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08.09.2000 - 

Skepsis bei Open-Source-Befürwortern

Borland will mit RAD-Tools Linux-Entwickler gewinnen

MÜNCHEN (ws) - Unter dem Codenamen "Kylix" arbeitet Inprise alias Borland an einer Linux-Portierung der hauseigenen Tools "Delphi" und "C++ Builder". Dem freien Betriebssystem mangelt es bis dato an solchen komfortablen Werkzeugen. Dennoch stehen Open-Source-Programmierer dem Vorhaben reserviert gegenüber.

Delphi und sein C++-Gegenstück umfassen neben Compilern für die jeweiligen Programmiersprachen vor allem eine visuelle Entwicklungsumgebung (IDE) inklusive einer eigenen Komponentenarchitektur. Unter Windows heißt Letztere "Visual Component Library" (VCL). Zum Lieferumfang der RAD-Tools gehört eine Vielzahl von VCL-Komponenten, die sich per Drag and Drop in Anwendungen einbinden und dort anpassen lassen. Die IDE unter Linux wird der Windows-Variante weitgehend gleichen und die bekannten Komfortfunktionen bieten. Dazu zählen unter anderem der Editor mit Online-Syntaxprüfung, formularorientierte GUI-Erstellung, der integrierte Debugger sowie automatisches Anzeigen von Funktionsnamen eines Objekts oder Parameterlisten während des Tippens.

Weniger einfach gestaltet sich die Portierung der VCL, die aufgrund ihrer Windows-Abhängigkeiten nicht eins zu eins auf Linux übertragen werden kann. Borland kündigte deshalb unter der Bezeichnung "CLX" (wird als "clicks" ausgesprochen) eine Cross-Plattformversion der Komponentenarchitektur an. VCL soll unter Windows weiter existieren und zahlreiche Microsoft-spezifische Features wie COM oder OLE nutzen. CLX richtet sich nicht nur an Linux-Entwickler, sondern an all jene, die Anwendungen für beide Betriebssysteme schreiben wollen.

Der Hersteller unterteilt die CLX-Komponenten in vier Kategorien: Die "Base CLX" umfassen beispielsweise solche für das Datei-Management, Zeichenkettenmanipulation oder Zeitfunktionen. "Visual CLX" versammelt Controls für die GUI-Entwicklung und basiert auf der Klassenbibliothek "Qt" von Troll Technologies. Die Module von "Data CLX" dienen dem Datenbankzugriff und setzen auf eine neue Treibertechnologie namens "db Express" auf. Die Kombination aus beiden ersetzt die bisher genutzte "Borland Database Engine" (BDE). Neben der Umstellung von VCL auf CLX stellen die Änderungen beim Datenbankzugriff das größte Hindernis für die Portierung von bestehenden Windows-Anwendungen auf das freie OS dar. Cross-Plattform-Programmierung mit Delphi und C++-Builder kann daher faktisch erst für zukünftige Applikationen erwartet werden, die von Anfang an auf CLX beruhen. Für die Entwicklung von netzfähigen Anwendungen sind schließlich die Controls von "Net CLX" gedacht. Darunter finden sich nicht nur solche, die gängige Protokolle wie FTP oder POP3 implementieren. Besonders interessant dürften Linux-Anwender die Web-Server-Erweiterungen für "Apache" finden, die den HTTP-Server um gängige Funktionen in der Web-Programmierung wie Session-Management oder die Generierung von HTML aus Datenbankabfragen ergänzen. Allerdings wird sich Kylix nicht auf die Nutzung mitgelieferter Web-Komponenten beschränken, sondern die eigene Entwicklung von Apache-Modulen erlauben. Dabei soll es auch möglich sein, existierende ISAPI- und NSAPI-Erweiterungen für Microsofts "Internet Information Server" sowie Netscapes Web-Server auf den freien Apache-Server zu migrieren.

