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19.09.2016 - 

IT-Markt

Bosch, Siemens vs. Amazon, Google

Dr. Carlo Velten schreibt als Experte zu den Themen Cloud-Platforms und -Developers, Enterprise Cloud Management und Digital Business. Dr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen.
Google, Facebook und Amazon entwickeln sich zu Technologiekonzernen. Bosch, Siemens und GE wollen Softwarekonzerne werden. Der Kampf mit ungewissen Ausgang ist eröffnet.

Vor rund 10 Jahren gingen nur wenige Branchenbeobachter und CIOs davon aus, dass der Amazon-Ableger "Amazon Web Services" in Kürze einmal ihre IT-Strategie maßgeblich beeinflussen würde. Und Marketingentscheider konnten noch nicht absehen, dass ein Großteil ihres Budgets an Facebook, Snapchat & Co. gehen würden.

Die Internetfirmen der letzten Dekade haben der Corporate-IT ihren Stempel aufgedrückt und werden die Planungen, Entscheidungen und Investitionen auch in den kommenden Jahren noch maßgeblich beeinflussen. Denn die Umsetzung der Cloud-Strategien hat in vielen Unternehmen gerade erst richtig begonnen.

Logistikketten und öffentlichen Infrastrukturen werden "das nächste große Ding"

Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Wachstum in der Welt der mobilen Apps, der "Digital Customer Experience" und agilen Methoden endlich ist bzw. nur dann Wert stiftet, wenn auch die Infrastrukturen und Prozesse im Hintergrund digitalisiert und vernetzt sind. Das Internet der Dinge bzw. die Vernetzung der industriellen Fertigungssysteme (Industrie 4.0), der Logistikketten und öffentlichen Infrastrukturen sind auf jeden Fall "das nächste große Ding". Denn im industriellen Backend wurde in den vergangenen 10 Jahre deutlich weniger in neue digitale Technologien und Vernetzung investiert, als an der Kundenschnittstelle.

Es liegt also ein großer Nachholbedarf vor. Zudem sind die zu hebenden Effizienzpotenziale gewaltig. Allein in der deutschen Wirtschaft lassen sich die Effizienz- und Wertschöpfungspotenziale von Industrie 4.0 laut Fraunhofer Institut bis 2025 auf rund 79 Milliarden Euro taxieren. Mit neuen datenbasierten Diensten und Lösungen im Bereich der vernetzten Gebäudewirtschaft, smarten Verkehrssystemen und Gesundheitswirtschaft werden nach Prognosen von Crisp Research und Bitkom im Jahr 2016 schon bis zu 12 Milliarden Euro umgesetzt.

Aus der Perspektive von Konzernstrategen reicht es also nicht aus, die Digitalisierung nur aus der "Uber"-Perspektive zu denken. Sondern es muss ganzheitlich in Kombinationen aus Infrastruktur und digitalen Services geplant werden. Denn nur so entstehen langfristig werthaltige und profitable Geschäftsmodelle und Ökosysteme. Die meisten der führenden Internetkonzerne haben dies erkannt und investieren seit Jahren in die "echte" Welt – sprich in Infrastruktur, Hardware und Assets (IP, Fertigungskapazitäten etc.).

Trend 1: Google, Facebook & Amazon – Vom Internetunternehmen zum Technologie-Konzern

Mit der Umbenennung zur Alphabet Holding und der damit einhergehenden Re-Organisation des Unternehmens und seiner Geschäftsbereiche hat Google im Jahr 2015 die Weichen neu gestellt. Das Suchmarketing- und Cloud-Geschäft wurde in der Sparte "Google" zusammengefasst und steht nun organisatorisch neben den neuen Sparten Smart Home (Nest), Life Sciences (Verily sowie Calico) und dem Internet-Infrastruktur-Geschäft (Fiber).

Neben der klassischen Hardware-Ausstattung für den Consumer, bestehend aus Smartphones (Motorola-Akquisition), Notebooks (Chromebooks), TV-Zubehör (Chromecast) und Thermostaten (Nest), entwickelt und vertreibt Google zunehmend komplette Branchen- und Industrie-Lösungen. Hierzu zählen die Angebote im medizinischen Bereich sowie zukünftig komplette Mobilitätskonzepte auf Basis der von Google entwickelten selbstfahrenden Autos (Autonomes Fahren).

Mit Google Wallet und einem Kreditrechner macht Alphabet die ersten Schritte in Richtung Finanzdienstleister. Eine Banklizenz ist für viele Ländermärkte beantragt. Zudem kauft Google seit über 10 Jahren kontinuierlich Netzwerkkapazitäten in den globalen Metropolregionen, verlegt Unterseekabel und baut so das Geschäft mit der Cloud-Konnektivität aus (Fiber). Denn ohne die grundlegende Versorgung mit Bandbreite – Glasfaser wie mobiles Internet – ist keines der Alphabet-Geschäftsmodelle langfristig tragfähig.

