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Microsoft-Herausforderer wird Führer im PC-Datenbankgeschäft

Borland: Der aggressive David kauft den Goliath Ashton-Tate

19.07.1991

SCOTTS/VALLEY (ciw) - Borland International Inc. und die Ashton-Tate Corp. haben ein Abkommen unterzeichnet, wonach Borland sämtliche Aktien des Dbase-Herstellers übernehmen wird. Das durch den Merger entstehende drittgrößte PC-Softwarehaus der Welt will allerdings die Produkte beider Unternehmen weiterentwickeln und betreuen. Zwischen den Datenbanken Paradox und Dbase soll ein "Object Dbase" genannter Compiler für einen "weichen" Migrationspfad sorgen.

Das Geschäft wird als "Pooling of interests" abgewickelt: Danach erhalten die Ashton-Tate-Anteilseigner für jede ihrer Aktien gut ein Drittel (0,346 bis 0,398) einer Borland-Aktie - was zur Zeit einem Marktwert von 17,50 Dollar entspricht.

Außerdem hat Borland die unwiderrufliche Option, fünf Millionen gezeichneter, aber nicht gehandelter Ashton-Tate-Aktien unter den gleichen Bedingungen zu erwerben. Dieses genehmigte Kapital repräsentiert einen Anteil von 19,9 Prozent vom Grundkapital des Dbase-Herstellers .

Die Übernahme ist vor allem deshalb ungewöhnlich, weil der

Kleinere den Größeren kauft. Allerdings ist Ashton Tate seit dem Debakel um die lange verzögerte Auslieferung einer fehlerfreien Version von Dbase IV schwer angeschlagen. Zwar konnte der Verlust des Jahres '89 in Höhe von 28,6 Millionen im vergangenen Jahr auf 18,1 Millionen Dollar reduziert werden, aber der Umsatz sank: Hatte er 1989 noch 265,3 Milliarden betragen, belief er sich 1990 nur noch auf 230 Millionen Dollar. Borland hingegen verdoppelte im gleichen Zeitraum seinen Umsatz von 113,3 auf 226,8 Millionen Dollar.

Der Jahresüberschuß stieg sogar um 127 Prozent auf 26,8 Millionen Dollar. Allerdings verfügt Ashton-Tate nach wie vor über eine große internationale Gemeinde von Anwendern und Entwicklern, die auf Basis der Dbase-Sprache eigene Applikationen schneidern. Laut International Data Corp. (IDC) basieren 47 Prozent aller weltweit installierten PC-Datenbanksysteme auf Dbase: Das sind rund 3,5 Millionen Anwender. Diese Basis und das starke internationale Geschäft - 70 Prozent des Tate-Umsatzes kommen aus dem Ausland - will sich Borland offenbar mit der Übernahme sichern. Das acht Jahre alte Kahn-Unternehmen wird den IDC-Auguren zufolge nach dem Deal rund 60 Prozent des 500 Millionen Dollar schweren PC-Datenbankmarktes beherrschen.

Richard Schwartz Senior Vice President von Borland, erwartet, daß die Übernahme in zwei bis drei Monaten abgeschlossen sein wird. Bis dahin, so Schwartz weiter, würden sich die beiden Häuser wie zwei einander freundlich gesonnene Konkurrenten benehmen. Die Boards of Directors beider Unternehmen haben der Akquisition bereits zugestimmt, die Billigung der Aktionäre und der Behörden steht noch aus.

Schwierigkeiten könnten Insidern zufolge eventuell die US-Wettbewerbshüter der Federal Trade Commission bereiten: nicht, weil Borland durch den Merger ein 450-Millionen-Dollar-Unternehmen und damit hinter Microsoft und Lotus das drittgrößte PC-Softwarehaus der Welt würde, sondern weil es dann mit Dbase und Paradox über eine marktbeherrschende Stellung im PC-Datenbankgeschäft verfügte. Offenbar sind sich die Verantwortlichen jedoch sicher, daß der Deal ungehindert abgewickelt werden kann: Sonst hätten sie wahrscheinlich keine Strafzahlung in Höhe von 13,5 Millionen Dollar für denjenigen vorgesehen, der den Deal platzen läßt.

Philip Kahn, Borlands Chairman, President und CEO, sagte zu dem Merger: "Borland und Ashton-Tate passen strategisch hervorragend zusammen und werden eine außergewöhnliche Organisation bilden, die den Kunden mit der Technologie und den Produkten für die 90er Jahre versorgen wird. Die Zusammenführung versetzt uns in die Lage, eine vollständige Produktpalette von Datenbanken und Spreadsheets über Grafik bis hin zu Programmiersprachen anbieten zu können - die darüber hinaus alle für Client-Server-Architekturen auf den unterschiedlichsten Plattformen entwickelt worden sind. Wir wollen die Investitionen der Kunden in die Produkte beider Unternehmen schützen - inklusive Paradox und Dbase - und werden einen Migrationspfad zu künftigen Technologien ebnen."

