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20.09.1991 - 

Gute Chancen für internationale Lieferanten

Brasilien öffnet DV-Markt für Anbieter aus dem Ausland

Die politischen Hindernisse für Auslandsunternehmen am brasilianischen DV-Markt sind ausgeräumt. Aber infolge von Rezession und Dollarverteuerung kommt das Geschäft wohl erst mittelfristig in Fahrt, berichtet Lorenz Winter* aus Rio de janeiro.

Kurz bevor Brasiliens Staatspräsident Fernando Collor im Sommer dieses Jahres zu einem Arbeitsbesuch in die USA flog, bestätigte der Kongreß des Landes das neue lnformatikgesetz, das den DV-Markt liberaIisiert. Damit eröffnen sich ausländischen Lieferanten und Investoren mehr Chancen in Südamerika.

Der Abstimmung war ein heftiges Gerangel hinter den Kulissen vorausgegangen, bei dem zentrale Ziele der Reformpolitik Collors beinahe verfehlt worden wären. So wollte zum Beispiel ein Teil der Parlamentsopposition dem Druck diverser Interessengruppen nachgehen und die letzten Marktzugangsbeschränkungen für DV-Produkte nicht schon - wie von der Regierung gewünscht Ende 1992, sondern erst 1994 auslaufen lassen. Ausländische Unternehmen sollten bei Gemeinschaftsgründungen mit brasilianischen Firmen kein Stimmrecht erhalten und in den Genuß von Steuerprivilegien für die DV-Branche nur dann gelangen, wenn sie sich zu wirtschaftlich unrealistischen Re-Exportquoten verpflichteten.

Dank beharrlicher Überzeugungsarbeit von lndustrievertretern, etwa aus dem Hause IBM und Olivetti, bei Ausschußmitgliedern sowie hohen Beamten des Wirtschafts- und des Technologieministeriums schwenkte das Parlament zuletzt aber doch wieder auf Collors liberalen Kurs ein. Damit konnte der Präsident ohne handelspolitisch brisantes Gepäck in die USA reisen.

Nicht wieder rückgängig machte der Kongreß insbesondere die freizügige Möglichkeit der Einfuhr von fast 300 DV-Erzeugnissen, die laut Regierungsdekret schon seit Januar 1991 existiert. Auflagen bestehen lediglich bei knapp 50 "kritischen" Produkten, die jedoch nur noch bis Ende 1992 Schutz genießen, danach müssen auch sie sich dem internationalen Wettbewerb stellen.

Das brasilianische Kabinett erließ für diese Produkte zudem Richtpreise, die bis zur Importfreigabe schrittweise gesenkt werden: Hält sich ein Fabrikant nicht daran, würde sein Unternehmen unter Umständen mit dem vorzeitigen Ende des handelspolitischen Schutzes "bestraft". Dabei dürfen die geschützten Erzeugnisse anfangs maximal nur 2,8mal so teuer sein wie vergleichbare Produkte des Weltmarkts.

Schon in diesem Frühjahr hatte der Nationale Rat für die DV-Branche (Conin) au er dem Hardware- auch den Softwaremarkt liberalisiert. Nicht-brasilianische Firmen dürfen seither Betriebssysteme und andere Programme unbeschränkt im Lande herstellen und verkaufen. Die durch das mittlerweile aufgehobene Softwaregesetz von 1987 vorgeschriebene Prüfung, ob es für ein bestimmtes Programm ein brasilianisches Äquivalent gibt, entfällt künftig: Vorher hatte die Feststellung der Existenz eines "gleichwertigen nationalen Erzeugnisses" automatisch ein Einfuhrverbot für ausländische Konkurrenzprodukte ausgelöst. Erste Opfer dieser restriktiven Politik waren damals die älteren Versionen von MS-DOS.

Demnächst braucht ausländische Software auch nicht mehr wie bisher beim brasilianischen Patentamt (INPI) registriert zu werden, sondiert genießt sofort bei Einfuhr 25 Jahre lang Urheberrechtsschutz. "Man kann nach dein Inkrafttreten dieser Neuerungen rundheraus sagen, da Brasilien sich als lernfähig erwiesen hat", meint ein Vorstandsmitglied eines ausländischen DV-Anbieters.

Kapital ohne Rücksicht auf nationale Herkunft

Der betreffende, Topmanager konnte die einschlägigen Beratungen im Conin und im Parlament persönlich verfolgen, er glaubt, daß Politiker und Industrie des Landes heute die weltweit erkennbare Tendenz richtig einschätzen, bei der Entwicklung von High-Tech-Produkten knappes Kapital ohne Rücksicht auf dessen nationale Herkunft zuzulassen. Folgte Brasilien diesem Trend nicht, würde es sich auf Dauer in eine gefährliche Abseitsstellung manövrieren.

Einen Kurswechsel in dieser Richtung bestätigt auch die vom Präsidenten des Herstellerverbandes Abicomp Carlos Rocha, persönlich geforderte Entscheidung der Organisation, künftig ausländische Unternehmen Mitglieder bei sich aufzunehmen.

