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16.05.1975 - 

Das Ende der Systronic GmbH & Co KG

Bloß Pleite oder doch Betrug?

MÜNCHEN - Fünf Millionen Mark Kapital sind dahin, ohne daß auch nur für eine Mark Fremdumsatz gemacht wurde. Die Berliner Systronic GmbH & Co KG - neben der Kamerun-Eisenbahn-Gesellschaft Wagner Computer und der Gesellschaft für Internationale Computer Systeme mbH & Co KG (ICS) - die dritten der Berliner Abschreibungs-Firmen, die sich im Computer-Geschäft engagierte, steht nun endgültig vor der Pleite. Die Geschäftsführung hat die Liquidation vorgeschlagen, die erforderliche Zustimmung durch 75 Prozent der Kommanditisten-Anteile kam jedoch nicht zustande. Jetzt droht der Konkurs.

Betrug und Untreue?

Rund 130 Kommanditisten, die insgesamt 5 Millionen Mark investierten, müssen ihre Einlagen als Totalverlust betrachten und auf Verlustzuweisungen gestundete Steuerschulden zurückzahlen. Eine Gruppe von drei Kommanditisten - Unternehmensberater A. H. Löscher (Frankfurt), Geschäftsführer der Computer Consulting Ulf Lesemann (Frankfurt) und Rechtsanwalt Dr. Norbert Müller (Essen) haben zwischenzeitlich gegen Dipl.-Kfm. Alexander W. Kölb Strafanzeige wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue gestellt.

Regisseur Kölb?

Dem Beschuldigten wird in einer neunseitigen Klageschrift vorgeworfen, als Regisseur komplexer Firmenkonstruktionen (beteiligt sind: Systronic GmbH & Co KG; Gesellschaft für Computer-Systeme GmbH (GfC); Delta Computer GmbH; Deltronic GmbH & Co KG), über Generallieferanten-Verträge mit Knebelungscharakter und über eine Zahl von Strohmännern knapp 2 Millionen Mark Kommanditisten-Einlagen an sich und seine Firmen abgezweigt zu haben und dafür nur Gegenleistungen von 500 000 Mark erbracht zu haben. Aus dem Schriftsatz von Rechtsanwalt Dr. Müller: "Es besteht den Verdacht, daß der Beschuldigte mit diesem Ziel, sich einen erheblichen Anteil der Kommanditisten-Zahlungen in die eigene Tasche zu wirtschaften, das ganze Projekt Systronic/Deltronic geplant und inszeniert hat."

Hohe Verlustzuweisungen

Computerwoche sprach mit Alexander Kölb (46), mit Systronic-Geschäftsführer Bernd Springer (46) und dem vorfristig entlassenen Systronic-Geschäftsführer Horst Staché (46), ferner mit mehreren betroffenen Kommanditisten, sowie mit den Strafanzeige erstattenden Herren Lesemann, Löscher und Müller. Dabei ergab sich folgendes Bild:

Die im Sommer 1972 gegründete Systronic GmbH & Co KG ist eine sogenannte "Abschreibungsgesellschaft", die auf dem System beruht, durch das Versprechen der Zuteilung von Verlustzuweisungen Kommanditisten zu werben, die mit Hilfe der Verlustzuweisungen auf legalem Wege Steuerersparnisse erzielen können. Ziel war ganz offenbar, das Wagner-Modell zu kopieren.

Während Kapitaleinzahlungen im Jahre 1973 zügig eingingen, blieb 1974 die lnvestitionsbereitschaft aus, - zum einen, weil es bei Wagner kriselte, zum anderen,weil auf dem Kapitalmarkt noch erheblich günstigere - zwischenzeitlich verbotene - Kapitalanlage-Formen angeboten wurden.

Frisierte OEM-Systeme

Insgesamt wurden 5 Millionen Mark Kommanditistengelder eingezahlt. Die Kapitalbeschaffungskosten (Provisionen, Agio, etc.) beliefen sich auf insgesamt 17 Prozent. Kölb: "Branchenüblich". Im OEM-Geschäft gekaufte Digital Equipment-Computer sollten als Systronic GfC 80/40 und ähnlich vertrieben werden. (Magnetplattenanlagen für etwa 150 000 Mark). Über Werksvertretungen wurden sogar Aufträge für 1,2 Millionen Mark eingeholt, jedoch nie ausgeführt. Ein wichtiger Grund hierfür war, daß die erforderliche Software nicht geliefert werden konnte.

Um nach dem Berlinförderungsgesetz Investitionszulagen (25 Prozent vom Anlagewert) zu erhalten, mußte in Berlin eine "Produktion" aufgebaut werden. Das Umtauschen von Firmenschildern an den Rechnern sollte langfristig durch eine Montage von bis zu jährlich 200 Anlagen ersetzt werden. Dazu beantragte die Systronic bei der Berliner Bank für Handel und Industrie ein Darlehen in Höhe von 7,8 Millionen Mark, die als Anzahlung auf Investitionsgüter gedacht waren. Zur Sicherheit bürgte der Generallieferant Deltronic GmbH & Co KG, die mit diesem Geld Produktionsanlagen liefern sollte. Um für die Bank faktische Sicherheit zu schaffen, wurden die 7,8 Millionen von der Deltronic als Festgeld bei der Bank für Handel und Industrie angelegt. Das Geld verließ also nie die Bank. Die Systronic, die mit Kommanditisten-Geldern arbeitete, zahlte Sollzinsen (insgesamt etwa 1 Million Mark), die Deltronic (Kölb's Firma) erhielt Habenzinsen (insgesamt etwa 800 000 Mark).

