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14.03.2003 - 

Vom privaten Tagebuch zu vernetzten Publikationen

Blogs - die neue Macht im Web?

MÜNCHEN (ws) - Besonders im englischen Sprachraum entwickeln sich Weblogs zu einem Massenphänomen. Ihre Fähigkeiten zur Vernetzung untereinander lassen sie als ideale Tools für Communities und Collaboration erscheinen. Der Hype wurde nun durch die Übernahme des Weblog-Hosters Pyra Labs durch Google weiter angeheizt.

Mit dem Web ging das Versprechen einher, dass jeder publizieren könne und Tausende vernetzte Seiten ein demokratisches und unabhängiges Medium bilden würden. Tatsächlich waren die Einstiegshürden von Anfang an gering, allerdings bedurfte das Web-Publishing gewisser technischer Fähigkeiten. Eine private Homepage zu erstellen erfordert zumindest Kenntnisse im Umgang mit einem HTML-Editor. Wie Produktionen in anderen Medien müssen Online-Auftritte zudem bestimmte ästhetische Kriterien erfüllen, um ernst- und wahrgenommen zu werden.

Über die Jahre entstand zwar eine Vielzahl privat betriebener Websites, die meisten konnten aber die Möglichkeiten des Web nicht ausschöpfen. Die Anbieter von Software, mit denen sich Weblogs ("Blogs") einrichten lassen, unterstreichen daher immer wieder die Einfachheit ihrer Programme und Services. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um simple Content-Management-Systeme, die den Benutzer von den technischen Details seiner Publikation abschirmen. Wie ihre großen Brüder für das Enterprise trennen sie Inhalte vom Layout. Auf Basis von Schablonen können Anwender ihrem Weblog ein ansprechendes Aussehen verpassen und müssen dann für neue Einträge keine HTML-Dateien mehr bearbeiten. Vielmehr geben sie nur mehr den gewünschten Text ein. Aufgrund des überschaubaren Funktionsumfangs von Weblog-Software (eine Übersicht findet sich unter http://blogworld.de/blogtools) überrascht es nicht, dass sie wenig oder gar nichts kostet und auch entsprechende Hosting-Dienste preiswert sind.

Die beschriebenen technischen Fähigkeiten von Blogger-Programmen könnten den Eindruck erwecken, als wären sie nichts weiter als komfortable Homepage-Generatoren. Die Faszination von Weblogs besteht indes darin, dass sie das Hypermedium WWW ausreizen. Blogger - der Ausdruck bezeichnet die Betreiber eines Blogs - bilden untereinander Netzwerke, indem sie ihre Sites durch Links bidirektional miteinander verweben und Inhalte austauschen. Sie beschränken sich dafür auf bewährte Basistechniken des Web wie HTTP, URLs und XML. Mit diesen relativ einfachen Mechanismen für Transport, Adressierung und Beschreibung von Inhalten erzielen sie hoch skalierbare Publikations- und Kommunikationsnetze.

Die Vernetzung zwischen Weblogs erfolgt nur zum geringsten Teil über manuell eingefügte, statische Links auf andere Blogs ("Blogrolls"). Die Bande zwischen den Publikationen entstehen vornehmlich durch deren Nutzung. So informiert der Browser über den so genannten Referrer jede Website darüber, von wo ein Surfer durch Anklicken eines Links herkam. Dieser Mechanismus wurde bisher vor allem von der werbetreibenden Wirtschaft genutzt, um den Erfolg eines Banners auf bestimmten Sites zu überprüfen. Im Kontext von Weblogs werden Referrer eingesetzt, um automatisch Links zurück auf jene Blogs zu setzen, von denen Besucher auf die eigene Site weitergeleitet wurden. Beim Referrer fördert die automatische bidirektionale Vernetzung die Neigung, auf populäre Weblogs zu verweisen, weil dort ein Rückverweis mehr Traffic für die eigene Publikation erwarten lässt.

