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Anwender erproben flexible Arbeitsformen


21.11.1997 - 

BMW: Stempeln oder Nicht-Stempeln

An die Telearbeit sind große Hoffnungen geknüpft. Allerdings überwiegt in vielen Fällen noch der Argwohn, wie aus einer Studie der Universität Witten/Herdecke mit Teilnehmern aus 173 Unternehmen hervorgeht. Die Chefetagen fürchten vor allem Kontroll- und Machtverlust, sie erwarten zu hohe Infrastrukturkosten oder halten die Flexibilisierung der Arbeit für betrieblich ungeeignet.

Die bayerische Staatsregierung möchte zusammen mit dem weißblauen Vorzeigeunternehmen BMW herausfinden, welche Potentiale sich in der Arbeitswelt mit moderner Informationstechnik und Telekommunikation erschließen lassen. Nützt sie der Wirtschaft, hilft sie den Mitarbeitern? Eignet sie sich auch für kleinere und mittlere Unternehmen? Einige Beispiele zeigen, wie Telearbeit bei BMW aussieht. Da ist der Meister in der Produktion, der schichtübergreifend den Fertigungsablauf überwachen und steuern kann. Über Modemverbindung kontrolliert er Personal- und Bestandsdaten, überprüft Werkslieferungen und bearbeitet Fertigungsdaten. Ein anderer Mitarbeiter, der mittags gerne spazieren geht, dafür abends etwas länger arbeitet, betreut zu Hause die DV-Steuerung von Automatikgetrieben. Der Vorteil der zeitzonenunabhängigen Kooperation kommt vor allem jenem Mitarbeiter entgegen, der in ständigem Kontakt mit seinen Kollegen im US-Werk Spartanburg steht.

"Entgegen der herkömmlichen Auffassung, Telearbeit sei nur etwas für teilzeitarbeitende Mütter oder Programmierer, wollen wir den Beweis antreten, daß es sich zuallererst um eine innovative Form der Arbeitsorganisation handelt", beschreibt Projektleiter Peter Cammerer die hochgesteckten Ziele. Mit großzügiger Unterstützung der Staatskanzlei loten gegenwärtig rund 200 Telearbeiter aus Entwicklung, Einkauf, Technik und Personal aus, ob der regelmäßige Wechsel zwischen dem Schreibtisch im Büro und zu Hause ihre Arbeit unterstützt und welche Faktoren der alternativen Organisa- tionsform noch im Wege stehen.

Das 1995 gestartete Projekt Twist (Teleworking in flexiblen Strukturen) tritt nunmehr in seine heiße Phase. Bis zum Ende des Jahres soll die Zahl der "alternierenden Telearbeiter" auf 300 aufgestockt werden. Zudem will BMW im Frühjahr 1998 die Ergebnisse der Begleitforschung veröffentlichen.

Wie Markus Niggel von der Betriebswirtschaftlichen Projektgruppe für Unternehmensentwicklung GmbH (BPU), München, der CW vorab verriet, halten die BMW-Telearbeiter über 80 Prozent ihrer Aufgaben "für Telekooperation geeignet". Nicht nur Vertrieb oder DV könnten von der neuen Organisa- tionsform profitieren, sondern auch "Personalentwickler und Controller". Wenig Sinn hingegen mache die Telearbeit für beratungsintensive Aufgaben, die den Dialog "von Angesicht zu Angesicht" voraussetzten.

Die optimistischen Zwischenergebnisse, die vor wenigen Tagen interessierten Firmen präsentiert wurden, werfen jedoch einige Fragen auf. Zwar gibt BMW mit der hohen Komplexität aus Organisationsformen, Teamstrukturen und DV-Landschaften sich ein nützliches Beispiel auf dem Weg zu flexibleren Arbeitsformen. Auch der geplante Wissenstransfer zu mittelständischen Unternehmen spricht für das Projekt. Probleme gibt es aber im arbeitsrechtlichen Bereich. Die vom Management geforderte Zeitsouveränität des Mitarbeiters, die sich nunmehr an Zielvorgaben und nicht mehr an klassischen Präsenzpflichten orientiert, soll auch für die Zeit im Büro gelten.

Dagegen verwahrt sich allerdings der Betriebsrat, der Twist grundsätzlich befürwortet und auch von Beginn an mit im Boot saß. "Für einen Tag Telearbeit zu Hause werden automatisch sieben Stunden auf dem Gleitzeitkonto gutgeschrieben", beschreibt Betriebsrat Reinhard Greil einen wichtigen Punkt der eigens für Twist geschlossenen Betriebsvereinbarung. "Wir wollen aber vermeiden, daß die Kollegen aus falsch verstandenem Engagement nun auch im Betrieb bis zu zehn Stunden arbeiten." Am Stempelkasten kommt so schnell also keiner vorbei. Bereits vor einigen Jahren hatte ein Versuch, die Gleitzeit in der Design-Abteilung abzuschaffen, einen Sturm der Entrüstung unter den tariflich bezahlten Mitarbeitern hervorgerufen. "Heute sehnen sich einige Kollegen, die nicht mehr stempeln, nach den alten Zeiten zurück", bringt Gewerkschafter Greil die Probleme auf den Punkt.

Auch Projektleiter Cammerer ist sich darüber im klaren, daß Telearbeit nicht über Nacht eingeführt werden kann, sich allmählich entwickeln müsse und vor allem von der individuellen Kultur des Unternehmens geprägt sei. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung über strittige Fragen, die dem erfolgsverwöhnten Autobauer spätestens bei der nächsten Betriebsversammlung ins Haus stehen.

Daß es auch ohne Irritationen zwischen Management und Belegschaft funktionieren kann, zeigt das Beispiel der LVM Versicherungen in Münster. Wie Manfred Anft, stellvertretender Betriebsrat, gegenüber der CW erklärte, sei das Telearbeitsprojekt Abap (Außerbetrieblicher Arbeitsplatz) in Übereinstimmung zwischen Vorstand und Betriebsrat zustandegekommen: "Fruchtbare Zusammenarbeit, offene Kommunikation und gegenseitiges Vertrauen haben die neue Organisationsform beflügelt." Als sich bei einer Umfrage im Jahre 1995 jeder vierte der etwa 2500 Mitarbeiter für die Telekooperation begeisterte, habe man kurz entschlossen die Initiative ergriffen.

Bereits nach einem Jahr tauschten über 200 Sachbearbeiter im Innendienst sowie einige Führungskräfte regelmäßig ihren Büroschreibtisch mit der Datenautobahn aus. Doch damit nicht genug: Jeden Mittwoch berichten zwei Telearbeiter im Betriebsausschuß über ihre Erfahrungen und bringen damit das laufende Projekt immer wieder auf Vordermann. Wie die Universität Münster ermittelte, hätten allein 200 Teleworker pro Jahr 1,1 Millionen Autokilometer für die Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz vermieden. Die Akzeptanz der Telearbeit bringt die Führungskräfte unter Zugzwang: "Wofür bin ich eigentlich noch da?" fragen sich nicht wenige. Eine ausgezeichnete Voraussetzung, um sich selbst einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen, findet Anft.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.