Zielgruppe sind eher AnwendungsentwicklerObwohl Borland mit der Portierung von erfolgreichen Windows-Werkzeugen die Anwendungsentwicklung unter Linux erleichtert, sind die Reaktionen in der Linux-Gemeinde nicht einhellig positiv. Programmierer sind nämlich die treibende Kraft hinter der Open-Source-Bewegung und artikulieren ihre Prinzipien häufig gegenüber Anbietern geschlossener Software besonders vehement. So wurde in Diskussionsforen (siehe http://slashdot.org/articles/00/07/12/124244.shtml) bereits moniert, dass der C++-Builder die GNU-Erweiterungen nicht unterstützt und daher den Linux-Kernel nicht übersetzen kann. Noch größere Bedenken löst die Tatsache aus, dass dank Kylix im Linux-Umfeld C++- und Pascal-Code auftauchen könnte, der sich wegen herstellerspezifischer Erweiterungen nur mit den kommerziellen Borland-Tools übersetzen lässt. Allerdings dürfte der kalifornische Anbieter die Kylix-Werkzeuge ohnehin weniger an die Entwickler quelloffener - und häufiger systemnaher - Programme richten, sondern damit ein ähnliches Publikum ansprechen wollen wie unter Windows. Es handelt sich dabei meist um Programmierer von unternehmensinternen Anwendungen oder solchen mit vertikaler Ausprägung. Zusätzlich hofft Inprise wohl auf das Entstehen eines Linux-Marktes für Desktop-Anwendungen, für die sich Kylix dank der visuellen Tools besonders eignet.

Allerdings droht die Company dort zwischen die Fronten zu geraten, die sich zwischen den Vertretern von KDE und Gnome auftun. Letzteres Projekt starteten Anhänger der GNU Public Licence (GPL) als Konkurrenz zu KDE, weil sich dessen Team für die Nutzung der kommerziellen Qt-Bibliothek entschieden hatte. Es handelt sich dabei um dieselben GUI-Klassen, die auch in CLX zum Einsatz kommen. Deshalb wird Kylix in der ersten Version die Entwicklung von KDE-Anwendungen besser unterstützen als solche für Gnome. Nicht überraschend kommen Einwände gegen CLX aus diesem Umfeld. Die Stimmungsmache gegen Qt, die dort trotz der gelockerten Lizenzbestimmungen durch Troll Technologies anhält, zeichnet sich auch für CLX ab. So forderte der Gnome-Entwickler Havoc Pennington ein einheitliches, übergreifendes Komponentenmodell für Linux. Dafür eigneten sich Open-Source-Implementierungen wie die von Mozilla ("XPCOM") oder Gnome besser als CLX. Jenes von Gnome hört auf den Namen "Bonobo", nutzt Corba für die Kommunikation zwischen den Anwendungen und greift für die GUI-Klassen auf das GNU-Projekt "Gimp Toolkit" (GTK+) zurück. Dass Borland mit CLX unter Druck geraten könnte, zeigt auch die Entscheidung von Sun Microsystems, für "Star Office" zukünftig Bonobo zu nutzen.

Die eigenen Gesetze einer offenen Plattform könnte die Firma auch anderweitig zu spüren bekommen. Open-Source-Projekte tendieren dazu, sich besonders auf Lücken im freien Softwareangebot zu konzentrieren, die Anwender nur durch kommerzielle Software schließen können. Kylix könnte die existierenden Projekte für visuelle Werkzeuge anspornen. Dazu zählen beispielsweise "Glade", das sich für die Erstellung von Gnome- und GTK+-Oberflächen eignet und "Kdevelop" aus dem KDE-Projekt, das auf Qt aufsetzt. Nicht zuletzt muss sich Borland eines erklärten Delphi-Clones erwehren, der unter der Bezeichnung "Lazarus" (http://www.lazarus.freepascal.org) entsteht und den "Free Pascal"-Compiler verwendet.