Die Netzeffekte bei Weblogs beruhen nicht nur auf den Verweisgeflechten, sondern entspringen auch ihrer formalen Organisation und den inhaltlichen Konzepten. Auch wenn keine verbindliche Definition für Weblogs existiert, so scheint eine chronologische Ordnung der Inhalte ihr wesentlichstes Merkmal zu sein. In diesem Sinne können sie als Logbücher des Web verstanden werden, wo Autoren auf Neuigkeiten verweisen und diese kommentieren. Abgesehen von privaten Einträgen produzieren sie somit selten Inhalte, die für sich alleine stehen, sondern beziehen sich auf andere und gelten als Anmerkungen dazu. In diesem Zusammenhang ist häufig die Rede von "Microcontent" (http://www.useit.com/alertbox/980906.html) oder "Nano-Publishing" (http://www.siliconvalley.com/mld/siliconvalley/5163515.htm). Die aktuellen Tools vereinfachen das Verlinken mit anderen Sites und die Integration von Textpassagen, auf die sich Kommentare beziehen. Besonders leicht fällt diese Aufgabe, wenn das Ziel der Linkaktivitäten eine Liste ihrer News inklusive einer Kurzbeschreibung als Rich Site Summary (RSS, http://web.resource.org/rss/1.0/spec) anbietet. Dabei handelt es sich um ein Format für Content-Syndication, das zur Beschreibung von Inhalten XML-Syntax verwendet und in der Version 1.0 auf Basis des Resource Description Framework (RDF) reformuliert wurde. Einige Verlagshäuser unterstützen diese Technik bereits, darüber hinaus bieten unabhängige Dienstleister wie "Meerkat" von O''Reilly (http://meerkat.oreillynet.com) oder NewsIsFree (http://www.newsisfree.com) derartige Dienste an. Letzterer nahm auch einige deutschsprachige Publikationen in sein Angebot auf und stattete seine Website mit Buttons aus, die die jeweilige RSS-Datei direkt in die Blogger-Tools füttert. Über das Abonnement solcher Kanäle kann der Blogger relativ rasch und rationell sein Pensum an News abarbeiten.

Diskussion wird zur Publikation

Der Nachrichtenaustausch per RSS gilt zwischen Weblogs als Standard. Die meisten Blogger-Tools unterstützen mittlerweile RSS-Feeds in beide Richtungen, sie können also Informationen in diesem Format sowohl importieren als auch exportieren. Daher eignen sich Weblogs immer mehr dazu, miteinander in Diskussionen zu treten und zu bestimmten Themen eine gemeinsame virtuelle Publikation zu bilden. Diesem Bedürfnis von Bloggern kommen die Tools-Anbieter durch zusätzliche Features entgegen, etwa das Trackback. Dessen Funktion besteht darin, Weblogs darüber zu benachrichtigen, dass ein anderer Blog auf sie Bezug genommen hat. Zu diesem Zweck sendet es einen "Blog Ping" an den Adressaten, so dass dieser automatisch einen Link zurück auf den bezugnehmenden Beitrag setzen kann. Dieses Verfahren benötigt im Unterschied zum Referrer keinen Benutzer, der diesem Verweis folgen muss, sondern stellt die Verbindung zwischen zusammengehörigen Beiträgen automatisch her.

Ping meldet Zugriff

Außerdem nimmt ein Backtrack Bezug auf den Permalink, also die genaue URL des Eintrags, während ein Referrer nur allgemein auf einen Blog zurück verweist. Blog Pings ihrerseits sind Remote Procedure Calls auf Basis von XML und HTTP (XML-RPC). Es handelt sich dabei um einen einfacheren Vorläufer von Soap. Der Autor dieser Spezifikation (http://www.xmlrpc.com), Dave Winer, ist gleichzeitig Gründer der Firma Userland (http://www.userland.com), eines der wichtigsten Player bei Blogger-Software. Sie unterhält auch das Verzeichnis http://www.weblogs.com, wo Blogger per Ping bekannt geben können, dass auf ihrem Weblog neue Einträge zu finden sind. Damit Blogs auf Basis unterschiedlicher Software miteinander kommunizieren können, einigten sich mehrere Anbieter auf ein unabhängiges Blogger-API auf Basis von XML-RPC. Diese Programmier-Schnittstelle sowie die von Dave Winer vorgeschlagenen Erweiterungen namens "MetaWeblog API" dienen zusätzlich für die Kommunikation der Frontends mit den Server-Systemen. Browser-basierende Blog-Tools wie "Radio" von Userland oder die freien "Blogbuddy" (http://blogbuddy.sourceforge.net) sowie "Mozblog" (http://mozblog.mozdev.org) erlauben dem Blogger während des Surfens, Links zu der gerade besuchten Site per XML-RPC in die eigene Publikation einzufügen.