Facebook forciert Hardware und Technologie

Aber auch Facebook geht ähnliche Wege. So hat Facebook nicht nur eine Reihe von Geräte- und Technologiehersteller im Bereich der Augmented und Virtual Reality akquiriert. Kürzlich wurde unter dem Namen "Facebook Area 404" ein dediziertes Hardware-Lab zur Entwicklung neuer Infrastruktur- und Hardware-Komponenten eröffnet. Auf 2000 qm wird dort an Drohnen, Satelliten, 360Grad-Kameras, Lasern, VR-Headset und neuen Rechenzentrums- und Server-Technologie gearbeitet.

Jay Parikh, Facebook’s Head of Engineering and Infrastructure, hat eine klare Vorstellung und weiß um die strategische Relevanz eigener Hardware und Technologie. Denn in der digitalen Welt lassen sich Verfügbarkeit, Sicherheit und User Experience meist nur dann optimal kombinieren, wenn man als Unternehmen einen möglichst großen Teil der Wertschöpfungskette beherrscht. Hier hat Apple den Standard gesetzt und vorgemacht, wie ein Ökosystem bestehend aus Endgerät und digitalen Produkten und Services funktioniert und profitabel ist.

Amazon wird führender Logistikdienstleister

Als spannendes Beispiel nicht zu vergessen – Amazon. Der Online-Händler hat mit seinen "Amazon Web Services" nicht nur die Regeln im IT- und Outsourcing-Markt neu definiert und generiert mit seinem Rechenzentrums-Business mittlerweile 10 Milliarden Dollar Amazon übernimmt mittels eigener Technologien und Logistikkapazitäten einen immer größeren Teil der Distribution und steigt in neue Geschäftsmodelle ein.

So lässt Amazon Zustell-Drohnen fliegen (Beta-Stadium), leased LKW- und Flugzeugflotten und eröffnet eigene Buchläden in den amerikanischen Metropolen. Amazon ist somit auf guten Wege, zu einem der führenden Logistikdienstleister für analoge und digitale Pakete (IP-Pakete) zu werden. Die persönlichen Hobbys von Jeff Bezos sind hier noch nicht mitgezählt (Kauf Washington Post, Luft- und Raumfahrt etc.).

Ohne Legacy in Köpfen, Prozessen und Systemen

Welchen Weg die Internet-Giganten genau einschlagen, ist noch nicht final ausgemacht. Werden die Endgeräte – vom AR-Headset bis zu Auto – subventioniert und als Teil von datenbasierten Lösungen und Services im Geschäftsmodell eingepreist? Oder gehen Google, Facebook und Amazon zukünftig den Apple-Way und verkaufen ihre Hardware als eigenständiges (Premium-) Produkt. Dies wird sich von Branche zu Branche und Lösung zu Lösung entscheiden.

Eines steht dabei fest: Die Ressourcen, finanziellen Mittel und die ingenieur- und software-technischen Fähigkeiten der Top 3 sind enorm. Die innovationsfreundliche Unternehmenskultur und moderne Formen der unternehmensübergreifenden Collaboration machen den Einstieg in neuen Markt-und Technologiesegmente leicht. Der Beginn auf der grünen Wiese – ohne Legacy in Köpfen, Prozessen und Systemen – macht die Internetkonzerne zu extrem gefährlichen Wettbewerbern für etablierte Industrie- und Technologiekonzerne. Zumal man das software- und cloud-basierte Business ohnehin schon beherrscht. Augen auf, liebe Siemens, Bosch, BMW & Co!

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Inhalt dieses Artikels

 

Sascha Thattil

Sehr interessanter Beitrag.

Wir stehen wahrhaftig vor einer industriellen (Digitalen) Revolution. Einige der im Beitrag genannten Unternehmen werden wohl den Schritt in die Digitalisierung nicht schaffen. Besonders Unernehmen aus Deutschland haben es nicht geschafft Neuerungen in den Markt einzuführen. Von einem "Amazon Web Service", einem "Google Android" oder einem "Apple iPhone" aus Deutschland ist derzeit noch nicht zu denken. Schon eher aus dem Bereich Startups, jedoch eher nicht aus den klassischen Großkonzernen.

Die grosse Frage wird sein, ob die klassischen Unternehmen wie Bosch und Siemens es schaffen werden ihre konservative Art beizubehalten und gleichzeitig den neuen schnellen Anforderungen des Marktes gerecht zu werden. Eine Zerschlagung der derzeitigen Strukturen und ein kompletter neuaufbau wird nicht die Lösung sein.

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