William P. Lyons, Chairman und CEO von Ashton-Tate, erklärte: "Diese Transaktion ist für unsere Aktionäre von großem Wert und vergrößert unsere Fähigkeit, den heutigen und künftigen DV Bedarf unserer Kunden zu decken."

Mit der Akquisition wird sich die Produktstrategie von Borland ändern. Das bisher auf DOS spezialisierte Softwarehaus wird seine Angebotspalette an Applikationen und Compilern in Richtung unternehmensweite Lösungen ausbauen. Dabei will man vor allem vom Trend zu Downsizing und Client Server-Computing profitieren Bisher nahezu aus schließlich auf der Client-Seite zu finden, sollen die Produkte des übernommenen Dbase-Herstellers und seiner hundertprozentigen Tochter Interbase-Software die Server-Seite abdecken. Kahns Unternehmen will neben Turbo-Pascal und Object Vision auch andere Client-Anwendungen wie Paradox, Quattro-Pro, die Compiler C++ und das neue "Object Dbase" auf Windows zur Verfügung stellen. Nach eigenem Bekunden betrachtet man aber auch die von IBM gemeinsam mit Apple angekündigte Umgebung als strategisch wichtig.

Auf Server-Umgebungen wie Unix, VMS und dem neuen IBM-Apple-System sollen hingegen sowohl Dbase als auch die Interbase-Datenbanksoftware angeboten werden. Während die Ashton-Tate-Datenbank sowohl in Client- als auch in Server-Umgebungen - also auf DOS, Windows, IBM/Apple, Unix und VMS - eingesetzt werden kann, betrachtet Borland den Interbase-Software als reine Server-Applikation, die direkt gegen die Produkte von Oracle und Sybase

positioniert wird.

Eine Schlüsselrolle bei der Integration von Dbase und Paradox kommt jedoch dem noch nicht offiziell angekündigten "Object Dbase" zu, das gleichwohl bereits während einer Pressekonferenz in München gezeigt wurde. Es soll Anwendern beider Produkte Migrationspfade in Richtung Windows eröffnen. Das Tool ist nach Herstellerangaben einerseits kompatibel zu Anwendungen auf Basis von Dbase III+ und IV, soll aber andererseits auch über eine Datenzugriffs-Schnittstelle zu Paradox verfügen.

Außerdem will Borland durch einen zwischen Client-Applikationen und Servern angesiedelten "Object Layer" die Verbindung zwischen diesen beiden Ebenen realisieren. Erklärtes Ziel der Softwerker: Alle Client-Applikationen sollen Zugang zu allen Server-Daten und -Diensten bekommen. So könnten durch den Object Layer nicht nur Dbase- und Paradox-Datenbestände angesprochen werden, sondern beispielsweise auch Daten, die unter Interbase, Novells "Btrieve", IBMS "DB2",

"Oracle" oder "Sybase" vorliegen. Geplant ist weiterhin, die unterschiedlichen Applikationen beider Häuser schrittweise mit den notwendigen Schnittstellen zu versehen.

Auf die Zukunft der anderen Tate-Produkte "Applause II", "Framework" und "Rapidfile" wurde nicht explizit eingegangen. Einige Branchenbeobachter glauben deshalb, daß sie nicht weiterentwickelt werden und aus dem Markt verschwinden.

Der deutsche Ashton-Tate-Chef Wolfgang Schröder sagte zu den Konsequenzen des Abkommens für die größte Auslandstochter des Dbase-Herstellers: "Der vielstrapazierte Begriff Synergie trifft in unserem Fall den Nagel auf den Kopf. Borland und wir bieten nicht nur eine sich gegenseitig ergänzende Produktpalette an, sondern wir verfügen hier in Deutschland auch über komplementäre Vertriebswege." Auf die Frage, ob es zu Entlassungen kommen werde, meinte Schröder: "Wir wissen noch nichts Genaues, aber unsere Organisation ist so gut und schlagkräftig, daß ich nicht von Freisetzungen ausgehe." Hierzulande wird der Umsatz der vereinigten Unternehmen die 100-MilIionen Mark-Grenze überschreiten. Die Borland GmbH hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr mit 65 Mitarbeitern 40 Millionen Mark umgesetzt, die Ashton-Tate GmbH konnte mit 75 Mitarbeitern etwa 65 Millionen Mark realisieren.

Auch Schwartz wollte keine Aussagen über mögliche Entlassungen machen, darüber sei noch nicht gesprochen worden. Sicher sei lediglich, daß die Zentrale von Borland in Scotts Valley bleibe und es keine Umfirmierung geben werde.

Allerdings wies Schwartz darauf hin, daß der Pro-Kopf-Umsatz der 1000 Borland-Mitarbeiter mit etwa 300 000 Dollar pro Jahr sehr gut sei und der der 1700 Ashton-Tate-Angestellten mit rund 120 000 Dollar besser sein könnte".

Insider gehen jedenfalls davon aus, daß zumindest die 400 Mann starke Entwicklungsmannschaft des Dbase-Herstellers stark abgespeckt werden dürfte. Außerdem könnten durch die Zusammenlegung der beiden Unternehmen im Verwaltungsbereich Arbeitsplätze überflüssig werden.