Die zunehmende Netzorientierung von Blogs sowie die stark steigenden Nutzerzahlen verändern den Charakter dieser Publikationen. Bei der geschätzten Zahl von über einer Million aktiven Weblogs dominiert zwar das Online-Tagebuch, in dem die Autoren private Aktivitäten und persönliche Befindlichkeiten beschreiben. Aufgrund der IT-Affinität vieler Blogger existiert eine Reihe stark besuchter Sites zu derartigen Themen, daneben dienen Blogs immer häufiger als Medium zur Artikulation politischer Anschauungen. Gerade durch den Bezug auf Inhalte großer Medienkonzerne verstehen sich Weblogs oft als kritisches Korrektiv zur veröffentlichten Meinung. Gleichzeitig übernehmen sie die Funktion eines Nachrichtenfilters, der aus einer enormen Informationsflut die besonders interessanten oder lesenswerten Texte auswählt.

Diese Funktion des "Pre-Surfing", also des Vorverdauens großer Informationsmengen, lenkt mit steigender Zahl von Weblogs auch die Aufmerksamkeit der großen Content-Anbieter auf sich. Da sie um die Gunst der Online-Leserschaft rivalisieren, sind sie an den Tausenden von Links interessiert, die Blogger auf Publikationen setzen. Welche Macht von diesen Sites ausgeht, belegt regelmäßig Slashdot (http://slashdot.org), nach eigenem Verständnis ein Treffpunkt für Nerds. Dabei handelt es sich zwar nicht um einen Weblog im engeren Sinn, sein Konzept chronologisch gelisteter Links auf News plus ergänzende Kommentare gleicht jedoch weitgehend jenem der Blogs.

Was Google interessiert

Das Wissen um Hunderttausende Blogger, die das Web nach relevanten Informationen durchforsten, dürfte auch Google auf den Plan gerufen haben. Unabhängig davon, wie die Übernahme von Pyra Labs in das Geschäftsmodell der Kalifornier passt, wird die Verbesserung der hauseigenen Suchmaschine eine Rolle gespielt haben. Diese versucht wie andere Search Engines auch, Ergebnisse nach Relevanz zu sortieren. Dabei achtet der benutzte Algorithmus darauf, wie viele externe Links auf eine Seite gerichtet sind. Die Mithilfe der rund 200000 menschlichen Agenten auf http://www.blogger.com dürfte als Ergänzung zu den Suchrobotern willkommen sein. Darüber hinaus wird vermutet, dass Google über ausgefeiltes Document Mining in den RSS-Daten etwa Trends in der öffentlichen Meinung oder generell die Ströme von Informationen aufspüren könnte (siehe http://www.wired.com/news/print/0,1294,57754,00.html).

Gerade die gegenüber den Anfängen stark verbesserten Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Weblogs dienen Herstellern als Argument, Blogger als Collaboration-Werkzeuge für Unternehmen zu positionieren. So bietet etwa Userland die Server-Komponente für Weblogs, "Frontier", für den firmeninternen Gebrauch an. Immerhin gilt das Vernetzen von Informationen und das Verfassen von Anmerkungen als Teil des Knowledge-Managements.

Nicht zufällig sieht deshalb das W3-Consortium sein "Annoteia"-Projekt (http://www.w3.org/2001/Annotea) als Teil der Initiative "Semantic Web". Dieses Vorhaben möchte ein Verfahren etablieren, mit dem Nutzer Anmerkungen zu beliebigen Web-Dokumenten verfassen und speichern können. Bis dato blieb Annotea der kommerzielle Durchbruch verwehrt, vor allem weil es an entsprechender Software und Hostern für diesen Dienst fehlt. Wenn die Weblog-Euphorie das Interesse an Annoteia weiter dämpft, kann sich Tim Berners-Lee immerhin damit trösten, dass er gelegentlich als erster Blogger überhaupt gesehen wird: als Beleg dafür gilt seine Liste neuer Cern-Seiten (http://www.w3.org/History/19921103-hypertext/hypertext/WWW/News/9201.html) aus dem Jahr 1992.