmbH, ein Startup, das Lösungen für Internet- und Intranet-Billing entwickelt. Mit dem von den Münchnern entwickelten Internet-Abrechnungssystem "Big Brother" lassen sich aus dem Web heruntergeladene MP3-Musikdateien differenziert nach Interpreten abrechnen.

Ausgehend vom Umbruch, vor dem der Markt für Abrechnungssysteme steht, ist Vorstandschef Man überzeugt, dass sich die Einnahmen des Unternehmens bereits in den nächsten Jahren rasant nach oben entwickeln und die Gewinne explodieren werden. Konkret wird er dabei jedoch nicht. Analystenschätzungen gehen für das Jahr 2002 von rund 350 Millionen Mark Umsatz und 60 Millionen Mark Gewinn aus.

*Andrea Goder ist freie Journalistin in München.