2 Millionen vom Staat

In der Betrugsanzeige heißt es: "Der Beschuldigte hat auf diesem Wege mehr als 1 Million Mark kassiert, ohne hierfür irgendeine Leistung zu erbringen". Nach Kölb's Aussagen war die Transaktion "durchaus legal" und Voraussetzung, um an etwa 2 Millionen Mark Senatsgelder zu kommen. Mit den Habenzinsen wurden die Kosten der Geschäftsführung der General-Lieferanten-Firma Deltronic bestritten, die sich "bemühte, ein zweites Vertriebsnetz für Systronic-Rechner aufzubauen".

Die Rechnung mit den Staatszuschüssen ging nicht auf, das Berliner Finanzamt weigerte sich, die 2 Millionen auszuzahlen, - obwohl eigentlich eine Vorauszahlung auf Lieferungen den Anspruch bereits rechtfertigt. Drei von der Deltronic mittlerweile - nach entsprechenden Vorauszahlungen der Systronic - gelieferte DEC-Rechner (einmal PDP 8, zweimal PDP 11), die eigentlich als "Einrichtungen für Forschung und Entwicklung" deklariert waren, wurden dann für den Vertrieb verwendet und an Werksvertretungen ausgeliefert.

"Sehr geehrter Anleger!"

Indes, es war bei außergewöhnlich aufwendiger Geschäftsführung, Traumgehältern, hohen Zahlungen für Werbung und Berater, exorbitanten Kapitalbeschaffungskosten und hohen Zinslasten kaum noch Geld in der Kasse. Nun fehlte auch noch die fest eingeplante Investitionszulage.

Im Dezember 74, als bereits klar war, daß praktisch alle Pläne zerflossen und kaum Geld mehr in der Kasse war, versuchte Kölb nochmals, neue Kapitalanleger zu gewinnen. Auf dem Briefkopf "Informatik-Institut" und mit handschriftlichem Signet empfiehlt Dipl.-Kfm. Alex Kölb zum Thema "Steuerbegünstigte Kapitalanlagen" dem "Sehr geehrten Anleger!" in einem Werbe-Rundschreiben:

"Die nachstehend aufgeführten Kapitalanlagen sind von uns als seriös und empfehlenswert ausgewählt worden:

Systronic, bereits erfolgreich laufendes Unternehmen.

Beteiligung als stiller Gesellschafter und Kommanditist an einem laufenden Unternehmen der Datentechnik - Wachstumsbranche erster Ordnung. Vom Eigenkapital (10 Millionen) ist nur noch eine Restzeichnungssumme von derzeit zirka 3 Millionen Mark zu plazieren. Gemäß Berlin-Förderungsgesetz kann Systronic mit zirka 4 Millionen Mark lnvestitionszulagen rechnen, . . . die Fremdfinanzierung ist einwandfrei durchgeführt . . . Die einfache Montagefertigung tausendfach bewährter amerikanischer EDV-Systeme läuft, die ersten Aufträge sind ausgeliefert, der Auftragsbestand beträgt derzeit 2,2 Millionen Mark ... "Letter of Intent" eines deutschen Großkonzerns über ein Potential von 300 Systronic-Anlagen wurde nach erfolgreichem Konkurrenzkampf schriftlich gegeben."

Unverschämte Unverfrorenheit

Diese Vorgehensweise bezeichnet Rechtsanwalt Dr. Norbert Müller schlicht als "unverschämte Unverfrorenheit" und weist darauf hin, daß tatsächlich keinerlei Montage lief und daß keinerlei echte Aufträge ausgeliefert waren. Nach Ausführung von Systronic-Ex-Geschäftsführer Horst Staché soll es sich bei dem "Letter of Intent" um ein Schreiben der Firma Agfa Gevaert handeln, in dem Groß-Kopier-Anstalten empfohlen wird, bei der Auswahl von Systemen für die Steuerung von Film-Entwicklungsanlagen auch Systronic-Rechner zu beachten.

Im Januar 1975 bekamen die Kommanditisten dann ein erstes Rundschreiben, in dem auf Liquiditätsschwierigkeiten hingewiesen wurde. Im Februar erfuhren sie im Frankfurter Sheraton Airport-Hotel, daß die Gesellschaft praktisch vor der Pleite stand.

Keine Nachzahlungen

Man versuchte, die Kommanditisten zum Nachschießen von 2,5 Millionen Mark zu bewegen und präsentierte dazu einen Plan, jetzt ins Service-Rechenzentrums-Geschäft einzusteigen. Mit CDC war bereits über das Anmieten einer Cyber-Anlage verhandelt worden, Bernd Springer - von der Kölb'schen Gesellschaft für Computersysteme - erstellte ein positives Gutachten. Dennoch waren nur wenige Kommanditisten bereit, weiterzuzahlen.

Wechsel der Geschäftsführung

Schließlich kam es zum großen Krach zwischen Kölb und seinen Partnern, die Rechtsanwalt Müller als "von Kölb abhängig" bezeichnet. Die Systronic-Geschäftsführer Horst Staché und Günter Hüwe wurden vorfristig entlassen und durch den Kölb-Protegé Springer ersetzt. Ihm obliegt jetzt aus dem Fiasko die rechtlich erforderlichen Konsequenzen zuziehen. Per Zahlungsbefehl werden jetzt noch ausstehende aber zugesagte 200 000 Mark Kommanditisten-Einlagen eingetrieben. Springer zynisch: "Wir waren eine Abschreibungsgesellschaft, es mußten Verluste erzeugt werden."

Ein Münchner Kiefernorthopäde, der im Dezember 74 gutgläubig noch 30 000 Mark nachgeschossen hatte, zur Computerwoche: "Schade um meine 60 000 Mark".