Praktische Ergebnisse wird die liberale DV-Politik allerdings auch im Bereich der jetzt schon freizügig einführbaren Produkte erst, auf mittlere Sicht erzielen. Dabei ist wichtig festzuhalten, daß zunächst vor allem die Firmenkundschaft von dem neuen Trend profitiert, weil die Mehrzahl dieser 300 Geräte, Instrumente Ausrüstung und Bauteile der industriellen und gewerblichen Nutzung dient. Die Privatkundschaft, also die Käufer von PCs und Mikros, bekommen die Vorteile der Liberalisierung erst später zu spüren. Deshalb werden nach Schätzung von Branchenkennern noch immer 30 bis 50 Prozent des Bedarfs dieser Sparte durch eingeschmuggelte Hardware gedeckt.

Außerdem besteht ein Schutz für die einheimische lndustrie auch jetzt noch fort: Die Zölle auf Hardwarare-Importe müßten erst einmal weiter abgebaut werden, ehe tür brasilianische Firmen Bestellungen bei ausländischen Lieferanten interessant werden. 845 Millionen Dollar Fördermittel soll die Branche in den Jahren 1991 bis 1993 vom Staat erhalten, bevor sie auch ohne solche Krücken international wettbewerbsfähig ist. Und der öffentliche DV-Bedarf etwa im Gesundheits- und Bildungswesen, bei Polizei und Justiz oder in der Sozialversicherung soll auch weiterhin vorrangig aus nationaler Produktion befriedigt werden.

Wirklich entscheiden für den Erfolg der Reformen der Regierung Collor sind jedoch die Dauer der derzeitigen Wirtschaftsrezession und die Entwicklung des Dollarkurses. Beide Faktoren lähmen jetzt noch die Unternehmungslust der einheimischen Firmen (Anbieter und User), und lassen den brasilianischen Markt für ausländische Lieferanten und Investoren weiterhin als überdurchschnittlich riskant erscheinen.

Der teure Dollar macht zu schaffen

Die brasilianischen Harwareverkäufe erreichten 1989 nach einem massiven Umsatzsprung von 40 Prozent ein Volumen von rund 3,6 Milliarden Dollar. Schon im ersten Halbjahr 1990 war jedoch erkennbar, daß dieses Resultat wegen der massiven Währungsreform vom März und der bald darauf einsetzenden wirtschaftlichen Baisse nicht wieder erreicht werden würde: Die Gerätehersteller dürften das Vorjahr bestenfalls mit einem Umsatz von drei Milliarden Dollar abgeschlossen haben. Und im laufenden Jahr wäre eine Erholung auf 3,3 Milliarden Dollar schon ein sensationell gutes Ergebnis.

Abicomp-Präsident Rocha spricht darum von der "schwersten Krise unserer Branche seit ihrer Entstehung". Nach seiner Zählung schrieb die Hälfte aller Mitglieder des Verbandes 1990 rote Zahlen; vereinzelt kam es Anfang 1991 in Rio de Janeiro und Sao Paulo dann sogar zu Vergleichs- und Konkursanträgen. "Zur Zeit sind alle unsere Anstrengungen deshalb insbesondere darauf gerichtet, den vorhandenen lnvestitionsbestand zu retten und die Firmen dazu zu bewegen, auf keinen Fall Abstriche am FuE-Budget zu machen", erläuterte Rocha.

Neben der Konjunkturabschwächung macht die Verteuerung des Dollar den brasilianischen DV-Herstellern schwer zu schaffen. Paulo Carneiro, Marketing-Leiter der Firma Prologica, schätzt, daß 40 Prozent der Entstehungskosten vom Preis importierter Bauteile (und damit vom Dollarkurs) abhängen. lm Vorjahr gaben die Anbieter ihren Kunden meist noch Preisgarantien auf zwei bis drei Monate, weil sie höhere Einfuhrkosten durch die Verwendung von Indexformeln in den Preislisten ausglichen. Seit diese Methode gesetzlich jedoch nicht mehr zulässig ist, "steigen die Endverkaufspreise praktisch von Monat zu Monat", beobachtet Carneiro.

Einziger Lichtblick in der trüben Szene: Durch die Verabschiedung des lnformatikgesetzes wurde die Unsicherheit für die Käufer ausgeräumt, welche Produkte nun auf der "Schwarzen Liste" des Einfuhrverbots bleiben würden. Die Herstellerorganisation Abicomp, die User-Vereinigung Sucesu und wichtige Abnehmerverbände, zum Beispiel die brasilianischen Banken (Febraban), hatten diese Unsicherheit immer wieder als investitionshemmend angeprangert.

Jetzt wissen also alle Beteiligten, was sie in den kommenden Monaten aus dem Ausland billiger beziehen können. Kaufen Sie tatsächlich verstärkt ein, käme die Liberalisierung des brasilianischen DV-Marktes den internationalen Lieferanten wenigstens teilweise zugute.